Iwan und Nina haben sich bei uns etwa zur gleichen Zeit angemeldet und schon im ersten Gespräch erklärt, wie sehr sie beide Charlotte York nicht ausstehen können. Der Grund: Zu unserem eigenen Test zur Bestimmung von Temperament und Persönlichkeitstyp gehört die Auswahl von Figuren aus bekannten Serien – und Charlotte war eine davon.
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen Kommentar– Schweben so ätherisch durch die Gegend, reden von Schönheit und Güte, und im Kopf haben sie nur, wie viel der Kerl verdient! Konsumgeilheit! – empörte sich Iwan. – Bei denen muss immer der Mann, und sie selbst machen auf Prinzesschen!
– Abzocke und Verarsche! Tun schwach und manipulieren, und wenn etwas ist, sind sie die reinsten Engelchen. Was finden die Männer bloß an ihnen? – schimpfte Nina. – Allen normalen Männern haben sie den Kopf verdreht, und für uns bleibt nur Ladenhüterware!
Und es traf sich, dass die beiden nicht nur in ihrer Abneigung gegen Charlotte zusammenpassten, sondern auch nach ihren Persönlichkeitstypen. Die selbstbewusste, entschlossene, dominante und willensstarke Nina und der sinnliche, weiche, häusliche Iwan mussten einander glänzend ergänzen. Ich habe Iwan, so gut ich konnte, die Vorzüge von Ninas Persönlichkeitstyp beschrieben – als das genaue Gegenteil eines Prinzesschens –, und Nina den Iwan als jemanden, der sie ergänzt, sie beruhigt und mit ihr keinen Schwanzvergleich anstellen wird. Dann habe ich beiden mit gutem Gewissen die Kontaktdaten des anderen gegeben. Blieb nur, die Rückmeldung abzuwarten.

Nina schob nichts auf die lange Bank, ergriff die Initiative und lud Iwan zum ersten Date ein … auf den Schießstand. Zu sagen, Iwan sei überrascht gewesen, wäre stark untertrieben; doch weil er sich als „echter Kerl“ zeigen wollte, sagte er mutig zu. Ein guter Schütze lässt sich allerdings nicht vortäuschen, und so gestand Iwan klugerweise, dass er seit seinem siebten Lebensjahr nicht mehr geschossen habe – und damals nur mit der Steinschleuder. Nina wusste die Ehrlichkeit zu schätzen, drückte ihm eine Pistole in die Hand und erklärte ihm kurz, wie man zielt. Die Anweisungen kamen in einem Ton, dass Iwan sie auf Anhieb befolgte und danach begeistert zu Nina hinübersah – er kam sich vor wie ein echter Cowboy aus dem Western. Nina erinnerte allerdings eher an die „Madame“ eines ganzen Bordells als an deren bescheidene, ätherische Schützlinge, die von Cowboys üblicherweise besucht werden – doch dieser Gedanke erregte Iwan nur noch mehr. Von solchen Höhen und Erfolgen hatte er früher nicht einmal zu träumen gewagt. Ein Prinzesschen war das hier jedenfalls nicht, da hatten die Fachleute nicht gelogen.

Nina hatte gemischte Gefühle. Einerseits wollte sie Iwanuschka unter ihre Fittiche nehmen und vor allem Unglück dieser Welt beschützen, andererseits war er ja ein Mann! Allerdings wog die Begeisterung und Bewunderung, mit der dieser Mann sie ansah, viele Zweifel auf. Der Mann wiederum fasste endgültig Mut, wedelte unbekümmert mit dem Lauf vor Ninas Nase herum und lud sie ein, mit ihm essen zu gehen – wenn sie denn nichts dagegen habe. Nina schob den Lauf behutsam zur Seite und sagte freudig zu, wobei sie wie automatisch gleich Tag, Uhrzeit und Lokal nannte. Zum Nachdenken, ob sie nicht zu stark dränge, kam Nina gar nicht: Iwan stimmte fröhlich und, wie es schien, sogar erleichtert ihrem „Vorschlag“ zu.
