Ein Mann aus Marzipan. Kennenlerngeschichte Nr. 16

Ein Mann aus Marzipan. Kennenlerngeschichte Nr. 16

Jemand hat gesagt, es gebe zwei Arten von warmen Beziehungen: solche, in denen man einander die Seele wärmt, und solche, in denen man einander die Nerven zum Kochen bringt. Bezeichnend ist, dass in beiden Fällen keines der Paare ans Auseinandergehen denkt. Es gibt Paare, bei denen man nicht nur nicht versteht, wie sie zusammengekommen sind, sondern auch, wozu sie einander weiterhin „das Leben schwer machen“. Marina und Pawlik waren genau so ein Paar – und sich zu trennen war für sie undenkbar.

Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.

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Kennengelernt haben sie sich noch in der Schule. Pawlik war jener Außenseiter, der zunächst, um die Anerkennung der Klasse zu erringen, für alle die Hausaufgaben machte und bei Schularbeiten abschreiben ließ – und der später, als er begriff, dass es nichts half, ausrastete und alle bei den Lehrern verpetzte. Er wurde oft geschlagen, man verachtete ihn, man lachte über ihn. Marina war so unvorsichtig, ihn einmal zu bedauern; dafür flog sie aus der Clique und fand nie wieder hinein, so sehr sie sich auch bemühte. Am meisten ließen die Mädchen ihr Mütchen an ihr aus: blöd sei sie, hässlich, verträumt, eine Amöbe. Und da schlossen Marina und Pawel sich stillschweigend gegen alle zusammen. Später nannten sie einander sogar im Scherz Forrest und Jenny, wie die Helden des bekannten Films – auch die waren gegen alle und allen zum Trotz.

Trotz verschiedener Hochschulen blieb der Kontakt auch nach der Schule bestehen. Sie vertrauten einander. Pawel suchte gar nicht erst nach einer anderen; wenn ihn jemand einlud, ging er lustlos zu einem Date, das dann das einzige blieb. Marina kamen die anderen Burschen unzuverlässig und aggressiv vor. Nach einer Reihe von Fehlschlägen im Privatleben taten sie sich am Ende auch hier ganz unmerklich zusammen. Pawlik war fürsorglich und umsichtig, er sagte Marina, was sie durfte und was nicht, zwang sie aber nicht, sich daran zu halten, trank nicht und konnte im Haushalt fast alles. Sie hatte von ihrer Mutter oft genug gehört, dass Männer Schweine sind, hatte es an eigener bitterer Erfahrung bestätigt gefunden – und Pawel schien ihr bei aller Weichheit und Initiativlosigkeit schon eine recht gute Partie. Pawel wiederum verstand nicht, wie man so hilflos und lebensuntauglich sein konnte, schätzte aber jenes Vertrauen, jene Verbundenheit der Seelen, die über die Jahre zwischen ihnen gewachsen war. So etwas hatte er mit niemandem sonst.

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Man weiß nicht, wann sie auf die Idee gekommen wären zu heiraten, hätte Pawliks Mutter nicht Enkel verlangt – und wenn schon von niemand anderem, dann eben von Marinka. Ungefähr fünfmal verlangte sie es. Pawlik begriff, dass man ihn nun nicht mehr in Ruhe lassen würde, und raffte sich nach und nach auf, Marina einen Antrag zu machen. Sie ließen sich still trauen, ohne viel Aufhebens. Beiden lag ohnehin nicht besonders viel daran. Und sie lebten weiter wie bisher: zu zweit, dieser tobenden und grausamen Welt zum Trotz.

Wie bisher zu leben gelang allerdings nicht ganz. Forrest Gump und Jenny trafen einander als Erwachsene episodisch-romantisch, Marina und Pawel dagegen jeden Abend nach der Arbeit. Und diese Abende wurden allmählich lauter und lauter. Marina wartete als „richtige Frau“ redlich darauf, dass Pawel von der Arbeit kam, damit er „beweisen konnte, dass er ein Mann ist“: ein Regal anbringen, eine Glühbirne eindrehen, den Siphon unter dem Waschbecken reinigen, einen Nagel einschlagen und so weiter. Gewohnheitsmäßig hielt sie ihm vor, dass andere Männer eben Männer seien: ehrgeizig, voller Initiative, durchsetzungsstark – nur ihrer sei weder Fisch noch Fleisch.

