Ein Kind erwarten, die Geburt erleben, Mutter werden – das gehört zu den wunderbarsten und überwältigendsten Erfahrungen überhaupt. Auf der anderen Seite verlangt der neue Familienstand ernsthafte Veränderungen im bisherigen Leben.
Schwangerschaft bedeutet für eine Frau, eine körperliche und emotionale ANPASSUNG zu durchlaufen, eine Vorbereitung auf ein „anderes Leben“. Begleitet wird das von Phasen der Ambivalenz: zeitweiliger Unsicherheit und Angst einerseits, Vorfreude auf Glück und Freude andererseits. In der Schwangerschaft werden besonders die Erinnerungen an die eigene Kindheit lebendig, an die Zuwendung und Fürsorge Ihrer eigenen Mutter – ein Sprung in die Vergangenheit auf der einen Seite, Pläne für die Zukunft, Wünsche und Fantasien auf der anderen.
Fragen der sozialen Sicherheit und der Gesundheit tauchen auf, ebenso die langfristige Lebensplanung; sie stellen sich mit neuer Wucht und hängen ab von IHRER ERFAHRUNG MIT VERANTWORTUNG.
Viele Frauen achten in dieser Zeit sorgfältiger auf ihre Gesundheit und bereiten ihren Körper auf die Geburt vor. Heute steht Frauen eine große Auswahl an Angeboten zur Vorbereitung des KÖRPERS offen – von der einfachen ärztlichen Kontrolle und Laboruntersuchungen bis hin zu Yoga, Atemübungen und Schwimmen für Schwangere.
In den Vordergrund rückt in der Schwangerschaft das Beobachten der Signale des eigenen Körpers. Für die meisten Frauen ist das ein normaler, ruhiger Prozess, und sie sind auf die Veränderungen des Körpers und seine „unüblichen“ Reaktionen vorbereitet.

Kaum jemand macht sich jedoch klar, wie wichtig es ist, sich auch psychisch und emotional auf Schwangerschaft und Geburt vorzubereiten.
Manche Frauen reagieren besonders empfindlich auf die „normalen“ Körpersignale und geraten in einen prädepressiven Zustand, der sich durch folgende Symptome zeigt:
- Unruhe,
- Angst,
- Anspannung,
- gedrückte Stimmung,
- Antriebslosigkeit,
- Verlust der „Lebensfreude“,
- Unsicherheit,
- Schlaflosigkeit,
- Appetitverlust,
- aufdringliche „schlechte“ Gedanken.

Das wirkt sich sehr negativ auf die Gesundheit der werdenden Mutter und des Kindes aus. Das betrifft besonders Frauen, die keine gute Kindheit hatten, deren bisheriges Leben von psychischen oder sozialen Erschütterungen geprägt war, die keine Unterstützung durch Partner und Angehörige haben oder deren vorangegangene Schwangerschaft(en) oder Geburt(en) mit Komplikationen verliefen.
Hier einige Beispiele aus meiner Praxis:
- Scheidung, Trennung, Untreue während der Schwangerschaft,
- Angst, das Kind zu verlieren,
- schwierige Familiensituation,
- Tod des Partners (oder Angehöriger) während der Schwangerschaft oder nach der Geburt,
- Verlust des Arbeitsplatzes,
- Studentin, ungeplante Schwangerschaft,
- erzwungener Umzug, Emigration,
- komplizierter Schwangerschaftsverlauf.
Solche Symptome und Umstände begünstigen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Entwicklung einer Wochenbettdepression. Sehr wichtig ist es, sich bei den ersten Anzeichen der genannten Art an eine Fachperson zu wenden. Ein rechtzeitiges Gespräch in der psychosozialen Beratung hilft Ihnen, die belastenden Empfindungen loszuwerden, Ihr emotionales Befinden einzuschätzen und Empfehlungen sowie Informationen für das weitere Vorgehen zu erhalten.

