Eva hat nie besonders an das Schicksal geglaubt. Fakten lagen ihr näher, Algorithmen, lange Zahlenkolonnen, in denen sie – zum Erstaunen ihrer Vorgesetzten – schon beim ersten flüchtigen Blick Fehler und Ungenauigkeiten herausfischte. Natürlich wusste sie, welches Sternzeichen sie hat und dass ein Teil ihrer Züge sogar dazu passt, aber jeden Tag in der Zeitung nach Warnungen und guten Ratschlägen für ihr Sternzeichen zu suchen, wie es ihre Mutter tat – das ging ihr dann doch zu weit.
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen KommentarUnd doch fing das Schicksal sie listig in seinen Netzen ein und bediente sich dabei seines unbarmherzigsten Werkzeugs: Evas Vater. Der Vater war ihr genaues Gegenteil: ein Star, ein großer Chef, der immer seinen Kopf durchsetzte und den eine Schar begeisterter Untergebener und Bewunderer umgab. Was der Vater auch anpackte, welches Projekt er auch begann – er tat es unweigerlich glanzvoll und vor aller Augen. Und das einzige „missglückte“ Projekt war sie, seine Tochter. Dreißig Jahre alt, unverheiratet, ohne besonderen Karriereehrgeiz, aufrichtig glücklich damit, in ihrem Kammerl zu sitzen, von den Kolleginnen und Kollegen durch einen Bildschirm und Papierstapel abgeschirmt. Der Vater verstand nicht, warum sie in seiner Firma keine Karriere machen wollte, warum sie Abendgesellschaften nicht mochte, warum sie nicht wie er zu Dienstreisen und auf Reisen aufbrach und wo endlich die Enkelkinder blieben, die er feierlich mit sündteuren Baukästen und sonstigem Krimskrams aus China hätte beschenken können, wie es sich für einen vorbildlichen, liebenden Großvater gehört.
Gespräche über dieses Thema waren für Eva nicht bloß lästig. Die Stimmen wurden lauter, die Emotionen unerträglich, sie zog sich in sich zurück, schaltete ab, hob dann ihre riesigen, unergründlichen Augen zum Vater und wiederholte beharrlich: „Nein, ich bin mit meinem Leben zufrieden! Ich will nichts ändern, und überhaupt will ich nicht einmal darüber reden!“

Der Vater tobte, die Mutter seufzte, die Luft knisterte, und das setzte Eva noch mehr zu. Am Ende gab sie den Eltern das feierliche Versprechen, ihr Glück auf Dating-Portalen zu versuchen. Auf Rat einer Kollegin meldete sie sich auf einer seltsamen Website an, die versprach, für jede und jeden das passende Gegenüber von Fachleuten aussuchen zu lassen. Die Fachleute sprachen mit ihr, stellten Fragen, beschrieben ziemlich genau ihren Charakter, ihr Äußeres und den Charakter ihres idealen Partners und sagten dann, man werde sich melden, sobald man ein Gegenüber für sie gefunden habe. Das kam ihr entgegen: weniger Aufwand, kein stundenlanges Sitzen auf Portalen und Durchblättern von Fotos irgendwelcher seltsamer Männer. Ihr Versprechen hatte sie eingelöst, jetzt würde man sie in Ruhe lassen.
Von wegen! Buchstäblich am nächsten Tag lud der Vater sie zum Abendessen ein, ganz im Familienkreis. Merkwürdigerweise saßen außer der Familie zwei junge Männer im Wohnzimmer, die der Vater ihr als sehr vielversprechende Ingenieure vorstellte. Den einen, dem Anschein nach sehr durchsetzungsstark, lobte der Vater besonders, doch Eva sah zutiefst verblüfft den zweiten an. So etwas gab es nicht und konnte es nicht geben. Woher konnten diese Fachleute das wissen?! Ein nachlässiges Sakko über der Jeans, lässige, ruhige Bewegungen … Nein, er war nicht ihr idealer Partner, man nannte das dort eine Ehe „zweiter Wahl“, aber eine Beschreibung hatte man ihr trotzdem gegeben. Und jetzt musterte sie, alle Höflichkeit vergessend, den zweiten Ingenieur mit großen Augen und glich peinlich genau jede Einzelheit der tags zuvor erhaltenen Beschreibung mit ihrer lebendigen Verkörperung ab. Schicksal?
