Vor langer Zeit, als ich zu meinem ersten offiziellen Kurs zur S-Theorie bei Dimitri Korenev in „Freuds Erbe“ kam, begann er ihn damit, dass es auf unserem Planeten zwei völlig verschiedene Zivilisationen gebe – und das seien nicht Männer und Frauen, sondern Introvertierte und Extravertierte.
Seitdem ist viel Wasser die Donau hinuntergeflossen, wir alle haben unzählige Erklärungen, Deutungen und Beschreibungen geliefert und unzählige Gespräche darüber geführt, wer Extravertierte und Introvertierte denn eigentlich sind. Wir haben sogar gelernt, sie am Gesicht und an den Bewegungen zu erkennen, ohne mit ihnen zu sprechen (mein neuestes Spielzeug ist es, im Fitnessstudio das Verhältnis von Extravertierten zu Introvertierten zu zählen). Und ich bin es leid, den Leuten zu erklären, dass man sich in dieser Frage nicht an der Populärpsychologie orientieren darf, die Menschen grob nach dem Prinzip „Partytiger – Stubenhocker“ oder „Schweiger – nicht zu bremsen“ einteilt.
Ich habe schon jede Menge Artikel über die Unterschiede geschrieben. Dieser handelt nicht davon. Dieser handelt vom Umgang zweier Zivilisationen miteinander – davon, wo und wie und warum diese beiden Typen einander missverstehen können. Denn langfristige und fruchtbare Beziehungen sind nur zwischen einem Introvertierten und einer Extravertierten möglich, und folglich sind sie von vornherein genau das: eine Begegnung zweier Zivilisationen.
Die Ausgangssituation ist einfach und kommt in der einen oder anderen Form recht häufig vor.
„Du hast mir damals gesagt, ich solle nicht singen, und ich habe auf dich gehört. Deshalb habe ich drei Viertel meines Lebens nicht gesungen und bin mir nicht sicher, ob ich es noch lernen soll.“
sagt die introvertierte O. im Gespräch
Für sie ist in ihrem eigenen Satz der Schlüsselmoment, dass sie gehorcht hat. Sie ist ja Introvertierte, sie kennt sich und hat ihre eigene Meinung über sich – und hier hat sie eine Meinung von außen als selbstverständlich hingenommen, was der Anlass für eine Reihe späterer Fehler war, für die die introvertierte O. die volle Verantwortung übernimmt.
„Ständig greifst du mich an und stößt mich mit der Nase auf meine Fehler!“
ist die extravertierte E. gekränkt
Für sie ist an dem Satz von O. entscheidend, dass über sie gesprochen wird – und zwar nicht besonders wohlwollend. Anders gesagt: E. sieht, dass sie gescholten wird, und schaltet sofort auf Abwehr.
„Ständig drehst du alles auf dich! Begreif doch, dass es längst nicht immer um dich geht!“
ist ihrerseits die introvertierte O. gekränkt
Sie hat hier ihr Innerstes nach außen gekehrt, Schuld und Schwäche eingestanden – und bekommt dafür mitten in die offene Seele gespuckt.
Introvertierte kennen sich selbst gut und erkunden ständig die Welt um sich herum. Extravertierte kennen die Welt hervorragend, erkunden aber ständig sich selbst.
Das ist zu einer Art Mantra geworden, das wir jedes Mal wiederholen und auslegen. O. glaubt aufrichtig, dass jeder sich selbst kennt, aber nicht die anderen, und beschreibt dem anderen deshalb ihren Gedankengang – woher sollte er ihn sonst kennen. E. erkundet sich selbst und behandelt jede Situation wie einen Spiegel, der ihr sie selbst zeigt. Und so wird auch die Situation mit O. in erster Linie als Spiegel betrachtet – und als einer, der sie nicht besonders vorteilhaft zeigt.
Und so ist es in allem, und zwar völlig unterbewusst. Extravertierte suchen sich selbst über das Äußere und suchen in allem Äußeren sich selbst. Introvertierte dagegen sind ihrer selbst sicherer; sie suchen etwas für sich und für andere, denn auch die Gemeinschaft ist für sie ein Gegenstand des Erkennens und der Bewunderung.
