Extraversion und Introversion – die Einstellung

Extraversion und Introversion – die Einstellung

Menschen in Introvertierte und Extravertierte einzuteilen gilt als verpönt – ganz zu Unrecht. Der Unterschied zwischen ihnen ist so grundlegend, dass er sowohl Alltagsstreitigkeiten als auch religiösen Reformationen und der Unversöhnlichkeit ganzer Ideologien zugrunde liegt. Er ist so auffallend und offensichtlich, dass man meinen könnte, hier träfen Menschen von zwei verschiedenen Planeten aufeinander. Wenn wir diesen Unterschied verstehen, wird nicht nur unser Leben leichter – die Welt wird besser.

Eingeführt hat die Begriffe Introversion und Extraversion Carl Gustav Jung, 1914 in seinem Buch „Psychologische Typen“. Er fasste sie unter einem Wort zusammen: „EINSTELLUNG“ (engl. attitude) zu den Objekten. Einfach gesagt: die Einstellung zur Außenwelt.

Nach Jung verhält sich der Introvertierte ablehnend: Er geht auf Distanz und schützt sich und seine Innenwelt vor dem Äußeren – vor Menschen, Dingen, Ideen. Extravertierte dagegen stehen zur Außenwelt positiv.

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Jung schrieb:

„Jedermann kennt jene verschlossenen, schwer ergründlichen, oft scheuen Naturen, die den stärksten Gegensatz bilden zu jenen anderen offenen, umgänglichen, oft heiteren oder wenigstens freundlichen und zugänglichen Charakteren, die sich mit aller Welt vertragen oder sich auch mit ihr auseinandersetzen, jedenfalls aber zur Umwelt in Beziehung stehen, sie beeinflussen und von ihr beeinflusst werden.“

Jung in „Psychologische Typen“

Dann aber wurde es Jung langweilig, und er wandte sich den Archetypen, dem kollektiven Unbewussten und anderen mystischen Weltbildern zu. In der Folge verschmolzen bei vielen Forschern, die ihr „Lehrer“ Jung zurückgelassen hatte, die Begriffe Introversion und Extraversion mit der aktiven und der passiven Lebensposition – also mit den Ausprägungen des männlichen und des weiblichen Prinzips. Das daraus entstandene Durcheinander müssen nun die Autoren der S-Theorie auseinandersortieren.

Introversion und Extraversion sind angeborene Eigenschaften, die sich perinatal herausbilden und sich im Laufe des Lebens nicht mehr ändern. Vom ersten Tag an sind wir entweder introvertiert oder extravertiert. Unsere Einstellung hängt davon ab, unter welchen Bedingungen sich der Fötus während der Schwangerschaft entwickelt. Introvertierten ist es im Mutterleib unbequem, wodurch sich bei ihnen Knochenbau und Sehnen kräftiger entwickeln. So entstehen „zusammengenommene“ Menschen mit ausgeprägter Überkontrolle.

Extravertierte entwickeln sich unter vergleichsweise bequemen Bedingungen. Dadurch bildet sich bei ihnen eher die Muskulatur aus; ihre Bewegungen sind im späteren Leben weich und wie unvollendet. Übrigens sieht man das sehr gut, wenn jemand tanzt:

In der Populärpsychologie werden Introversion und Extraversion eher belächelt. Der deutlichste Spott über Jungs Begriffe ist der Ausdruck „Ambivert“: Menschen, die weder introvertiert noch extravertiert sein sollen. Unseren Beobachtungen entspricht das nicht.

Nach der S-Theorie ist ein Zustand, in dem sich ein Mensch nicht zuordnen lässt, nur in den sogenannten „Todespunkten“ möglich – bei kurzfristiger maximaler Anspannung der Psyche. In der Praxis, beim Bestimmen der Persönlichkeitstypen, haben wir genau das beobachtet: Ist ein Mensch seelisch im Gleichgewicht, entspricht er seiner Einstellung ganz genau. Ist er dagegen aus dem Gleichgewicht – psychisch belastet, unter Stress, mitten in einer Scheidung oder in einer angespannten Lebensphase –, versucht er sich mal wie ein Introvertierter, mal wie ein Extravertierter zu verhalten.

Auch Jung hielt von „Ambivertierten“ wenig. Er schrieb:

„Die beiden Typen sind so verschieden und ihr Gegensatz ist so auffallend, dass ihr Vorhandensein auch dem Laien in psychologischen Fragen ohne weitere Erläuterung einleuchtet – man muss ihn nur einmal darauf aufmerksam machen.

Es ist begreiflich, dass man zunächst geneigt ist, solche Unterschiede als individuelle Fälle einer eigenartigen Charakterstruktur aufzufassen. Wer aber Gelegenheit hatte, eine größere Anzahl von Menschen gründlich kennenzulernen, wird ohne Mühe entdecken, dass dieser Gegensatz keineswegs auf vereinzelte individuelle Fälle zurückzuführen ist, sondern dass es sich um typische Einstellungen handelt, die viel allgemeiner sind, als eine begrenzte psychologische Erfahrung vermuten ließe.“

Und noch einmal Jung

Heute sind Introversion und Extraversion wissenschaftlich anerkannte Eigenschaften des Menschen. Praktisch alle rechtlich anerkannten psychologischen Tests enthalten diese Merkmale. Eine Skala für Introversion und Extraversion gibt es im Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI), im Modell der „Big Five“ sowie in den Persönlichkeitsmodellen von Hans Eysenck und Raymond Cattell.