– „Wie kann man nur so gar nichts können?“ – witzelte Pawel routinemäßig ab – „gut, dass du wenigstens den Herd einschalten kannst …“

– „Ich kann angeblich nichts?! Wer wäscht dir denn all deine Hemden! Wer kocht dir das Essen!!! Der ganze Haushalt hängt an mir!“ – kreischte Marina – „und ein Regal anbringen muss ich nicht können! Dafür gibt es Männer! Wenn du kein Mann bist, sondern irgendein Weib, heißt das noch lange nicht, dass ich zum Mann werden muss!“

– „Und wofür gibt es Männer sonst noch?“ – erkundigte sich Pawel hämisch.

– „Und das fragt ein Mann?!“ – wurde Marina lauter und verfiel in eine höchst emotionale Aufzählung all dessen, was „ein Mann muss, wenn er ein richtiger Mann ist“.

– „Und was muss dann eine Ehefrau?“ – kochte Pawel allmählich hoch.

– „Was dir eine Frau schuldet – alles wird gemacht, du undankbares Biest! Bist du etwa hungrig geblieben? Ist dein Hemd etwa nicht gebügelt? Oder? …“

– „Und ab geht die Post …“ – spuckte Pawel zynisch-böse aus.

– „Ach, ich bin also an allem schuld?!“ – stöhnte Marina – „ich tue doch alles für dich … Und du …“

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Die Dezibel stiegen und die Emotionen kochten hoch, bis Pawel plötzlich verstummte und zynisch etwas sagte wie:

– „Kurzum, junge Frau, Sie sind ja wohl kein Kind und hoffentlich auch nicht dumm – und die Rettung der Ertrinkenden ist Sache der Ertrinkenden selbst.“

Marina schoss in den Ultraschallbereich, doch Pawel war plötzlich unerreichbar und unverdaulich spitz, traf mit jedem Satz die wundesten Punkte und ließ sie mit seiner ganzen Erscheinung spüren, was für eine dumme Gans sie doch war.

– „Ach so?!“ – „schaltete“ Marina um – „dann ist es mir eben egal, dass ich dir nicht gefalle! Nicht jedem hat Gott guten Geschmack gegeben! Und überhaupt, wer braucht dich schon! Ich komme auch ohne dich zurecht! Wer will schon so ein Weichei!“

– „Nur zu, geh! Steigt die Frau vom Wagen, hat es die Mähre leichter!“

Nach solchen Standardstreits knallte Marina üblicherweise die Tür, ging in eine Bar, um dort zu sitzen und mit „richtigen Männern“ zu flirten, meldete sich auf allen möglichen Dating-Portalen an und so weiter. Aus ihrem Ehestatus machte sie kein besonderes Geheimnis. Der kam meist spätestens beim Date zur Sprache.

– „Und wo ist jetzt dein Mann?“

– „Der ist aus Marzipan!“ – schnitt Marina unbekümmert ab – „diesem Weichei passiert schon nichts, ich aber brauche einen richtigen Mann!“

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Ihr Terminkalender für Dates wurde ziemlich dicht. Immerhin ersparte das ihrem angetrauten Gatten die regelmäßigen Gefühlsausbrüche und Streitereien. Pawel begriff nicht sofort, was los war, dann weigerte er sich eine Zeit lang, das Geschehen zu glauben, und spielte weiter den idealen Hausmann. Einen eifersüchtigen, gequälten – der es aber jedes Mal schaffte zu rationalisieren und sich zu erklären, Marinotschka sei eine emotionale, aber anständige Frau. Bis eines Tages eine sehr gepflegte, schöne Dame an der Tür klingelte und Pawel höflich bat, seine Frau zurechtzuweisen: Die habe jede Scham verloren und treffe sich mit ihrem Mann auf deren Datscha.

Pawel zog sein Gesicht mühsam in eine höfliche, freundliche Grimasse und bat die Unbekannte, wie es sich für einen gastfreundlichen Hausherrn gehört, herein, bot ihr Tee mit Lebkuchen an und hörte ihr höflich und aufmerksam zu. Sie hatte Fotos und Videos, die unwiderleglich gegen Marina sprachen, und dazu eine erstaunlich ruhige Art zu sprechen, die dem Gegenüber Sicherheit gab. Eine sehr angenehme Frau!

– „Und was, denken Sie, soll ich in dieser Lage tun?“

– „Pawel, Sie sind ein erwachsener, vernünftiger Mensch. Und Sie kennen Ihre Frau weit besser als irgendwer sonst“ – antwortete sie sanft und lächelte aufmunternd.

