– „Wir finden dir einen James Bond!“, versprach ich Nina leichtfertig, „so ein Star wird das, schön und in allem der Beste. Wenn du dich verliebst, läufst du ihm im Laufschritt hinterher …“
Ich habe da so ein kleines „Laster“: Ich beschreibe Persönlichkeitstypen gern bildhafter. Statt meines eigenen Persönlichkeitstyps, den der Autor der S-Theorie schizoid genannt hat, sage ich zum Beispiel „Dr. House“, und statt des narzisstischen, der Nina ideal ergänzen sollte, „James Bond“. Gleich vorweg: Auch wenn die ursprünglichen Bezeichnungen aus einer Klassifikation für Abweichungen stammen, arbeitet die Typologie mit vollkommen gesunden Menschen und ihren Charakteren.
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen KommentarWenn man weiß, welche Persönlichkeitstypen die beiden in einem Paar haben, lässt sich ziemlich genau vorhersagen, wie sich die Beziehung entwickeln wird, womit die Partner einander „bereichern“ und womit sie einander auf die Palme bringen können. Der Haken ist nur: Bei „James Bond“ hat jeder andere Assoziationen. Ich meinte einen Charakter mit dem Drang, der Beste zu sein, zu gefallen und Eindruck zu machen – Nina stellte sich den jungen Sean Connery vor, mit dem vor einem halben Jahrhundert modischen Hut, den er von der Tür aus auf den Garderobenhaken wirft und gleich beim ersten Mal trifft.
Nina war als Moneypenny vorgesehen. Optisch allerdings konnte Moneypenny Nina bei Weitem nicht das Wasser reichen. Eine stattliche Blondine mit vollen Schmolllippen, einem Stupsnäschen und koketten Sommersprossen, die offenbar keine Ahnung davon hatte, wie attraktiv sie in Wirklichkeit war. Nina arbeitete als Krankenschwester in einer Ambulanz im Bezirk und war fast die Einzige, die immer ohne Nachschauen wusste, welcher Patient was einnehmen musste; dabei führte sie mit manischer Akribie sämtliche Aufzeichnungen und Karteien, bestand pedantisch auf der Einhaltung aller Regeln und schaffte es, zu jedem Patienten den passenden Schlüssel zu finden, selbst zum schwierigsten. Die Pensionisten beteten Nina förmlich an, die Kolleginnen schoben ihr ungeniert ihre Arbeit zu. Und mit derselben Sturheit, mit der Nina jede Arbeit zu einem für gewöhnliche Sterbliche undenkbaren und unerreichbaren Ideal trieb, antwortete Nina:
– „Also Männern hinterherlaufen werde ich ganz sicher nie!“
– „Sag niemals nie. Bei manchen lohnt es sich – selten, aber doch.“
– „Sollen andere laufen!“, zuckte Nina mit den Schultern.

– „Ich habe deine versprochene Moneypenny gefunden“, teilte ich Wlad noch am selben Tag mit, „sie heißt Nina.“
– „Cool“, schmunzelte Wlad, „und warum nicht Octopussy?“
– „Damit sie dir nicht die Luft abdreht“, konterte ich. Octopussy ist die Heldin eines der Bond-Filme, sehr einflussreich und reich; James schafft es natürlich, sie zu verführen, aber eben nur für einen Film. – „Und überhaupt: Octopussy ist eine einmalige Sache, Moneypenny dagegen die ewige Liebe.“
– „Willst du mir damit Angst machen?“, scherzte Wlad.
– „Ich erinnere dich damit nur daran, dass wir ein Dating-Club für ernsthafte Beziehungen sind. Das ist nichts für eine einzige Folge der Bond-Reihe, sondern möglichst für die ganze Serie.“

Wlad rief Nina an und verabredete sich mit ihr in einem Café unweit ihrer Arbeit. Er hatte den Tag so geplant, dass er in der Gegend gleich möglichst viel erledigen konnte, hob am Bankomaten Geld für alle Fälle ab, und … Die Alten sagen: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Der Rennradfahrer, der mit voller Fahrt in ihn hineinkrachte, war genau jener Faktor Chaos, den kein Mensch vorhersehen kann. Wlads Gesicht war aufgeschlagen, der linke Arm schmerzte seltsam, der Radfahrer stand kaum noch auf den Beinen. Innerlich fluchte Wlad auf alles, was ihm einfiel, und rief die Rettung, die beide ins nächste Krankenhaus brachte. Den Radfahrer nahmen sie im Liegen mit, Verdacht auf innere Blutung. Wlad erklärte, er habe nicht vor, sich hinzulegen, man solle ihm nur das Gesicht säubern.
