Der Melancholiker ist ein Extravertierter in der passiven Lebensposition. Ihm sind Harmonie, Freundschaft, Beziehungen, Familie, Zuhause und Kinder wichtig – und der Weltfrieden wäre vermutlich auch nicht verkehrt. Sie brauchen den Austausch, denn im Austausch mit der Welt lernen sie sich selbst deutlich besser kennen.
Ist der Melancholiker eine Frau, dann ist das eine weibliche Frau in ihrer ausgeprägtesten weiblichen Erscheinungsform. Und noch dazu auf Fortpflanzung ausgerichtet! Ist der Melancholiker ein Mann, dann ist das ein häuslicher Mann in Pantoffeln, der es liebt zu kochen, Kinder großzuziehen und zu erziehen. Kurz: ein liebenswertes Geschöpf.
Das ist die moderne Sicht. Liest man dagegen Hippokrates, der vor dreitausend Jahren vermutete, dass das Verhalten eines Menschen vom Überwiegen eines der „Lebenssäfte“ abhängt, und dies Temperament nannte, ergibt sich ein anderes Bild. Ein Saft konnte zwei Merkmale haben: heiß/kalt und trocken/feucht. Bei den Melancholikern überwogen laut Hippokrates die kalten und trockenen Säfte. Daraus entstand …
Kurz gesagt: Die Alten waren weise, aber so klug dann doch nicht. Sei's drum! Melancholiker gehen mit Risiken weit vorsichtiger um als viele ihrer Bekannten, drehen wegen des Karrieresprungs höchstwahrscheinlich nicht durch und suchen sich lieber verlässlichere und sicherere Wege, Straßen und Entscheidungen.
Auf Melancholiker kann man sich immer verlassen. Sie schätzen Liebe und Güte und gehen trotz ihrer äußeren Gelassenheit sehr weit für ihre Angehörigen und Nächsten. Die Menschen schätzen an ihnen die Empfindsamkeit, die Fürsorge für andere, die Selbstlosigkeit und zugleich die Vernunft und die Vorsicht.

Der Melancholiker ist, als Extravertierter, auf Menschen ausgerichtet, er hat viele Gefühle und Erlebnisse. Taucht er in sich selbst, so taucht er nicht in Überlegungen, sondern in das Erleben ein. Für den Melancholiker ist die Verbindung zur Welt wichtig. Die Welt ist für ihn eine Quelle von Gefühlen und Erlebnissen.
Die Angst und die Freude des Melancholikers wirken auf Außenstehende oft wie Traurigkeit. Erinnern Sie sich an den Esel I-Aah im Zeichentrickfilm über Winnie Puuh? Melancholiker flüchten sich oft in Träume, sie versinken gewöhnlich darin, in der reichen Innenwelt, in die sie tauchen, und in dieser Welt erleben sie viel Leid und zugleich viel Schönheit. Sie leiden also und freuen sich zugleich daran.
Wenn Sie sich anschaulich vorstellen wollen, wie typische Melancholiker aussehen, dann nehmen Sie als Beispiel … einerseits Russland und andererseits Indien oder die Ukraine. Das sind im Kern melancholische Länder, die sich höchstens in den Ego-Typen unterscheiden: Indien ist noch stärker im Fühlen und Erleben, Russland stärker im Handeln und ausgerichtet auf action. Die Ukraine ist ebenfalls ein melancholisches Land. Nicht umsonst verkauft sich das Bild der Frau mit dem Zopfkranz bei Tymoschenko so gut.
Übrigens zum „depressiven“ Russland. Später werden Sie erfahren, dass Melancholiker zu einem von drei Persönlichkeitstypen heranwachsen: Epileptoid (die Romantiker), Depressiv (die Fürsorglichen) und Frustrationstyp (die Philosophen). Ihnen allen sind – wie schon aus den „poetischen“ Namen hervorgeht – Romantik und Depressivität eigen. Bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gab es den „melancholischen Charakter“, der im 20. Jahrhundert besonders die Aufmerksamkeit der Psychoanalytiker auf sich zog, darunter Jung, Freud und Berne.
Thomas Moore im Buch „Die Gaben der Depression“, 1852Einen zur Melancholie neigenden Menschen nannte man „Kind des Saturn“. Saturn gilt als kalt und fern, doch er hat auch andere Bedeutungen. Bisweilen nannte man ihn den Gott der Weisheit und der philosophischen Reflexion. In manchen Gärten der Renaissance gab es Lauben, die dem Saturn geweiht waren – ein dunkler, schattiger und abgelegener Ort, an dem ein Mensch ausruhen und in die Ruhe der Depression eintauchen kann, ohne fürchten zu müssen, gestört zu werden. Saturn wurde manchmal SolNiger genannt – die schwarze Sonne. In seiner Schwärze lässt sich ein echter Brillant finden: unsere Wesensnatur, destilliert aus der Depression – und vielleicht das größte Geschenk der Melancholie.







