Van Gogh ist nicht nur dafür bekannt, dass er sich ein Ohr abschnitt. In den Rang einer Wissenschaft erhob die Psychiatrie Freud in Österreich – ich aber schreibe eine Ode an die Kunsttherapie, die der berühmte Niederländer Van Gogh hervorgebracht hat, dank der christlichen Barmherzigkeit einer der kreativsten psychiatrischen Anstalten Frankreichs in der Provence.
Im 21. Jahrhundert lassen sich jährlich 900.000 Französinnen und Franzosen von 13.000 Psychiatern beraten. Das sind im Schnitt 70 Patienten pro Fachkraft. 40 % der Psychiater arbeiten im privaten Sektor, und es sind zu wenige. Täglich sind 72.000 Patienten stationär in Behandlung, davon 10.000 in Privatkliniken. Im Jahr 1880 kamen in Frankreich auf 37 Millionen Einwohner 120 Psychiater. Das ist eine Fachkraft auf 300.000 Menschen. Heute liegt dieses Verhältnis bei eins zu 5.000. Wie hat alles angefangen?
Die Anfänge der Psychiatrie in Frankreich
Vor der Französischen Revolution gab es keine Geisteskranken. Es gab „übermäßig freigeistige und gefährliche Menschen“, die man direkt in eines der fünfhundert Gefängnisse schickte. Diese Tradition ließ sich auch im 19. Jahrhundert nicht ändern – bis zum Auftreten Freuds in Österreich. 1801, zwei Jahre nach der Revolution, wurde in Pinels „Medizinisch-philosophischer Abhandlung über den Schwachsinn“ die Existenz von Geisteskranken mit Menschen- und Bürgerrechten anerkannt. 1810 befreite der Code Napoléon in Artikel 64 die Wahnsinnigen von der strafrechtlichen Verantwortung. Und 1838 kam das Gesetz über die Geisteskranken, das ihre Unterbringung und die Bedingungen der Behandlung regelte und ihre Freiheiten sowie den Erhalt ihres Eigentums garantierte.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Irrenhäuser zur „Hölle mit guter Absicht“ und verwandelten sich mehr und mehr in eine Zuflucht für Arme und Alte. Familien, Gemeinden und Spitäler schickten dorthin alle Unbequemen, die sie finanziell loswerden wollten. Wegen unzureichender Mittel wurde das Leben in diesen Häusern zum Ritual, das in einer streng geregelten Tagesordnung dahinfloss. Das Personal wurde „allzu oft aus den Schlechtesten rekrutiert“. In die Behandlungspraxis kehrten Zwangsjacken, Einzelzellen und Einschüchterungsmethoden zurück. Für die meisten dieser Häuser war die Aufrechterhaltung der Disziplin unabhängig von der Therapiemethode die oberste Priorität – als einzige Möglichkeit zu überleben.
Wie verlief ein Tag im Irrenhaus?
Im Sommer um 5:30 Uhr, im Winter um 6:00 Uhr sperren die Aufseher (in der Männerabteilung) und die Schwestern (in der Frauenabteilung) die verschlossenen Schlafsaaltüren auf und weckten die Patienten. Nach der Prüfung der nächtlichen Schäden (schmutzige oder zerrissene Wäsche, beschädigte Gegenstände oder Möbel) entscheiden sie, wen sie in die Isolierzelle bringen. Nach der Inspektion das Waschen. Die „Idioten“ und „Impotenten“ (Geschäftsunfähigen) müssen gewaschen werden … Dann das Ankleiden. Während die Patienten frühstücken (30 Minuten), wird geputzt und desinfiziert. Hygiene über alles …
Um 7:00 Uhr stellen die Aufseher jene in Gruppen zusammen, die von den Ärzten freigegeben wurden. Männer und Frauen sind streng getrennt. Die Gruppen wurden zur Arbeit geschickt. Zehn Stunden täglicher, regelmäßiger Arbeit bereiten den Patienten auf die Rückkehr zu einem normalen Geisteszustand vor. Durch die Arbeit erhält der Patient die Möglichkeit, Teil der Gesellschaft zu sein, und entwickelt die Fähigkeit, nach der Entlassung selbstständig zu leben. Nach den Regeln bestimmt der Chefarzt, wer arbeitsfähig ist, und verteilt die Aufgaben. In Wirklichkeit hat er dafür keine Zeit, und die Einteilung übernehmen die Aufseher. Häufig ist festgelegt, dass ein Geisteskranker sowohl körperlich schwere als auch einfache Arbeit verrichten muss. Putzen, Waschen und Kochen gelten als sehr wichtige Aufgabe. Es gibt aber auch Landwirtschaft, Brotbacken, Schuhreparatur. Bezahlte Mitarbeiter beaufsichtigen und unterweisen die Patienten oft. Manchen Geisteskranken vertraut man dennoch die Leitung der Wäscherei an.
