Slowo pazana: Was ist Jugendlichen wichtig?

Slowo pazana: Was ist Jugendlichen wichtig?

Die Serie „Slowo pazana“ („Das Wort des Jungen“, Russland 2023) ist zu einem Volksmem geworden, das Jugendliche angeblich dazu anstiftet, eigene Banden zu gründen. Dieses Phänomen hat unter den Älteren heftige Diskussionen ausgelöst; viele von ihnen sehen darin eine Romantisierung des Bandentums. Aber versuchen wir, die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: Was ist einem Jugendlichen in Wahrheit wichtig und was zieht ihn an dieser Serie an? „Slowo pazana“ ist nicht bloß Unterhaltung, es ist ein Spiegel, der das innere Erleben und die Sehnsüchte der Jugend zeigt. In diesem Beitrag versuchen wir zu verstehen, was hinter diesem Phänomen steckt und wie wir Erwachsenen ihm mit Verständnis und Unterstützung begegnen können.

Diese Frage ist besonders aktuell für Eltern, die sich an mich als Fachmann wenden, weil sie Verständnis und Hilfe für ihre Kinder suchen. Ein häufiges Thema der Anrufe von Eltern lautet also: Reden Sie mit meinem 12-jährigen Kind. Es sitzt entweder zu Hause bei seinen Spielen und redet nicht mit mir, oder es ist in einer Depression und sucht sich im Internet Diagnosen, oder es hängt schon an Drogen, oder es wechselt schon sein Geschlecht, oder es will keinen Sport machen, weil das ja sinnlos sei. Ich als Fachmann solle mit ihm reden und dafür sorgen, dass das Kind das tut, was die Eltern wollen.

Und mit Bedauern muss ich jedes Mal sagen, dass ich dem Jugendlichen nicht helfen kann. Alles Wirksame, was in Psychologie und Pädagogik im letzten Jahrhundert für Jugendliche erdacht wurde, wird von der heutigen Gesellschaft (Schulen, Jugendämter, Erziehungssystem) nicht getragen. Und das ist nicht nur meine Meinung. Es ist auch die eines österreichischen Lehrers, dem ich auf psychologischen Seminaren begegne. In diesem Beitrag erzähle ich aber wenigstens, was ein Mensch im Jugendalter genau braucht und was genau hilft. Wort des Jungen!

Was Jugendlichen wichtig ist. Aus der Entwicklungspsychologie

Was ist einer heranwachsenden Persönlichkeit im Alter von 8-12 Jahren wichtig? Gleichaltrige, Nachahmung, Zugehörigkeit und … Gruppen.

Nachahmung ist eine sehr nützliche soziale Fertigkeit, es ist die Fähigkeit, in eine Gruppe hineinzukommen und sich einem Kollektiv anzuschließen. Es ist das Verständnis dafür, welche Regeln und Werte in diesem Kollektiv herrschen, um „einer von uns“ zu werden. Wenn ein Kind diese Fertigkeit nicht schafft und sich nicht ins Kollektiv einfügt, wirkt es wie ein Fremdkörper, und dann fällt es ihm schwer, sich einen eigenen Kreis aufzubauen. Dann überrollt das Kind das Erleben sozialer Einsamkeit.

Was heißt es, in eine Gruppe und in eine Gemeinschaft hineinzukommen? Das Kind fängt an: „Ich will genau so eine Jacke, genau so ein Handy, genau so ein T-Shirt.“ Und das ist entscheidend, denn das Fehlen solcher Dinge und Zeichen streicht einen automatisch aus der Gruppe.

Mit 9 Jahren beginnen die Gruppen in kleinere zu zerfallen, und das Kind muss hier lernen, sich eine Gruppe auszusuchen, in der es ihm interessant ist. Das ist die Fähigkeit, sich seine Leute auszuwählen.

