Alle Geschichten werden mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten und auf Grundlage ihrer Rückmeldungen veröffentlicht. Die Namen wurden geändert.
Ilona und Schenja hätten einander wohl nie getroffen, wäre da nicht unser Klub gewesen. Bei ihnen war alles verschieden, was man sich nur vorstellen kann.
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen KommentarIlona war eine schöne, auffallende, forsche, ehrgeizige Frau, die es liebte, um die Welt zu reisen, sich schön zu kleiden und Eindruck zu machen. Sie war schon einmal verheiratet gewesen, hatte eine ebenso schöne und eindrucksvolle Scheidung hinter sich und sich geschworen, vom Leben alles zu bekommen. So ein einzigartiger Stern in ihrem Umfeld. Ebenso schön, ebenso kühl, fern – und ebenso allein, denn all ihre Verehrer reichten ja an ihr Niveau nicht heran. Sie war das, was man eine Self-made-Person nennt: ein eigenes Bild, ein eigener Stil, ein Vorbild zum Bewundern (nachmachen lässt es sich ohnehin nicht), eigene Prioritäten: Reisen, Abenteuer, Karriere. Und in dem Bild, das sie geschaffen hatte, war für einen Mann schlicht kein Platz – dabei hätte dort einer sein sollen.

Schenja dagegen war ziemlich grau und unscheinbar. Ein klassischer Nerd mit Taschen voller Dinge für alle Fälle, ewig unausgeschlafen, vorsichtig, seinen eigenen Gefühlen misstrauend, alles im Voraus planend und katastrophal ohne Zeit für sich selbst, denn für andere musste man ja dies erledigen und das und noch diesen ganz besonderen Extra-Salto. In anderer, stilvollerer Kleidung, mit einem anderen Haarschnitt und ohne Dreitagebart, mit geradem Rücken und nach ein, zwei Wochen im Fitnessstudio wäre Schenja wohl ein Sexsymbol geworden, aber weder sich neu einzukleiden noch die Haare schneiden zu lassen noch Bauchmuskeln zu trainieren stand auf seinem Plan. Auf seinem Plan stand, die Stelle als Informatiklehrer in der Oberstufe zu kündigen, ein paar Millionen Euro in der Lotterie zu gewinnen und ins Kloster zu gehen. Fände sich allerdings für ihn ein passendes, richtiges Mädchen, das all seinen Wünschen, Anforderungen und Erwartungen entspricht und mit dem er eine echte Verbundenheit der Seelen spüren könnte, dann ginge es womöglich auch ohne Kloster.
Menschen mit einem Charakter wie Ilona sagen überhaupt sehr leicht „Nein“ zu allem, was ihnen nicht passt. Das erste „Nein“ sagte Ilona, als sie die Beschreibung des zu ihr passenden Persönlichkeitstyps hörte. Das zweite „Nein“ folgte auf die Beschreibung von Schenja persönlich. Das dritte „Nein“ galt unserer Versicherung, dass gerade jemand wie Schenja am harmonischsten zu ihr passt. Das vierte „Nein“ dagegen galt dem Vorschlag, Schenja sausen zu lassen und auf den nächsten Kandidaten mit demselben Persönlichkeitstyp zu warten. Kaum hatten wir aufgegeben, beschloss Ilona, sich doch anzusehen, was wir ihr da anbieten.
Menschen mit dem Charakter von Schenja können dagegen oft nicht Nein sagen. Das liegt daran, dass sie danach streben, richtig zu sein, Anerkennung zu verdienen und so zu handeln, wie es sich gehört, und nicht, wie es ihnen gerade gefällt. Schenja sagte klaglos Ja dazu, dass Ilona seine Anforderungen an eine Braut ganz und gar nicht erfüllte, ebenso dazu, dass sie seine ideale Partnerin sei, und auch dazu, dass sie daran zweifelte, dass die beiden zusammen sein könnten. Und danach rationalisierte er das alles bescheiden in dem Stil, man müsse für alles offen sein und es sei nicht richtig, gleich abzulehnen.

Beim ersten Date musterten sie einander verwundert und verstanden nicht so recht, warum sie so gut zueinander passen sollten. Obwohl sie sich ganze drei Stunden begeistert verplauderten, hielt Schenja Ilona für eine zu oberflächliche Angeberin und Ilona Schenja für einen zu pedantischen Eiferer. Schenja lud Ilona trotzdem zu einem zweiten Date ein – zu einer „sinnlosen Zeitverschwendung“ Nein zu sagen brachte er ebenfalls nie über sich. Ilona sagte eher zu, um ihn nicht zu enttäuschen – ihr schien, wenn sie ihm absagte, würde er in Tränen ausbrechen. Nach dem zweiten Date beschlossen beide noch einmal, dass daraus nichts wird … Und organisierten ein drittes Date.
