Man sagt, die ersten Akkorde genügen, um die Qualität eines Stücks zu erkennen, und der erste Eindruck täuscht selten. Trotz alledem ließ Rita sich aus irgendeinem Grund in eine Beziehung hineinziehen, die mit einem Unfall begann – verflixt noch mal! Nun, was kann aus so einem Anfang schon werden?
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen KommentarSie fuhr gemächlich von der Arbeit nach Hause und überlegte, wie sie den Urlaub auf einer sonnigen Terrasse am Pool irgendeines teuren Hotels verbringen würde – mit einer Piña Colada in der Hand und dem Buch, das sie schon so lange vor sich herschob. Sie hielt an der Ampel, prüfte, ob der Abstand zum Wagen vor ihr groß genug war (dicht aufzufahren mochte sie nicht), und begann zu überlegen, mit welchem Buch sie anfangen würde – und da erzitterte ihr Auto, alles schepperte und krachte, ihr Wagen machte einen eigenmächtigen Satz nach vorn und setzte sich formvollendet in das Heck des Autos vor ihr. „Karambolage“, schoss es ihr durch den Kopf, und dann „riss es sie fort“. Sind die denn alle verrückt geworden, sie stand doch bei Rot!!! Denen wird sie es zeigen! Verklagen wird sie sie! Ein neues Auto sollen sie ihr kaufen!!! Aufrichtig empört und voller Rachedurst sprang sie aus dem Wagen und ging auf den Verursacher des Unfalls zu. Ihr Blick und ihr Gang verhießen nichts Gutes. Der Fahrer des Wagens hinter ihr bot derweil ein Bild des Jammers. Mit weit aufgerissenen Augen lief er hin und her und wusste nicht, was er anfassen und was er tun sollte.
– „Um Himmels willen, verzeihen Sie, ich bin schuld! Ich habe schon die Polizei und den Abschleppdienst gerufen! Brauchen Sie einen Verbandskasten? Hier ist meine Karte, da stehen alle Kontakte … Und ausgerechnet ich musste die Pedale verwechseln …“

Er plapperte und plapperte, und Ritas ganze Empörung verflog irgendwohin, wie durch Zauberei. Er hieß Valentin, kurz Valja. Ein etwas fahriger, leicht müde wirkender Mann in einem billigen, aber gut sitzenden Anzug. So ein typischer Büroangestellter, der niemandem etwas tut und allen etwas schuldet. Solche Menschen brechen nicht auf, um Amerika zu entdecken, und rennen nicht zum Fallschirmspringen – aber genau solche Menschen backen Piroggen, um Hungrige zu füttern, oder bringen eine warme Decke für die, die frieren. Genau solche Menschen schleppen diese ganze undankbare Welt auf ihren Schultern und bleiben dabei völlig unerkannt und unbemerkt. Rita jedenfalls schenkte Männern wie Valja nicht mehr Aufmerksamkeit als Ameisen. Danke natürlich für ihre aufopfernde Arbeit, sie sollen ruhig weitermachen – aber bitte ohne sie.
Valja hatte es derweil geschafft, mit den Polizisten zu sprechen, allen zu erklären, dass er schuld sei und nur er, und ganz nebenbei auch noch darauf zu kommen, dass er Rita zur vollständigen Wiedergutmachung unbedingt ins Restaurant einladen müsse. Nein, sie solle nichts dergleichen denken, es sei ihm wirklich furchtbar unangenehm, er könne sich das einfach nicht verzeihen, und nur so werde es ihm leichter …
– „Ihr geht mir auf die Nerven mit eurem Restaurant!“, entfuhr es Rita gegen ihren Willen, und sofort schämte sie sich. Valentin anzusehen war widerlich … nein, eigentlich einfach schrecklich – er sah jämmerlich aus: eingeschrumpft, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, mit Augen wie ein hungriger Neufundländer, und es sah aus, als würde er gleich losweinen. Wie kann ein Mann nur so ein Waschlappen sein? Allerdings schämte Rita sich jetzt sogar für solche Gedanken. Im Grunde hatte er ihr ja nichts getan … außer dass er ihr Auto sowohl hinten als auch vorne demoliert hatte. Und bevor er wirklich losweinte, beeilte sich Rita, dem Restaurant zuzustimmen.

