- „Wusstest du, dass Margaret Mitchell nicht Scarlett für die Hauptfigur hielt, sondern Melanie?“, fragte mich Tamara wie nebenbei.
- „Welche Melanie?“, wunderte ich mich.
Wir hatten uns getroffen, damit ich sie zu ihrer Beziehung befragen konnte. Tamara las alle meine Geschichten, die im Rahmen des Projekts "Liebesgeschichten" wie auch die außerhalb davon, und es fiel mir ziemlich leicht, sie und ihren Mann zu überreden, Vorbild und Urbild der nächsten Geschichte zu werden.
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen KommentarTamara wusste auch, dass wir im Rahmen des Projekts Geschichten aus dem Leben mit Geschichten vergleichen, die das Weltkino verewigt hat – und so ersparte sie mir nicht nur das krampfhafte Durchgehen aller Liebesfilme, die ich in gut 30 Jahren gesehen hatte, sondern nahm mir auch einen Teil der Arbeit ab. Damals im Café, bei einer Tasse Rooibos mit Vanille, wusste ich das allerdings noch nicht.
- „Melanie Hamilton aus "Vom Winde verweht". Es waren die Leser, die sich von Scarlett O’Haras Leuchtkraft begeistern ließen und nur noch auf sie schauten – die Schriftstellerin mochte Scarlett nicht.“
Margaret MitchellIch habe versucht, eine alles andere als bewundernswerte Frau zu beschreiben, über die sich wenig Gutes sagen lässt, und ich habe versucht, ihren Charakter durchzuhalten. Ich finde es absurd und lächerlich, dass Miss O’Hara so etwas wie eine Nationalheldin geworden ist; ich denke, es ist sehr schlimm – für den moralischen und geistigen Zustand einer Nation –, wenn diese Nation eine Frau bejubeln und für sie schwärmen kann, die sich so verhalten hat …
- „Witzig“, sagte ich; ich hatte den Film vor langer Zeit gesehen und verstand noch nicht, worauf sie hinauswollte.
- „Na ja, stille und friedliche Paare interessieren niemanden – unauffällig, häuslich. Wir erinnern uns an Melanie nur, weil wir uns an Scarlett erinnern, und auch das nur, weil die hinter Melanies Mann her war.“
Und da ging mir ein Licht auf: Tamara hatte, ohne es zu wissen, im Weltkino die perfekte Parallele zu sich und Iwan gefunden. Genau jene stille, vorbildliche Familie, das Rückgrat der Gesellschaft. Gute, korrekte, gutherzige Menschen – und für die meisten unerträglich langweilig. Die Leute interessieren sich mehr für Leidenschaften, Intrigen, Ausbrüche und Küsse vor dem brennenden Atlanta. Die aggressiv weibliche Vivien Leigh als entschlossene Scarlett, die schwört, zu rauben und zu töten, aber nie wieder zu hungern, und der ironische Hedonist Rhett. Eine Szene nach der anderen tauchte vor meinen Augen auf, und ich wusste jetzt genau, wie ich die nächste Geschichte aufbauen würde.
Also: Tamara und Iwan. Ein ideales, vorbildliches, stilles und friedliches Paar.
Tamara
Tamara war eine erstaunliche, unglaubliche Frau, deren Leben teils an Heiligenlegenden, teils an Figuren aus Hoffmanns Märchen erinnerte. Sie war Volksschullehrerin. Eine herzensgute, liebenswerte Frau, immer ein wenig müde, ein wenig zerzaust, unfähig, auch nur zehn Minuten einfach zum eigenen Vergnügen dazusitzen – irgendjemandem muss man ja immer helfen, irgendjemanden retten. Weder die schwere Kindheit noch die Notwendigkeit, in den 90ern rund um die Uhr zu arbeiten, wo immer es ging, um die Familie über Wasser zu halten, haben sie gebrochen. Ihre ganze Jugend hindurch bat sie Gott um einen Mann, für den sie sorgen könnte – und heiratete schließlich einen Mann, der nach drei gemeinsamen Jahren einen Schlaganfall erlitt, pflegebedürftig blieb und sie mit zwei Kindern im Abstand von einem Jahr und mit sich selbst als drittem Kind zurückließ. Tamara trug auch dieses Kreuz standhaft. Ihr Mann starb, als die Kinder 11 und 12 waren. Und weitere fünf Jahre später wurde ihr klar, dass die Kinder gleich ins Erwachsenenleben davonfliegen würden und sie allein in der riesigen Wohnung zurückbliebe, die vom Mann geblieben war. Eine andere hätte sich vielleicht gefreut, endlich ausruhen zu können – nur Tamara nicht. Tamara war beim bloßen Gedanken an diese Einsamkeit stumm entsetzt und beschloss deshalb, dringend einen Mann zu finden.