Solche Patienten „liebte“ Nina ganz besonders innig: Sie tauchen kurz vor Dienstschluss auf, wissen selbst alles besser, schimpfen und kritisieren lautstark und bremsen trotz ihrer eigenen Eile nur alles auf. Zu allen seinen „Sünden“ kam noch dazu, dass dieser „Lauser“ verdammt charmant war – mit einer geradezu kindlichen Ehrfurcht vor Wasserstoffperoxid: Das brennt doch.
– „Schwester, aber bitte ein bisschen schneller! Ich habe einen wichtigen Termin!“
– „Sie müssen noch das Röntgen des Handgelenks abwarten, womöglich ist da ein Bruch …“
– „Sagen wir doch einfach, es ist kein Bruch! Ich muss wirklich in einer Stunde woanders sein!“
– „Keine Sorge, ich auch, aber zuerst bringe ich Sie in Ordnung!“ Kaum machte der Patient den Mund für einen Einwand auf, begann Nina geübt, seine Stirn mit Peroxid zu betupfen. Der Patient erstarrte und schien sogar aufzuhören zu atmen. Erst als sie den Wattebausch wegnahm, atmete er wieder.
– „Man muss doch vorwarnen!“
– „Nun stellen Sie sich nicht an wie ein kleines Kind!“
– „Es brennt aber!“
– „Gut, dass es brennt! Dann sterben dort gerade die Keime!“
– „Ach wirklich …“, brummte der Patient und sah wieder aufs Telefon, „ich muss im Ernst los, so spannend es hier mit Ihnen auch ist!“
Statt zu antworten, sah Nina zur Tür hinaus. Zum Glück war die Kollegin schon unterwegs, und eine Minute später konnte Nina den Patienten mit der guten Nachricht erfreuen, dass alle Knochen heil waren, höchstens eine Sehnenzerrung. Sie wickelte ihm das Handgelenk mit einer elastischen Binde ein, zeigte ihm mit reinem Gewissen, wo er die Papiere und die Überweisung zur Kontrolle bekam, und stürzte dann los, um sich umzuziehen. Zu spät zu kommen mochte sie nicht, sie hasste es geradezu, besonders bei einem ersten Treffen. Aus dem Krankenhaus flog sie hinaus, ohne nach links oder rechts zu schauen, und wäre auf den eigens mitgebrachten Absätzen fast gestürzt. Der Bus stand, wie zum Trotz, schon hämisch an der Haltestelle. Nina rannte los. Sie hätte ihn ganz sicher verpasst, hätte ihr nicht jemand die Tür aufgehalten. Nina schnappte hörbar erleichtert nach Luft – bis der, der ihr die Tür aufgehalten hatte, zu sprechen begann. Zu ihrem Erstaunen war es genau jener hübsche Patient.
– „Haben Sie vergessen, sich noch etwas von mir versorgen zu lassen?“
– „Nein, ich komme nur zu spät zu einem Date … zu einem Treffen.“
– „Ein Date ist immer etwas Gutes“, lächelte Wlad, „ich wünsche Ihnen, dass Sie es rechtzeitig schaffen!“
– „Ich wünsche Ihnen auch, dass Sie es dorthin schaffen, wohin Sie so dringend wollten …“
Schade, dass das Date nicht mit ihm ist, dachte Nina. Dennoch stiegen die beiden an derselben Haltestelle aus und gingen danach auch noch in dieselbe Richtung, einander verwundert von der Seite musternd. Vor dem Eingang zum „Engländer“ ließ der Patient der jungen Frau galant den Vortritt und hielt ihr die Tür auf.
– „Guten Abend, ich habe einen Tisch auf den Namen Wlad Romanow reserviert“ …, sagte Nina und hielt Aufregung und Zittern in der Stimme mühsam zurück.
– „Ha! Das gibt es doch nicht!“, rief ihr letzter Patient fröhlich hinter ihr, „Nina?“
Der Abend verlief recht angenehm, gemessen daran, wie sie sich kennengelernt hatten. Und auf dem Weg zur U-Bahn, an Wlads Seite, wurde Nina klar, dass sie einen solchen Mann noch nie getroffen hatte. Wlad war nicht bloß James Bond, er war ein Star: Man wollte ihn ansehen und die Augen nicht mehr abwenden. Er war Charisma und Drive in Person, klug und sprühend, schön und mit wunderbarem Humor. Nina konnte einfach nicht aufhören, an ihn zu denken. Von nun an konnte ihre logische, geordnete Welt nie wieder dieselbe sein. Und es geschah das, was Nina an anderen immer verurteilt und bei sich selbst zu entdecken gefürchtet hatte: Sie war wirklich bereit, Wlad bis zum Sieg hinterherzulaufen.