Über all der Hektik hätte sie das Restaurant fast vergessen – ihre Mutter erinnerte sie daran. Besonders herausputzen wollte Rita sich nicht: Es war ja kein Date. Sie war zwar auf der sogenannten passiven Suche (das heißt, sie sucht eigentlich nicht, aber wenn sich jemand ergibt, kann man ihn sich ansehen), doch das heißt noch lange nicht, dass man allem und jedem zustimmen muss. Eine gewöhnliche bequeme Ethno-Bluse, eine beige Hose, als Akzent ungewöhnliche Ohrringe mit „Venushaar“ – einem seltenen Stein, der angeblich Glück in der Liebe bringt. In Wahrheit gefiel Rita gerade daran, dass er so selten war; und was das Liebesglück betraf – vielleicht begegnete sie unterwegs ja doch einem wirklich tollen Mann?
Valentin starrte Rita mit aufrichtiger Begeisterung an – was für eine Frau! Und sofort besann er sich und rückte ihr den Stuhl zurecht. Der Abend verlief angenehm. Valentin hatte Zeit und Ort sorgfältig durchdacht. Er hatte einen Tisch mit Aussicht organisiert, aber so, dass sie nicht allen vor Augen saßen, dazu angenehme Musik. Und er selbst schaffte es, anwesend zu sein, ohne sich aufzudrängen. Nur dass er immer wieder Rita anstarrte und albern lächelte. Sie kamen ins Gespräch, und bald spürte Rita zu ihrer eigenen Überraschung fast so etwas wie Zärtlichkeit für Valentin: ein so herzenswarmer, so gütiger und so unglücklicher Mensch. Ein Traum von einem Mann: fürsorglich, aufmerksam, mischt sich nicht ungefragt ein, zu Hause ist alles bestens, er kann zuhören und sieht, was man braucht … Und niemand beachtet ihn, oder man tritt auf ihm herum. Es tat ihr unerträglich weh, dass in der Welt eine solche Ungerechtigkeit geschieht. Und er tat ihr so leid, dass sie sich im Überschwang der Gefühle entschloss, etwas zu tun, das ihm bestimmt in Erinnerung bleiben würde.
Leider blieb der epische Abschied für immer, den Rita am nächsten Morgen erwartete, aus. Von all den schädlichen Männern, die andere ausnutzen, sitzen lassen und vergessen und die von jeder Frau nur das eine wollen, erwies sich dieser als eine Art „Unersättlicher“: Am Morgen sah er Rita mit noch größerer Begeisterung an und zeigte mit seinem ganzen Wesen, dass sie jetzt beinahe Mann und Frau seien, er wollte sie umarmen, bewunderte sie und stürzte dann los, um ihr das Frühstück ans Bett zu bringen. Rita betrachtete dieses Naturwunder, das fröhlich Kaffee kochte, zog sich leise an und machte sich bereit, unhörbar zu verschwinden. Ein Wahnsinniger, bei Gott! Kocht Kaffee! Was er sich wohl noch einfallen lässt!
– „Rita?“ Im letzten Moment erwischte er sie in der Tür. – „Geh nicht …“
Und wieder dieser traurige, flehende Gesichtsausdruck, fast Panik. Geh nicht, ich koche dir Kaffee und mache dir Frühstück, ich massiere dich und spiele dir auf dem Akkordeon vor … Rita spürte, wie es in ihr zu kochen begann. Es gibt so viele normale Männer auf der Welt, und ihr ist ausgerechnet so ein Schwächling hinterhergelaufen! Ohne zu warten, bis ihre Empörung nicht mehr zu verbergen war, entschuldigte sie sich, log, sie sei spät dran, und schlüpfte zur Tür hinaus.