Wo suchen Frauen über fünfzig in der heutigen Welt einen Mann? Es ist genau jenes wunderbare Alter, in dem sich die Karriere gefestigt hat, der Bekanntenkreis feststeht, das Herumziehen durch Bars weder Kraft noch Lust bereitet, von Verrücktheiten Kredit, Kinder, Katzen und Rückenschmerzen abhalten und man schlaflosen leidenschaftlichen Nächten mit hypothetischer Aussicht auf multiple Orgasmen einen gemütlichen Abend mit der Lieblingsserie vorzieht. In diesem Alter geht kaum jemand in eine Bar, um das Familienglück zu suchen; in der Arbeit kennt man jeden in- und auswendig, in den Öffis jemanden anzusprechen gehört sich nicht, und zum Bauchtanz gehen noch ein Dutzend ebenso Verzweifelte. Und für alles andere ist ohnehin weder Zeit noch Kraft da. Also beschloss Tamara, auf Datingportalen zu suchen. Und fand Iwan.
Iwan
Iwan war ein erstaunlich korrekter und ruhiger Mann. Sein Leben erinnerte weder an ein Märchen noch an einen Roman. Es floss gleichmäßig zwischen Datscha und Arbeit dahin, ohne Wellen, ohne Strudel, ohne Verwirbelungen. Iwan arbeitete sein Leben lang als Tontechniker bei einem großen Fernsehsender. Er wühlte in Kabeln und Geräten, justierte, stellte ein und regelte und wartete still darauf, dass endlich die Pension käme. In seiner Freizeit baute er die Datscha aus, kaufte für sie allerlei kostensparende Technik und richtete sich einen Ort her, an dem er in eben jener erwarteten Pension angenehm würde ausruhen können. Verheiratet war er einmal gewesen, Kinder hatte er keine, und seine Frau – eine überaus tatkräftige Person, die ständig etwas forderte – ließ sich von ihm scheiden, heiratete einen sehr reichen Geschäftsmann und dachte danach nicht mehr an Iwan. Im Grunde brauchte Iwan gar keine Frau. Sich selbst versorgen konnte er wunderbar, und sein Lieblingsspruch lautete: "Mein Sex ist das Essen". Dennoch war es irgendwie nicht richtig, ohne die andere Hälfte zu leben. Also meldete auch er sich auf einem Datingportal an. Und sie trafen einander.
Wie bei Ashley und Melanie gab es auch bei Tamara und Iwan keine besonders glühenden Gefühle oder Leidenschaft. Ashley heiratete Melanie der Familientradition folgend, Cousinen zu heiraten. Iwan und Tamara begannen sich zu treffen, weil die Gesellschaft das Alleinsein "verurteilt". Und ja, es war eine schöne Verbindung, aber überhaupt nicht zur Schau gestellt, sondern nur für sie beide. Sie gingen gemeinsam in verschiedene Restaurants, trafen Freunde, besuchten Konzerte und Theateraufführungen. Iwan war maximal korrekt – so korrekt, dass Tamara sich zu sorgen begann, sie sei so alt und hässlich und werde deshalb nicht begehrt. Dabei behielt sie all das für sich und sagte laut nur, wie gut und gutherzig Iwan sei, wie fürsorglich und aufmerksam.
Bald war sie unglaublich oft bei ihm zu Hause. Sie kochte ihm allerlei gesunde und schmackhafte Gerichte, half im Garten, gemeinsam fuhren sie zu Ikea, um Dinge für seine Datscha zu holen, in Baumärkte und auf Märkte. Sie versuchte, ihm in allem zu helfen, und erwartete zu Recht, dass er es genauso halten würde. Leider: Als bei ihr im Badezimmer sämtliche Hängeschränke herunterkrachten, begruben eben diese Schränke auch die Illusionen über Iwan. Vielleicht hatte Tamara zu lange alles allein gestemmt oder zu fest an eine lichte Zukunft und an "echte Männer" geglaubt – jedenfalls wurde ihre Bitte um Hilfe überhaupt nicht erkannt.