Ilona sagte sich, das alles sei unverbindlich, werde nie verbindlich, und sie wolle Schenja einfach nicht enttäuschen. Schenja sagte sich, Ilona sei ein guter Mensch, und den Kontakt zu einem guten Menschen einfach so abzubrechen sei nicht gut, nicht richtig. Weder der eine noch die andere merkten so recht, wie sie einander allmählich wärmer und wärmer begegneten, wie Freundschaft, Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit wuchsen. Bald konnten sie sich ein Leben ohne regelmäßige Telefonate und Nachrichten nicht mehr vorstellen, obwohl sie bis dahin überzeugt waren, über die Freundschaft hinaus werde es bei ihnen nicht gehen. Ilona unterstützte Schenja, während er sich entschloss, die Schule zu verlassen, und die vom Großvater geerbte Wohnung renovierte. Schenja bewunderte Ilonas Erzählungen von ihren Reisen und Erfolgen. Und er war es, der beruhigte und stützte, als bei ihr in der Arbeit alles den Bach hinunterging: Die Chefs hatten sich zerstritten und begannen, die Mitarbeiter unter sich aufzuteilen, ohne bei den Mitteln zimperlich zu sein: Drohungen, Intrigen, Manipulationen. Niemand wusste, wie das enden und welche der beiden Gruppierungen gewinnen würde, und über allen schwebte das Risiko, die Arbeit zu verlieren. Ilona war nervös, machte Szenen und entwickelte hektische Betriebsamkeit, griff nach einem Haufen Dinge gleichzeitig und überlegte nebenbei, aus der Stadt wegzuziehen, wenn sie die Wohnung ohnehin verlieren würde.
– Zieh doch zu mir, schlug Schenja vor, dann sparst du wenigstens Geld für den Umzug, solange du keine Miete zahlst.
Ilona starrte Schenja verwundert an. Verlässlich und sicher war er immer gewesen. Ihr war schon aufgefallen, dass sie nach Gesprächen mit ihm stets ruhiger wurde und all ihre Karriereambitionen in den Hintergrund traten. Jetzt aber wurde ihr von seinem Vorschlag sogar irgendwie wärmer. Sie spürte durchdringend klar, dass sie in dieser Welt plötzlich nicht mehr allein war und sich für kurze Zeit entspannen durfte. Das war ein völlig ungewohntes und wahnsinnig angenehmes Gefühl. Ablehnen konnte sie so etwas schlicht nicht, denn dann käme diese verdammte Einsamkeit zurück und die Notwendigkeit, alles selbst zu machen, und sie sehnte sich so sehr nach Verlässlichkeit und einem gedeckten Rücken. Schließlich hatte Schenja recht, es ist ja nur, bis sie Geld gespart hat, es ist vorübergehend …
Nicht umsonst heißt es im Volksmund: Nichts ist so beständig wie das Provisorium. Kaum hatte Ilona in Schenja endlich einen Mann gesehen, wollte sie mehr, und allmählich kam alles so in Fahrt, dass ein Auszug keinen Sinn mehr ergab. Ilona wechselte erfolgreich die Arbeit, brachte ihr Einkommen in Ordnung und hätte theoretisch zum „normalen“ Leben zurückkehren können, aber leider war ein solches Leben nicht mehr ihre Priorität. Plötzlich wollte sie Familie, Geborgenheit und Kinder, und zwar nicht mehr so wie früher: abstrakt und nebenbei. Mit Blick auf Schenja nahm Ilonas Fantasie von einer Familie recht konkrete und durchaus umsetzbare Züge an.
Schenja sah in ihr, anders als sie in ihm, immer eine Frau und bewunderte sie, und mit der Zeit sah er in ihr auch eine gute Freundin; er spürte genau jenes Vertrauen und jene seelische Verbundenheit, ohne die er sich eine Beziehung überhaupt nicht vorstellen konnte. Schritt für Schritt lernte er, Ilona zu verstehen, und sie schien ihm nicht mehr so oberflächlich und aufgesetzt. Mit vielen ihrer Ansichten war er nach wie vor nicht einverstanden, aber nach und nach lernte er, sie anzunehmen und sich ihretwegen nicht allein in seinem Arbeitszimmer aufzuregen. Und irgendwann wagte er es, ihr einen Antrag zu machen.
