Der Nachbar. Kennenlerngeschichte Nr. 13

Der Nachbar. Kennenlerngeschichte Nr. 13

Assja war eine unglaublich ätherische Frau; bei ihrem Anblick kamen einem Wörter in den Sinn wie Zerbrechlichkeit, Bescheidenheit, Feinheit, Weiblichkeit, Schwäche und Ideal. Ihre Porzellanhaut im Rahmen luftiger blonder Haare ließ die hellen Augen leuchten, die auf irgendeine wunderschöne Welt gerichtet waren, in der alle Menschen Freunde waren und es weder Schmerz noch Kränkung noch Böses gab. Schon die bloße Berührung mit unserer sündigen Welt schien ein unglaublicher Frevel, ganz zu schweigen davon, dass sie hier arbeiten und überleben musste und wir für sie einen Partner finden sollten, der – um bestmöglich zu ihr zu passen – bodenständig, durchsetzungsstark und dominant zu sein hatte. Dennoch konnte Assjas fast ideale Welt ohne einen Mann darin nicht vollkommen werden, und deshalb meldete sie sich stoisch auf Dating-Portalen an, unter anderem auch bei uns.

Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.

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Zum ersten Date mit dem von uns vorgeschlagenen Kandidaten ging sie mit Schaudern, wie eine Schöne, die man als Opfer für den bösen Drachen ausgewählt hat. Aus unserem Gespräch, in dem ein starker Mann beschrieben wurde, dem kein Unglück etwas anhaben kann, hatte sie nur mitgenommen, dass es ganz sicher kein trauriger Prinz mit den wehmütigen Augen eines Bernhardiners und Manieren wie am Hof König Ludwigs sein würde, so wie sie es sich vorgestellt hatte. Und obwohl unser Kandidat sich durchaus korrekt verhielt, kam sie in völliger Nachdenklichkeit nach Hause: Wie konnte es sein, dass ihr so etwas „bestimmt“ war.

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Zu Hause wartete Kostik auf sie, der ihr versprochen hatte, ihren wieder einmal störrischen Computer in Ordnung zu bringen. Als er ihren Zustand sah und richtig deutete, seufzte Kostik und holte das Zitronensorbet, das er für genau diesen Ausgang bereitgelegt hatte. Warum ist Kostik bloß nicht dominant und durchsetzungsstark, dachte Assja und sah den Nachbarn zärtlich an, den könnte man ja heiraten …

Der zweite von uns vorgeschlagene Kandidat war auffälliger und dominanter. Assja gefiel ihm offensichtlich, so wie einem erfahrenen Jäger eine zarte Gazelle mit großen Augen gefällt, die bei seinem bloßen Anblick zitternd erstarrt. Auch ihr gefiel er, mit seiner Entschlossenheit und dem Beben, das er in ihr auslöste. Sie verspürte Lust, ihn zu necken, die ganze Macht ihrer Sinnlichkeit und weiblichen Kraft zu zeigen. Plötzlich wollte sie am Rand entlanggehen, sich in eine Femme fatale verwandeln … Aber benahmen sich so etwa ihre geliebten „Turgenjew-Fräulein“? Hatte ihre Mutter sie das in der Kindheit gelehrt?

Sie spürte, wie ihr das Atmen schwerfiel, wie das Blut in den Schläfen pochte und es ihr allmählich schwarz vor Augen wurde. Sie entschuldigte sich undeutlich, stürzte vom Tisch hinaus auf die Vortreppe, an die frische Luft, setzte sich auf eine Stufe und umklammerte krampfhaft die Geländersäule. Dann schrieb sie wie von Sinnen Kostik, er möge sie abholen, und versteckte das Telefon sofort hastig, denn ihr Verehrer trat auf die Treppe hinaus.

„Was, machst du jetzt einen Rückzieher?“, fragte er mit gelangweilter Stimme.