- „Wanja, mein Badezimmer ist eingestürzt“ … schrieb sie ihm und hängte Fotos an, in der Annahme, ein echter Mann werde sofort von selbst alles verstehen.
- „Mein Beileid, bei mir ist auch mal was heruntergekommen, war nicht lustig“, antwortete Iwan und stürzte Tamara in stumme Erstarrung: Was schreibt man in solchen Fällen bloß weiter?
- „Ich weiß gar nicht, was ich tun soll …“, schrieb sie zaghaft und hegte die zaghafte Hoffnung, Iwan werde es sich noch überlegen.
- „Na ja, einen Handwerker zu rufen wird nicht billig, aber du bist eine starke Frau, du schaffst das auch allein!“, gab Iwan ihr den Rest.
Der Satz "starke Frau" ist bei uns für viele eine Geißel. Gesellschaft und Klischees schreiben Frauen vor, schwach zu sein, während die Not sie zwingt, immer mehr Männerarbeit zu übernehmen. Faktisch sind alle stark, die ihr Leben und ihre Verantwortung schultern – aber Tamara tat es sehr weh, das zu hören. Eine andere hätte Iwan danach vielleicht zum Teufel geschickt, nur Tamara nicht. Wie bei Melanie kannte Tamaras Güte keine Grenzen und war bereit, vieles zu entschuldigen. Natürlich war sie tief gekränkt, zog sich in sich zurück und überlegte, was sie im Leben falsch mache, dass die Männer sich an ihr die Füße abputzen – seltsamerweise erfuhr Iwan aber auch von dieser Kränkung erst viel später. Ihr war schon klar, dass sie ausgesprochen dumm handelte; nur hatte sich dieses Handeln bis zu unserem Gespräch bewährt und erwies sich nach Tamaras Meinung als beinahe entscheidend für die Entwicklung ihrer Beziehung.
Gott allein weiß, wie lange sie noch platonisch Händchen haltend spazieren gegangen wären, Beete gejätet und Sonnenuntergänge und Vorstadtlandschaften mit Wanjas Smartphone fotografiert hätten, wäre Iwans Exfrau nicht Witwe geworden. Ada war immer eine schillernde und willensstarke Dame gewesen, aggressiv, emotional und fordernd. Jetzt war sie außerdem reich. Und da aus ihrer Sicht Iwans einziger Mangel das Fehlen von Karriereambitionen gewesen war – und damit von genügend Geld für ihr Shopping und ihre Kosmetikbehandlungen –, erschien ihr Iwan nun, da die Frage des Kontostands auf lange Sicht geklärt war, als makelloser Kandidat.
An dieser Stelle der Erzählung empfand ich, wie ich mich erinnere, brennenden Ärger. Mit solcher Mühe hatte ich ein Paar mit den passenden Persönlichkeitstypen für Interview und Geschichte gefunden – und irgendeine Margaret Mitchell hatte mir die Geschichte vor hundert Jahren einfach weggenommen. Ihr mag es inzwischen egal sein, ich aber muss die Leute später überzeugen, dass Iwan und Tamara reale Menschen sind, nur eben mit geänderten Namen. Doch aus einem Lied streicht man keine Wörter, und wann sich ein zweites solches Paar findet, ist ungewiss – also muss ich weitermachen.
Dass es Tamara gab, brachte Ada kein bisschen aus der Fassung. Ihren Exmann kannte sie schließlich in- und auswendig, und in der stillen, bescheidenen, kaum etwas fordernden Tamara sah sie keine ernsthafte Konkurrenz. Wie dreißig Jahre zuvor brach sie wie ein unglaublicher Wirbelsturm in Iwans Leben ein und verlangte alle Aufmerksamkeit nur für sich, ohne Mittagspause. Und der arme Iwan hatte es sehr schwer. Auf der einen Seite Tamara: korrekt, gutherzig und ehrlich, in keiner Weise schuld daran, dass Ada aufgetaucht war. Tamara sorgte sich aufrichtig um Iwan, half ihm und schimpfte nie mit ihm. Auf der anderen Seite Ada: launisch, kapriziös, alle nur denkbaren Regeln brechend, dabei völlig unfähig, Widerspruch und Absagen zu ertragen. Neben Ada fühlte er sich süß-hilflos und wartete nur darauf, dass man ihn "enterte", gefangen nahm, überrannte und ihm sagte, was zu tun sei. Tamara machte das nicht: weich und ideal, ließ sie ihm das Recht auf diese verdammte Wahl, von der ihm der Kopf zu zerspringen begann.