Ihre Aufmerksamkeit wurde bemerkt und sogar geschätzt. Der „zweite Ingenieur“ hieß Pawel, und nun erlaubte er sich sogar, ihr bei Tisch den Hof zu machen. Der Vater wollte etwas sagen, doch die Mutter legte rechtzeitig ihre Hand auf seine. Nach dem Abendessen hatte Eva ganz zufällig denselben Heimweg wie Pawel.
Ob es an dem sündteuren kalifornischen Wein lag, von dem sie kaum genippt hatte, an der Frühlingsluft oder an der unaufdringlichen Art des jungen Ingenieurs, an seinen Erzählungen aus dem Eva völlig fremden Leben der Forschenden, oder am Lindenpollen, weswegen in ihrer Straße merklich weniger Autos parkten – jedenfalls wachte sie am Morgen nicht allein auf, sondern neben einem Mann, der nachlässig quer über ihrem Bett lag. Davor hatten die Fachleute sie ganz sicher nicht gewarnt!

Kaum hörbar glitt sie aus dem Bett und huschte in die Küche, um die Scherben der Erinnerung an den gestrigen Abend zusammenzusetzen und zugleich die Scherben ihrer noch tags zuvor so geordneten und vorhersehbaren Welt. Die Morgenrituale halfen: Bad, Balkon, Brot schneiden, Käse, Kaffee kochen … Als sie den Kaffee in die Tasse goss, polterte Pawel in die Küche. Er strahlte sie an, setzte sich auf das Stockerl und griff fröhlich nach der dampfenden Tasse. Als wäre er immer schon Teil ihres Lebens gewesen und nicht erst gestern Abend frech hineingeplatzt. Das Geplauder beim Frühstück verpflichtete zu nichts, und dann zog er sich, als wäre nichts gewesen, an und ging, während er irgendein aktuelles Lied vor sich hin pfiff.
Den Rest des Samstags, den ganzen Sonntag und dann noch ein paar Arbeitstage lang versuchte Eva fieberhaft zu begreifen, was das eigentlich gewesen war, wie sie dazu stehen und wie sie es überhaupt einordnen sollte. Natürlich passieren in der heutigen Welt noch ganz andere Dinge, aber so etwas hätte sie von sich nicht erwartet. Das eine ist es, wenn Heldinnen von Romanen und Serien ohne Hintergedanken in den Strudel der Leidenschaft springen, das andere sie, Eva, Mitarbeiterin einer großen Bank, brave Tochter ihres „Star“-Vaters, dieses Idealbilds. Und das Erstaunlichste: Sie hatten nicht einmal Telefonnummern getauscht! Wo sollte sie diesen Pawel jetzt suchen, damit er sie wenigstens noch ein einziges Mal so strahlend und warm anlächelte? Ach, Schicksal …
Und das Schicksal machte seinen Zug. Eine Woche später, als Eva ihre Mittagspause im Park genoss, sah sie, wie Er unweit von ihr gemächlich die Vögel beobachtete. Man weiß nicht, was in sie gefahren war, aber sie flog von der Bank auf und stand einen Augenblick später mit weit aufgerissenen Augen neben ihm. Pawel lächelte und verbarg seine Überraschung. Wahrscheinlich hatte jene Nacht für ihn nichts bedeutet. Vielleicht wollte er überhaupt nichts Verbindliches beginnen, doch Eva erkannte sich selbst nicht wieder. Aus dem bescheidenen grauen Mäuschen wurde plötzlich eine selbstbewusste, geradezu forsche Frau, die wusste, was sie wollte. Pawel schien ihr nun ein untrennbarer Teil ihres Lebens zu sein, ihres Morgenkaffees. Und um das zu erreichen, konnte man mit etwas Einfachem anfangen: einem Mittagessen im Park. Und so seltsam es klingt – er sagte zu.
