Es gibt diesen bekannten Satz: Der Charakter bestimmt das Schicksal. Und was ist dieser Charakter eigentlich? Der eine hat einen schwierigen, der andere einen verträglichen. Manchmal ist er stur, manchmal weich – und manchmal so, dass alle unwillkürlich anerkennen: puh, was für ein Charakter! Und es heißt, ändern lasse er sich so gut wie gar nicht.
Aber das ist alles nur Lyrik. Lässt sich unter den Charakter auch eine „Physik“ legen? Vor etwa einem Jahr habe ich für mich eine psychologische Theorie entdeckt, die genau diese Physik so schön sortiert hat, dass mir der Atem stockte. So ist eben mein Charakter: Ich liebe es, Lösungen zu finden, ein System, die Frage, wie etwas funktioniert, eine Struktur ... Und, seltsam genug, auch diese meine Eigenheit beschreibt genau dieselbe Theorie. Am Ende hat sie mir so etwas wie eine Bedienungsanleitung für mich selbst in die Hand gegeben. Es ist wie mit einem neuen, komplizierten Gerät: Anfangs probiert man drauflos, irgendwie wird es schon gehen, aber früher oder später findet man sich damit ab, dass man nicht alles wissen kann, und schaut in die Anleitung. Und dort ... Das geht also auch, und das hier auch, und dieses Ding ist gar kein Fehler, sondern man kann es sogar so verwenden! So ist es auch mit unserem Charakter. Auch ihn kann man offenbar sortieren, in einer Anleitung beschreiben und ... sogar beschreiben, wer sich in Stresssituationen wie verhalten wird. Den Charakter kann man in seine Bestandteile „zerlegen“, Gesetzmäßigkeiten erkennen und ... sogar erkennen, wie der Charakter unser Erscheinungsbild und sogar unseren Körperbau prägt. Mit so einer Anleitung findet man die Regler, kann an den Schrauben drehen, die Ausbuchtungen upgraden und überhaupt jene Funktionen nutzen, die uns vorher nicht ganz bewusst waren. Und das ist verdammt verlockend! Es gibt übrigens die Ansicht, dass der Charakter uns Grenzen setzt. Diese Sichtweise hat mich früher sogar beeindruckt. Wer die Kanten des eigenen Charakters kennt, kann ja über diese Grenzen hinausgehen ... Aber ... Ehrlich gesagt: Heute, da ich weiß, was mein Charakter alles kann, würde ich ihn gegen nichts und niemanden eintauschen. Denn nach Monaten, in denen ich die Extravertierte gespielt habe, die passive Position und all das andere, was meine Grundausstattung irgendwann in der Kindheit als nutzlos verworfen hatte, habe ich nicht nur gelernt, all diese Aufbauten anzunehmen und zu schätzen und sie als Grundeigenschaften anderer Menschen zu achten – ich habe mich in meine eigene Ausstattung verliebt.
Wenn man die Grundausstattungen, Möglichkeiten und Potenziale verschiedener Charaktere kennt, lässt sich im Voraus sagen, welche Charaktere zueinanderfinden – und wie.
Und damit nicht genug. Kennen Sie den Satz „Wir haben charakterlich nicht zusammengepasst“? Nun: Wenn man die Grundausstattungen, Möglichkeiten und Potenziale verschiedener Charaktere kennt, lässt sich im Voraus sagen, welche Charaktere zueinanderfinden – und wie. Und von diesen Möglichkeiten bin ich persönlich schlicht hingerissen. Ein Beispiel: Einmal und nur einmal im Leben war ich Teil eines Dreamteams. Unser extravertierter Chef stellte ein enorm durchsetzungsstarkes Team aus Cholerikern zusammen und wog es mit ein paar Phlegmatikern und Melancholikern aus – und die Kennzahlen der Abteilung waren die besten der ganzen Firma. Ein anderes Beispiel: Ein extravertierter Vater konnte einfach nicht verstehen, warum seiner Tochter sein Geschäft völlig egal war und warum sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sah. Am Ende fand die Tochter die für ihren Charakter ideale Arbeit – nur eben nicht beim Vater. Dabei hätte sich der Konflikt vermeiden lassen. Und schließlich das Beste: die Suche nach dem „passenden Menschen“. Es ist längst bekannt, dass ein Paar aus einem Introvertierten und einem Extravertierten bestehen sollte, sonst können die beiden einander nichts geben. Wenn es aber eine Formel des Charakters gibt, dann lässt sich daraus leicht auch eine Formel der Beziehung ableiten: welche Charaktere am ehesten zueinanderfinden, wie diese Beziehung aussehen wird, wie sanft ihre Entwicklung verläuft und was die beiden einander geben und wie sie einander helfen können. Natürlich ist die Formel der Beziehung nicht die Formel der Liebe, und der Charakter nimmt – wie der Motor eines Sportwagens – schnell Schaden durch unsauberen Treibstoff: Komplexe, Ängste, Skripte, Überzeugungen und dergleichen. Doch den Treibstoff zu reinigen ist die Verantwortung jedes Einzelnen, nicht die seines Partners. Manchmal träume ich davon, dass unser Charakter – der in diesem Ansatz Persönlichkeitstyp heißt – schon in der Schule von den Lehrkräften bestimmt würde. Wahrscheinlich würde das die Berufswahl ebenso erleichtern wie die Partnerwahl. Wobei mich auch hier mein Charakter gerettet hat, indem er ganz vernünftig erklärte: Verstehe zuerst dich selbst und dann, welchen Partner du brauchst. Ich habe ihn mir „nach dem Geruch“ ausgesucht, ohne diesen Ansatz überhaupt zu kennen; als ich meinen Mann und mich dann durch diese Theorie laufen ließ, wurde mir klar, dass es keine bessere Variante hätte geben können. Wenn wir uns selbst verstanden haben, wählen wir tatsächlich das, was für uns das Beste ist. Bleibt nur eine Kleinigkeit: sich selbst zu verstehen. Zum Glück gibt es ja eine Anleitung!
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