Wer mich näher kennt, weiß: Ich arbeite in meinem Beruf sehr gerne mit Jugendlichen. Ich erinnere mich, wie ich einen Sandkasten für die Sandspieltherapie ins Kinderheim brachte und wie erstaunt alle waren, mit welchem Eifer unsere schwierigen Jugendlichen zu spielen begannen. Ja, sie spielten – anfangs taten sie so, als wäre das überhaupt nicht interessant, das sei doch alles für die „Kleinen“, aber als sie einmal angefangen hatten, konnten sie nicht mehr aufhören. Nun ja, die Sammlung der Marvel-Superhelden hat dabei natürlich auch eine Rolle gespielt.
Genau das sind Jugendliche: Aufruhr, das Behaupten des eigenen „Ich“ – und zugleich noch immer kleine Kinder, die Liebe und Halt brauchen.
Wie also sollen Eltern in dieser schwierigen Zeit sein? Wie lässt man seine Kinder erwachsen werden, wie lässt man sie selbstständig sein und hört doch nicht auf, ihre Eltern zu sein?
Es gibt eine allgemeingültige Regel: Je stärker Sie Ihr Kind unter Druck setzen, desto stärker wehrt es sich und stemmt sich dagegen.
Ignorieren oder Explodieren – das sind die beiden häufigsten Reaktionen eines Jugendlichen auf die Eltern.
Wenn Sie das hier lesen, wissen Sie ohnehin schon, worin die Schwierigkeiten der Pubertät bestehen. Deshalb schreibe ich lieber darüber, was Ihnen als Eltern helfen kann.
1. Beginnen Sie mit Verständnis, auch wenn Sie nicht verstehen.
Hier ist ein einfaches Geheimnis, das Ihnen hilft. So schwer es auch fällt: Versuchen Sie, jedes Gespräch mit Ihrem Jugendlichen mit Verständnis zu beginnen – auch wenn Sie nicht völlig einverstanden sind oder gar nicht ganz verstehen, wovon er redet.
Ein Beispiel. Sie sehen, dass Ihr Kind online mit seinen Freunden chattet, statt für die Schule zu lernen. Das macht Sie wahnsinnig, denn Sie denken: „Er kommt in der Schule kaum mit und begreift nicht, dass er seine Hausaufgaben machen muss.“
Ihr Jugendlicher dagegen denkt: „Ich muss auf VKontakte und mit Kolja reden. Wenn wir uns nach dem Streit heute im Turnsaal nicht versöhnen, sind alle anderen in der Klasse gegen mich.“
Sie und Ihr Kind leben in zwei verschiedenen Wirklichkeiten. Fragen Sie Ihr Kind ehrlich, warum es chattet. Versuchen Sie, seine Wirklichkeit zu verstehen, auch wenn sie Ihnen nicht ganz zugänglich ist. Sobald Sie begriffen haben, was los ist, versuchen Sie es damit:
„Ich verstehe, wie schwer es für dich ist, wenn du dich mit einer Freundin oder einem Freund streitest. Ich weiß aber auch, dass du morgen diesen Test schreiben musst. Die Schule ist deine Arbeit und deine Verantwortung. Setzen wir uns hin und überlegen wir, wie du dir den heutigen Abend einteilst.“
Versuchen Sie, nicht „Ich verstehe, aber …“ zu sagen – das löscht schlicht aus, was Sie gerade gesagt haben. Beginnen Sie beim Verstehen und versuchen Sie, sich in Ihren Jugendlichen hineinzuversetzen, bevor Sie ihm sagen, was sich ändern muss.
Ich habe bemerkt, dass das die Ohren der Kinder öffnet. Statt sich vor Ihnen zu verteidigen, hören sie tatsächlich zu.
2. Geben Sie den Emotionen nicht nach und nehmen Sie es nicht persönlich.
Emotionen sind Ihr Feind, wenn Sie Ihren Jugendlichen erreichen wollen. Erinnern Sie sich daran: Was er sagt und tut, sagt nichts über Sie aus. Es mag Ihnen nicht gefallen, wie er sich verhält – oder sogar, wie er denkt –, aber halten Sie Ihre Emotionen heraus, auch wenn sein Verhalten Sie betrifft.
Das ist nicht einfach schwer, das ist sooo schwer – aber es ist sehr, sehr wirksam, und es ist eine Fähigkeit, die Sie sich aneignen können wie jede andere.
Manchmal rate ich Eltern, sich vor dem Gespräch mit ihrem Jugendlichen innerlich diesen Satz zu wiederholen:
„Das ist nur seine ungeschickte Reaktion. Das ist nichts Persönliches.“
Wenn Sie wirklich darüber nachdenken: Es gibt keinen Grund, auf Ihr Kind böse zu sein, weil es es selbst war. Vielleicht trifft es schlechte Entscheidungen, aber die Wahrheit ist: Es hat noch nicht die Fähigkeiten, bessere zu treffen. Ihre Aufgabe ist es also, ihm zu helfen, die richtige Wahl zu treffen, damit es seinerseits bessere Fähigkeiten im Lösen von Problemen entwickeln kann.
Wenn Sie enttäuscht sind, denken Sie daran: Nehmen Sie es nicht persönlich.