Um 13:30 Uhr, nach einer kurzen Pause, arbeiten die Patienten weiter. Manche dürfen spazieren gehen, spielen und sich ausruhen. Um 17:00 Uhr ist Abendessen. Das Essen ist dasselbe wie zu Mittag, und so in unveränderter Reihenfolge …
Nach dem Abendessen folgt eine lange Pause. Manche spielen Karten oder Domino, rauchen, und die Gebildetsten lesen Bücher. Die Frauen stricken oder sticken.
Um 20:00 Uhr im Sommer und um 19:00 Uhr im Winter müssen nach einem kurzen Gebet alle im Bett sein. Die Aufseher legen die Patienten hin, decken sie zu und vergewissern sich, dass alle gefährlichen Gegenstände außer Reichweite sind. Die Fensterläden werden geschlossen, die Zimmer versperrt. Nachts machen die Aufseher zu zweit ihre Runde.

Es gibt nicht nur eine Tages-, sondern auch eine Wochenordnung. Freitags werden Bart, Haare und Nägel geschnitten. Samstags und vor einem Feiertag wird frische Wäsche ausgegeben. Sonntags gibt es Unterhaltung. Am 15. Oktober werden Winterdecken und Winterkleidung ausgegeben, am 15. Mai Sommerkleidung und Sommerdecken.
Die Patienten müssen im Blickfeld der Aufseher bleiben. Ungehorsam wird mit Entzug der Spaziergänge, des Tabaks oder – in besonderen Fällen – mit der Einzelzelle bestraft. Im äußersten Fall mit der Zwangsjacke. Wie behandelte man die Wahnsinnigen? Einschüchterung, Zwangsjacke, Drehstuhl und Elektroschocks.
Die Patienten dürfen einmal pro Woche Briefe schreiben. Zum Schutz nicht nur des Patienten, sondern auch der Familie wird die gesamte ein- und ausgehende Post zensiert. Der Arzt entscheidet, ob ein Brief durchgeht oder nicht. Die Kommunikation der Patienten ist eingeschränkt, manche werden für mehrere Monate isoliert.
Van Gogh und die Anfänge der Kunsttherapie
In dieser für die Psychiatrie bedrückenden Epoche wurde Van Gogh zum psychiatrischen Patienten. Zum Glück ließen sich einige Behandlungszentren in Europa mehr von Grundsätzen der Barmherzigkeit leiten und suchten neue Wege, die Patienten von ihrer Krankheit abzulenken, indem sie ihnen erlaubten, ihren Neigungen nachzugehen.
Das Kloster Saint-Paul-de-Mausole in der französischen Provence, in der Stadt Saint-Rémy-de-Provence, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in ein Wohltätigkeitshaus für „Unglückliche, die dem Wahnsinn verfallen sind“ umgewandelt. Die Einrichtung verfolgte zwei Ziele: das kulturelle Erbe des Klosters fortzuführen und ergänzende therapeutische Methoden auf der Grundlage künstlerischer Werkstätten zu entwickeln. Bis Mai 1888, als Van Gogh dort zu einer einjährigen Behandlung eintraf, war das Kloster bekannt geworden und nahm im Schnitt bis zu 80 Patienten auf.
Im Kloster stellte man Van Gogh ein eigenes Zimmer zum Malen und einen Abstellraum für seine Bilder zur Verfügung und erlaubte ihm, im Umkreis einer Gehstunde außerhalb der Anstalt zu malen. Das war für psychiatrische Anstalten des 19. Jahrhunderts völlig untypisch. So begann die Geschichte der Kunsttherapie.
Der Niederländer war ein wahrhaft hyperaktiver Maler. In zehn Jahren schuf er 879 Bilder und ebenso viele Skizzen. In den 53 Wochen seiner Behandlung im Irrenhaus malte er 189 Bilder und an die hundert Skizzen. Das ist ein Bild pro Tag. Ab seinem zwanzigsten Lebensjahr schrieb er rund 800 Briefe in vier Sprachen. Und er nahm sich mit 37 Jahren das Leben.







