Spannung. Kennenlerngeschichte Nr. 20

Spannung. Kennenlerngeschichte Nr. 20

Die Sache spielte in einer Werbeagentur. Sascha und Nastja waren die führenden Fachleute im Erschaffen von Schönem und zugleich ewige Konkurrenten – dazu bestimmt, die Agentur entweder in nie gekannte Höhen zu heben oder sie endgültig zugrunde zu richten.

Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.

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Nastja war umwerfend: ebenmäßige Gesichtszüge, ein munterer Blick, stilvolle Kleidung, schön gelegtes Haar und eine bezaubernde Liebe zu sich selbst. Keine Selbstverliebtheit, sondern genau das: Liebe zu sich, ehrliche Bewunderung für sich und den eigenen Körper, die alle ringsum ansteckte. Nastja fand zu jedem den richtigen Zugang, sie konnte jedes Projekt verkaufen, weshalb man sie so oft in Verhandlungen schickte. Sie hatte ein riesiges Netz an Kontakten, man erkannte sie und lief ihr nach. Sie verströmte geradezu ein Fluidum, das alle ringsum verzauberte und ihnen das Gefühl gab, das Dasein sei unwirklich, märchenhaft ...

– „Alles Blödsinn! Schöne Augen reichen nicht, um ein Werbekonzept zu bauen! Dafür braucht man Hirn!“, erklärte Sascha wie nebenbei und holte damit alle gewaltsam auf den Boden der Tatsachen zurück, „wer sein Hirn also noch nicht abgeschaltet hat, den bitte ich, auf die Präsentation zu schauen!“

Und das lag nicht daran, dass Nastja dumm gewesen wäre – im Gegenteil, solche Profis muss man erst einmal suchen. Es lag eher daran, dass Sascha allzu gern betonte, wie klug er doch sei; jüngere Praktikantinnen, vor allem die zarten, verträumten, trieb er damit mitunter zu Tränen und Gefühlsausbrüchen.

Klug war er unbestreitbar, einer von denen, die noch Reste der sowjetischen Ausbildung mitbekommen hatten, was ihnen das Recht zu geben schien, sich allen übrigen armen Würstchen überlegen zu fühlen. Ihn zeichneten weiß Gott wie viele Diplome aus, die Fähigkeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit irgendeinen Nietzsche zu zitieren, breiteste Kenntnisse in Geschichte, Philosophie, Literatur, Psychologie und Werbung, die Gabe, in Sätze aus drei Wörtern den Inhalt von drei Druckseiten zu pressen, Politiker und Geschäftsleute treffsicher und sarkastisch abzuwatschen und natürlich die Fähigkeit, so kreative Lösungen zu finden, dass es Kundschaft wie Belegschaft den Verstand raubte. Kurz: Wäre er nicht so genial gewesen, hätte man ihn gevierteilt. Natürlich hatte Sascha weniger Fans als Nastja, aber selbst die, die ihn nicht ausstehen konnten, sahen seiner Arbeit mit Vergnügen zu.

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– „Ich stimme unserem Koschtschei dem Unsterblichen zu“, Nastja sah selbstzufrieden auf die grinsenden Kolleginnen und Kollegen und auf Sascha, der das „Kompliment“ sichtlich genoss – Koschtschei, der dürre, knochige Unsterbliche aus dem russischen Märchen, passte gut, denn Sascha war tatsächlich lang aufgeschossen und eckig –, „und ich bitte zu beachten, dass das von meinem Team entwickelte Konzept die Zustimmung der Zielgruppen und der Auftraggeber gefunden hat; der erste Launch ist für nächste Woche geplant.“

Etwa solche Wortgefechte belebten selbst die tristesten Sitzungen und Besprechungen, luden die Luft mit intellektuellen Pheromonen auf und schliffen bei beiden Stars der Agentur die Kunst der spitzen Bemerkung. Bis der Agentur eines Tages der Auftrag für das komplette Rebranding eines der führenden Mobilfunkanbieter des Landes zufiel – ein Millionenvertrag, der sie auf ein völlig neues Niveau heben sollte. Da war es mit den Scherzen vorbei: Sascha wie Nastja gingen in Jagdstellung, entschlossen, alles zu tun, damit der Auftrag ihnen zugeschlagen würde. Und gleich nach dem Startschuss begann das Duell des Jahrtausends.

