Jeder tickt anders, wir sind doch alle individuell? Hätten wir überhaupt nichts gemeinsam, gäbe es weder die Psychologie noch – erst recht – eine einzige Religion. Denn jede Religion ist eine Antwort auf die Frage der Persönlichkeit nach ihrer eigenen Entwicklung.
Religion als Antwort der Gemeinschaft
Wenn ein Mensch nach Antworten auf seine Lebensfragen sucht, decken sich diese Antworten auf die eine oder andere Weise mit den Antworten einer bestimmten Gruppe. Neben den Fragen gibt es auch Schwierigkeiten, Probleme und Nöte – und die ähneln sich innerhalb einer Gruppe von Menschen ebenfalls. Eine der ersten heilsamen Wirkungen jeder Beratung besteht darin: Sobald man einem Menschen erklärt, was mit ihm geschieht, wird es ihm schon leichter. Denn es wird klar, dass er mit diesem Problem nicht allein ist. Und wenn er nicht allein ist, dann lässt sich das ganz sicher bewältigen. Genau dieselbe Wirkung hat die Religion.
Jede Religion beantwortet die großen Fragen:
- Wie ist die Welt aufgebaut?
- Wie ist der Mensch aufgebaut?
- Woher kommen die Probleme des Menschen?
- Was sollen wir tun, um diese Probleme zu lösen?
Nehmen wir irgendeine große, gute nichtreligiöse Philosophie, so entdecken wir denselben Versuch, genau diese Fragen zu beantworten. Auch die großen Persönlichkeitstheorien versuchen auf ihre Weise, eben diese Fragen zu beantworten – nur aus einem etwas anderen Blickwinkel, mit einer anderen Sichtweise. Wenn wir ein Problem von mehreren Seiten betrachten, wird es davon nicht schlechter: Wir werden dabei nur gebildeter.
Sergej Schischkow, der Begründer der S-Theorie, spricht über den Zusammenhang von Religion und Persönlichkeitstypologien:
Nehmen wir zum Beispiel den Islam.
Es gibt einen bestimmten Persönlichkeitstyp, für den der Islam die Antwort auf all diese Fragen ist. Nehmen wir etwa den psychopathischen Persönlichkeitstyp. Die größte Schwierigkeit dieser Menschen: Sie spüren die Grenze der Persönlichkeit, die Grenze des Territoriums nur schwer. Zugleich verfügen sie über eine enorme körperliche oder geistige Eigenkraft. Ein solcher Persönlichkeitstyp war zum Beispiel Wladimir Wyssozki. Ein Mann, der in einem abgeschotteten Land lebte, in dem man mit Ausländern nicht sprechen durfte – er heiratete eine Ausländerin und reiste ins Ausland. Man verbot ihm zu singen – seine Lieder klangen aus allen Ritzen. Man verbot ihm zu spielen – er begann, in Filmen zu spielen. Ein Mensch, der ständig über die Grenze hinausging, wovon er unablässig sang.
Zugleich haben diese Menschen eine verblüffende Fähigkeit, die Innenwelt anderer zu erspüren. Einerseits sieht er die Grenze nicht – andererseits kann er gerade dadurch, dass er über Grenzen hinwegspringt, sehr leicht ziemlich tief in die Innenwelt eines anderen Menschen eintauchen. Über die Lieder von Wyssozki, der nie im Krieg war, sagten Frontsoldaten, sie seien von einem Menschen geschrieben, der mit ihnen im selben Schützengraben gesessen habe. In die Berge stieg er erst, nachdem er seine Bergleider geschrieben hatte: Bergsteiger sagten, das sei ein Mensch, der mit ihnen am selben Seil gegangen sei.
Genauso helfen die zentralen Glaubenssätze des Islam einem Menschen dieses Persönlichkeitstyps sehr klar bei der Entwicklung eben dieser Persönlichkeit. Einerseits sagen sie: Kränke deinen Nachbarn nicht, halte die Grenzen ein. Andererseits setzen sie den Menschen nicht unter Druck. Was ist im Christentum die Kirche? Das Haus Gottes, der Ort, an dem Gott wohnt. Was ist im Islam die Moschee? Ein Ort, an dem Religion gelehrt wird und an dem man bequem beten kann. Aber sie ist nicht das Haus Gottes, denn das Haus Gottes ist die ganze Welt: Ein Muslim breitet auf freiem Feld seinen Teppich aus, kniet nieder – und schon steht er im Gotteshaus. Da haben wir die Abwesenheit von Grenzen!
