Umstände. Kennenlerngeschichte Nr. 45

Umstände. Kennenlerngeschichte Nr. 45

Tamara und Roman begegneten einander zum ersten Mal noch in der Schule. Ihr fiel ein eckiger, schüchterner und scheuer Bursche auf, ihm ein nachdenkliches, verträumtes Mädchen, das sich älter benahm, als es war. Irgendwie ergab es sich von selbst, dass sie mal in den Pausen zusammenstanden, mal im selben Bus nach Hause fuhren.

Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.

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Sie fanden sofort eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Themen und versuchten, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Das versprach, eine Verbindung fürs ganze Leben zu werden, doch dann zogen Romas Eltern in einen anderen Bezirk.

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Zum zweiten Mal führte das Schicksal sie auf einer Jobmesse für Praktikumsplätze zusammen. Beide erkannten einander sofort und wagten es sogar, den Kontakt wieder zu vertiefen. Sie gingen in ein Café bei der Haltestelle, erzählten einander Neuigkeiten und lustige Geschichten und vergaßen die Zeit vollkommen; niemand weiß, wie lange sie noch gesessen hätten, wäre nicht eine Dritte im Café aufgetaucht.

– „Romik, da bist du ja, komm schnell, sonst kommen wir zu spät! Oh! Und wer sind Sie?“, ratterte Galina herunter und stützte sich besitzergreifend auf Romas Schulter.

– „Das ist meine Schulfreundin“, erklärte Roma.

– „Nett. Und ich bin seine derzeitige Freundin und habe ihn überall gesucht. Roma, wir müssen los, komm schon!“

Roman zahlte verlegen, sah Tamara bedauernd an und folgte Galja gehorsam.

Es vergingen weitere fünf Jahre. Roma bekam eine Stelle in einer großen Beratungsfirma, und es traf ihn, auf Dienstreise nach Petersburg zu fahren. Bei Weitem nicht die erste und ganz sicher nicht die letzte. Wie immer war er eine Stunde früher am Bahnhof, kaufte sich eine Jause für unterwegs, Wasser und ein Buch für eine Nacht an einem riesigen Wühltisch direkt vor dem Zugang zu den Bahnsteigen. Wieder so ein Taschenbuch, ein altes, ein Klassiker der heimischen Science-Fiction, wie man ihn nur so billig kauft, um eine Nacht am Bahnhof und im Zug herumzubringen. Der Zug war der einzige Ort, an dem er zum eigenen Vergnügen lesen konnte: In der Arbeit war es üblich, lange zu bleiben, und nach der Arbeit war er nur noch imstande, vor dem Computer Löcher in die Luft zu starren.

Sobald der Zug bereitgestellt war, knickte er die Seite um, steckte das Buch in die Tasche und ging rasch zu seinem Waggon; im Abteil legte er so schnell wie möglich das Sakko ab, schob die Aktentasche unter das Kopfkissen, zog die Beine auf die Liege und las weiter. Die übrigen Fahrgäste kamen später. Ein älterer Offizier und ein jüngerer Soldat als Begleitung. Kurz vor der Abfahrt betrat schließlich rückwärts eine wohl hübsche Dame das Abteil, halblaut vor sich hin murmelnd: „gleich, ganz langsam, ohne Eile, so …“ – mit ihrem Koffer kam sie offensichtlich nicht zurecht. Roman sprang auf, um zu helfen, ohne selbst zu verstehen, warum, und erstarrte. Es war wieder Tamara.

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Von diesem Moment an vergaß Roma das Buch und die Militärs auf den oberen Liegen. Sie plauderten den ganzen Abend, zuerst im Abteil, dann am Gang. Als hätte es die Jahre der Trennung nicht gegeben, als wären sie nie auseinandergegangen. Und zugleich lernten sie einander mit jeder Minute besser kennen. Und die Welt wurde heller, verlässlicher und freundlicher. Wenn nur mit ihr zusammen.