Mit 10 Jahren lernt das Kind, seinen Platz in der Gruppe einzunehmen, und eignet sich die Fähigkeit an, Führungsqualitäten zu zeigen. Das ist die Zeit, in der es Rollenpositionen erobert, seinen Platz einnimmt, seine Ziele erreicht, lernt, seine Grenzen und seine eigenen Interessen innerhalb der Gruppe und mithilfe der Gruppe zu vertreten. Dabei ist die Schule (oder der Hof) hier jener Schmelzofen, durch den hindurch das Kind sozialisiert wird. Beim Unterricht zu Hause bleibt dem Kind das versagt.

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Ebenda in der Schule tauchen Gruppen auf, die ganz sicher nicht zu deinen Interessen passen und dir darüber hinaus feindlich gesinnt sein können. Es ist sehr wichtig, zu lernen, mit ihnen umzugehen und ihnen standzuhalten. In der Schule tauchten im Alter von 9-10 Jahren Rowdys auf, die anfingen, Geld abzuknöpfen und einen in den Pausen zu verprügeln; sie tun sich zu mehreren zusammen, und man muss dieser Truppe standhalten können. Da eignet man sich die Fähigkeit an, für sich einzustehen, mit anderen Gruppen fertigzuwerden, sich zu behaupten und im Bedarfsfall seine Freunde zu Hilfe zu holen.

Und da setzt die Geschlechtsreife ein, die geschlechtliche Identifikation, die erste Liebe. Aber das gehört nicht zu den Anliegen der Eltern und nicht zur Serie „Slowo pazana“. Ich hoffe aber, Sie haben jetzt gehört, was ein Jugendlicher braucht. Achten Sie darauf: Da ist kein Wort von den Eltern. In diesem Alter werden Sie nicht mehr gebraucht. Gebraucht wird die Gruppe. Dann wird die Liebe gebraucht, am besten eine unglückliche. Und danach müssen die Eltern zu „Tschuschpans“ werden, zu Niemanden und Nieten – genau dazu, um sich von ihnen abzulösen.

Und wie soll nun ein Erwachsener, sogar ein Fachmann, Jugendlichen helfen, wenn er schon aufgrund der Entwicklungspsychologie ein „Tschuschpan“ ist? Was hat sich die Psychologie in ihrem Jahrhundert einfallen lassen?

Das Beste aus der Pädagogik

1988 hat die UNESCO vier Pädagogen gewürdigt, die das pädagogische Denken der Welt im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben: Anton Makarenko, Maria Montessori, John Dewey, Georg Kerschensteiner. Übersetzt heißt das: Das ist das Wirksamste in der Erziehung von Kindern.

Wer von ihnen hat gerade mit Jugendlichen gearbeitet?

Beginnen wir mit dem für Jugendliche Nutzlosesten, das für den Kindergarten funktioniert: mit Maria Montessori. Italienische Ärztin und Pädagogin; ihre Methoden passen auch für die ersten Schulklassen. Der Stil: Mach, was du willst, experimentiere, erforsche selbst, in sicherer Umgebung, im eigenen Tempo.

Maria Montessori mit Kindern
Maria Montessori mit Kindern

John Dewey, amerikanischer Philosoph, Psychologe und Pädagoge: Bei ihm sind die Lernenden selbstständige Persönlichkeiten, die aktiv für und gegen die Lehrer stimmen und ständig Projekte und Experimente veranstalten. Also all das, was heute im europäischen Bildungssystem bei Jugendlichen Langeweile, Depression und das Gefühl der Sinnlosigkeit auslöst. In den USA funktioniert es aber, so heißt es.

John Dewey in den USA
John Dewey in den USA

Georg Kerschensteiner, deutscher Pädagoge, bildete aus Kindern Arbeiter aus. Man kann sagen, dass es ihm zu verdanken ist, dass es die PTU gibt, die berufstechnischen Schulen, oder das, was in Österreich Berufsschule heißt. Ja, das passt für Jugendliche, denn sie verdienen ab dem Alter von 14 Jahren bereits Geld. Aber im Alter der Serie „Slowo pazana“ ist es dafür noch zu früh.

Georg Kerschensteiner mit seiner Familie
Georg Kerschensteiner mit seiner Familie

Es bleibt das Einzige, was für schwierige Jugendliche passt – Anton Makarenko.

