Wie läuft ein Video-Interview ab?

Wie läuft ein Video-Interview ab?

In diesem Artikel erzähle ich Ihnen, wie ein Video-Bewerbungsgespräch abläuft. Also: wie man sich vor der Kamera präsentiert, mit einem Roboter-Recruiter spricht und eine Videobotschaft ans Volk aufnimmt.

Herzlichen Glückwunsch: Es sind Zeiten angebrochen, in denen jede und jeder Beschäftigte mit Selbstachtung Neujahrswünsche aufnehmen darf – so wie es sonst der Präsident tut. Also, worum geht es?

Normalerweise findet ein Bewerbungsgespräch mit lebenden Menschen statt. Eine Recruiterin oder jemand aus der Personalabteilung befragt Sie, stellt heikle Fragen, versucht Sie aus der Fassung zu bringen und Ihre Reaktion zu prüfen. Diese Zeiten gehen offenbar zu Ende. Das Zeitalter der Digitalisierung bricht an, und Sie werden sich künftig mit Robotern unterhalten. Zumindest anstelle des ersten Gesprächs.

Jetzt bekommen Sie einen Link zu einem Online-Portal, auf dem ein nettes Foto der Recruiterin Ihnen „anbietet“, fünf bis sechs Fragen per Videoaufnahme zu beantworten. In diesem Artikel und in dem Video, das Sie weiter unten finden, lesen Sie von einem echten Fall aus der Jobsuche. Genau so eine Einladung zum „Bewerbungsgespräch“ kam bei mir per E-Mail an.

Die „Einladung“ zum Gespräch

Normalerweise reagieren Unternehmen auf die Bewerbung einer qualifizierten Fachkraft innerhalb von zwei Wochen. Sie bekommen vielleicht eine E-Mail (wahrscheinlich automatisch verschickt, sobald jemand im Recruiting-Programm ein Häkchen setzt). Darin werden Sie gebeten, innerhalb einer Woche ein Online-Video zu absolvieren und sich einigen unbekannten Vertreterinnen und Vertretern des Unternehmens vorzustellen. Wenn Sie denken, das sei ein Skype-Gespräch, dann irren Sie sich! Die im Brief genannte Recruiterin erreichen Sie nicht (sie kann ja auch schlicht ein Programm sein). Und wenn die Mail von einem Roboter verschickt wurde, müssen wir eben blind weitermachen.

Wie funktioniert das Portal für Video-Interviews?

Auf der ersten Seite genießen Sie ausgiebig das Foto Ihrer „persönlichen“ Recruiterin, die Ihnen mit automatisch erzeugtem Text „ganz persönlich“ erklärt, wie das Portal funktioniert und wie das Gespräch abläuft. Die Anweisungen sind schlicht:

  • Das Interview kann innerhalb einer Woche jederzeit zu Hause absolviert werden.
  • Bürokleidung anziehen – nicht in Unterhosen filmen lassen!
  • In die Kamera schauen
  • Auf die Fragen kurz, klar und beim Thema antworten.

Danach richten Sie Webcam und Mikrofon ein, das Portal prüft die Verbindungsqualität. Im nächsten Schritt probieren wir uns an zwei Demo-Fragen. Diese Demo-Phase können Sie mehrmals durchlaufen, sich vor der Kamera ausprobieren und die Scheu vor ihr ein Stück weit ablegen. Wenn es nicht klappt, können Sie das Portal verlassen und später weitermachen.

Haben Sie nach den Demo-Fragen auf „Interview starten“ geklickt, gibt es kein Zurück mehr. Die Aufnahme beginnt in einem strengen Zeitrahmen. In 20 Minuten haben Sie sich entweder aufgenommen oder sind draußen. Die Aufnahme läuft in einer Sitzung, eine Wiederholung ist nicht vorgesehen. Ebenso wenig können Sie eine Pause einlegen oder das Interview vorzeitig verlassen.

Die Vorbereitung dürfen Sie vorzeitig abbrechen und ebenso vorzeitig mit der Antwort beginnen. Sie müssen nicht die ganze Zeit bis zum Ende der Aufnahme abwarten. Schon nach drei Sekunden können Sie die Aufnahme beenden, warten, bis sie auf dem Server gespeichert ist, und zur nächsten Frage gehen. Das Video ist auf dem Server. Alles, was Sie falsch gemacht haben, liegt für immer in der Personalabteilung. Das ist übrigens einer der Gründe, warum es manchmal sinnvoll ist, auf ein Video-Interview zu verzichten.

Insgesamt dauert das Interview 19 bis 20 Minuten. 19 Minuten heißt: keine Minute mehr. Sie bekommen eine feste Zeit zur Vorbereitung, eine feste Zeit für die Antwort, und sofort geht es zur nächsten Frage. Kein Herumreden, keine Philosophie – wie beim Militär.