Ein Schlag unter die Gürtellinie war die Tatsache, dass Tamara zu ihrem Verlobten nach Petersburg fuhr. Roman spürte plötzlich, wie seine Welt wieder unwiederbringlich einstürzte, wie der Sinn verloren ging und man überhaupt nicht mehr leben mochte. Diesmal war er sogar frei. Er hatte sogar beschlossen, das sei Schicksal … Aber leider wieder die bösen Umstände: eine andere Stadt, ein anderer Mann. Und dieser andere Mann, dumm und überhaupt nicht zu ihr passend, holte sie am Morgen sogar mit Blumen und einem Grinsen bis zu den Ohren vom Zug ab, dieser Lauser! Ein aufgeblasener Geck, hätten die Klassiker geschrieben. Kann sie mit ihm wirklich genauso von Herzen reden? Hat sie mit ihm wirklich eine solche Nähe, dass man gar nicht erst nachfragen muss und klar ist: Die beiden sind füreinander geschaffen?

Frau des vermeidenden Typs und Mann des paranoiden Typs
Frau des vermeidenden Typs und Mann des paranoiden Typs

Sie tauschten Kontakte aus. Jetzt konnte Roma ihr jederzeit auf Skype oder im LiveJournal schreiben. Eine Telefonnummer gab es auch, eine frische, eine Petersburger, aber sie wusste nie, wann sie sprechen konnte, deshalb war Schreiben einfacher. Und Roma begann zu schreiben, und sie antwortete. Rein freundschaftlich, ohne jeden Hintergedanken. Sie erzählte ihm von Petersburg, er ihr von seiner Arbeit. Manchmal, wenn er auf Dienstreise war, trafen sie sich sogar. Und jedes Mal wurde der Abschied unerträglicher. Roma merkte, dass er von Mal zu Mal stärker von ihrer Meinung abhing, dass er darauf wartete, was sie zu diesem oder jenem sagen würde. Und er wollte niemandem sonst näherkommen. Es war jene Kinder- und Schulliebe, die einfach nie vergangen war.

Er rätselte, was wohl Tamara dachte. Wartete sie auf seine Nachrichten? Interessierte sie, was er ihr schrieb? Was tut sie jetzt, was denkt sie jetzt? Ach, könnte er nur Gedanken lesen! Aber er konnte es nicht, und so fantasierte, konstruierte, litt und träumte er abends. Und dann fiel ihm ein, dass sie ihm fast nie als Erste schrieb, er versuchte, sie zu entschuldigen, wurde traurig … Und wartete.

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Das Warten zahlte sich nach sieben Jahren aus. In der Beziehung zwischen Tamara und ihrem Freund kam es zu einer echten Krise. Er ging fremd, war zu Hause nicht mehr er selbst und ließ seine Launen mit und ohne Anlass an Tamara aus. Tamara versuchte auszugleichen, so gut sie konnte, sie bemühte sich mit aller Kraft, zu bewahren, was war, doch ihr Freund wurde immer dreister. Ihr ging es schlecht, sie war schuld, sie litt und entschied schließlich, dass es genug sei. Wobei selbst Roman schwer sagen konnte, ob sie sich selbst entschied oder vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. So wichtig war das aber auch nicht. Tatsache war, dass sie eine rege Betriebsamkeit entwickelte, ohne zu vergessen, sich selbst zu sagen: gleich, ganz langsam, nicht alles auf einmal, aber zurück nach Moskau. Dort waren die alten Freunde und die betagte Mutter, dort war leichter Arbeit zu finden und die Gefahr geringer, dem Ex-Freund über den Weg zu laufen. Roma bot sich an zu helfen, und so fuhren die beiden – zur Abwechslung in seinem neuen und reichlich überladenen Auto – gemeinsam bei Nacht von der nördlichen Hauptstadt in die Hauptstadt aller Russen.

Tamara plauderte über allerlei Belanglosigkeiten, wieder einmal so, als wären sie nie getrennt gewesen. Roma hörte schweigend zu und dachte, dass er diese Gelegenheit nicht noch einmal verpassen dürfe. Jedes Mal hatten sich die Umstände gegen ihre Beziehung gestellt, jedes Mal war etwas dazwischengekommen. Aber diesmal musste es einfach klappen.

