Eine Generation in der Falle „Ich bin zu gut für die Arbeit“

Eine Generation in der Falle „Ich bin zu gut für die Arbeit“

Sie sind solchen Menschen sicher schon begegnet – klug, gut ausgebildet, blendend aussehend, ziemlich jung, meist ohne Familie und ohne feste Arbeit. Und immer stellt sich dieselbe Frage. Warum? Findet dieser Mensch wirklich keine Arbeit? Warum gründet er keine Familie?

Können sie nicht oder wollen sie nicht? Und „können nicht“ heißt hier nicht, dass mit ihnen etwas nicht stimmt oder dass sie ungeeignet wären. Die Frage liegt anders. Meistens ist es jene Generation, die im Übergang von der Sowjetunion zu Russland geboren wurde. Oder es sind die Millennials, also die Kinder der Nullerjahre und der Jahre knapp davor und danach. Im ersten Fall ist ein Mensch also in dem Moment geboren, in dem die einen Muster fröhlich zerbrochen wurden und die anderen völlig spontan entstanden und ungeprüft für bare Münze genommen wurden. Im zweiten Fall sind es Menschen, die unter den Einfluss verschiedener groß beworbener Ideen geraten sind.

Ein Beispiel. In meiner Kindheit – in den 80er-Jahren – war das Bild des arbeitenden Menschen, des Werktätigen, überall präsent. Im Kino, in Zeitungen, Zeitschriften, sogar in Liedern: „Wir sind keine Heizer und keine Zimmerleute, wir sind Monteure in luftiger Höhe“. In Filmen zeigte man arbeitende – was heißt arbeitende: schuftende – Menschen, und sie sahen aus wie Helden und wurden auch als Helden gezeigt, sie spielten die positiven Rollen. Der allseits bekannte oscarprämierte Film „Moskau glaubt den Tränen nicht“ – lerne und arbeite beharrlich, dann wirst du Direktorin eines Werks. Auf die anderen, stellenweise strittigen Aspekte dieses Films gehen wir hier nicht ein. Mir geht es darum, dass jede Arbeit geachtet und würdig war. Und genau das wurde propagiert und vermittelt – die tägliche und nicht immer leichte Arbeit. Das war gesellschaftlich anerkannt. Alle anderen nannte man Faulpelze und Tagediebe. Punkt.

Ich nenne einige Gründe für dieses Problem, das sich heute leider bei vielen jungen Menschen bereits herausgebildet hat.

„Das ist nicht meins“

In letzter Zeit ist es Mode geworden zu sagen: „Das schwingt in mir nicht mit“, „Ich suche mich selbst“ oder „Das ist nicht meins“. Hier kommen zur Risikogruppe die ganz jungen Menschen dazu, die ich oben erwähnt habe – die Millennials (diese Menschen sind etwa 20 bis 25 Jahre alt).

Die Sätze sind an sich gut, ich habe nichts gegen sie. Es ist wichtig zu verstehen, was du fühlst und warum du genau das fühlst. Als Fachfrau weiß ich genau, wie wichtig das ist.

Aber! Wie so oft ist eine gute Idee über sich selbst hinausgewachsen und zu einem entstellten Zerrbild ihrer selbst geworden.

Er bleibt im Erleben stecken, badet darin, und automatisch fallen die übrigen Facetten des eigenen Lebens aus seinem Aufmerksamkeitsfeld heraus – Arbeit, Familie, also das, was in gewissem Maß immer unantastbar war, eine Grundbedingung und das Fundament eines gestandenen Menschen.

Menschen kündigen zum Beispiel ihre Arbeit mit der Begründung, sie befriedige sie nicht, und vergessen dabei, dass Arbeit eine Hauptfunktion hat – den Verdienst, der es wiederum ermöglichen kann und soll, alle übrigen Motive, Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen.

Als jemand, der in einer Personalvermittlung gearbeitet hat, kann ich mit voller Überzeugung sagen: Unter lauter gleichwertigen Bewerbern wird man Sie nur dann auswählen, wenn Sie ein gesundes, ausgebildetes Motiv haben – Geld verdienen und Karriere machen wollen, wiederum um des höheren Gehalts willen. Alle anderen Motive bringen Sie bei einer guten HR-Fachkraft nicht weiter.

„Der Chef hat meine Meinung nicht beachtet, ich war ein Rädchen im Getriebe“

Eine weitere Beobachtung aus der Erfahrung in der Personalauswahl. Ein Bewerber kommt zum Gespräch. Es gibt eine Reihe von Standardfragen. Eine davon lautet: Warum haben Sie Ihre vorige Stelle verlassen? In den letzten Jahren hört man oft den Gedanken „Der Chef hat meine Meinung nicht beachtet, ich war ein Rädchen im Getriebe“ und Ähnliches. Man möchte solchen Leuten, die mehrheitlich gute Fachkräfte sind, aber eben mit genau diesem verschobenen Motiv, am liebsten sagen –

Das ist alles. Juristen nennen das ein entgeltliches Schuldverhältnis. Der Chef muss nicht gut sein und dich nicht verstehen, er muss die ihm unterstellten Mitarbeiter führen und kontrollieren, und der Mitarbeiter muss seine Pflichten sauber erfüllen. Das ist sein ganzer Funktionsumfang.