Anzeichen, Ursachen und Folgen der Wochenbettdepression sowie die Möglichkeiten und Folgen ihrer Behandlung sind wissenschaftlich längst anerkannt, in der Geburtshilfe werden sie jedoch bis heute übergangen. Dabei ist gerade die Gynäkologin oder der Gynäkologe die erste Anlaufstelle für eine werdende Mutter – und genau dort könnte man die Anzeichen des heraufziehenden Unheils hören und erkennen und die Frau rechtzeitig an eine psychosoziale Beratung verweisen. Dasselbe gilt für den Partner und die nahen Angehörigen: Im täglichen Umgang, bei Aufmerksamkeit füreinander, können sie Veränderungen im Verhalten und im seelischen Befinden der Schwangeren bemerken und versuchen, ihr zu helfen.
Ein wichtiger Aspekt, der oft unterschätzt oder verschwiegen wird, ist das Kind: Welchen Einfluss hat der Zustand der Mutter auf die Entwicklung des Kindes? Die Untersuchungen der Kinderärztin, „Säuglingsforscherin“ und Expertin für Säuglingspsychosomatik Josefine Schwarz-Gerö verweisen zu Recht auf die komplexen Mechanismen der Dyade von Mutter und Kind. Sie hat gezeigt, dass ungünstige Bedingungen – sowohl im sozialen Bereich als auch im psychischen Zustand der Mutter während der Schwangerschaft – zu einem „gestörten“ Zusammenspiel zwischen Mutter und Kind führen und das Kind dadurch in seiner Entwicklung benachteiligen können. In ihren Vorträgen spricht Josefine Schwarz-Gerö über die deutlichen und ernsten Folgen der postnatalen Depression für die weitere körperliche und psychische Entwicklung des Kindes. Zugleich zeigt sie Wege zur frühen Erkennung und Behandlung auf.
Ich stimme ihren Aussagen vollständig zu. Nach meinen Daten, die ich in vielen Jahren Arbeit auf der Wochenbettstation gesammelt habe, kann ich eindeutig sagen: Das seelische und emotionale Befinden der Mutter sowie der Verlauf der Geburt (Wunschkaiserschnitt, Kaiserschnitt aus medizinischer Indikation – geplant oder ungeplant – oder eine natürliche Geburt) haben enormen Einfluss auf das Kind. Doch dazu ausführlicher in anderen Artikeln.
Ebenso wichtig ist es, dass meine Kolleginnen und Kollegen die Grenzen ihrer eigenen Kompetenz in dieser Frage kennen, denn es gibt Fälle, in denen eine Frau eine psychiatrische Abklärung braucht. Gehen Sie deshalb mit aller Verantwortung an die Begleitung von Schwangeren und Frauen nach der Geburt heran: Sie tragen Verantwortung nicht nur für sie, sondern auch für ihr Kind und ihre ganze Familie. Wird der Zustand einer Klientin falsch eingeschätzt, kann man nicht wiedergutzumachenden Schaden anrichten!
Einen großen Beitrag können auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialdienste leisten; sie sind ein wichtiges Glied in der multiprofessionellen Hilfskette und die Verbindung zwischen der Betreuung Schwangerer und der späteren Betreuung der Mutter beziehungsweise der Eltern. Sie bieten Unterstützung bei finanziellen Engpässen, in rechtlichen Fragen, bei Wohnungsproblemen und in anderen schwerwiegenden Fragen (etwa häuslicher Gewalt), die die Mütter und damit auch das Wohl der Kinder betreffen.
Frauen sollten daran denken: In erster Linie tragen SIE die Verantwortung für sich selbst und für Ihr Kind! Ein nachlässiger Umgang mit der eigenen körperlichen wie seelischen Gesundheit schadet Ihnen und dem Kind sehr, und leider muss man dafür einstehen – die Folgen können mitunter sehr traurig sein.
© Natalja Netschaj