– „Toma, willst du nicht gleich bei mir einziehen?“

– „Bei diiir?“, zog Tamara erstaunt in die Länge, „was, jetzt sofort?“

– „Na ja, deine Sachen sind ohnehin gepackt, was macht es da für einen Unterschied, wohin du ziehst.“

– „Hör mal, wir haben doch überhaupt nicht darüber geredet … So plötzlich …“

– „Was ist denn dabei? Du bist jetzt frei, ich auch. Und wir haben uns wohl mit niemandem so gut verstanden wie miteinander.“

– „Ich bin natürlich dafür, aber solche Dinge entscheidet man doch nicht aus dem Stand … Man muss erst alles besprechen.“

– „Dann besprechen wir es. Was musst du wissen?“

Und sie besprachen es die ganze Fahrt bis Moskau. Darüber, dass man das alles längst hätte tun sollen, darüber, wie schön es war, und darüber, wie alles laufen würde … Und kurz vor dem Moskauer Autobahnring begann Tamara wieder zu zögern. Was, wenn; und wie; und was dann.

– „Hör zu, wenn du nicht willst, dann sag es einfach!“

– „Ich will doch! Nur geht alles sehr schnell …“

– „Ich finde im Gegenteil, es geht langsam. Unsere Beziehung ist länger als alles, was wir beide je mit anderen hatten. Und … Ich kann nicht ohne dich. Ich kann nicht!“

– „Gut, wir versuchen es!“, willigte Tamara ein.

– „Zu deiner Mutter kannst du ja jederzeit ziehen“, schmunzelte Roma.

– „Kann ich, wenn du dich schlecht benimmst“, schmunzelte Tamara zurück.

Zum Zeitpunkt meines Gesprächs mit den beiden hätte Tamara schon über drei Jahre lang zu ihrer Mutter ziehen können, sie zog und zog aber nicht. Und Roman trug sie buchstäblich auf Händen.

Fachlicher Kommentar

Tamara ist der Frustrations-Persönlichkeitstyp (vermeidend) nach der S-Theorie. Die Grundlage ihrer Persönlichkeit ist ein inneres Verbot gegen den schnellen, plötzlichen, unüberlegten Start und ebenso gegen das Abschließen, das Erreichen; sie wird ständig bremsen. Selbst als scheinbar nichts mehr dagegen spricht, mit Roman zusammenzuziehen, geht ihr das zu schnell, und Roma muss sich einiges einfallen lassen, um sie zu überzeugen. Sie hat das Bedürfnis nach Langsamkeit und nach Bedachtheit in allem, was sie tut, denn lieber etwas Wichtiges nicht tun als tun, lieber nicht sagen als sagen; dazu kommt die Abneigung gegen Förmlichkeit, Pomp, übertriebene Strenge und Ernsthaftigkeit. Sie misstraut der Logik, erkennt über die eigene Erfahrung und hat Schwierigkeiten damit, negative Ergebnisse ihres Handelns und die Verantwortung für ihre Entscheidungen anzunehmen. Für sie ist es typisch, Fristen hinauszuzögern und Vereinbarungen und Absprachen nicht rechtzeitig oder gar nicht einzuhalten.

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Roman ist der paranoide Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie. Für ihn sind ängstliche, misstrauische, beunruhigende Anteile im Weltbild und in den überwertigen Ideen und Wünschen charakteristisch, dazu eine feindselige, misstrauische Einstellung zur Gesellschaft insgesamt und zu den Behörden im Besonderen; deshalb beobachtet er lieber und bleibt im Schatten. Menschen dieses Persönlichkeitstyps haben immer ihre eigenen Gedanken, sie sind klug, gebildet und oft sehr wählerisch. Häufig kann niemand ganz durchschauen, warum sie etwas tun oder nicht tun. Roman wird der Wahrheit auf den Grund gehen wollen und alle durchschauen, bevor man ihn durchschaut. Er ist ein hervorragender Analytiker, der bis zum Kern vordringt und jedes noch so verwickelte Geflecht entwirrt. Ebenso charakteristisch sind für ihn überwertige, sehr wichtige und umfassende Ideen und zugleich ein inneres Verbot, sie direkt und offen umzusetzen. Kleine Wünsche kann er dabei ignorieren.