Wie schnell die beiden geheiratet haben, hat alle überrascht. Man sagt, jeder Partner sei für uns eine Art Medizin. Der unpassende kuriert unsere Schwächen, der passende stärkt unsere starken Seiten und lehrt uns etwas. Als ich mit Eva wegen des Treffens mit dem für sie passenden Kandidaten aus unserer Kartei telefonierte, war die vorsichtige junge Frau aus der Budget- und Controllingabteilung, die alles um sich herum gestalthaft erfasst – also als Ganzes wahrnimmt –, nicht wiederzuerkennen: Ihre Augen leuchteten, und das Lächeln verschwand nicht aus ihrem Gesicht. Auf ihre vorsichtige Art erzählte sie mir, wie unsere Beratung ihr geholfen hatte, den Richtigen zu erkennen, und wie sehr sie hoffte, dass alles gut ausgeht. Als sie anrief und bat, sie aus unserer Datenbank zu löschen, weil sie heiratet, war sie endgültig aufgeblüht. So eine Wirkung erreicht man nach einer Therapie, wenn ein Mensch aufrichtig mitarbeitet … Oder wenn man jemanden trifft, der einen wirklich ergänzt.
Fachlicher Kommentar
Wird ein innerer Sachverhalt nicht bewusst, so geschieht er außen als Schicksal
Carl Gustav Jung
Eva – der autistische Persönlichkeitstyp. Typisch für sie sind eine gewisse Unschärfe und Undeutlichkeit der eigenen Präsenz in der Welt, Bescheidenheit und das ständige Bestreben, wenigstens das eigene Umfeld zu ordnen. Sie arbeitet lieber mit Fakten, spürt dabei aber die Gefühle der Menschen um sie herum sehr genau, die in ihrer Wahrnehmung mitunter über jedes Maß gehen können. Sie ist ein sehr bodenständiger und rationaler Mensch, sie nimmt kleinste Einzelheiten wahr und schafft eine wahrhaft behagliche Atmosphäre.
Pawels Persönlichkeitstyp ist der Frustrationstyp (vermeidend). Das sind Menschen, denen Spontaneität oft fremd ist. In dem, was sie interessiert, sind sie Perfektionisten, in allem Übrigen ausgesprochen gleichgültig. Etwas Neues fangen sie nur ungern an, aber wenn sie einmal angefangen haben, bleiben sie in der Spur – wenn auch gemächlich, mit Ruhe, Sinn und Verstand.
Die Verbindung von Eva und Pawel nennt man eine partnerschaftliche Ehe weiblichen Typs. Solange sie einander haben, brauchen sie niemanden sonst. Sie werden still miteinander leben und Probleme lösen, sobald sie auftauchen. Evas Aufmerksamkeit für Details und ihre Gabe, Behaglichkeit zu schaffen, ergänzen Pawels Faulheit und Gemächlichkeit samt seinem typischen Talent, Ereignisse so zu planen, als hätte sich alles von selbst ergeben; und seine Fähigkeit, alles strategisch zu durchdenken und zu planen, ergänzt Evas Blick fürs Kleine, wegen dessen sie vor lauter Bäumen nicht immer den Wald sieht. Eine Scheidung ist in so einem Paar unwahrscheinlich, denn Pawel wäre sie zu mühsam und Eva zu chaotisch. Ihr gemeinsames Zuhause wird höchstwahrscheinlich eine Art „Bau“ sein, ein behaglicher Zufluchtsort vor dem Chaos der Außenwelt. Damit sich dennoch überhaupt etwas bewegt, sollten die beiden abwechselnd in die aktive Position gehen, so wie Eva es bei ihrem zweiten Treffen getan hat.
Für Pawel und Eva war ihr Kennenlernen „Schicksal“. Doch es gibt den Dating-Club, in dem einander Menschen begegnen, die zueinander passen, kompatibel und stimmig sind. Dabei ist die Begegnung von Pawel und Eva nicht durch das Schicksal zustande gekommen, sondern weil Eva wusste, auf wen sie achten musste. Ihre Aufmerksamkeits-„Filter“ waren auf den ausgerichtet, der zu ihr passt.
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