Darf man mit Kindern offen über alles reden? Sie in die Geheimnisse des eigenen Privatlebens einweihen? Auf Fragen antworten wie „Mama, warum habt ihr euch gestritten?“, „Papa, warum habt ihr euch getrennt?“, „Wie kommt ihr miteinander zurecht?“, „Was ist mit deinem Privatleben?“ Die Antwort:
NEIN! Also: im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter nicht. Und wann dann doch?
Zum Fürchten! In der Serie „Big Little Lies“
Im Klub „Freuds Erbe“ besprechen wir regelmäßig Filme und Serien aus psychologischer Sicht (kommen Sie übrigens gern dazu und verfolgen Sie unsere nächsten Übertragungen). Wie man es nicht machen sollte, zeigt sehr anschaulich die Serie „Big Little Lies».
In der Serie erzählt die neurotische Mutter Madeline ihrer 16-jährigen Tochter Abigail von ihrem Seitensprung – halb, um sie vor einem Fehler zu warnen, halb, um sich selbst zu erleichtern. Dasselbe tut Madelines Mann Ed. Und er beantwortet Abigails Fragen zu seinem Zusammenstoß mit ihrem Vater.
Abby: „Was war zwischen dir und meinem Vater? Er sagt, du hättest ihm gedroht.“Stiefvater: „Überhaupt nicht. Er war aggressiv. Er wollte, dass deine Mutter seine neue Frau besser behandelt. Und ich finde, das ist Unsinn.“Abby: „Was ist mit Mama los? Sie ist irgendwie nervös geworden.“Stiefvater: „Kleines, das ist ihr Naturzustand.“
Dialog aus der Serie
Hier sieht man gut, dass man Erwachsenenthemen nicht mit Kindern besprechen sollte. Der Vater muss das Kind nicht in Männerhändel hineinziehen, und ebenso wenig sollte man eine Jugendliche in die Beurteilung des Zustands ihrer Mutter hineinziehen. Kindernerven sind nicht dafür gemacht, Erwachsenenfragen zu lösen – auch dann nicht, wenn es schon um ein Mädchen im Teenageralter geht. Wie kann man hier antworten? Zum Beispiel so:
Geht es um den Zustand der Mutter, bespricht man das besser in ihrem Beisein.
Und wie reagiert man auf das Anliegen des Kindes? Es hat ja nicht ohne Grund gefragt, irgendetwas hat es beunruhigt. Genau deshalb fragt man in dieser Lage besser das Kind selbst, wie es ihm geht und was in ihm vorgeht.
Oder eine andere Situation: Die Tochter Abby fragt ihre Mutter:
Abby: „Warum ruinierst du dir dein Leben, Mama?“Mutter: „Ich weiß es selbst nicht. Ich verstehe es einfach nicht! Vielleicht klammere ich mich so sehr an diese Vollkommenheit, dass ich es nicht lange durchhalte. Ich will schon so lange alles gestehen und finde einfach nicht den Mut dazu.“
Autor
Auf den ersten Blick verfolgen solche offenen Gespräche ein gutes Ziel: die Innenwelt der Eltern zu öffnen, der Tochter eine Freundin zu werden. Oder steckt ein anderes Motiv dahinter – die Last der Verantwortung für das eigene Handeln auf die Kinder abzuwälzen, den eigenen Seitensprung wenigstens irgendjemandem zu beichten?
Solche kläglichen Versuche, wenigstens ein wenig Nähe zu den Kindern zu gewinnen, können kurzfristig funktionieren und die Kinder vielleicht sogar zu einer richtigen Entscheidung bringen – ein taktischer Sieg der Eltern. Strategisch aber verlieren sie hier.
Zum Fürchten! Bei österreichischen Fachleuten
Das Schlimme ist: Diese einfachen Wahrheiten werden bei österreichischen Fachleuten völlig verdreht ausgelegt. In Österreich muss man vor einer Scheidung, an der Kinder beteiligt sind, gesetzlich vorgeschrieben eine Beratung besuchen und dem Richter eine Bestätigung vorlegen. Ich, ein Elternteil in Scheidung, ging also zu einer eingetragenen Kinderpsychologin in der Nähe. Und sie war empört, als sie erfuhr, dass wir als Eltern unserer fünfjährigen Tochter nicht erzählt hatten, warum wir uns trennen.
Der Dialog war interessant:
Ich: „Wir Erwachsenen haben ja selbst noch nicht richtig verstanden, warum wir uns trennen!“
Kinderpsychologin: „Sagen Sie ihr, Mama und Papa lieben einander nicht mehr.“
Ich: „Das ist nicht wahr. Ich bin bereit, meinem Kind zu sagen, was ich für wahr halte – aber nichts zu erfinden.“
Kinderpsychologin: „Für das Kind ist eine Erklärung wichtig.“
aus einer echten Beratung
Später war eine Bekannte von mir vor ihrer Scheidung bei einer ähnlichen Beratung – mit derselben „Forderung“: Erzählen Sie dem Kind, warum Sie sich getrennt haben.
Wann darf man erzählen?
In welchem Alter sind solche Gespräche überhaupt möglich? Etwa mit 30 oder 40, wenn die Kinder mit ihren Eltern einigermaßen auf Augenhöhe stehen, wenn sie sich mit ihnen in ein Lokal setzen können wie mit Fremden. Bis dahin – vorausgesetzt, ein Mensch entwickelt sich und bleibt nicht im jugendlichen psychologischen Alter stecken – haben die Kinder mit den Eltern gleichgezogen und die Konkurrenz mit ihnen beendet. Der Sohn hat bereits Familie, Kinder, Haus, Auto – kurz alles, was sein Vater hatte, als der Sohn geboren wurde. Die Tochter hat dasselbe, was ihre Mutter bei ihrer Geburt hatte. Jetzt begegnen Kinder und Eltern einander ALS GLEICHE, nur in unterschiedlichem Alter, und tauschen Erfahrungen aus. Genau hier ergibt sich die erste Gelegenheit, den Eltern von der eigenen Vergangenheit zu erzählen.
Also, wie macht man es richtig?
Wenn ein Kind mit einer „erwachsenen“ Frage zum Privatleben zu Ihnen kommt, gehen Sie so vor:
- Zurück in die Kinderwelt schicken: „Kleines, das ist unser Erwachsenenkram, wir kriegen das schon hin! Alles wird gut!“
- Fragt das Kind nach dem anderen Elternteil, schlagen wir ein Gespräch in dessen Beisein vor.
- Wir fragen das Kind nach seinem eigenen Befinden – es hat ja aus einem Grund gefragt!
Und so bleibt es, bis der Nachwuchs 40 ist.