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Die Romanze zwischen einem Mann des paranoiden Typs und einer Frau des vermeidenden Typs beginnt damit, dass die beiden zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind und ziemlich schnell verwandte Seelen entdecken. Es entsteht ein Gefühl gegenseitigen Verstehens. Er stellt fest, dass sie seine Grübeleien verstehen kann. Sie entdeckt einen klugen, wenn auch nicht besonders attraktiven Mann. Das Äußere beschäftigt sie ohnehin weniger: Sie reagiert stärker auf den Kopf als auf den Körper. Und das Grundgefühl lautet: „Schau in mich hinein.“ Sie haben einander angeschaut und verstanden, dass es dort tief ist und man lange erkunden kann.

Aktive Schritte geschehen hier irgendwie von selbst. Er tastet die Grenzen ein wenig ab, sie antwortet, dann umgekehrt. Es entsteht ein langsamer Tanz, der stark an das Ritual der Aufforderung zum Tango erinnert. Beide bemühen sich behutsam, einander nicht in eine unangenehme Lage zu bringen.

Die Beziehung wirkt sich auf ihn sehr positiv aus. Er beginnt womöglich, etwas für seinen Körper zu tun, baut manchmal Muskelmasse auf und nimmt Züge des narzisstischen Typs an – auch wenn das eine Maske ist, hinter der er sich versteckt.

In einer solchen Beziehung sinkt Romans Angstniveau stark, dafür kommen eine Unsicherheit, ein Misstrauen sich selbst gegenüber und eine leichte Verlorenheit auf. Die Tonlage kann sich immer wieder ändern, ständig gibt es den Seitenblick auf sie und ihre Meinung. Diese Meinung wird sehr bedeutsam.

In der Regel ist diese Verbindung sehr stabil. Er verliebt sich fest in sie. Er kann leiden und sich quälen, strebt aber dennoch nach dieser Beziehung. Sie geht zeitweise in eine aktive Phase, kann davonlaufen, und er lässt ihr erst die Freiheit, um dann eine Falle vorzubereiten, in die sie geht. Und dann ziehen sie wieder zusammen.

Die enorme Aufmerksamkeit, die dieses Paar einander schenkt, ist verblüffend. Die Beziehung ist auf gegenseitiger Aufmerksamkeit gebaut. Der Hauptgegenstand des Austauschs lautet: „Was fühlst du?“ Regelmäßig entsteht die Frage der Kinder, was für eine partnerschaftliche Ehe weiblichen Typs charakteristisch ist. Etwa die Hälfte solcher Paare nimmt Kinder auf, und zwar vor dem Hintergrund des Wunsches der Frau; er tut diesen Schritt, weil sie ihm sehr wichtig ist.

Männer wie Frauen des Frustrationstyps haben ein klassisches Merkmal: Sie sind dem Hier und Jetzt am nächsten. Im Moment der Begegnung können sie in vollen Kontakt mit einem Menschen gehen, und dann ist genau dieser Austausch das Wichtigste, was gerade geschieht. Danach aber können sie jahrelang nicht zurückrufen, etwa wenn der Kontakt abgerissen ist: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“

Meldet sich der Mensch plötzlich von sich aus, können sich die Vermeidenden aufrichtig freuen. Deshalb entsteht manchmal der Eindruck, sie seien herzlose Egoisten. Und Männer des paranoiden Typs entfernen sich genau aus diesem Grund nicht weit von einer Frau des Frustrationstyps. Denn wenn man sich weit entfernt, widmet sie sich ihren eigenen Dingen und vergisst ihn.