Vor Anträgen fürchtete sich Schenja wie vor dem Feuer. In seinem gar nicht mehr so kurzen Leben hatte er auch ohne Heiratsanträge viele Absagen erlebt: Nur wenige moderne Mädchen waren bereit zu warten, bis er „reif“ wird und sich entscheidet. Die Mädchen erwarteten von ihm Unerhörtes: Küsse nach dem ersten Date, Sex nach dem dritten. Dass er schön den Hof machte, in sündteure Restaurants ausführte, seine (und womöglich ihre künftige) Wohnung zeigte, zu jeder Tages- und Nachtzeit losstürzte, um zu helfen, die Eltern kennenlernen wollte und noch andere Kunststücke vollführte, die so veraltet sind wie Don Quijote – all das wurde von ihnen aus irgendeinem Grund nicht als Beweis ernster Absichten anerkannt. Deshalb zog sich Schenja nach jedem Mädchen, das nicht auf ihn gewartet hatte oder ihn für nicht würdig hielt, weiter zurück … Bis er sich mit Ilona anfreundete. Und jetzt, da er sie verstand, da er sie aufrichtig zu schätzen begann und begriff, dass die Furcht, sie zu verlieren, stärker war als die Furcht vor ihrer Absage, fasste er sich ein Herz.
Der Heiratsantrag war sorgfältig geplant: von der Kleidung und dem Restaurant bis zur Uhrzeit und der begleitenden Rede. Schenja hatte sogar eine Rede für den Fall der Absage vorbereitet, ebenso eine Ablenkung, mit der er Ilona unterhalten wollte, damit sie nicht zu sehr über seinen missglückten Antrag nachdenkt. Er hatte sich sogar ausgemacht, bei wem er in diesem Fall übernachten könnte, um sie nicht mit seiner Anwesenheit in Verlegenheit zu bringen und um selbst mit seinen Gefühlen zurechtzukommen und nichts anzustellen. Und dann, im entscheidenden Moment, als die auf Rat seines Bruders bestellten Roma-Musiker mit Geige und Akkordeon an den Tisch traten, ging Schenja auf ein Knie und machte ihr, beschämend stotternd, aber mit übermenschlicher Willenskraft davon abgehalten, einfach wegzulaufen, einen Heiratsantrag. Das ganze Restaurant sah bewundernd auf diese so veraltete und in unseren verrückten, praktischen Tagen scheinbar unmögliche Szene. Ilona, die diesen Moment längst insgeheim erwartet hatte, sagte mit größtem Vergnügen ihr für sie so seltenes „Ja“, und Schenja erkannte mit Entsetzen, dass er bei aller detaillierten Planung für den Fall der Absage überhaupt nicht durchdacht hatte, was im Fall einer Zusage weiter zu tun ist.
Die Initiative zum Rückmeldegespräch ging von Schenja aus – sie hatten schließlich versprochen mitzuteilen, wie sich alles entwickelt, und so war es richtiger. Ilona erinnerte sich lachend daran, wie wenig sie Schenja am Anfang ernst genommen hatte, und Schenja war begeistert nervös und achtete darauf, dass es seiner schwangeren Frau an nichts fehlte. Manchmal wirkte diese Fürsorge übertrieben, aber Ilona war glücklich. Ihre Prioritäten hatten sich unmerklich verschoben: weg vom Vorankommen ihrer selbst allein, hin zum Vorankommen ihrer idealen Familie. Ihre einzige Klage war, dass Schenja ein wenig ohne Eigeninitiative sei, sich nicht mit den Ellbogen an den Kollegen vorbeidrängt, um die Karriereleiter hinaufzukommen. Aber andererseits war sie damit, dass Schenja ihretwegen zu allem bereit ist und dass Haus und Alltag auf ihm ruhen, während sie alles tun kann, was sie will, und hinfahren kann, wohin sie will, durchaus zufrieden.