Wenn ein Mensch nicht sicher ist, ob er Extravertierter oder Introvertierter ist, dann ist er höchstwahrscheinlich Extravertierter. Denn Introvertierte wissen, selbst die aktiven, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle klar, wer sie sind.
Ich habe ein Experiment gemacht und beide Typen gebeten, eine Anzeige für eine Dating-Seite zu schreiben. Die introvertierten Frauen schrieben alles klar: Ich bin die und die, ich kann das, ich will jenes. Wenn Sie einen Introvertierten überzeugen wollen, legen Sie klar und ohne Füllwörter dar, was gebraucht wird und warum. Einem Introvertierten genügt meist ein Schema, ein System, dessen Verständnis sich mit etwas in seinem Weltbild verbindet – und er liefert ein knappes „Ja“ oder ein ebenso knappes „Nein“.
Bei Extravertierten funktioniert das nicht. Sie brauchen das introvertierte Bild und Schema der Welt überhaupt nicht, denn sie sehen die Welt und verstehen sie auf irgendeine magische Weise (aus meiner introvertierten Sicht), sie verstehen, wie man handeln muss. Und sie suchen in der Welt sich selbst, ihr Spiegelbild und ihren Platz. Deshalb beschrieben die extravertierten Frauen in denselben Anzeigen für die Dating-Seite genau diesen Platz: ein romantisches Abendessen im Grünen, einen Topf duftender Krautsuppe, eine Umarmung am Bug eines Kreuzfahrtschiffs und ein Bärenfell vor dem Kamin. Aber nicht sich selbst – sich selbst suchen sie ja selbst (und werden sie am Ende auch nur mithilfe von Introvertierten finden). Deshalb ist Werbung mit schönen Menschen, luxuriösem Ambiente, allgemeiner Bewunderung und Slogans wie „Du bist es dir wert“ rein extravertiert.
Daraus ergibt sich der nächste „klassische“ Dialog zwischen Extravertierten und Introvertierten, nennen wir ihn „Po und Rock“. Klassisch deshalb, weil es dazu Witze und Sketche ohne Zahl gibt.
„Schatz, macht mich dieser Rock dick?“
fragt unweigerlich die Extravertierte
Sie braucht Feedback von der Welt. Wenn eine Introvertierte so etwas fragt, dann nur zur Mimikry: Alle fragen ja offenbar so, also gehört es sich wohl. In Wahrheit weiß die Introvertierte ohnehin alles und wird Ihre Worte am Ende gegen Sie verwenden. Ich habe es ausprobiert, des Experiments wegen. Und mein extravertierter Mann hat sich virtuos um eine direkte Antwort herumgedrückt.
In Wahrheit muss es aber gar nicht um den Rock gehen. Es kann um gekochtes Essen gehen, um Gesang, um die Lösung eines Problems, um die nächste Qualifikation und so weiter und so fort. Der Einfachheit halber bleiben wir beim Rock. Wichtig ist zu verstehen: Dieser Rock ist nur eines von vielen möglichen Szenarien, und keines davon hängt von der Verteilung der Geschlechter ab. Es ist völlig gleichgültig, ob der Dialog in einem Paar Mann–Frau, Mann–Mann oder zwischen zwei Frauen stattfindet. Das Schema (ja, den Artikel schreibt eine Introvertierte, die es dem Artikel zuliebe zwar versucht, ihr Wesen aber nicht ändern kann) ist überall dasselbe.
Der Introvertierte antwortet entweder schlicht „macht er nicht“ oder, wenn er wirklich bester Laune ist, „aber wo denn, der Rock sitzt sehr gut an dir“. Die Extravertierte im Rock strahlt, wiederholt die Frage womöglich noch drei Mal, angereichert um „Bist du sicher?“ und „Ganz sicher?“, und flattert davon.
Und jetzt Achtung: Für den Introvertierten ist die Frage damit erledigt. Punkt. Die Meinung wurde gesagt, gehört, alle sind glücklich. Von wegen.
