Es ist reif, es tut weh, es drängt sich schon lange auf, es juckt und kribbelt und will heraus – kurz: Es ist längst höchste Zeit, diesen Artikel zu schreiben. Wen wir uns als Partner aussuchen und wie. Es gibt jede Menge Theorien, die Kompatibilität beschreiben. Die einen tun das nach den Sternen, die anderen nach dem Kaffeesatz, die nächsten nach dem Buch der Wandlungen, das Kamasutra nach der Größe der Geschlechtsorgane, und ein Bekannter von mir ist allen Ernstes der Meinung, man müsse die Kompatibilität nach dem Gewicht in Kilogramm aussuchen. Kurz: Theorien gibt es viele, wir arbeiten aber mit einer einzigen, gut begründeten und sehr logischen.
Die S-Theorie ist eine ausgesprochen eigenständige psychologische Konzeption, die die Erkenntnisse führender Persönlichkeiten der Weltpsychologie in sich aufgenommen hat. Unter anderem beschreibt sie die Persönlichkeitstypen und die Beziehungen zwischen ihnen. Kennt man die Persönlichkeitstypen zweier Menschen, lässt sich ziemlich genau beschreiben, wie sich ihre Beziehung entwickeln wird, was sie einander geben können und woran Konflikte entstehen. Und außerdem lässt sich ihre Kompatibilität „in eine Rangfolge bringen“.
Und was ist eine „Beziehung“?
Zunächst einmal: Was ist eine Beziehung? Es ist das Zusammenwirken zweier Menschen, das auf ein gemeinsames Ziel gerichtet ist. Beziehungen gibt es in der Familie, bei der Arbeit, in der Liebe, im Geschäft, in der Partnerschaft und so weiter. Wie ein sehr kluger Kopf der Psychologie einmal sagte: Freundschaftliche Beziehungen sind die, die in keine der aufgezählten Kategorien fallen. Was ist dann eine Beziehung im Rahmen der S-Theorie? An eine offizielle Definition kann ich mich nicht erinnern, aber nach allem bisher Studierten würde ich es so formulieren:
Ohne Entwicklung, ohne beiderseitiges Wohlgefühl und ohne gemeinsame Ziele wird es keine Beziehung geben. Oder doch – aber eine freundschaftliche. Das ist genau die, in der alles kompliziert ist, in der alle unsicher sind und niemand weiß, wohin das alles führt. Und wir sind ja moderne Menschen und wissen: Heutzutage schließt keine Freundschaft Privilegien aus.
Das erste „heilige Gebot“
Über das erste „heilige Gebot“ einer gelingenden Beziehung habe ich schon mehrfach geschrieben: Der Extravertierte braucht einen Introvertierten und der Introvertierte einen Extravertierten. Sie ergänzen einander und gleichen einander aus. Der Extravertierte schenkt dem Introvertierten Wege hinaus in die Welt, ein neues Verständnis seines Umfelds und einen neuen Blick. Der Introvertierte schenkt dem Extravertierten ein neues Verständnis seiner selbst und genau jenen Halt, den der Extravertierte tief im Inneren braucht. Und das ist längst nicht alles.

Was können zwei Introvertierte einander geben? Gegenseitiges Verstehen, das Gefühl, „ich bin nicht der Einzige“, die Empfindung, jemanden zu haben, mit dem man Rücken an Rücken gegen eine aggressiv extravertierte Welt steht. Entwicklung wird es aber nicht geben. Was können zwei Extravertierte einander geben? Farbe, neue Bekanntschaften, lange Gespräche (kürzlich haben zwei extravertierte Bekannte vier Stunden lang miteinander telefoniert und sich hinterher beklagt, sie hätten das Wichtigste vergessen zu sagen – das, wofür sie eigentlich angerufen hatten).
Die Antwort darauf, wer sie selbst sind, sowie Halt und Selbstverständnis werden sie einander dagegen kaum geben – also wieder keine Entwicklung. So kommt es, dass in diesen Fällen zwar Lust da ist und eine freundschaftliche Beziehung, dass es aber danach immer schwieriger wird. Ausführlicher habe ich darüber schon im Artikel „Der Extravertierte braucht einen Introvertierten“ geschrieben.
Das zweite „heilige Gebot“
Das zweite „heilige Gebot“ ist noch einfacher. Aktive Charaktere einigen sich leichter mit passiven. Aktiv sind die, denen es wichtig ist, sich zu zeigen, Karriere zu machen, zu streben, zu riskieren und Höhen zu erreichen. Passiven sind Freundschaft, Harmonie und das Fehlen von Risiko und Aggression wichtiger.
Das heißt keinesfalls, dass sich aktiv mit aktiv oder passiv mit passiv nicht einigen könnte. Sie einigen sich – nur muss man sich dafür bewusst absprechen. Wie das aussieht, beschreibe ich weiter unten.
