Hinter jedem großen Mann steht eine große Frau? Ich würde sagen: Hinter jedem infantilen Retter stehen unglückliche Angehörige. Besonders gut sieht man das an der Familie Mackenzie aus der Serie „Big Little Lies“.
Hinter jedem Energievampir stehen Spender, aus denen er Energie saugt. Hinter jedem Erwachsenen, der dauerhaft im Kind-Ich lebt, stehen seine Kinder oder sein Partner (Ehemann, Ehefrau), die dazu verurteilt sind, ewig im Erwachsenen-Ich zu bleiben und denen es nie erlaubt ist, Kind zu sein. Wie sieht das aus?
Die Rolle des Retters im Dreieck
Darf ich vorstellen: Madeline! Sie hilft jedem Ausgestoßenen und Gekränkten in der Stadt! Sie beschützt die Schwachen, weist die Dreisten in die Schranken, auf ihr ruht die Ordnung im Städtchen Monterey. Dabei bittet sie niemand um Hilfe – sie erträgt Ungerechtigkeit schlicht chronisch nicht. Und tritt von sich aus für das Opfer ein.
Wenn Madeline ihre Rettungsaktionen für die Gekränkten und Ausgestoßenen ausarbeitet, weiß sie besser als alle anderen, was diese brauchen, was ihnen guttut und was richtig ist. Das ist die klassische Rolle des Retters im Karpman-Dramadreieck. Dafür befindet sich Madeline im Eltern-Ich gegenüber den Kind-Ichs ihrer Umgebung (auch wenn diese „hilflosen“ Kinder vierzig Jahre alt sind oder älter). Doch woher nimmt sie die Energie für all das? Darf ich vorstellen: drei Spender.
Spender Nr. 1: der Kleine Professor
Spender Nr. 1 ist Madelines jüngere Tochter Chloe. Sie ist sechs Jahre alt und der Kleine Professor. Das ist der Erwachsene im Kind, der die Mutter tröstet, ihr Belehrungen erteilt („Beruhige dich, Frau!“, „Schon wieder machst du Szenen, Frau!“) und sich in ihrem emotionalen Zustand besser auskennt als die Mutter selbst. Die sechsjährige Chloe gibt ihrer vierzigjährigen Mutter Energie, Halt und Anleitung.
Spender Nr. 2 ist Madelines ältere Tochter Abigail. Sie ist gerade dabei, ihre Jungfräulichkeit für einen guten Zweck zu versteigern – zugunsten der hungernden Kinder an der Wolga. Sie verfügt über sehr tiefe psychologische Fähigkeiten, kann in der Rolle der Psychoanalytikerin das Verhalten ihrer Mutter auseinandernehmen, ihre Grenzen gegen Madelines neurotische Angriffe verteidigen und sogar auf sie zugehen und fragen, „wie es ihr geht“. Nach der sechsjährigen Erwachsenen Chloe ist sie die zweite Erwachsene in der Familie.
Spender Nr. 3 ist Madelines verdächtig perfekter Mann Ed. Er ist der ideale Ehemann: arbeitet von zu Hause aus, kocht, hört sich geduldig das Wehklagen seiner Frau darüber an, wie gut der Blowjob bei ihrem Ex-Mann ist, und tröstet Madeline wie ein fürsorglicher Elternteil. Als Erwachsener in der Familie sieht er, wohin Energie und Ressourcen abfließen, und kann die Gefahr der Rettungsaktionen seiner Frau einschätzen. Als der Erwachsenste (Ed ist über vierzig) ist er das einzige Mitglied dieses neurotischen Kreises, das trotz seiner Gefühle die Gefahr und den Schaden einschätzen kann, den seine Frau ihm zufügt. Und er spricht das offen aus.
Wer ist hier erwachsen?
Die interessanteste Beobachtung in der Serie ist: In der Familie Mackenzie ist Madeline das einzige Kind. Alle anderen – die beiden Töchter und der Ehemann – sind für sie Erwachsene und Eltern.
Sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann hat Madeline die Einschärfung „Sei kein Kind“ auferlegt. Das geschieht häufig bei Eltern, die sich von den eigenen Kindern bedroht fühlen. Madeline sagt ihnen gleichsam: „Bei uns ist nur für ein Kind Platz. Und dieses Kleine bin ich. Trotzdem werde ich euch ertragen, wenn ihr euch mir gegenüber wie Eltern und Erwachsene verhaltet.“ Das zeigt sich in Sätzen wie: „Du bist zu groß, um …“ oder „Große Buben weinen nicht“.
In der Transaktionsanalyse ist das Kind-Ich die Quelle von Energie, Ressourcen und sprudelnder Tatkraft. Aber es braucht ständigen Nachschub an Streicheleinheiten von den Eltern.
Was ergibt sich also, wenn man die Familie Mackenzie aus der Sicht der Transaktionsanalyse auseinandernimmt? Und wenn man annimmt, dass die Energie, diese emotionale Ressource, nicht unerschöpflich ist, dass sie von irgendjemandem aufgefüllt werden muss und von einem zum anderen fließt?
Es ergibt sich, dass die Energie in der Familie Mackenzie von den Kindern und vom Ehemann zur Ehefrau fließt und von ihr zu Außenstehenden. Eine Art Trichter nach außen. Und, was das Unangenehmste daran ist: Weder die Kinder noch der Ehemann bekommen die abgegebene Energie zurück. Eine interessante Form von wohlanständigem Vampirismus.
Und so ergibt sich die These: Hinter jedem Retter stehen unglückliche Angehörige!