Das heißt: Einerseits unterstützt die Religion das und gibt ihm eine sozial verträgliche Möglichkeit, es zu leben, andererseits lehrt sie ihn. Denn wer keine Grenzen spürt, dem fällt es sehr schwer, wirklich gütig zu sein. Im Islam gibt es viele Festbräuche rund um Großzügigkeit, Gastfreundschaft, die Unterstützung von Bedürftigen und das Teilen des eigenen Wohlstands. Es findet also buchstäblich ein gezieltes Einüben statt.
Vom Zusammenhang zwischen Religionen und Philosophien
Dasselbe gilt für die Philosophien und für die Richtungen der Psychologie: Jede von ihnen vermittelt das, wozu sie veranlagt ist, was ihr auf der Seele brennt oder was aus ihrer vorherrschenden Leidenschaft stammt. Was dazu führt, dass wir die alten, bekannten drei Säulen der Weltbilder vor uns haben
Bertrand Russell, Philosoph des 20. JahrhundertsEs gibt eine andere Art, die Philosophien einzuteilen – weniger genau, aber vielleicht nützlicher für Nichtphilosophen. Hier beruht das Einteilungsprinzip auf DER VORHERRSCHENDEN LEIDENSCHAFT, DIE DEN JEWEILIGEN PHILOSOPHEN DAZU GEBRACHT HAT, SICH MIT PHILOSOPHIE ZU BEFASSEN.
So ergeben sich drei Arten von Philosophien:
- (1) Philosophien des Gefühls, inspiriert von der Liebe zum Glück,
- (2) theoretische Philosophien, inspiriert von der Liebe zur Erkenntnis, und
- (3) praktische Philosophien, inspiriert von der Liebe zum Handeln.

Zu den Philosophien des GEFÜHLS zählen wir all jene, die vor allem optimistisch oder pessimistisch sind, jene, die Wege der Erlösung anbieten oder zu beweisen versuchen, dass Erlösung unmöglich ist; dazu gehört die Mehrzahl der mit Religion verbundenen Philosophien. (P.S. für S-Theoretiker: Hier geht es um die erste Vierergruppe – die Autistischen und die Psychopathischen, die Hysteroiden und die Epileptoiden.)
Zu den theoretischen Philosophien zählen wir die meisten großen Systeme, denn obwohl die Leidenschaft für die ERKENNTNIS selten ist, war gerade sie die QUELLE FAST ALLES DESSEN, was es an BESTEM in der Philosophie gibt. (P.S.: Hier geht es um die zweite Vierergruppe – die Kompulsiven und die Manischen, die Narzisstischen und die Depressiven.)
Praktische Philosophien wiederum nennen wir jene, die das Handeln als höchstes Gut betrachten, das Glück für ein praktisches ERGEBNIS halten und die Erkenntnis für ein bloßes Werkzeug erfolgreichen Tuns. Bis vor Kurzem waren solche Philosophien selten; ihre Hauptvertreter sind faktisch die Pragmatisten und Bergson. Im Aufkommen dieses Philosophietyps können wir die AUFLEHNUNG des modernen Menschen sehen.
Wozu dieses Philosophieren?
Wozu soll man verstehen und anerkennen, dass Religionen, Philosophien und Richtungen der Psychologie immer nur die Fragen eines Teils der Bevölkerung beantworten? Zum Beispiel, um die eigene Einzigartigkeit wirklich anzuerkennen und die Eigenheiten anderer Menschen zu achten. Der Weg dorthin führt allerdings über das Verständnis der eigenen Begrenztheit – also der Besonderheiten des eigenen Persönlichkeitstyps.
Carl Gustav JungDie Anerkennung und Achtung
der subjektiven Bedingtheit der Erkenntnis überhaupt und der psychologischen Erkenntnis im Besonderen ist die Grundbedingung für eine wissenschaftliche und gerechte Würdigung einer Psyche, die von der des beobachtenden Subjekts verschieden ist. Diese Bedingung ist aber
nur dann erfüllt, wenn der Beobachter Umfang und Beschaffenheit seiner eigenen Persönlichkeit genau kennt
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Ihren Persönlichkeitstyp können Sie in unserem Dating-Club kennenlernen. Bis dahin bleibt nur das Philosophieren.