Unklar bleibt, was passiert, wenn die Verbindung abbricht. Im Video ist zu sehen, dass das System an einer Stelle hängen blieb. Sorgen Sie also vorab für eine gute Internetverbindung, wenn Ihnen der künftige Job etwas wert ist.

Видеособеседование с роботом!

Über Anstand, Fähigkeiten und Ausrüstung

Auch wenn Sie das Interview zu Hause am Rechner absolvieren können, wird Ihnen nahegelegt, nicht in Unterhose und T-Shirt zu erscheinen. Sie ziehen einen Businessanzug an, wie immer beim Bewerbungsgespräch.

Und nun das Wichtigste, warum dieses Video für Sie interessant sein kann. Wir treten in eine neue Ära ein, in der unsere Fähigkeit, uns online zu präsentieren, an erste Stelle rückt. Das heißt:

  1. sprechen können, während man direkt in die Kamera schaut
  2. mit der Kamera umgehen können, als sprächen wir mit Fernsehzuschauern
  3. knapp, kurz und auf den Punkt antworten können.

Diese Fähigkeiten haben heute die wenigsten. Wie viele von uns können unter Druck direkt in die Kamera schauen und dabei antworten?

Beginnen können Sie damit, die Webcam genau auf Augenhöhe einzurichten. Nicht von unten, nicht von oben. Sie müssen die Höhe exakt auf Augenhöhe bringen. Nichts wirkt so abstoßend wie Ihr hochmütiger Blick von oben oder Ihr unterwürfiges Bild von unten. Und wichtig: Wir müssen lernen, direkt in die Kamera zu sprechen. Vergessen Sie außerdem das gute Mikrofon nicht. Keine Kopfhörer, sondern ein eigenes Mikrofon außerhalb der Webcam. So, wie es beim Fernsehen üblich ist.

Und was ist mit den Fragen?

Vor jeder Frage haben Sie Zeit zur Vorbereitung, von 20 Sekunden bis zu 2 Minuten. Danach schaltet sich die Videoaufnahme automatisch ein.

Zum Beispiel die erste klassische Frage aus dem Recruiting-Lehrbuch: „Was motiviert Sie, bei uns auf dieser Position zu arbeiten?“ Zur Vorbereitung haben Sie 2 Minuten. Nach Ablauf der Zeit startet die Aufnahme automatisch. In 2 Minuten antworten Sie kurz, knapp und auf den Punkt, blicken dabei in die Kamera und gehen sofort zur nächsten Frage über.

Die nächste Standardfrage nach Schablone: „Stellen Sie sich kurz vor und erzählen Sie von IHREN DREI wichtigsten beruflichen Erfolgen.“ Vorbereitungszeit: 5 Minuten. Aufnahmezeit für die Antwort: eine Minute! Beachten Sie – für die Vorstellung und drei Erfolge zusammen nur eine Minute! Genau das sollten Sie üben, idealerweise mit Videoaufnahme, und sich selbst dabei studieren.

Die nächste Frage lädt bereits, und Zeit für einen Kaffee bleibt Ihnen nicht. Es folgt eine verdammt ernste und fachliche Frage: „Welche strategischen Risiken sehen Sie für unser Unternehmen, und warum?“ Vorbereitungszeit: 30 Sekunden (!!!), Antwortzeit: oh Schreck, 30 Sekunden! Das nenne ich eine Anforderung an Ihr Können! Mit so einer Frage und in einem solchen Zeitrahmen kann man einen Menschen glatt überrumpeln.

Aus den fachlichen Fragen, an denen sich das Können ebenso einfach prüfen lässt, können Ihnen etwa diese begegnen:

  • Welche Erfahrung haben Sie im Bereich künstliche Intelligenz? An welchen KI-Projekten haben Sie mitgewirkt?
  • Wie könnte unser Unternehmen aus der Sicht einer externen Fachperson seine Strategie im Online-Vertrieb und im Kundenservice verbessern?
  • Wie viel Kohle wollen Sie verdienen, und wie schnell?

Vermasseln Sie es nicht bei der letzten Frage, liebe Kolleginnen und Kollegen)))

Viel Erfolg auf dem Weg!

In diesem Artikel und im Video haben wir also gelesen, geschaut und mitgedacht, wie moderne digitale Video-Interviews ohne lebende Menschen ablaufen. Lebende Recruiter gibt es nicht mehr. Es gibt nur Sie und Ihre Fähigkeit, klar, knapp und kurz in die Kamera zu sprechen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Erfahrung sammeln. Wenn Sie die Fähigkeiten brauchen – kommen Sie zu unseren Veranstaltungen. Viel Erfolg bei der Jobsuche!