Valentin war beflügelt. So ein schönes, geheimnisvolles, zartes, kluges und, wenn nötig, entschlossenes Mädchen – keine von diesen „Weibern mit Eiern“ und keine der grell angemalten Instagram-Diven – hatte seine Gefühle erwidert. Anfangs, als sie gerade aus dem Auto gestiegen war, dachte er, sie werde ihn umbringen, und das zu Recht. Er wusste doch, dass man für alles bezahlen muss, auch für seine Begeisterung über die Beförderung im Job. Ins Restaurant hatte er sie wirklich ohne Hintergedanken eingeladen, aber wie sich am Ende alles aufgelöst hatte … Und was für einen Blick sie hat! So aufmerksam und vertrauensvoll-wachsam zugleich, geheimnisvoll und doch bis in die Seele schauend. Nein, so eine Frau darf man auf keinen Fall ziehen lassen! Und wie sie seine Ideen und Vorhaben unterstützte, sogar Ratschläge gab – niemand hatte ihn je so ernst genommen wie sie! Sie glaubte an ihn, sie hielt ihn für wichtig!
Das Einzige, was ihn stutzig machte, war, wie widerwillig sie antwortete. Mit schönen und klugen Mädchen ist es immer so: Da bricht man sich ein Bein und gleich noch das Hirn, wenn man verstehen will, wie sie denken! Er schrieb ihr, schickte ihr lustige Fotos, Komplimente, lud sie zu Spaziergängen und ins Café ein, fragte sie dies und das … Und alle zwei Tage bekam er, wenn es gut lief, eine träge Antwort. Aber Männer müssen doch die Initiative ergreifen! Mit Initiativen hatte Valentin es nicht so, doch wenn es nötig war, war er zu sehr entschlossenen Schritten fähig. Auch jetzt war er fest entschlossen, Rita unbedingt zu bezaubern und sie zum Bleiben zu bewegen. Er rief an, um offen zu sprechen. Er hatte stimmige, unschlagbare Argumente parat. Aber keines half: Rita lenkte das Gespräch sofort in eine andere Richtung. Auf seine Versuche, ihr klarzumachen, dass er nicht wolle, dass sie geht, reagierte sie fast schon gereizt: Ist doch klar, dass keine Zeit ist!
– „Und was passt dir an ihm nicht?“, jammerte die Mutter. – „Anständig, fürsorglich, gütig …“

Rita schwieg geheimnisvoll. Der Mutter kann man so etwas nicht erklären. Bei den Freundinnen war es einfacher. Er war irgendwie zu gut, zu fürsorglich, zu gütig. Man möchte ihn zum Teufel schicken, aber es gibt schlicht keinen Grund dafür. Und selbst wenn man ihn schickt – er schaut einen dann mit so jämmerlichen, verliebten Augen an, dass man das Gefühl hat, nichts getan zu haben und sich trotzdem wie das letzte Schwein zu fühlen. Mit ihm ist es angenehm, man fühlt sich wie eine Prinzessin, wie die Einzige und Unvergleichliche … Aber es gibt keine Luft zum Atmen, der Sauerstoff ist abgedreht.
Valja hielt den Druck aufrecht. Die ganze Woche und dann noch eine schrieb er ihr geduldig, wünschte guten Morgen und gute Nacht, teilte Nachrichten, die ihn interessierten, schickte ihr Witze und erinnerte sie hin und wieder, dieses Biest, daran, dass er demütig warten werde, bis sie einem Treffen zustimmt. In der zweiten Woche hielt sie es nicht mehr aus und sagte zu.
Und wieder dieses Gefühl, die Einzige und Unvergleichliche zu sein. Und wieder dieses Gefühl von Wärme und Sicherheit, dass Valja sich um alles kümmern wird. Und nach einer Weile wieder dieses Misstrauen, wieder der Mangel an Luft. Wieder die Angst, dass ein normaler und gesunder Mensch es nicht die ganze Zeit so genießen kann, sich selbst und seine Interessen zu opfern. Und wie soll so ein Schwächling für sie sorgen, wenn er nicht einmal für sich selbst richtig sorgen kann? Und wie lange soll das so weitergehen? Er opfert sich eine Weile, dann hat er genug davon, und dann greift er zack zur Axt oder zum Küchenmesser … Und wie eine Strömung trug es Rita plötzlich weiter weg von Valentin, auf sichere Distanz – so weit, dass er wieder wie ein harmloser Einfaltspinsel wirkte, bereit zu allem für ihre Gunst.