Das dritte „heilige Gebot“
Das dritte „heilige Gebot“ ist feiner und heikler. Es besagt, dass der Umgang mit jenen leichter ist, die dieselbe Einstellung zur Gesellschaft und zum System haben wie man selbst. Und hier gibt es drei Typen und Zugänge. Die Ersten, die sogenannten „asozialen“, sind ausgesprochen liebenswerte und sehr gesellige Menschen, die bei aller Wunderbarkeit immer an sich und ihren Vorteil denken. Die Zweiten sind nicht weniger liebenswert und wunderbar – die „sozialen“. Bei ihnen tritt der Vorrang des eigenen Vorteils auf der unterbewussten Ebene in den Hintergrund, dafür sind ihnen die Beziehungen in der Gesellschaft und das eigene Gebrauchtwerden und Nützlichsein sehr wichtig. Die dritte liebenswerte und wunderbare Gruppe sind die „außersozialen“. Ihnen sind Vorteil und Gebrauchtwerden weniger wichtig als Ideen, Theorien und ähnliche übersystemische Flausen. Es liegt auf der Hand, dass Menschen mit derselben Einstellung zur Gesellschaft einander leichter verstehen.
Wenn Sie das übrigens gleich auf sich selbst anwenden wollen, sei angemerkt: Ich bin im Galopp und sehr knapp durch die Theorie geritten. Um zu verstehen, was jetzt folgt, braucht es genau die Theorie, die ich oben beschrieben habe. Wenn Sie wissen wollen, wohin genau Sie gehören, erstellen wir gerne Ihr Profil – wir achten nämlich noch auf eine Reihe weiterer Merkmale.
Auf der Grundlage von Intro-/Extraversion, von Aktivität und von der sozialen Ausrichtung lassen sich die zwölf vorhandenen Persönlichkeitstypen also nach Beziehungsarten gruppieren.
12 „ideale“ Verbindungen
Das sind Verbindungen, in denen ein Introvertierter mit einem Extravertierten und ein Aktiver mit einem Passiven zusammenkommt – und obendrein die soziale Ausrichtung dieselbe ist. Eine Art Jackpot: Die Partner schenken einander in einer solchen Verbindung Rückhalt, Entwicklung und Verständnis. In solchen Verbindungen kann Patriarchat herrschen, es kann auch Matriarchat herrschen; in der Regel gibt es eine klare Hierarchie, jeder kennt seine Aufgaben von selbst und – nicht unwichtig – genießt sie. Nur darf man das Wort „ideal“ nicht mit „Liebe bis ins Grab“ verwechseln – die schafft keine Wissenschaft. Es heißt auch nicht, dass die Partner einander nie auf die Nerven gehen oder nie streiten werden – natürlich werden sie das, wir sind schließlich alle Menschen. Nur fällt ihnen in dieser Konstellation auch das Versöhnen leichter.
12 Verbindungen „zweiter Klasse“
Wir nennen das unter uns auch „Nummer zwei“. Zweite Klasse heißt: die zweitharmonischste Art von Verbindung. Auch hier gibt es einen Introvertierten und einen Extravertierten, auch hier ist einer aktiv und der andere passiv. Ihre soziale Ausrichtung ist allerdings unterschiedlich. Ist zum Beispiel der eine auf den eigenen Vorteil ausgerichtet und der andere darauf, gebraucht zu werden, dann droht die Beziehung offensichtlich nur in eine Richtung zu fließen. Oder der eine ist auf das Gebrauchtwerden und die Gesellschaft ausgerichtet und der andere auf Ideen, die Gesellschaft ist ihm gleichgültig – hier drohen Missverständnisse und Streit. Und so weiter. Auch diese Beziehung kann sehr harmonisch und angenehm sein, nur entsteht hier der Bedarf nach einer Art Geschäftsordnung. Und diese Ordnung muss man erst erarbeiten, das kostet Zeit und Kraft. Deshalb heißt die Verbindung auch „die zweitbeste“
18 „gleichrangige“ Verbindungen
Das sind die sogenannten partnerschaftlichen Ehen. Hier gibt es keinen dauerhaft Führenden und keinen Geführten, keinen Hauptverantwortlichen und keinen Folgsamen. Hier sind entweder beide aktiv oder beide passiv.
Sind beide aktiv, muss jemand regelmäßig nachgeben oder einen Kompromiss eingehen. Bei zwei ausgeglichenen und gut entwickelten Partnern fallen diese Kompromisse vielleicht gar nicht auf, geben wird es sie aber ganz sicher. Das Leben erleichtern kann hier zum Beispiel die schlichte Regel, dass beide Ehepartner das Familienbudget zu gleichen Teilen füllen.