– „Wann gehen wir das nächste Mal auf einen Kaffee?“, lächelte sie nervös.
– „Wie es sich ergibt … Ich habe demnächst ein paar Nachtdienste.“
– „Es ginge auch vor dem Dienst“ …, schlug Nina vor und wurde tiefrot.
– „Kann man machen“, stimmte Wlad großmütig zu.
Auf diese Treffen bereitete sich Nina nun am sorgfältigsten von allem vor. Das perfekte Outfit wurde mindestens einen Tag vorher geplant. Gesprächsthemen zu planen war sinnlos, sie plante sie trotzdem. Auch alle Gedanken und Träume in der freien Zeit galten ihm. Heimlich, hochrot und stotternd kaufte Nina sogar ein Buch mit dem Titel „Wie erobere ich einen Mann“, das sie verschämt in Zeitungspapier einschlug, damit in der U-Bahn niemand erriet, was sie da las.
Und natürlich verlief jedes Date anders als geplant. Wlad war schillernd, mutig und unabhängig. Auf der Straße und in Lokalen erkannten ihn die überraschendsten Leute, man gab ihm Rabatte und sah ihn begeistert an. Wlad badete in dieser allgemeinen Bewunderung und hakte Nina wirkungsvoll unter, damit auch für sie ein wenig davon abfiel. Er hatte seinen eigenen, eingespielten Lebensstil, seine Gewohnheiten und Abläufe. Es schien darin keinen Platz für eine Frau zu geben, doch Wlad fand diesen Platz irgendwie. Manchmal kam es Nina vor, sie sei ein Teil seines neuen Images: Zum Leben eines echten Mannes gehört eine Familie oder zumindest eine schöne, liebende Frau. Und Nina sah darin ihre Chance, ihn zu erobern.
Wlad liebte es sichtlich, Eindruck zu machen, aber manchmal fehlte ihm … nicht gerade Tiefe, eher Hilfe von außen. Und Nina begann, mit all ihrer Genauigkeit im Detail und all dem Perfektionismus, zu dem sie fähig war, ihm dieses neue Bild des „nicht einsamen“ Mannes, des idealen Ehemanns, mit aufzubauen. Sie erschien an seiner Seite, gepflegt und mit begeistertem Blick auf ihn. Sie erzählte allen seinen Freunden, was für ein wunderbarer Mensch er sei. Sie „hielt ihm den Rücken frei“, kochte ihm Frühstück und Mittagessen, richtete ein perfektes Nest ein und gab ihm mit allen Mitteln zu verstehen, dass er keine idealere Frau finden würde. Und das trug Früchte. Je mehr sie ihn lobte, desto aufmerksamer wurde er zu ihr. Es schien, als wolle er auf jedes ihrer Lobesworte hin zeigen, dass er es noch besser kann.
Wlad gefiel dieses neue Leben wirklich. Nina verstand mit einem sechsten Sinn, was er nun wollte, und schaffte es ganz unmerklich, genau das herzustellen. Plötzlich hatte er einen Ort, an den er Freunde einladen konnte, im Wissen, dass es etwas zu bewirten gab. Er konnte unbekümmert erzählen, wie er mit Nina im perfekten Urlaub gewesen war, und dabei die neidischen Blicke der Frauen in der Runde einsammeln. Er konnte in ein Zuhause zurückkehren, erfüllt von einer Behaglichkeit, die in einem reinen Junggesellenhaushalt undenkbar ist. Und seine Frau lobte ihn vor allen ihren und seinen Bekannten in den höchsten Tönen. Was viele in seinem Umfeld für aufgesetzt, verlogen und unwirklich hielten, war in seinem Fall Normalität – echte, greifbare Wirklichkeit. Und dieses Bewusstsein freute ihn noch mehr. Er hatte immer gewollt, dass sich alles schön fügt, dass er ein Beispiel dafür ist, wie man leicht und ohne große Mühe gut leben kann, fast zur Schau. Da bin ich, ich habe es geschafft, und ich werde es weiter genießen. Applaus, meine Herrschaften, Applaus! Fachleute hatten ihm gesagt, dass eine Frau wie Nina ihm diese Schönheit so unmerklich verschaffen kann; geglaubt hat er es aber erst jetzt, als er es sah.