Ihre Beziehung entwickelte sich stürmisch und leidenschaftlich. Iwan war hingerissen davon, dass Nina immer wusste, was sie wollte; er vergötterte ihre Stärke und Entschlossenheit, ihre Sicht auf die Welt und ihre Gabe, einen Gedanken kurz und treffend auszudrücken. Sie glich in nichts jenen aufgetakelten Tussis, auf die Iwan früher geachtet hatte. Die waren irgendwie unbeständig und launisch gewesen, hatten von Iwan Willensentscheidungen, blitzschnelles Handeln und materielle Absicherung verlangt. Iwan war nervös geworden, hatte sich verausgabt, sich unsicher gefühlt und eine Mischung aus Rambo und Donald Trump gemimt. Bei Nina war das alles nicht nötig; er fühlte sich friedlich und geborgen und erlaubte sich sogar, ihr seine „Schwächen“ zu zeigen: Er kochte für sie und führte sie in sein Allerheiligstes – seinen Wintergarten.
Auch Nina begann ihm allmählich zu vertrauen und wunderte sich insgeheim, warum sie nicht früher auf die Idee gekommen war, sich so einen ruhigen, häuslichen Kater zu suchen. Ohne diese Fachleute würde sie wohl bis heute jemanden Starken, Durchsetzungsfähigen suchen, und danach würden sie sich darum streiten, wer gerade entscheidet, was im Fernsehen läuft, wohin es in den Urlaub geht, wer cooler ist und so weiter. Mit Iwan gab es nichts zu streiten; man wollte ihm über den Kopf streicheln, sich mit ihm in eine flauschige Decke einwickeln und dem Tanz des Feuers im Kamin zusehen. Natürlich störte es sie ein wenig, dass er zu leise war, dass er keine besonderen Ambitionen hatte und sie manchmal ansah wie ein Kalb seine Mutter. Dafür konnte er stundenlang zu Hause etwas reparieren, vollbrachte Wunder in der Küche, hängte sämtliche Vorhangschienen um, strich die Decken … Und sah weiterhin bewundernd zu, wie sie eine Karrierestufe nach der anderen erklomm.

Dabei machte er unverdrossen und fröhlich bei ihren „verrückten“ Vergnügungen mit, etwa Bergsteigen und Schießen. Wenn er ihre Anweisungen befolgte, erzielte er ganz ordentliche Ergebnisse, und er war wie ausgewechselt: Aus dem Kater „schlüpfte“ ein in allen Regenbogenfarben schillernder Drache – stolz und stark, genau jener „echte Kerl“, den Nina so lange und vergeblich gesucht hatte und bei dem sie sich für eine Weile ruhig und sicher fühlen konnte. Und was für ein Sex das nach dem Schießen war …
Kaum hatte Nina durchschaut, wie leicht sie beeinflussen konnte, welche Ausgabe von Iwan gerade vor ihr stand, nutzte sie das auch tatkräftig. Verdammt praktisch, wenn jemand neben einem ist, der so mühelos tut, was von ihm verlangt wird. Sie dachte sich nun vor wichtigen Geschäftsterminen, großen Veranstaltungen und Geschäftsessen allerlei Unternehmungen mit Adrenalinausstoß aus und belohnte ihn nebenbei mit leidenschaftlichem Sex und ihrer Bewunderung. Und siehe da: Iwan begann auch beruflich zu wachsen und erreichte dort Höhen, die ihm niemand zugetraut hatte. Nina schwebte: Sie hatte einen waschechten Hauslöwen, mit dem sie sich stolz in der Öffentlichkeit zeigen konnte und der zugleich tat, was sie von ihm wollte. Zugeben würde sie das kaum jemandem, aber es klang in jeder ihrer Wendungen und Betonungen mit, als sie im Rückmeldegespräch über ihre Kompatibilität Iwan und seine Erfolge lobte wie eine gestandene Mama.