In beiden Gruppen brodelte die Arbeit: Umfragen wurden gemacht, Vorlieben erforscht, Brainstormings einberufen, Entwürfe gnadenlos in Fetzen gerissen, die Spannung stieg, und die Luft wurde dichter. Bei jeder Begegnung tauschten Sascha und Nastja eifersüchtige Blicke und recht hochmütige Bemerkungen. Je näher die Abschlusspräsentation rückte, desto mehr Kräfte warfen alle in den Kampf; die Belegschaft schleppte sich mit letzter Kraft aus dem Büro nach Hause, und die Kaffeevorräte in der Küche schwanden besonders schnell. Sascha und Nastja kamen als Erste ins Büro und gingen als Letzte, und weder er noch sie hörten auf den Rat, sich auszuruhen oder abzulenken.

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An einem weiteren späten Abend, nach langen Stunden im Büro, merkte Nastja: Wenn sie jetzt nicht sofort frische Luft bekäme, würde sie schlicht umkippen. Sie ging hinauf in die Etage für Konferenzen und Besprechungen, schlüpfte auf den Balkon und sog die frische Luft ein mit dem Genuss eines vor Durst erschöpften Wanderers, der endlich an eine volle Feldflasche kommt. Die Stadt breitete sich unter ihr aus in ihrer ganzen Schönheit, blinkte mit Lichtern, schillerte in Werbebannern, floss in Autoströmen dahin und pulsierte in ihrem eigenen musikalischen Rhythmus. Es war bezaubernd schön, verlockend – und da begriff sie, welches Werbekonzept sich anbot: genau diese Schönheit, atemberaubend, mitreißend, so nah und so unsichtbar für jene, die dort unten wie Ameisen umherlaufen, ohne sich als Teil eines so großen und beseelten Wesens zu begreifen, das gnädig und erbarmungslos, geizig und großzügig zugleich ist. Das war der Moment, um dessentwillen die ganze Hetzerei, der ganze Trubel und das ganze Chaos veranstaltet worden waren. Es war ein Moment der Erleuchtung, fast ein Orgasmus, höchster Genuss und größte Klarheit.

– „Schön, dich so glücklich zu sehen!“

Nastja machte vor Schreck einen Satz: Sascha saß offenbar schon die ganze Zeit auf demselben Balkon und beobachtete sie interessiert.

– „Was machst du hier?“

– „Ich hoffe, dass Sauerstoff meinem Hirn auf die Sprünge hilft.“

– „Na ja ...“ – Nastja war klug genug zu verschweigen, dass ihr genau diese Methode gerade geholfen hatte.

– „Wir haben uns festgearbeitet, wir sehen nichts mehr außer diesem verdammten Projekt ...“ – Sascha stand auf und trat ans Geländer –, „und das Leben läuft, es rast davon ...“

Nastja sah Sascha fast zärtlich an: Zum ersten Mal seit Langem hatte er die Rüstung aus Sarkasmus abgelegt und war einfach nachdenklich, anziehend, ein wenig geheimnisvoll. Und dann geschah vor dem Hintergrund all dieser Eingebungen und Ereignisse etwas, und die ganze Welt kippte. Die Schönheit der Stadt, der Widerschein der Nachtlichter in seinen Augen und die Wärme seiner Hände ...

– „Und wie willst du weiterleben?“, erkundigte sich Sascha eine halbe Stunde später.

– „Na ja, das ist doch alles unverbindlich, oder? Ich meine, nicht so ernst ...“, stammelte sie.

– „Nein, nur so, um Spannung abzubauen ...“, antwortete er, „und wusstest du, dass die Jungs in der Abteilung ein SaNa-Meter erfunden haben?“

– „Ein SaNa-Meter?“

– „Genau, ein Sascha-Nastja-Meter – ein Messgerät für die Spannung zwischen uns, das anzeigen soll, wann wir einander endlich umbringen.“

– „Geistreich ...“

– „Ja, und jetzt ist ihr SaNa-Meter hin, endgültig hin!“, grinste Sascha.

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Am Morgen konnte Nastja ihre Kolleginnen und Kollegen kaum erwarten, um ihnen die Richtung der Arbeit zu erklären. Auf dem Tisch lagen verstreut Entwürfe und Notizen, und Nastja strahlte heller als je zuvor. Vor dem Hintergrund ihres genialen Konzepts maß dem niemand besondere Bedeutung bei – und schon gar nicht brachte es jemand damit in Verbindung, dass Saschas Spitzen und Sticheleien ihr gegenüber um einiges milder geworden waren, um nicht zu sagen: zärtlicher.