„Sei du selbst“

Sehr populär und tausendfach verbreitet ist heute der Gedanke „Sei du selbst“, „Du schuldest niemandem etwas“ und so weiter. Und wieder sehen wir, wie eine im Kern gesunde Idee zum Krüppel gemacht wird.

Man selbst sein, nicht mit dem Blick auf den Nachbarn leben – wunderbar, aber das heißt nicht, ins Extrem zu verfallen. Du darfst anders sein als dein Nachbar, solange du erfolgreich bist, unabhängig vom Nachbarn. Dasselbe gilt für das „Du schuldest niemandem etwas“.

Unter Schuldigkeit verstehe ich zumindest, der Familie keine zusätzlichen Probleme zu machen. Auf dieser Gedankenfalle sind in letzter Zeit verschiedene spirituelle Praktiken sehr gut vorangekommen. Denn dieser Gedanke ist in vielen Strömungen zentral. Aber vergessen wir nicht die Umformung einer ursprünglich richtigen Idee. Wie alles Übersteigerte hat sich auch das verändert. Und statt zu nützen, begann es zu schaden.

„Bei allen ist alles gut, schön und ohne Anstrengung“

Eine weitere äußerst gefährliche Falle unserer Zeit sind die sozialen Netzwerke: „Bei allen ist alles gut, schön und ohne Anstrengung“. Und unser Bewusstsein glaubt daran. Wir sehen ja nur das schöne Bild, das Bonbonpapier, und denken nicht darüber nach, wie viel Mühe ein Mensch aufgewendet hat, um Silvester auf den Malediven zu feiern, wie viel er dafür gearbeitet hat. Wir wollen sofort dasselbe.

Und hier kommt uns eine der gefährlichsten Erfindungen der Gegenwart zu Hilfe – der Kredit. Er ist einfach. Nimm ihn und flieg. Lebe im Moment. Hier und jetzt. Und mit den Problemen beschäftigst du dich später, die sind ja nicht jetzt.

Die heutige Beliebtheit von Serien

Jeden Tag schauen wir Serien über Menschen ungefähr unseres Alters. Denken Sie an fast jede beliebte Jugendserie der letzten 15 bis 20 Jahre. Was tun die Figuren? Sie sitzen im Café, in der Bar und plaudern und lachen.

Denn wenn dort überhaupt Probleme gezeigt werden, dann meist zwischenmenschliche – der Freund hat Schluss gemacht, zum Beispiel. Und wieder: Nach einem Treffen mit Freunden im Café ist bis zur nächsten Folge alles wieder in Ordnung – entweder Versöhnung oder ein neuer Verehrer.

Und unser Bewusstsein glaubt wieder daran. Und will dasselbe.

Statt eines Fazits:

Vor Kurzem ist mir ein Beitrag von Michail Labkowski untergekommen, in dem er auf eine an ihn gerichtete Nachricht antwortet:

„ich habe eine Bekannte. Sie hat Ihre Artikel und Ihr Buch gelesen, ihren Mann verlassen, ihre Arbeit gekündigt. Jetzt hasst sie Sie – seit zwei Jahren findet sie nirgends eine Stelle, hat Schulden gemacht, die Freunde haben sich von ihr abgewandt“
Nachricht an Labkowski

Und was antwortet der Psychologe, der die berühmten „6 Regeln“ propagiert, deren erste lautet: „tu nur das, was du willst“? Es folgt das Zitat –

„An jedes Vorhaben muss man mit Verstand und gesundem Menschenverstand herangehen. Und nicht nach dem Prinzip: Die Arbeit macht keine Freude, dann bin ich hier weg, mit wehendem Haar“
Antwort von Labkowski

Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein guter Gedanke umgedreht wird. Deine Arbeit gefällt dir nicht. Such dir eine andere, schreib Bewerbungen, geh zu Vorstellungsgesprächen – und erst danach kündige die alte Stelle. Ins Leere zu gehen ist zumindest nicht vernünftig.

Momente des Glücks genießen können – ja. Aber einem sekundenlangen Ärger über den Chef nachgeben und die Arbeit hinwerfen, sodass man ohne Lebensunterhalt dasteht – nein.

Und ein letzter wichtiger Punkt: Zur Risikogruppe gehören nicht nur die oben beschriebenen Generationen, sondern auch alle, bei denen der äußere Locus of Control (die externe Kontrollüberzeugung) stärker ausgeprägt ist als der innere. Also die Unfähigkeit, den Schaden realistisch einzuschätzen, den mir etwas zufügen kann, wenn ich sehe, dass es einem anderen Glück und Erfolg gebracht hat.

Das alles geschieht nicht, weil die Menschen faul oder sonst wie nicht in Ordnung wären. Sie haben sich einfach verheddert. Und täglich ist ihr Bewusstsein immer stärkerem äußeren Einfluss ausgesetzt. Und solange man nicht ganz im Minus landet, kommt die Einsicht nicht, die rosarote Brille zerbricht nicht, und Zureden von außen dringt einfach nicht bis zum vernünftigen Teil des Gehirns durch