Fachlicher Kommentar
Ilona ist der narzisstische Persönlichkeitstyp. Das sind Menschen, die danach streben, in allem die Besten zu sein, damit andere sie bewundern. Obwohl der Schwerpunkt darauf liegt, die eigene Unabhängigkeit zu beweisen, bleiben alle Entscheidungen und Handlungen von Menschen dieses Persönlichkeitstyps vom Urteil der anderen abhängig. Genau dieser Umstand „half“ Ilona, den weiteren Dates mit Schenja zuzustimmen – damit er „nicht enttäuscht wird“, genauer: kein negatives Urteil abgibt, bei aller betont zur Schau gestellten Unabhängigkeit. Menschen von Ilonas Persönlichkeitstyp verstehen es wie keine anderen, das Bild eines erfolgreichen und attraktiven Menschen zu schaffen, zu formen und zu spielen, und dieses Bild berücksichtigt sowohl die Prioritäten als auch die Werte narzisstischer Menschen. Dabei werden solche Menschen selbst dann, wenn sie eine Schar von Fans um sich versammelt haben, so etwas wie Einsamkeit in der Menge empfinden, denn Menschen wie sie gibt es überhaupt nicht, und Menschen ihres Niveaus sind rar.
Schenja ist ein Vertreter des kompulsiven Persönlichkeitstyps. In seinem Weltbild, in seinen Handlungen, in seinen Gedanken (in allem) stützt er sich auf bereits vorhandene Traditionen, Kanons, Logik und Regeln (der eigenen Familie, der Gesellschaft). „So macht man das“, „so muss man leben“, „so handelt man richtig“. Ohne einen solchen verlässlichen, stabilen Halt quälen ihn Zweifel und die Schwierigkeit, zu wählen, „wie es richtig ist“. Er strebt danach, richtig zu sein und richtig zu handeln, auch wenn das nicht in Mode ist. Kompulsive Menschen sind Menschen der Logik und der Fakten, die alles, was sie anpacken, sehr gründlich und sorgfältig erledigen. Sie sind bestrebt, alles rational zu begründen, denn wenn etwas nicht rational ist, dann kann es das nicht geben. Im Familienleben sorgen sie mit Vergnügen für den Alltag und kümmern sich um die Familie, aber die Frau wird die Hauptperson sein, denn Kompulsive führen nicht besonders gern. Ebenso in der Arbeit: Sie erledigen jede Aufgabe hervorragend, aber selbstständig zu führen, ohne vorgegebenen Rahmen und Spielregeln, fällt ihnen schwer.
Eine Frau des narzisstischen und ein Mann des kompulsiven Typs – das ist eine der sehr harmonischen Verbindungen für beide, aber sie geht nur schwer in ein Familienleben über. Kompulsive sind in der Regel Menschen für eine einzige Liebe, sie brauchen Zeit, um zu einer nahen Beziehung zu kommen; am Anfang braucht es zumindest eine Freundschaft. Narzisstische wiederum sehen Kompulsive oft nicht sofort in der Rolle ihres Partners, denn sie halten sich selbst für die Besten und für des Besten würdig: des Durchsetzungsstärksten, des Schönsten, des Mutigsten und so weiter, so weit die Fantasie reicht.
An Schenjas Seite wird Ilona so weich und ausgeglichen, dass sie im Hinblick auf gesellschaftliche Erfolge passiv wird. Sie beginnt, ihrem Mann mehr zu helfen, ihn „zu lehren“, wie was zu machen ist, und seinen beruflichen Aufstieg zu lenken. Er strebt nicht zu ihren Höhen, und das beunruhigt sie ein wenig. Sie stößt seine gesellschaftliche Aktivität an, auch wenn er über ein bestimmtes Niveau nicht hinauskommt, er bleibt ewiger Stellvertreter. Aber gäbe es keine Entwicklung, wären sie die Beziehung gar nicht erst eingegangen.
Die Beziehung entwickelt sich über das Staunen. Sie befindet sich in einer Situation, aus der sie ausbrechen, davonlaufen, wegfahren will. Neben ihr ist er, der mit ihr wie ein guter Freund umging. Er schlägt vor, gemeinsam irgendwohin zu fahren, zu ihm zu ziehen. Der Vorschlag kommt in dem Moment, in dem sie sich am falschen Platz oder maximal schutzlos fühlt. Er bietet ihr eine ruhige, geschützte Welt an, in die sie eintaucht – und für viele Jahre eintauchen kann.
In dieser Beziehung gibt es viel Gefühl, viel Liebe, viel Kontakt. Er wird sie voller Bewunderung ansehen. Er wird sie in allem unterstützen, was sie ausmacht, er wird alles erlauben außer Untreue, die verzeiht er ihr nicht. Dabei liebt er so, dass sie gar nicht fremdgehen will. Deshalb kann man an seiner Seite entspannen.