Die Arbeit brodelte, Schönheit entstand, trat hervor, gewann Form und Inhalt, die Stunden flogen mit Überschallgeschwindigkeit, und nach der Arbeit schafften es Sascha und Nastja sogar noch ins Restaurant oder in eine Bar. Im Büro gab es diese wunderbaren „geheimen“, für alle sichtbaren Zeichen der Aufmerksamkeit, halbe Blicke, halbe Berührungen, wie beiläufig, wie zufällig. Sascha kam immer öfter in Nastjas Teil der Firma, beriet sich mit ihr und warf Ideen ein – bis er zufällig ihre Entwürfe sah.

– „Das war es, ich habe verloren!“, gab er ohne besondere Enttäuschung zu.

– „Nicht sicher, du bist doch so genial!“, empörte sich Nastja zur großen Verwunderung der vorbeigehenden Kolleginnen und Kollegen.

– „Ich kann nur an Zauber glauben – du hast ihn erschaffen.“

Zum vereinbarten Termin wurde Nastjas Konzept von den Vertretern des Unternehmens begeistert angenommen, die Belegschaft atmete auf, und Sascha bereitete Nastja eine verdiente „Honigwoche“. Das Leben kehrte in die alte, gewohnte Spur zurück, ohne Überstunden und ohne Stress. Auch in die Beziehung von Nastja und Sascha brach der Alltag ein. Es gab keine Deadlines mehr, keine Spannung, keine Hetze. Geblieben waren Verpflichtungen, Erwartungen, Einschränkungen und all die anderen Annehmlichkeiten des gemeinsamen Lebens nach dem Ende der Flitterwochen.

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Nastja hatte sich schöneres Werben erwartet, mehr Anwesenheit, mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge, wie es sich in einer schönen und stabilen Beziehung gehört. Sascha schien in die Arbeit zu flüchten, stürzte sich kopfüber in das nächste Projekt und ignorierte Nastja fast. Eine Zeit lang lief sie ihm nach, lud ihn zu Veranstaltungen ein, doch irgendwann wurde sie es müde, ihm nachzulaufen, war zornig, war gekränkt, entschied, sie sei nicht gut genug, litt und begann Sascha zu meiden. Sascha tobte und schimpfte, sie solle nicht die Opferrolle spielen, wurde bissig – doch wenn er den Bogen überspannt hatte, wurde er unglaublich romantisch, begann Nastja neu zu erobern und um Verzeihung zu bitten, nicht mit Worten, sondern mit Taten. Nastja schmolz, nahm ihn zurück, sie verbrachten Zeit miteinander – und wieder wurde es Sascha zu eng. Nicht einmal wegen Nastja, nein, sie ließ ihm gerade alle Freiheit. Eher wegen der Einsicht, dass genau das der Alltag war, wegen der Einsicht, dass man für diese Beziehung ständig etwas tun musste. Und wieder flüchtete er ins nächste Projekt.

Jedes Pendel wird, so kräftig man es auch anstößt, früher oder später langsamer und bleibt stehen. So war es auch bei ihnen: Jedes Mal wurden die Versuche zu fliehen und einzuholen schwächer, der Sex alltäglicher und seltener. Früher oder später verstanden sie nicht mehr recht, was sie aneinander so entzündet hatte, was den Funken in ihre Beziehung gebracht hatte. Waren sie wirklich dazu bestimmt, ein graues, gewöhnliches Paar zu werden wie die meisten, unauffällig, nicht der Rede wert?, dachte Nastja, während sie mit letzter Kraft versuchte, Sascha zu entfachen, damit es wieder würde wie früher. Doch weder er noch sie wussten, wie sie ihrer Beziehung die Leuchtkraft und Fülle des Anfangs zurückgeben sollten.