Valentin wiederum verstand aufrichtig nicht, wieso Rita sich plötzlich entfernte, kaum dass alles gut lief. Und je besser alles war, desto schneller riss sie sich los und verschwand, baute Distanz auf. Er strengte sich mehr und mehr an, er litt und quälte sich, er dachte sich Gründe aus: Vielleicht liebt sie einen anderen, vielleicht ist er ihr zuwider, vielleicht hat jemand sie früher so schwer verletzt, dass sie aufrichtig Angst vor Beziehungen hat, vielleicht ist er, Valja, einfach so unansehnlich und unpassend. Er versuchte, den Macho zu geben, er kleidete sich anders, versuchte all ihre Wünsche und Launen vorauszuahnen, verausgabte sich, litt und quälte sich wieder. Und kaum ließ er los, hörte auf zu rennen und redete sich ein, nichts zu fühlen, tauchte Rita auf einmal wieder auf – genauso schön und geheimnisvoll, verlockend, geliebt.
Es war eine Art Teufelskreis, aus dem weder Valja noch Rita ausbrechen konnten. Sie konnten nicht ohne einander, aber miteinander auch nicht. Sie liefen zusammen und wieder auseinander, stritten und versöhnten sich, versuchten einander mal wegzustoßen, mal festzuhalten, und keiner von beiden wusste, was damit weiter anzufangen war.
Und dann wurde Rita unerwartet schwanger, und es gab keinen Ort mehr, an den sie hätte fliehen können. Es war eine sehr schwere Schwangerschaft: Zwei Monate lang wich sie kaum von der Toilette, nahm ab und sah aus wie ein Vampir aus dem Film. Valja war im siebten Himmel und begriff nicht, wieso Rita ihn nicht verstand, warum ihr das Leben keine Freude mehr machte. Unterdessen bekam Rita Panikattacken. Mal schien es ihr, das Kind werde sie gleich umbringen, mal, sie ersticke. Die neue „Bindung“ würgte sie immer stärker und garantierte, dass es ein Leben wie früher nie wieder geben würde. Phasen völliger Apathie wechselten mit Phasen der Aktivität, in denen sie weinte und lachte, dringend etwas erledigte und alles schaffen wollte. Valentin sah ihren Qualen mit Entsetzen zu und wusste nicht, wie er helfen und was er tun konnte. Es war die Hölle, die er tapfer ertrug, während er demütig die Ratschläge aller befreundeten Ärzte und die von Ritas Beraterin befolgte. Die Geburt erleichterte die Lage nicht wesentlich, denn nun hütete Rita ihr Kind wie eine Verrückte vor allem und jedem, versuchte alles gleichzeitig zu tun und litt darunter, dass ihr weder Kraft noch Zeit reichten. Ritas Mutter versuchte, ihr das Kind abzunehmen, damit Rita sich ausschlafen konnte, doch die schlief erst ein, wenn die Kräfte sie endgültig verließen; bis dahin fürchtete sie, im Schlaf etwas zu verschlafen, etwas nicht zu bemerken, etwas zu versäumen.