Und außerdem war es warm mit Nina. Ihre aufrichtige Bewunderung und Verehrung beflügelten ihn jedes Mal aufs Neue. Keinen Monat später war er der willkommenste Gast in Ninas Krankenhaus, wo jede der Schwestern es als ihre Pflicht ansah, ihn mit selbst gebackenem Kuchen zu bewirten und ihm zu sagen, was für ein idealer Freund er sei. Ihm war klar, dass jede von ihnen freudig über Nina hinwegsteigen würde, um deren Platz einzunehmen – doch gerade der Umstand, dass er Nina treu war, beeindruckte sie alle umso mehr.
Wlad war sich nicht sicher, ob er Nina liebte und ob er überhaupt lieben konnte. Aber das war auch nicht wichtig. Liebe wird ohnehin überschätzt: Zu viele Menschen legen in diesen Begriff ihr eigenes Verständnis, ihre Ideen, ihre Ängste und Erwartungen hinein. Liebe zeigt sich aber immer an ihren äußeren Merkmalen, und die konnte Wlad ohne große Mühe liefern. Außerdem war ihm klar, dass Nina ihm geholfen hatte, seine Träume zu verwirklichen, dass Nina wie er Kinder wollte und dass Nina ihn so sehr liebte, dass diese Liebe für sie beide reichte. Deshalb tat er seinerseits alles, um genau dieser ideale Ehemann zu sein. Denn im Leben muss sich alles schön fügen – das Leben ist schließlich schön.
Fachlicher Kommentar
Nina ist der kompulsive Persönlichkeitstyp; die Grundlage ihrer Persönlichkeit und ihres Charakters ist das genaue Befolgen von Regeln, Traditionen und gesellschaftlichen Normen. Sie muss immer korrekt sein, dem vorgegebenen System entsprechen, die Spielregeln und die Grenzen genau kennen. Sie gehört zu den Menschen, die jede Aufgabe punktgenau erfüllen und im äußeren Chaos die dahinterliegenden Abläufe erkennen können – und auch, wie diese sich zu einem klaren System fügen. Diese Eigenschaften halfen ihr, Wlads Ziele und Bestrebungen klar zu erkennen und, wieder systematisch und gründlich, das umzusetzen, was zur Grundlage ihrer Verbindung wurde.
Wlad ist der narzisstische Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie. Die Grundlage seiner Persönlichkeit ist das Streben, der Beste zu sein und bei den anderen Bewunderung hervorzurufen. Er wird immer versuchen, anders zu sein als alle, aufzufallen, sich manchmal sogar provokant und fürs Publikum zu verhalten. Menschen dieses Typs brauchen „Verehrer“, fühlen sich aber selbst inmitten einer Menge einsam, getrennt von ihr. Menschen des narzisstischen Persönlichkeitstyps ist wichtig, dass alles schön ist, und diese Schönheit besteht darin, dass sich alles schön fügt: ihr Bild und ihre Rolle, ihr Ruf, ihre Taten, ihre Abenteuer und Hobbys. Es ist bei ihnen nur die Frage, welche Rolle genau sie für den Erfolg im Leben gewählt haben. Während derselbe James Bond das Bild des Verführers und Helden wählte und die Siege an der Liebesfront nicht mehr zählen konnte, wollte Wlad sehr wohl seine eigene Familie – und deshalb traf sein Wunsch, das Bild der idealen Familie zu schaffen, hervorragend auf Ninas Fähigkeit, für Behaglichkeit und Komfort zu sorgen und alles richtig zu machen.
Der narzisstische Mann ist in der Regel die Leidenschaft der kompulsiven Frau. Er bringt Farbe in ihr Leben, Emotionen, die sie sich zu zeigen scheut, Ungewöhnliches, aber kein Chaos. Er kann dort Nein sagen, wo es ihr schwerfällt. Ihm fällt leicht zu, wofür sie rund um die Uhr arbeiten würde. Er hat keine Angst davor, unkorrekt zu sein, er genießt es sogar, und das zieht sie an. Sie verliebt sich, für sie ist das ein Zauber, der allerdings viel Mühe verlangt: Ihre Aufgabe ist es, ihn zu erobern. Er kann sie nebenbei beglücken, doch für ihn ist sie irgendwie hölzern, es fehlt ihr an Leidenschaft, und sie bewundert ihn nach seinem Empfinden etwas simpel. Er macht Eindruck, und sie entflammt. Auf ihre Leidenschaft hin kann er sich auf eine Beziehung einlassen. Solange sie brennt, wärmt er sich. Sie liebt; er lässt sich eher lieben.