Wie schon geschrieben: Der Introvertierte kennt sich und seine Meinung. Die Extravertierte aber braucht Feedback von der Welt, und mit diesem einen Introvertierten hört die Welt nicht auf. Und so beobachtet der Introvertierte plötzlich verblüfft, wie die Extravertierte im Rock dieselbe Frage noch fünf Freundinnen stellt oder sie gleich in den sozialen Netzwerken postet.
Und manche schaffen es sogar, mit dem überall eingesammelten Feedback zu genau diesem Introvertierten zurückzukommen: „Stell dir vor, Mascha und Katja haben gesagt, der Rock sei nicht mein Stil und stehe mir nicht!“
Aus Sicht der Extravertierten ist hier alles logisch. Sie sind in ihrem Element, haben eine Umfrage gemacht, Meinungen gesammelt, sich von allen Seiten in den Spiegeln betrachtet, die die Welt uns schenkt, und ... völlig unentgeltlich, also gratis, das gesammelte, überaus wertvolle Feedback mit dem Liebsten geteilt (oder mit der Freundin, oder mit Mama und Papa, oder mit der Tochter und dem Sohn).
Aber der Introvertierte nimmt das nicht so wahr. Der Introvertierte hat seine Meinung schon gesagt, das Thema geschlossen und sich entspannt – und da kommt jemand und signalisiert ihm: Du hattest unrecht, und überhaupt ist uns deine Meinung keinen Groschen wert. Denn wenn man sie schätzen würde, wäre man nicht losgelaufen, um eine Umfrage zu machen. Und schon gar nicht käme man mit einer Miene zurück, als hätte man ihn überhaupt nie gefragt. Nicht dafür hat der Introvertierte sich von seinen wichtigen Überlegungen losgerissen und ganze drei Mal geduldig analysiert und ehrlich geantwortet, damit die Extravertierte jetzt so tut, als hätte es das alles nicht gegeben.
Denn der Introvertierte kennt sich ja und weiß, dass er ehrlich geantwortet hat. Und hier zweifelt man an seiner Expertise – und damit an ihm selbst. Und der Introvertierte, der die Welt erkennt, indem er Modelle der Welt baut und sie auf ihre Stimmigkeit prüft, versteht: Entweder die Extravertierte oder sein Modell der Extravertierten ist völlig unstimmig. Denn der Introvertierte sucht kein Feedback über sich selbst und kann von Haus aus nicht denken wie eine Extravertierte.
Deshalb ziehen sich die meisten Introvertierten nach so einer unbeabsichtigten, aber doch spürbaren Ohrfeige in sich zurück und beginnen nachzudenken, Modelle umzubauen, Variablen anzupassen und sich überhaupt – aus extravertierter Sicht ganz unverständlich – den Kopf zu zerbrechen. Und nach der x-ten „entwerteten“ (natürlich nur aus introvertierter Sicht) Meinung kommt womöglich so etwas heraus wie: „Wozu brauchst du meine Meinung überhaupt, dir ist sie doch egal!“
Und dieses Feedback wiederum bewertet die Extravertierte als vollkommen absurd, falsch und äußerst kränkend. Wieso egal???? Wäre es egal, hätte sie gar nicht gefragt!
Tatsächlich ließen sich noch Dutzende weitere Beispiele anführen und anhand des Mantras durchgehen: „Introvertierte kennen sich selbst gut und erkunden ständig die Welt um sich herum. Extravertierte kennen die Welt hervorragend, erkunden aber ständig sich selbst.“
Um alle Situationen durchzusprechen, könnte man ein mehrbändiges Werk schreiben. Ziel dieses Artikels war es nur, auf diese Unterschiede aufmerksam zu machen. Und begreiflich zu machen, dass Ihr Partner nach allen Gesetzen der Anziehung, der Beziehungen und einer recht umfangreichen gesammelten Statistik mit ziemlicher Sicherheit einer anderen Zivilisation angehört als Sie und die Welt deshalb aus einer völlig anderen Perspektive sieht. Denn Beziehung ist Entwicklung, und Entwicklung ist ausschließlich in genau so einer Begegnung zweier Zivilisationen möglich.
Und diese Begegnung lässt sich stark vereinfachen, wenn man versteht, wer wer ist – und in erster Linie sich selbst versteht.