Valja wollte kündigen, um mit dem Kind zu helfen, doch Ritas Mutter befahl ihm, nicht einmal daran zu denken: Woher sonst sollte das Geld für alle Ausgaben kommen? Er solle sich lieber um eine Beförderung bemühen! Und Valja begann in diese Richtung zu arbeiten und strebte mit allen Mitteln danach, sich zu bewähren und die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten auf sich zu ziehen. Zu Hause berichtete er seiner Frau und der Schwiegermutter ehrlich von seinen bescheidenen Erfolgen, denn er war aufrichtig überzeugt, dass niemand ihn befördern wollte und je befördern würde – wer braucht ihn dort schon. Und irgendwann begann Rita, wie aus einem Schlaf erwacht, ihm Ratschläge zu geben. Mit jedem Mal wurden die Ratschläge härter und fordernder, doch Valja führte sie widerspruchslos aus. Hatte er anfangs noch zu erwähnen versucht, was er selbst gern hätte, so wurde daraus allmählich ein strenges „das muss sein“, ein kategorisches „mach es, wie ich gesagt habe“ und die harte Forderung, ihr Rechenschaft abzulegen. Und seltsamerweise erwies sich dieses kompromisslose Umformen Valentins als eine Art Medizin für Rita. Sie lebte auf, interessierte sich für seine Arbeit und seine Karriere, sie lenkte ihn, sie gab ihm Hinweise, wie er handeln und was er tun sollte, wen er anrufen und mit wem er wie sprechen sollte. Es schien, als löse sie all seine Probleme und Sackgassen, sie hatte auf alles eine Antwort, und das gab Valentin Kraft. Er strengte sich für die Familie an, und bald konnte er selbst nicht glauben, wie weit er gekommen und wie sehr er sich verändert hatte. Hätte ihm jemand vor jenem Unfall gesagt, dass er so werden würde, hätte er gedacht, man mache sich über ihn lustig – und jetzt, schau einer an … Er hatte eine Position und einen Status, er war wichtig geworden und glaubte an sich. Nein, von so einer Arbeit hatte er als Kind nicht geträumt, aber die Hauptsache: Er wurde gebraucht, er war bei seiner Familie, für die er sorgen konnte. Und vor allem: Rita war gesund geworden, sie erwachte gemeinsam mit ihm wie aus einem Schlaf, lenkte ihn klug und sorgte gemeinsam mit ihm für ihre kleine, aber enge Familie, für ihre Menschen – für jene, die immer bei dir sind, was auch immer in der Welt geschieht. Es schien, als hätte Rita erst jetzt ihr neues Leben und Valentin endgültig angenommen, und danach war sie wie beruhigt.
Fachlicher Kommentar
Rita ist der paranoide Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie. Für sie sind ängstliche, misstrauische, beunruhigende Anteile im Weltbild und in überwertigen Ideen und Wünschen kennzeichnend, dazu eine feindselige, misstrauische Einstellung gegenüber der Gesellschaft insgesamt und den Behörden im Besonderen – deshalb ist es für sie bequemer zu beobachten und dabei im Schatten zu bleiben. Das sind jene geheimnisvollen Frauen, die „ihre eigenen Gedanken haben“: klug, gebildet und oft sehr wählerisch. Häufig kann niemand bis zuletzt verstehen, warum sie etwas tun oder nicht tun. Sie wird danach streben, der Wahrheit auf den Grund zu gehen und alle zu durchschauen, bevor man sie durchschaut. Kennzeichnend ist für sie auch das Vorhandensein überwertiger, sehr wichtiger und weitreichender Ideen – und zugleich ein inneres Verbot, sie direkt und offensichtlich umzusetzen. Kleinere Wünsche kann sie dabei ignorieren. Rita ist verträumt, wird aber alles tun, damit ihre Welt und ihr Umfeld sich so wenig wie möglich verändern, denn Veränderungen sind gefährlich, und man weiß nicht, was sie bringen.
Valentin ist der depressive Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie. Er verkörpert Güte und Geduld, seine Entscheidungen und Handlungen sind dem Beweis der eigenen „Gutheit“ und den Bewertungen von außen untergeordnet. Solche Menschen hängen von fremder Meinung ab und glauben zu wenig an sich, deshalb ertragen sie alles Ungemach oft schweigend und leben für andere. Ihnen ist sehr wichtig, für die Menschen um sie herum nützlich zu sein, denn sonst könnten diese sich von ihnen abwenden. Manchmal sieht es aus, als würden sie sich anbiedern, als hätten sie nichts anderes zu tun, als für andere zu sorgen – ganz gleich, ob diese es verdienen. Was Rita abschreckte, war für Valentin ein völlig normaler Zustand, denn sonst wäre er nicht gebraucht. Und genau das schreckte Rita ab, die einen solchen Zugang nicht gewohnt war und ihn selbst nicht pflegte. Depressive Menschen sind außerdem überzeugt, dass man Glück verdienen und erleiden muss und dass es nicht lange dauern kann. Valentin kann ohne Beziehung nicht sein, er ist bereit, dafür zu schuften und alles zu tun. Und je schwerer eine Beziehung zu erreichen war, desto glücklicher kann sie in seinem Verständnis sein.