- „Rufst du mich morgen an?“, bat Tamara fast kläglich.
- „Morgen hole ich dich ab, wir gehen zu den Serows! Und zieh ein Sakko an!“, informierte Ada im Befehlston.
Und wozu hatte er sich überhaupt auf neue Bekanntschaften eingelassen? Er hatte allein gelebt und hätte auch weiter so gelebt. Jetzt aber war einfach zu viel Action in seinem Leben. So viel, dass er es nicht aushielt. Am liebsten wäre er weggelaufen. Einfach alles hinwerfen und auf irgendeine einsame Insel fliehen. Er wollte nicht noch einmal mit Ada anfangen, aber widerstehen konnte er ihr nicht. Dabei war ihm völlig klar, wie unrecht er an Toma handelte – und er wusste überhaupt nicht, wie er es ihr sagen und sich bei ihr entschuldigen sollte.
- „Du bist eine ideale Frau, Tamara, ich kann mir niemand Besseren vorstellen, aber …“
- „Was heißt "aber"?“, zuckte Tamara zusammen.
- „Du bist zu gut für mich, du forderst ja nicht einmal etwas, du bittest um nichts. Wie soll ich mich da als Mann fühlen? Ich will dir doch auch helfen.“
- „Wieso bitte ich nicht?“, entfuhr es Tamara, „und was war dann mit dem Badezimmer?!“
- „Du hast doch alles selbst gemacht, ohne mich.“
- „Aber ich habe dich doch gebeten …“
- „Ja? Ein einziges Mal hast du es erwähnt.“
- „Zweimal, um genau zu sein … Und wie oft hätte ich es tun müssen???“
- „So lange, bis ich gekommen wäre und es gemacht hätte. So aber hast du es ohne mich geschafft – wozu brauchst du mich dann?“
Zu sagen, Tamara sei gekränkt gewesen, hieße gar nichts zu sagen. Dieses Gespräch war genau jener letzte Tropfen, der die fast bodenlose Schale ihrer Geduld zum Überlaufen brachte. Völlig emotionslos dankte sie Iwan für die Information, legte auf, legte das Telefon sorgfältig auf das Nachtkästchen – und erst danach brach sie in Tränen aus.

Für beide begann eine dunkle Zeit. Iwan konnte sich nicht dazu bringen, seiner Exfrau wieder zu vertrauen. Einst hatte er sie aufrichtig geliebt, aber das war sehr lange her. Vieles in der Wohnung erinnerte ihn an Tamara – sie hatte ihm hier so vieles einrichten helfen. Er fragte sich, wie es wohl wäre, wenn … Doch sobald Ada ins Zimmer trat, riss er sich zusammen, als fürchtete er, sie könnte seine Gedanken lesen. "Dafür habe ich in der Pension ein reiches Leben, die reinste Dolce Vita!", redete er sich zu – und wurde ihm dabei aus irgendeinem Grund übel.
Tamara wiederum überlegte ernsthaft, warum sie im Privatleben so wenig Glück hatte, warum alle Männer sie nicht zu schätzen wussten und was sie an sich ändern müsste. So kam sie in unseren Klub. Als sie ihren Persönlichkeitstyp erfuhr, freute sie sich, dass sie nun wusste, warum sie so ist. Ihn zu verstehen und all seine Vorzüge zu erkennen, dauerte länger. Etwa ein halbes Jahr später – und das ist sogar sehr schnell – verliebte sie sich in ihren Persönlichkeitstyp und hörte außerdem auf, sich vor dem Alleinsein zu fürchten. "Ich kann wunderbar für andere sorgen, aber erst jetzt habe ich verstanden, dass man in erster Linie für sich selbst sorgen muss", sagte sie bei einem der Treffen.
Mit Iwan führte der Zufall sie wieder zusammen. Ada brauchte ein Jahr, um sich zu erinnern, warum sie und Iwan nicht miteinander ausgekommen waren, und in den Süden zu ziehen, wo die Männer aktiver und herzlicher sind. Tamara anzurufen traute er sich nicht – ihm war klar, dass er es vermasselt hatte; er hatte Angst, malte sich alles Mögliche aus und schwor sich, nie wieder irgendein Datingportal zu betreten. Und dann lief er eines Tages beim Spaziergang durch einen Park mit Schloss am Stadtrand Tamara direkt in die Arme. Sie zeigte Freunden den Park und erzählte begeistert irgendetwas. Und plötzlich war alles wieder wie früher: warm ums Herz, froh in der Brust.
