Der Introvertierte – einfach erklärt

Der Introvertierte – einfach erklärt

Zum Introvertierten wird man nicht, als Introvertierter kommt man zur Welt. Kurz gesagt: Das ist ungefähr die Hälfte der Menschheit. Es sind Menschen, die alles über sich selbst wissen und über dieses Wissen die Welt um sich herum erkennen. Ein Introvertierter, der vor dem Spiegel steht, schaut nicht auf sich. Er (oder sie) prüft eher den Spiegel: wie genau er den Introvertierten wiedergibt.

Unter den Introvertierten dürften mehr Männer als Frauen sein (daher stammen übrigens die Memes über schweigende Männer, die nur zustimmend brummen). Mit den Worten des Dichters Friedrich Schiller (1723—1796), der sich als Erster, lange vor Jung, für die grundlegenden Unterschiede zwischen den Persönlichkeitstypen zu interessieren begann, folgt der Introvertierte diesem Wahlspruch:

Die Vorschrift, die ihm seine vernünftige Natur gibt, ist, sich bei allem Wechsel zu behaupten, alle Wahrnehmungen zur Erfahrung, das heißt zur Einheit der Erkenntnis zu machen, und jede seiner Erscheinungen in der Zeit zum Gesetz für alle Zeiten zu machen

Friedrich Schiller in der Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ von 1795

Die Introversion ist – neben der Extraversion – die grundlegende, angeborene und lebenslang unveränderliche Einstellung eines Menschen. Die Einstellung ist, einfach gesagt, das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt.

Introvertiert wird man perinatal, schon während der Schwangerschaft – zum Zeitpunkt der Geburt ist also bereits alles vorgezeichnet. Und zwar bei einer Schwangerschaft, die für das Kind nicht besonders angenehm war. Dadurch kommt ein Mensch zur Welt, der dauerhaft angespannt ist, mit klaren, fokussierten oder abrupten Bewegungen und mit einem ausgeprägten Gefühl oder Können für Kontrolle.

Am leichtesten erkennt man Introvertierte (übrigens genauso wie Extravertierte) am Tanzen. Wenn Sie eine Frau sind, Ihnen der Bauchtanz nicht so recht gelingen will und Sie sich als introvertiert herausgestellt haben – seien Sie nicht traurig, das ist einfach nicht Ihr Tanz))) Für Introvertierte gibt es Breakdance, Rap, Hip-Hop oder den Tanz der Gitarrenroboter.

freud--images_articles_kto-takoj-introvert-prostymi-slovami_b2ap3_large_2-1.webp

Man sollte Introvertierte nicht mit Stubenhockern verwechseln, die unter einem Baum Bücher lesen. Ja, genau das tun sie auch))). Aber mit sozialer Aktivität hat das nichts zu tun. Sigmund Freud, Nikita Chruschtschow, Elon Musk – das sind Introvertierte. Kurz gesagt: Introversion und passive Lebensposition nicht verwechseln

Der Introvertierte sucht den Kontakt unter vier Augen und mag Gruppen nicht. Typisch für ihn ist, dass er sich immer ein wenig von der Gruppe absetzt und mit Gruppenprozessen Schwierigkeiten hat. Gesellschaftlich hat ein Introvertierter viele Kontakte und knüpft sie leicht, ein starkes inneres Bedürfnis danach verspürt er aber nicht. Die meisten Introvertierten sagen, sie mögen Menschen überhaupt nicht – höchstens könnten Menschen interessant oder amüsant sein. Der Extravertierte geht in die Gruppe, weil ihm der Umgang mit Menschen gefällt; der Introvertierte geht in die Gruppe, weil er begreift, wie wirksam dieses Werkzeug ist. Die Rollen des Experten, des Kritikers und des Partisanen übernehmen übrigens meist Introvertierte.

Manchmal heißt es, der Introvertierte sei stärker auf die Innenwelt ausgerichtet und der Extravertierte auf die Außenwelt – doch in dieser Behauptung steckt ein logischer Fehler. Der Introvertierte schaut in die Innenwelt, um die äußere zu verstehen; seine Hauptaufmerksamkeit gilt also der Außenwelt. Genau deshalb wissen Introvertierte mehr, sehen mehr Kleinigkeiten und analysieren besser: Sie sammeln Informationen und häufen sie an, die Welt spiegelt sich in ihrem Inneren.

Introvertierte beobachten die Innenwelt und verstehen dadurch, was in der äußeren vor sich geht. Ihre Aufgabe ist es, die Welt über sich selbst zu erkennen. Sie neigen eher dazu, reine Fakten zu betrachten, sie sind der reinen Wahrnehmung näher; der Extravertierte dagegen überlegt bei einem Fakt, wo er ihn einordnen und wie er sich mit ihm arrangieren soll.