„Um Himmels willen, nein!“, stammelte Assja, „mir ist nur schlecht geworden, die Luft da drinnen ist stickig … glaube ich …“

„Das stimmt, das sage ich dem Manager“, stimmte ihr Begleiter mürrisch zu, „die verlangen zu gesalzene Preise, um bei der Lüftung zu sparen! Ich fahre dich heim!“

„Nicht nötig!“, schrie Assja entsetzt auf, weil sie ja schon Kostik gerufen hatte und er jeden Moment kommen würde, „ich … Mir tut frische Luft gut … Ich gehe zu Fuß … Gehen ist gesund!“

„Weit wirst du in dem Zustand nicht kommen!“, schnaubte ihr Verehrer, „bleib sitzen, ich zahle!“

Kaum war er im Restaurant verschwunden, sprang Assja auf wie von der Tarantel gestochen, setzte sich aber gleich wieder hin. Sie kam sich vor wie ein Kaninchen, das vor der Schlange erstarrt und keinen Schritt zu seiner Rettung tun kann. Sie wusste nicht einmal, wie lange sie auf der Vortreppe gesessen und sich an die Geländersäule geklammert hatte. Kostik und Assjas Verehrer tauchten gleichzeitig auf. Kostik sah ruhig zu, wie irgendein fremder Typ in einem offensichtlich teuren Sakko die versteinerte Assja von der Treppe hochzog, sie unterhakte und zu einem glänzenden Tesla führte. Assja ließ sich fügsam zum Auto bringen und auf den Sitz setzen, während sie den fremden Typen mit großen Augen ansah. Die Türen schlugen zu. Die Scheinwerfer gingen an. Kostik seufzte und fuhr mit seinem wenig prestigeträchtigen Opel vom Parkplatz Richtung Zuhause.

Der Gefühlswirbel in Assjas Kopf drehte sich den ganzen Heimweg über weiter. Ihr Verehrer sagte etwas, sie stimmte sogar zu, folgte aber nicht wirklich, worum es ging. Erst der Satz „Geh, und wenn du etwas brauchst – ruf an, ich komme!“ brachte sie dazu, folgsam auszusteigen, bis zur Haustür zu gehen, mechanisch den Lift zu rufen und beinahe in ihre Wohnung zu fallen. Sie begriff nicht recht, in welchem Moment Kostik neben ihr aufgetaucht war, mit einer Tasse duftenden Ribiseltees, und erst als sie den Tee in kleinen Schlucken trank, kam sie langsam wieder zu sich.

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Zwei Dates hatten sie völlig aus ihrer gewohnten Bahn geworfen, und die beiden Drachen, denen sie sich um ein Haar freiwillig zum Fraß vorgeworfen hätte, ließen ihr Herz noch immer stocken. Wären sie doch nur wie Kostik … Assja sah sich Kostik genauer an. Groß und breitschultrig, ruhig und verlässlich. Vor Kurzem hatte er sich aus irgendeinem Grund einen Bart wachsen lassen, war aber derselbe harmlose Gutmütige geblieben. Er schien keiner Fliege etwas zuleide tun zu können, konnte aber, wenn es sein musste, bis zuletzt auf seinem Standpunkt beharren. Irgendwie war er immer in der Nähe, wusste immer, wie er Assja stützen und wie er sie aufheitern konnte, und schaffte es dabei, sich feinfühlig und taktvoll zurückzuziehen, wenn sie Zeit für sich allein brauchte. Sehr klug, ausgeglichen, gelassen und feinfühlig. Wie hatte sie das früher nur nicht bemerkt? Und vor allem: Wenn man es recht bedenkt, war er längst an ihrer Seite und wartete geduldig, bis sie sich auf Dates und Dating-Portalen ausgetobt hatte.

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„Kostik, wir sind doch eigentlich zusammen? …“, fragte Assja unerwartet.

„Theoretisch nicht …“, sagte Kostik verwundert.

„Und praktisch wohnst du doch fast bei mir …“, sagte Assja bescheiden und genoss ihre Auflehnung gegen ihr sonstiges Verhalten, „und mir gefällt das …“

Assjas nächstes großes Problem war, aus unserem Klub auszutreten. Dafür musste sie zugeben, dass sie, so schlimm es sei, ohne uns einen Mann gefunden hatte, und um das zuzugeben, brauchte die zarte und feinsinnige Assja Zeit und nicht wenig Rückhalt von Kostik. Es war ein sehr langer und emotionaler Monolog, aber Assja schaffte es und erlaubte uns dann vor lauter Freude, diese Geschichte mit geänderten Namen zu veröffentlichen.