Das einzig Wirksame für Jugendliche

Die Methode Makarenkos, des sowjetischen Pädagogen, ist besonders in der Rehabilitation junger Straftäter wirksam und verbindet strenge Disziplin, die Entwicklung sozialer und beruflicher Fertigkeiten und kollektive Verantwortung mit Achtung vor der Person. Tatsächlich beruht die Wirksamkeit des Systems Makarenko auf einer „Dedowschtschina unter Kindern“, also auf der Herrschaft der Älteren über die Jüngeren: Um die Erziehung der Jüngeren kümmerten sich nicht die Lehrer (die die „Autoritäten“ waren), sondern die „Älteren“.

Anton Makarenko
Anton Makarenko

Die Älteren waren für die Jüngeren Mentoren und Anführer, halfen ihnen, sich im Kollektiv zurechtzufinden, unterrichteten und leiteten sie an. Die älteren Zöglinge trugen Verantwortung nicht nur für das eigene Verhalten, sondern auch für das Verhalten und die Entwicklung der Jüngeren. Dieses System förderte einen starken Geist von Gemeinschaft und Solidarität unter den Zöglingen.

Und womit waren die Zöglinge beschäftigt? Mit Arbeit! Also mit all dem, was Sie in der Serie „Slowo pazana“ gesehen haben.

Das Drama der heutigen Eltern

Und damit nähern wir uns dem Drama der Gegenwart. Die europäische Schule hat sämtliche Zügel und die Last der Erziehung an die Eltern abgegeben. Das heißt, sie ist nicht mehr jener Schmelzofen, durch den hindurch das Kind sozialisiert wird.

Für ein Kind von 10-12 Jahren sind die Eltern „Tschuschpans“, von denen es sich seelisch langsam abzulösen hat, um eine selbstständige Persönlichkeit zu werden. Und das ist gut so, aber für Erziehung und Sozialisation völlig nutzlos.

Das Einzige, was hilft, ist die Gruppe, die Bande, mit Autoritäten und Älteren. Übrigens funktionierte dieses Schema in der UdSSR im Einklang mit den Bedürfnissen des Kindes. Es gab das Pionierlager, dort gab es die Älteren, die Pionierleiter. Alle waren mit Arbeit beschäftigt. Und versuch dort mal, dich nicht in die Gruppe einzufügen – das wird kein Spaß. Also alles im besten Stil der Methode Makarenkos und … der Serie „Slowo pazana“.

Der einzige Unterschied zwischen der Bande aus der Serie und der Truppe im Pionierlager ist, wer die Älteren kontrolliert. In der UdSSR waren das der Staat, der Komsomol, die „Autorität“, die die Älteren ideologisch kontrollierte. Und die Älteren gaben den Jüngeren fürs Rauchen eins auf den Deckel.

Als es den Komsomol nicht mehr gab, wurden Afghanistan-Veteranen, „Goblins“ und Kriminelle zu den Älteren. Das steigert die Kriminalität, aber für Jugendliche auf der Straße wirkt es mental sozialisierend (wenn auch nicht im Sinne von Recht und Ordnung).

Und was tut man jetzt?

Also: Was können Eltern tun, wenn es ein Anliegen mit einem Jugendlichen gibt? Das Mindeste (und wahrscheinlich auch das Höchste), was Sie als Eltern tun können, ist, in der Nähe zu sein, aber auf sicherer Distanz. Und zwar auf einer für den Jugendlichen sicheren. Sich nicht groß in seine Angelegenheiten einmischen (weil Sie ohnehin nichts ausrichten können), sich nicht in seine Freundschaften drängen (weil Sie ein „Tschuschpan“ sind), sondern von Zeit zu Zeit einfach signalisieren, dass Sie da sind und immer bereit, zu helfen.

Mit etwas Glück finden Sie für Ihr Kind eine Sportgruppe, eine Gruppe, einen Interessenkreis unter der Leitung eines Meisters, der Autorität hat. Genau das wird die Lösung sein. Na oder Sie können natürlich mich anrufen. Wer weiß, vielleicht fällt uns gemeinsam noch etwas ein.