Mir dagegen war nach Schimpfen zumute. Genau das ist die Besonderheit dieser Charakterkombination: Sie zieht ihn groß, und er beginnt, mit ihr um die Vorherrschaft zu kämpfen. Anfangs kann das sehr leidenschaftlich sein und die Beziehung sogar stark festigen, doch früher oder später bekommt dieser Drache Federn und will mehr Freiheit. Ich hatte den erbosten Iwan aus dem ersten Gespräch in Erinnerung, aber jetzt saß ein völlig anderer Mensch vor mir. Ich sah einen sehr selbstsicheren Mann, behäbig und souverän, der alles unter Kontrolle hat und überzeugt ist, die ganze Welt liege ihm zu Füßen. Die Frage war nur, ob ihm bewusst ist, wie viel davon sein eigenes Verdienst ist – und wie viel das Verdienst der fast vor Glück schnurrenden Nina an seiner Seite.
Solche Fragen kann man nicht direkt stellen. Das ist ein heikles Thema, denn jeder ist seines Glückes Schmied – auch wenn er nicht weiß, wann er aufhören sollte. Und in so heiklen Lagen hängt sehr viel von den inneren Grundsätzen des einzelnen Menschen ab. Der Persönlichkeitstyp kann darauf längst nicht immer Einfluss nehmen.
– Ich freue mich, dass Sie einander so gut tun, – sagte ich, – ich hoffe, das bleibt auch so …
– Anders kann es gar nicht sein, – lächelte Iwan und küsste Nina zärtlich auf die Schläfe, – weißt du, Alissa, jedes Mal, wenn ich an einen Seitensprung denke oder daran, wie schön das Junggesellenleben ist, fällt mir ein, dass meine Verlobte eine der besten Schützinnen der Stadt ist. Und vermutlich auch des Landes.
Fachlicher Kommentar
Nina steht für den psychopathischen Persönlichkeitstyp. Das sind sehr aktive, durchsetzungsfähige Menschen, die mit allen Mitteln ihr Recht zu sein unterstreichen. Sie genießen das Leben in all seinen Erscheinungsformen, und zugleich zeigt sich bei ihnen in allem das Streben zu kontrollieren und zu herrschen. Sie haben ziemlich hohe Ansprüche an sich selbst – und genau dieselben an ihre Umgebung.
Iwans Persönlichkeitstyp ist der epileptoide. Für Menschen dieses Typs ist es kennzeichnend, dass sie unmittelbare Aufmerksamkeit für ihre Person fürchten – und sich diese Aufmerksamkeit unbewusst wünschen. Es sind sehr sinnliche und geschmeidige Menschen, die die Welt oft emotional und durch eine rosarote Brille sehen. Frauen dieses Typs sind die lebendige Verkörperung von Weiblichkeit, Männer dagegen meiden diese Weiblichkeit in unserer Kultur häufig und bemühen sich, echte Machos zu spielen.
Über die Beziehung einer psychopathischen Frau und eines epileptoiden Mannes lässt sich sagen: Sie haben sich über die Abneigung gegen Frauen gefunden. Beide leugnen ihre Weiblichkeit und finden im anderen eine verwandte Seele. In einer solchen Beziehung wird die Rollenumkehr vollständig gelebt (die Frau spielt die führende Rolle in der Familie, sie verdient mehr und entscheidet). Sie muss sich für ihre „männlichen“ Züge nicht genieren, und er nimmt seine weiblichen an. Er fühlt sich in dieser Beziehung geschützt, und sie schützt ihn. Das entspricht dem Bedürfnis von Menschen des epileptoiden Typs nach einem führenden Partner und dem Bedürfnis von Menschen des psychopathischen Typs nach Macht.
Nina wird Iwan weiter „großziehen“, ihm Ambitionen „schenken“ und darauf achten, dass er sich entwickelt – genau so, durch Taten und nicht durch Worte, drückt sich die Liebe von Menschen des psychopathischen Typs aus. Iwan wird weiter Ninas Kanten glätten, für häusliche Behaglichkeit sorgen und ihre Fürsorge und Aufmerksamkeit genießen. Ihre Fähigkeit, sich auf ihn zu konzentrieren und sich mit ihm zu beschäftigen, entspricht seinem Verständnis von Liebe und Nähe.
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