Pawel kannte seine Frau gut genug, um zu wissen, dass ein Gefühlsausbruch nicht zu vermeiden und Überzeugen zwecklos war. Vor dieser gepflegten Frau schämte er sich unerträglich dafür, dass er so rückgratlos war und nichts tun konnte. Er wollte sie irgendwie beruhigen, ihr Hoffnung geben. Denn jene zehn Male, die er sich bei ihr entschuldigt hatte, waren tatsächlich nichts wert gewesen.

– „Ich sehe, Sie lieben sie trotz allem. Sie hat großes Glück!“ – sagte die Frau mit leiser Traurigkeit.

– „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht“ – versicherte ihr Pawel – „und rufen Sie mich im Fall des Falles unbedingt an.“

– „Sie sind ein sehr guter Mensch; wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann …“ – und die Frau verließ die Wohnung. Vom Fenster aus sah Pawel zu, wie sie elegant in einen luxuriösen Volvo stieg und sich im abendlichen Stau auflöste.

Er brauchte Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Es war eine sehr schmerzhafte und beängstigende Entscheidung, bei der ihn niemand stützen und ihm niemand helfen konnte. Er hätte heulen und gegen die Wand rennen mögen, zwang sich aber doch, ruhig und konsequent zu bleiben. Als Marina von einem langen Wochenende „bei einer Freundin“ zurückkam, standen im Vorzimmer zwei Koffer, und Pawel trank in der Küche langsam seinen Tee aus.

– „Pawlik? …“ – begann Marina vorsichtig.

– „Hallo, komm rein. Möchtest du Tee?“

– „Pawlik, wirfst du mich hinaus?“ – sie wagte die Frage direkt zu stellen.

– „Nein. Also, soll ich dir Tee eingießen?“

– „Pawlik, was ist los?“

– „Ich hatte Besuch. Sie war sehr bekümmert darüber, dass ihr Mann sich neuerdings häufig mit meiner Frau trifft. Sie hat mich gebeten, auf dich einzuwirken, aber ich weiß, dass ich das nicht kann.“

– „Pawlik, ich …“ – mit einer einzigen Geste hielt er sie auf.

– „Alles, was ich tun kann, ist dir zu geben, was du willst – die Freiheit von mir.“

– „Pascha, fang nicht an, ja? Wir haben doch in letzter Zeit so gut ohne Szenen gelebt …“

– „Eine Szene wird es auch nicht geben. Wenn du keinen Tee willst, gehe ich. Und lass bitte den mit dem Tesla in Ruhe, wenn es nicht zu viel verlangt ist. Er hat eine reizende Frau, und sie leidet sehr.“

Ohne auf Einwände zu hören, ging Pawel in den Flur, schnürte die Schuhe, warf die Jacke über, prüfte, ob das Nötigste in den Taschen verstaut war, zog die Schlüssel hervor und legte sie, als wäre nichts geschehen, auf das Bord neben der Tür. Marina stammelte etwas, setzte immer wieder zu einem Schrei an und brach sich selbst ab. Er bemühte sich, sie nicht anzusehen. Er griff nach den Koffern und rollte sie Richtung Aufzug, bemüht, dass sein Gang aussah wie immer. Hauptsache, sich nicht umdrehen. Er liebte sie ja wirklich sehr.

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Die erste Zeit wohnte Pawel bei einem Arbeitskollegen. Wobei „wohnte“ noch großzügig gesagt ist. Er kam in seine Ecke, legte sich mit dem Gesicht zur Wand und bemühte sich, nicht laut zu heulen. Der Kollege versuchte, ihn aufzurütteln, ihn in irgendein Beisl mitzunehmen, ihm Frauen vorzustellen … Einfacher wäre es gewesen, einen Fluss umzukehren oder den Elbrus zu versetzen. Nach und nach wurde es Pawel peinlich; er begann dem Kollegen im Haushalt zu helfen, für dessen Mutter Taschen zu tragen und allerlei Kleinigkeiten zu reparieren. Auch in der Arbeit kam er allmählich wieder zu sich und sprach mit anderen. Er trieb mit dem Strom, ohne irgendetwas ändern oder verbessern zu wollen. Er tat, was nötig war, riss sich um neue Aufgaben und suchte, wem er womit helfen könnte. Höflich hörte er sich jeden Rat an, um ihm auch weiterhin nicht zu folgen. Er sprach weder über Frauen im Allgemeinen noch über Marina im Besonderen. Er existierte einfach, Tag für Tag, mechanisch, schlicht weil es so sein musste.