3. Stellen Sie ehrliche Fragen … keine unterstellenden Fragen
Fragen Sie Ihren Jugendlichen nach seinen Ideen und seien Sie zur Zusammenarbeit bereit. Er soll sehen, dass Sie an ihn glauben und ihm nicht böse sind für das, was ihm in seinem Leben wichtig ist. Wenn ein Jugendlicher merkt, dass Sie an seine Fähigkeiten glauben und dass er Raum hat, alles selbst zu lösen, wird er entschlossener und selbstständiger.
Stellen Sie keine unterstellenden Fragen, die Ihr Kind in die Verteidigung treiben. Fragen wie „Warum kannst du nicht rechtzeitig aufstehen? Was ist eigentlich mit dir los?“ führen nur zum Konflikt, nicht zur Lösung. Beginnen Sie das Gespräch stattdessen so:
– Wanja, hast du irgendeine Idee, wie du es schaffen könntest, rechtzeitig aufzustehen?
Sagt er, er wisse es nicht, schlagen Sie ein paar eigene Ideen vor und fragen Sie, welche davon für ihn passt. Ihr Jugendlicher soll wissen, dass seine Probleme seine Verantwortung sind. Geben Sie ihm die Möglichkeit, seine Probleme selbst zu lösen.
Lassen Sie ihn aber unbedingt wissen, dass Sie da sind, um ihm beim Finden von Lösungen zu helfen und mit ihm zu reden. Ach ja – und vergessen Sie nicht, ihn die natürlichen Folgen seines Verhaltens erleben zu lassen. Probleme lösen heißt Verantwortung tragen.
Ihr eigentliches Ziel ist es, dem Kind zu helfen, selbst zu denken. Und selbst zu denken hilft ihm wiederum zu spüren, dass es seine Welt in der Hand hat.
4. Sie „brauchen“ das brave Verhalten Ihres Kindes nicht
Das klingt paradox, aber wenn man den Satz zu Ende denkt, ist er gar nicht mehr so seltsam. Sobald Sie etwas von Ihrem Kind brauchen, damit es Ihnen selbst besser geht (meist geht es dabei um das Abtragen Ihres eigenen Schuldgefühls), machen Sie sich verwundbar – denn Ihr Jugendlicher muss Ihnen das keineswegs geben.
Wenn Sie etwas brauchen und es nicht bekommen, strengen Sie sich natürlich mehr an, kontrollieren mehr, manipulieren mehr. Und Ihr Jugendlicher wird immer trotziger oder immer passiv-fügsamer – und beides ist nicht gut.
Die Wahrheit ist: Sie brauchen niemand anderen, der Sie stützt. Sie dürfen die Lösung Ihrer Probleme nicht auf Ihren Jugendlichen abwälzen. Wenn Ihr Kind sich also unmöglich verhält, ist das sein Problem. Ihre Aufgabe ist es zu entscheiden, wie Sie sich ihm gegenüber verhalten. Das liegt in Ihrer Hand, nicht in seiner.
Fragen Sie sich: „Wie will ich handeln – unabhängig davon, wie er handelt? Womit kann ich leben und womit nicht?“ Nehmen Sie Ihre Willenskraft zusammen und sagen Sie sich: „Wenn mein Kind mich anschreit, kann ich, statt es zu bitten aufzuhören, mich umdrehen und gehen, ohne mich auf den Kampf einzulassen.“
Lassen Sie Ihr Kind wissen, dass Sie nicht mit ihm sprechen werden, solange es nicht respektvoll mit Ihnen redet. Und hier die Wahrheit: Wenn Sie nicht versuchen, Ihr Kind zu verändern, können Sie erkennen, was in dieser Beziehung für Sie selbst wichtig ist. Und Ihr Kind wird weniger frech sein, weil es niemanden mehr hat, mit dem es Krieg führen kann. Wenn Sie nicht versuchen, es zu kontrollieren, und nicht auf es reagieren, muss es mit sich selbst kämpfen und nicht mit Ihnen.
5. Unternehmen Sie nichts, solange Sie nicht beide ruhig sind
Das gilt in jeder Beziehung. Und mit Jugendlichen ist es genauso.
Wenn sich die Emotionen gelegt haben, können Sie sich hinsetzen und mit ihm reden. Wenn Sie versuchen, mit Ihrem Kind zu sprechen, und es wird grob oder wütend, müssen Sie sich zusammennehmen und aufpassen, dass Sie nicht in den nächsten Streit hineingezogen werden. Und das ist sehr schwer, wirklich sehr schwer. Wenn Ihre Beziehung zum Kind derzeit so ist, dass ein offenes, respektvolles Gespräch unmöglich ist, denken Sie daran: Ihre Aufgabe bleibt es trotzdem, sein Elternteil zu sein.
Es gibt Worte, die Sie in diesem Moment stützen können: „Ich gehe in keinen Konflikt, egal was kommt.“ Wenn Sie konsequent bleiben, lassen die Angriffe und der Widerstand Ihres Jugendlichen mit der Zeit nach. Das nennt man Selbstgespräch, und es wirkt tatsächlich.
Und machen Sie sich keine Vorwürfe, wenn Sie manchmal doch in eine Auseinandersetzung oder ins Schreien hineingezogen werden – stark zu bleiben ist nicht leicht. Die gute Nachricht: Je öfter Sie sich weigern, sich auf solche Streitereien einzulassen, desto leichter fällt es Ihnen, ruhig zu bleiben.








