Ich glaube, viele hätten das gern: die Wahrheit sagen und sie einem nicht übelnehmen, mit weit offenen Augen auf die Welt schauen, ohne emotionale Werturteile, und imstande sein, 10.000 Zeilen Code fehlerfrei zu schreiben oder ebenso genau einen Stadtplan zu zeichnen. Von Geburt an können das Menschen wie Elon Musk.
Musk hat den autistischen Persönlichkeitstyp – Menschen dieses Typs erkranken jedoch nie an Autismus. Die Namen der Persönlichkeitstypen stammen aus der klinischen Praxis, bezeichnen aber keine psychotischen Erkrankungen. Genau dieser Irrtum ist auch Elon Musk widerfahren: Angeblich wurde bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert, das ja zu den Autismus-Spektrum-Störungen gehört. Sich selbst eine Krankheit anzuheften und eine Diagnose zu stellen, ist also verfrüht: Wir sprechen über Eigenheiten der Persönlichkeit. Nennen wir solche Menschen „Beobachter“ – weil sie die Welt einfach als Beobachter betrachten und immer mit ihrer eigenen Sache beschäftigt sind.
Die Beobachter sind Introvertierte in der passiven Lebensposition mit dem Ego-Typ „Kontakt mit der Realität“. Sie gehören zur antisozialen Gruppe (in der Sprache von Opa Freud: mit oraler Fixierung) und haben ein verletztes Recht. Was heißt das?
- Introvertiert heißt: Sie erforschen weniger sich selbst als die Welt um sie herum und können durchaus allein sitzen und die Schönheit der Welt studieren
- Passiv heißt: Sie werden keine sozialen Barrieren durchbrechen, um Höhen kämpfen oder neue Welten entdecken. Interessanter ist es für sie, an Baukästen zu tüfteln, Puzzles zu legen oder ein Buch zu lesen
- Die Hauptachse des Ego, „Kontakt mit der Realität“, erklärt, warum die Beobachter zu einer „wertungsfreien Wahrnehmung der Welt“ fähig sind. Ihre Emotionen sind schwach ausgeprägt, ihr inneres System arbeitet nach dem Schema „Erregung – Hemmung“: Wahrnehmung äußerer Signale, Empfänglichkeit für Körperempfindungen, Fixierung auf das Begriffspaar „angenehm – unangenehm“. Das Thema spielt sich auf der körperlichen, der physischen Ebene ab – bei einer Fixierung auf Komfort.
- Das verletzte Recht zu sein – es gibt mich nicht. Der Mensch macht sich klein, verbirgt sich, und das zeigt sich auf der körperlichen Ebene. Wie wirkt sich das auf die Persönlichkeit aus? Die eigene Präsenz in dieser Welt bleibt unentwickelt und unscharf.
Die Welt besteht für diese Menschen aus einem Strom von Körpersignalen – das ist das Wichtigste und Entscheidende. Die meiste Zeit verbringen sie dabei im Zustand des Beobachtens. Sie beobachten die Welt und bemerken praktisch jede Kleinigkeit.
Genau deshalb erfassen, sehen, bemerken und behalten sie Fakten sehr gut – ohne persönliche Bewertung. Zu einer persönlichen, emotionalen Bewertung kommt es hier gar nicht. Die persönliche Bewertung ist noch nicht eingeschaltet, und deshalb merken sich die Beobachter eine Tatsache genau so, wie sie ist, am besten. Diese Tatsache in ein System einzufügen – da beginnt bereits die Schwierigkeit.
„Gestalthaftes Erfassen“ – ein Merkmal des autistischen Persönlichkeitstyps
Die Besonderheit von Menschen des autistischen Persönlichkeitstyps liegt darin, dass sie ihre Umgebung ununterbrochen gestalthaft erfassen – also zu Ganzheiten zusammensetzen. Das tun alle Menschen ständig, um sich im Raum um uns herum zurechtzufinden. Ich habe zum Beispiel eine kleine Figur an die Tafel gezeichnet. Was ist das? Fünf Punkte, eine Kiste, ein Männchen, ein Sternchen – wir haben begonnen, „gestalthaft zu erfassen“.
Für einen Menschen mit stark ausgeprägtem autistischem Typ sind das nicht einmal fünf Punkte! Das sind verschiedene Objekte, alle verschieden, keine zwei gleich! Sie unterscheiden sich alle und lassen sich nicht zu einer Gruppe zusammenfassen. In dieser Hinsicht kann man sagen: Menschen des autistischen Typs
sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht
Sie sehen jeden einzelnen Baum sehr genau, mit allen seinen Besonderheiten und Unterschieden.
Normalerweise genügt es, vier Ecken festzuhalten, um einen Raum als Territorium zu erfassen. Wird ein Gegenstand im Zimmer umgestellt, bleibt alles Übrige unverändert.
Die Beobachter dagegen, denen es schwerfällt, alle Signale zu einem System zusammenzufügen, brauchen sehr viel Aufmerksamkeit und Arbeit, um sich im Raum zurechtzufinden. Wie „Rain Man“ (die Figur aus dem gleichnamigen Film) schaut der Beobachter einfach in den Raum – und bemerkt dabei jedes Detail ganz genau.
Wird am Rand des Blickfelds ein Gegenstand verschoben, kommt es zu einem „Blitz“: Buchstäblich jede Veränderung eines einzelnen Elements verändert das ganze System von Grund auf. Die Welt bricht zusammen, weil ein einziger Sessel im Raum umgestellt wurde – den Beobachtern wird davon unbehaglich, es tut ihnen sogar weh.
Das Streben, die Umgebung zu kontrollieren
Daher haben die Beobachter, also Menschen des autistischen Persönlichkeitstyps, den zwanghaften Drang, ihre Umgebung zu kontrollieren. Bei Frauen ist er dabei stärker ausgeprägt als bei Männern.
Buben des autistischen Typs treffen in der Kindheit auf die Mega-Figur der Mutter, die – ob man schreit oder nicht – die Umgebung so gestalthaft ordnet, wie sie es für richtig hält. Irgendwann lernt der Mann des autistischen Typs, sich davor zu schützen, indem er buchstäblich eine „Rüstung“ gegenüber der äußeren Realität aufbaut. Sie konzentrieren sich stärker auf die innere Realität, auf die eigenen Empfindungen und den eigenen Komfort. Beginnt sich die Welt ringsum zu verändern, zieht er sich sofort in sich selbst zurück, in seinen Komfort, erstarrt dort, reduziert sein Handeln auf ein Minimum – und ihm geht es gut.
Mädchen dagegen konkurrieren mit der Mutter und lernen, die Umgebung zu kontrollieren. Von außen kann das wie aufdringliche Kontrolle über Menschen wirken, denn ein Mensch ist genauso ein Teil der Umgebung. Wichtig ist hier zu verstehen: Es geht nicht um Macht und nicht um Kontrolle im gewohnten Sinn, sondern um eine ganz andere Aufgabe – eine bestimmte äußere Umgebung herzustellen und zu bewahren.