Er zählte die Tage nicht und wusste deshalb nicht, wie viel Zeit vergangen war, bevor sie zu ihm kam. Schön wie immer. Zärtlich, liebevoll und warm. Er wusste nicht, ob er sie umarmen durfte oder fliehen musste, ob er auftauen durfte oder sich im Gegenteil noch tiefer in sein Schneckenhaus verkriechen sollte.

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– „Pawlik, verzeih mir“ – bat Marina kläglich – „komm nach Hause … Bitte …“

Pawel schwieg. Er wusste nicht, was er antworten sollte. Er wusste nicht, was er tun sollte. Die Gedanken wirbelten und drängelten in seinem Kopf und ließen einander nicht hervortreten; es schien, als könne er nur ihre Fetzen wahrnehmen: wirr, zerrissen, chaotisch. Doch er konnte den Blick nicht von seiner Marina wenden, und sie, wie es schien, nicht von ihm.

– „Ich will, dass Forrest und Jenny wieder zusammen sind. „Wie Pech und Schwefel“, weißt du noch?“ – sagte sie, und in seinem Kopf wurde es plötzlich klar. Er wusste genau, was zu tun war: verzeihen, umarmen und nie wieder loslassen.

Fachlicher Kommentar

Marina ist der epileptoide Persönlichkeitstyp. Sie ist sehr gesellig und emotional, weiblich und verträumt. Zugleich wirkt sie mitunter infantil und hilflos. Menschen ihres Persönlichkeitstyps haben das Bedürfnis nach einem führenden Partner, an dessen Seite man sich ganz als schwache Frau fühlen kann; deshalb ist Pawel für sie nicht die optimale Variante, so umfassend er sich auch um sie kümmert.

Mehr über den epileptoiden Persönlichkeitstyp erfahren

Pawel ist der kompulsive Persönlichkeitstyp. Auch das ist ein passiver Persönlichkeitstyp, der weder danach strebt, für andere Regeln aufzustellen, noch nach Expansion. Kompulsive Menschen streben eher danach, korrekt zu sein; deshalb will er alles dafür tun, ein idealer Ehemann und ein idealer Mitarbeiter zu sein. Kennzeichnend für diesen Persönlichkeitstyp ist, dass kompulsive Menschen in der Regel nur einmal im Leben lieben. Sie brauchen wirklich einen seelischen Kontakt zu ihrer besseren Hälfte. Männer des kompulsiven Typs neigen zur Romantisierung und zur „ewigen“ Treue. Aber sie sind mitunter zu weich und überlassen die Initiative lieber der Frau.

Mehr über den kompulsiven Persönlichkeitstyp

Eine Verbindung dieser Art nennen wir utopisch, weil sie selten vorkommt. Das wird eher eine Variante von besten Freunden als von Eheleuten. Beide können einander wenig geben außer einem Gefühl von Sicherheit und Ruhe. Entwicklung gibt es hier kaum.

Für sie ist er zu initiativlos, sie für ihn zu hilflos. Das ist ein selten vorkommendes Beziehungsmodell, in dem Menschen eher aus Ausweglosigkeit zusammen sind; sie können einander wenig geben und einander wenig verbessern – ein Modell in der Sackgasse. Sympathie entsteht schon, aber wie ein Boot ohne Ruder. Zwei Menschen sitzen darin, und wohin das Boot treibt, ist ungewiss. Sehr vieles hängt von äußeren Umständen ab.

Wenn beide in tiefer Verzweiflung über das Fehlen von Beziehungen stecken und sich selbst für unwürdig halten, dann können sie sich aus dieser Verzweiflung heraus zu einem Paar zusammenschließen, und die Beziehung beginnt. Meistens geht sie in die aktive Position, und es beginnt eine Beziehung wie zwischen einer Frau des hysteroiden Typs und einem Mann des kompulsiven Typs. Er wird zum treuen Ehemann, sie zum flatterhaften Fräulein, das regelmäßig nach Hause zurückkehrt. Dann haben sie viel Nähe und viel Kontakt.

Von außen wirkt ein solches Paar sehr krankhaft. Sie neigen dazu, einander in der psychotischen Dynamik zu aktivieren: Sie pumpt ihn so auf, dass sein Gehirn aktiviert wird. Am Ende dreht er ein wenig durch, rutscht in die Psychose, und sie folgt ihm dorthin.

Probieren Sie es selbst!

Haben Sie sich vielleicht wiedererkannt? Oder möchten Sie Ihren Persönlichkeitstyp und den dazu passenden Partner kennenlernen? Dann willkommen in unserem Dating-Club!