Bei zwei passiven Charakteren ist die Lage anders. Menschen können lange in Eintracht miteinander leben und brauchen außer einander niemanden, aber … Das große „Aber“ taucht hier am Anfang der Beziehung auf: Irgendjemand muss ja die Initiative ergreifen, und Passive überlassen diese Ehre gewöhnlich lieber dem anderen – nicht wegen gesellschaftlicher Normen, sondern einfach, weil ihr Charakter so ist.
Die soziale Ausrichtung der Partner gesondert zu vergleichen, hat hier übrigens wenig Sinn. Die Fähigkeit zweier Gleichrangiger, sich zu einigen, wiegt alles andere so sehr auf, dass sie sich darüber sozusagen nebenbei einigen.
6 „utopische“ Verbindungen
Das sind Verbindungen zweier passiver Charaktere in einer bestimmten Kombination. Diese Verbindungen können tatsächlich fest und verlässlich sein. Utopisch heißen sie, weil es beiden Beteiligten sehr schwerfällt, die Beziehung überhaupt zu beginnen. Sie warten, oder sie trauen sich nicht, oder sonst etwas. Deshalb kommen sie in der Praxis unglaublich selten vor. Es wundert mich selbst, woher ich gleich zwei solche Paare kenne.
Welche der genannten Gruppen kommt am häufigsten vor? Untersuchungen dazu gibt es bisher nicht. Selbst wenn die idealen Verbindungen am harmonischsten sind, heißt das noch nicht, dass sie uns persönlich auch zusagen. Oft reagieren Menschen auf die Beschreibung des idealen Partners so: „Ja, solche kennen wir, wir sind gut befreundet, aber eine Beziehung – auf keinen Fall!“ Ein Übermaß an Stereotypen über Beziehungen führt dazu, dass wir statt des Angenehmen etwas anderes wählen. Dieses andere entspricht dabei in der Regel unseren Idealen und Vorlieben – vielleicht also weg mit diesem Ideal? Es bedeutet ja am Ende Harmonie im Umgang, gegenseitige Ergänzung und Entwicklung, verpflichtet uns aber keineswegs, uns ausschließlich in dieses Ideal zu verlieben.
„Freundschaftliche Beziehungen“
Zwölf Persönlichkeitstypen ergeben weit mehr als die 48 Beziehungskombinationen, die im Projekt „Liebesgeschichten“ beschrieben sind. Am besten verstehen wir einander natürlich mit den zu uns passenden Typen, und das führt genau in diese 48 hinein. Wer seinen Persönlichkeitstyp kennt und weiß, wer genau zu ihm passt, kann unpassende Menschen immer schon vorher aussortieren. Und schlicht gar keine Beziehung mit ihnen beginnen. Immer wieder gibt es aber Fälle, in denen Menschen eine Beziehung aufbauen, die miteinander nicht kompatibel sind. Das kommt vor, wenn Menschen in einer Neurose oder Psychose feststecken oder wenn sie den Partner nach der Ähnlichkeit mit sich selbst aussuchen. Manchmal gelingt ihnen das sogar. Allerdings kostet es unendlich viel Kraft und Nerven.
Und dann kommt unweigerlich die Frage: Muss man denn wirklich alles abbrechen? Das ist eine schwierige und unangenehme Frage, besonders wenn sie direkt nach der Profilerstellung gestellt wird. Es ist viel leichter, mit irgendeiner Theorie zu erklären, warum ein Konflikt bereits da ist, als warum er höchstwahrscheinlich entstehen wird. Und noch schwieriger ist es, wenn Menschen schon Erwartungen haben, Vorstellungen davon, wie alles sein wird – und da sagt ihnen eine trockene, emotionslose Theorie, dass es so nicht sein kann.
Wir alle sind die einzigen Herren über unsere Entscheidungen und die Einzigen, die für unser Schicksal einstehen. Und wenn die Theorie „Nein“ sagt, heißt das nicht, überhaupt nicht, dass man alles hinwerfen, den Kontakt abbrechen und alle Brücken abbrennen muss. Die S-Theorie ist in erster Linie ein wunderbares Werkzeug, um sich selbst, die eigenen Stärken und Schwächen und die Abläufe im Miteinander von Gruppen zu verstehen. Aber sie ist nicht mehr als ein Werkzeug. Ein Gewehr kann Leben nehmen oder Leben retten. Ein Messer kann benutzt werden, um zu schaden, oder um ein köstliches Mittagessen zu kochen. Auch das Wissen um die eigene Kompatibilität oder Inkompatibilität kann helfen, eine Beziehung wenigstens positiv und frei von falschen Erwartungen zu halten. Mir wäre es zumindest lieber, mit einem Menschen, der nicht zu mir passt, weiterhin gut auszukommen, als mich nach einer bestimmten und vielleicht wunderbaren Zeit für alle Ewigkeit mit ihm zu zerstreiten.