Das Kennenlernen eines depressiven Mannes und einer paranoiden Frau ist schwierig; meist geschieht es, wenn er sich in Feierstimmung befindet – in der Regel über eine Verletzung ihrer Grenzen. Er bekommt eins übergezogen, danach ist es ihm unangenehm, und er geht um Verzeihung bitten. So beginnt die Zeit des Werbens. Sie entdeckt, dass er warm ist. Neben ihm kann man sich aufwärmen. Er entdeckt, dass sie ihm äußerst selten „nein“ sagt, wenn er etwas umsetzen möchte. Wenn ein depressiver Mensch einen Wunsch hat, sagen die meisten um ihn herum: „Nein, tu das nicht.“ Sie dagegen hilft und gibt Hinweise, sie nimmt die Anliegen depressiver Männer bei sich auf.
In der Phase des Werbens wirkt ihre Beziehung oft neurotisch: Irgendwann wird ihr alles zu viel, und sie geht auf Abstand. Er verfolgt sie und läuft ihr hinterher: „Geh nicht weg, verlass mich nicht, Liebste!“ Das bringt sie zur Weißglut, in solchen Momenten hält sie ihn aufrichtig für schwächer als sich selbst. Je mehr er verfolgt, desto weiter entfernt sie sich, und irgendwann wird er müde, wird sehr hart und wendet sich ab. Da überkommt sie das Schuldgefühl: „Warum habe ich einen guten Menschen gekränkt?“ Dann kommen die Gedanken, dass nun er es ist, der geht, der sich nicht für sie interessiert – und das Laufen beginnt in die andere Richtung. Während sie hin und her laufen, treffen beide keine endgültige Entscheidung und übernehmen keine Verantwortung für das Paar und für die Beziehung. Ihr Wunsch davonzulaufen wächst mit jedem Zyklus. Auf der anderen Seite entstehen immer mehr Bindungen, und er bekommt Zutritt zum „engsten Kreis“ – zu jenen, die unglaublich aufregen können, die man aber nicht hinauswerfen kann, weil sie schon nah sind. So kann das Hin und Her mit dem Tod eines der Partner enden, häufiger mit ihrem Tod, mit einer fatalen Situation oder mit einer unheilbaren Krankheit. Hat das Paar es geschafft, das Spiel zu überwinden und den Wert des anderen anzuerkennen, so entstehen recht warme Beziehungen.
Warum beginnt hier überhaupt ein Spiel? Die Beziehung ist in diesem Fall eine Partnerehe nach weiblichem Typ, und es gibt in ihr sehr viel Nähe. Er kommt so nah heran, dass es ihr wehtut, deshalb läuft sie weg. Erkennt sie an, dass sie vor diesem Mann nicht davonläuft, dann ist das ihre Wahl und ihre Verantwortung. Dann zeigt sich plötzlich, dass in ihrer Beziehung viel Nähe ist. Um den schmerzhaften Drang wegzulaufen auszugleichen, nimmt sie ihn sich vor, macht aus ihm ein soziales Projekt, beginnt sich um seine Karriere und um sein Fortkommen zu kümmern. Sie tut das so regelmäßig, dass sie alle seine Kindheitsträume abbiegen und einen anderen Menschen aus ihm erziehen kann. Und danach kann sie ihm schon erlauben, sich ein wenig zu entspannen und seine Träume zu verwirklichen.