Nein, so einfach endete es nicht. Tamara verzieh ihm natürlich sofort – oder sagte, sie verzeihe sofort. Doch Iwan verzieh sich selbst nicht: Er hatte unrecht gehandelt. Deshalb warb er diesmal mit allem Eifer, sorgfältig und unglaublich romantisch, damit niemandem ein Zweifel bliebe. Und dann machte er ihr nach allen Regeln der Kunst einen Antrag: im Anzug, auf einem Knie, mitten in einem Nobelrestaurant. Und seither lebten sie so: still, friedlich, mit ihrer eigenen Romantik zu zweit, gingen Händchen haltend spazieren, sahen Sonnenuntergänge, besuchten Restaurants, kochten gemeinsam und wühlten im Gemüsegarten. Und was braucht man sonst zum Glück?
Fachlicher Kommentar
Tamara ist der depressive Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie. Sie verkörpert Güte und Geduld; ihre Entscheidungen und Handlungen stehen im Dienst des Beweises, dass sie „gut“ ist, und der Bewertung von außen. Solche Menschen hängen von fremder Meinung ab und glauben zu wenig an sich selbst; deshalb ertragen sie alle Widrigkeiten oft schweigend und leben für andere. Für sie ist wichtig, für die anderen nützlich zu sein, denn sonst könnten die anderen sich von ihnen abwenden. Sie sind außerdem überzeugt, dass man Glück verdienen und erleiden muss und dass es nicht lange dauern kann. Sie gibt sich die Schuld, wenn man sie schlecht behandelt, und sucht das Problem zuerst bei sich, weil sie unbewusst meint, sie sei nicht gut genug. Zugleich sind bei ihr Mitgefühl und die Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen, hervorragend entwickelt. Sie hat gelitten, als sie Iwan seine Taten verzieh – am Ende aber haben die beiden den Kontakt bewahrt.
Iwan ist der kompulsive Persönlichkeitstyp. In seinem Weltbild, in seinen Handlungen, in seinen Gedanken – in allem – stützt er sich auf bestehende Traditionen, Kanones, Logik und Regeln (die seiner Familie, die der Gesellschaft). "So ist es üblich", "so muss man leben", "so handelt man richtig". Ohne einen solchen verlässlichen, stabilen Halt quälen ihn Zweifel und die Schwierigkeit der Wahl, „wie es richtig ist“. Iwan mag Verantwortung von seinem Charakter her nicht besonders und fügt sich eher fremden Regeln, als selbst welche aufzustellen. Darin kann die einzige Ursache für die Unausgesprochenheiten in seiner Beziehung zu Tamara liegen: Sie wird nichts fordern und sich nicht aufdrängen, und er wird alles in seinem Tempo tun, bis jemand Autoritärer wie Ada auftaucht. Zugleich strebt er danach, korrekt zu sein und richtig zu handeln, auch wenn das nicht in Mode ist. Kompulsive Menschen sind Menschen der Logik und der Fakten, die alles, was sie anpacken, sehr gründlich und sorgfältig tun wollen. Sie versuchen, für alles eine rationale Begründung zu finden – denn was nicht rational ist, kann nicht sein.
Im gewachsenen traditionellen System gibt es sehr viele solcher Paare. Eine stille Familie, nicht besonders auffällig. Sie ist mit Haushalt und Kindererziehung beschäftigt. Sobald die beiden sich endgültig füreinander entschieden haben, wird aus der Beziehung schnell eine Familie; die Menschen gehen ganz im Familienleben auf, und dennoch bleibt die Romantik der Beziehung erhalten.
Die Verführung läuft über die Einhaltung sozialer, formaler Rituale. Das Werben ist so, wie es gerade üblich ist, wie es die Gesellschaft gerade annimmt und billigt. Erotik gibt es praktisch keine, Romantik ist gesellschaftlich anerkannt. In ihren Augen entspricht er dem Modell „guter Mensch“. In seinen Augen entspricht sie vollkommen dem Begriff „richtige Ehefrau“. Kompulsive haben Schwierigkeiten mit Emotionen, mit Erleben, mit Gefühlen, ihre emotionale Sphäre ist vollständig unterdrückt. Und dennoch gehören sie zu den romantischsten Menschen – denn die Welt der Romantik ist eine soziale Welt.