Und obwohl es nicht die Geschichte unseres Erfolgs ist, halte ich sie dennoch für einen Erfolg. Assja hat begriffen, dass ihre Liebe die ganze Zeit an ihrer Seite war, hat den Mut gefunden, es sich und ihm einzugestehen, und hat ihr Glück gefunden.

Fachlicher Kommentar

Die Grundlage des epileptoiden Persönlichkeitstyps, zu dem Assja gehört, ist das innere Verbot, direkt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – die man dennoch sehr gerne bekommen möchte. Dafür denken sich Menschen dieses Typs Rollen und Umstände aus, was ihre Vorstellungskraft erheblich entwickelt und am Ende dazu führt, dass sie sich auch eine wunderschöne Innenwelt ausdenken, in die sie ganz eintauchen können. Sie kann sich in Kunst, in Büchern, in Religion, manchmal sogar in Wissenschaft ausdrücken, die epileptoide Menschen nutzen, um auch die Welt um sie herum schöner und ihrer Innenwelt ähnlicher zu machen.

Über den epileptoiden Persönlichkeitstyp lesen

Kostja ist ein Vertreter des autistischen Persönlichkeitstyps. Solche Menschen sind im Leben eher Außenstehende, denen Details, Kleinigkeiten und Fakten nicht entgehen, auch wenn sie daraus nicht immer ein Gesamtsystem bauen können. Autistische Menschen neigen dazu, ihr Umfeld und ihre Nächsten gestalthaft zu erfassen – also als Ganzes wahrzunehmen –, und sie sind außerdem hervorragende Empathen, die weit mehr sehen als andere. Sie können da sein, Komfort und Behaglichkeit schaffen und sich unauffällig um alle wichtigen Kleinigkeiten kümmern.

Mehr über den autistischen Persönlichkeitstyp erfahren

Kostik kann Assja wie kein anderer helfen, ihr Umfeld so zu gestalten, dass es ihrem Ideal ähnelt. Zugleich wird er kaum jener führende Partner sein, den Frauen des epileptoiden Typs üblicherweise brauchen, um sich ganz zu entfalten. Dafür schenkt er ihr genau jene unaufdringliche Aufmerksamkeit und sorgt für sie. Assja wiederum bringt Farbe in seine Welt, gibt ihr Ganzheit und Schönheit.

Er kann umsorgen und sich kümmern, er stört nicht, wenn sie sich tief in sich zurückzieht, und ist dabei immer da. Das sind in der Regel Professorenfamilien: Sie schreibt ihre Dissertation, er schreibt seine. Er weiß viel, sie verfügt über Wissen zu Kunst und Literatur. Mit ihrem Standpunkt wird er kaum streiten.

Eine Frau des epileptoiden Typs erschreckt jeder Mann, und der autistische erschreckt sie wegen seiner Sanftheit nicht. Jeder Mann ist für eine Frau des epileptoiden Typs in erster Linie ein Angreifer, der in ihre feine, verletzliche Innenwelt eindringt und eine Quelle von Schmerz und Unbehagen ist. In der Regel fürchten Frauen des epileptoiden Typs das und streben zugleich danach. In Assjas Fall liegt eine zu starke Reaktion auf Aggression von außen vor. Sie hätte das überwinden und ins Gleichgewicht kommen können, ihr Glück hat sie aber auch so gefunden.

Der autistische Mann setzt sie nicht unter Druck, dringt nicht ein, er ist immer da und wartet auf den Moment, in dem er ruhig sagen kann, was zu tun ist. Und sie fügt sich ihm. Er ist nicht dienstbeflissen, aber er umsorgt sie. Beide sind sehr häuslich, der Alltag wird bequem und hört auf zu belasten.

Beide Persönlichkeitstypen sind passiv. Solche Beziehungen nennt man eine partnerschaftliche Ehe weiblichen Typs. Beide werden ihr gemeinsames Nest bauen und niemanden sonst besonders brauchen. Es werden gehobene Beziehungen sein, in denen niemand den anderen stört, in denen man sich immer einigen kann und die übrige Welt in den Hintergrund tritt.

Und wer mehr über sich erfahren will …

Und mehr über sich, den eigenen Persönlichkeitstyp und die passende Partnerin oder den passenden Partner erfahren Sie im Dating-Club mit fachlicher Begleitung.