Und da bekam ihre Agentur den nächsten großen Auftrag, diesmal von einem großen Hersteller von Sportbekleidung. Wieder ein riesiger Auftrag mit vielen Möglichkeiten und Perspektiven, einer von denen, mit denen man später weltberühmt werden kann. Nastja spürte einen unglaublichen Auftrieb: Endlich konnte sie sich zeigen, sich von diesem Alltag ablenken und von dem völlig unverständlichen Hin und Her mit Sascha. Wie von selbst richtete sie sich auf, lächelte ... Und spürte einen aufmerksamen Blick auf sich. Ohne zu zögern drehte sie sich in Saschas Richtung und traf seinen Blick. Seine Augen brannten vor Eifer, genau jenem, den sie schon lange nicht mehr an ihm gesehen hatte. Doch neben dem Eifer war da auch Leidenschaft. Er war bereit für einen neuen Zweikampf, er dürstete danach, er freute sich auf ihren neuen Wettstreit. Und außerdem sah sie in seinen Augen ein unglaubliches Begehren, fast wie damals am Anfang ihrer Beziehung. Wahrscheinlich sah ihr eigener Blick genauso aus. Und sie wusste schon im Voraus, dass sie beide nach den Verhandlungen dringend würden verschwinden müssen – die Spannung stieg ja bereits. Und das Projekt versprach sehr, sehr intensiv zu werden.

Fachlicher Kommentar

Nastja ist der narzisstische Persönlichkeitstyp. Sie strebt danach, in allem die Beste zu sein, damit andere sie bewundern. Obwohl der Schwerpunkt darauf liegt, die eigene Unabhängigkeit zu beweisen, bleiben alle Entscheidungen und Handlungen von Menschen dieses Persönlichkeitstyps von Bewertungen von außen abhängig. Schönheit ist ihr sehr wichtig, und sie will sie der Welt durch ihre Arbeit schenken. Menschen von Nastjas Persönlichkeitstyp verstehen es wie kaum jemand sonst, das Bild eines erfolgreichen und attraktiven Menschen zu erschaffen, zu formen und zu spielen, und dieses Bild berücksichtigt sowohl die Prioritäten als auch die Werte narzisstischer Menschen. Dabei werden solche Menschen selbst dann, wenn sie eine Schar von Fans um sich versammelt haben, so etwas wie Einsamkeit in der Menge empfinden – denn Menschen wie sie gibt es ja gar nicht, und Menschen ihres Niveaus sind rar.

Mehr über den narzisstischen Persönlichkeitstyp erfahren

Sascha ist der schizoide Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie. Die Besonderheit von Menschen seines Persönlichkeitstyps liegt darin, dass sie das Erleben, das sie überflutet, in Form ideell-symbolischer Strukturen nach außen bringen: als Ideen, Kreativkonzepte, Metaphern, Zeichnungen und Ähnliches. Für Menschen von Saschas Typ ist es charakteristisch, allerlei überwertige Ideen zu entwickeln, sich demonstrativ von den Emotionen abzugrenzen, impulsive Entscheidungen zu treffen und anschließend alles logisch begründen zu wollen. Zugleich sind Menschen dieses Persönlichkeitstyps Freiheit und das Fehlen von Einschränkungen sehr wichtig, weshalb sie ihre Grenzen mitunter zu aggressiv verteidigen oder sich von der Gesellschaft distanzieren können.

Über den schizoiden Persönlichkeitstyp lesen

Für die Beziehung einer Frau des narzisstischen Typs und eines Mannes des schizoiden Typs ist ein heftiges Aufflammen der Leidenschaft typisch – und danach, wie es eben kommt. Die ganze Zeit ein Gefühl von Brodeln, Romantik, Umwerfendem. Das sind Tom und Jerry: ein Hin und Her, immer hintereinander her.

Oft beginnt die Beziehung vor dem Hintergrund eines Wettstreits, einer Konkurrenz, die aus dem Nichts entstehen kann. Je mehr Wettstreit, desto näher kommen sich die beiden, denn das Ganze hat einen spielerischen Beiklang, und beide glauben nicht an seinen Ernst. Er kann Romantik mitunter gut und sorgfältig durchdenken. Er hält sich für den Besten. Und sie hält sich, auch wenn sie zweifelt, ebenfalls für die Beste. So trafen sich zwei Vollkommenheiten.

Beide Persönlichkeitstypen sind aktiv. Für eine langfristige Entwicklung der Beziehung ist es wichtig, dass sie lernen, miteinander Absprachen zu treffen und feste Regeln zu entwickeln. Die Besonderheit genau dieser Typenkombination liegt darin, dass gerade ihre Aktivität vor dem Hintergrund des Wettstreits ihre Leidenschaft entfacht.