Ist der Charakter eine Diagnose?

Ist der Charakter eine Diagnose?

– Du verstehst doch überhaupt keinen Deut von Psychologie!!! – geifert ein Bekannter von mir, – ich habe sie immerhin studiert! Und für dich ist alles nur ein Spiel!

Der Bekannte hat übrigens Operngesang studiert. Danach hat er an einer technischen Universität irgendwelche Forschungsarbeiten zusammengeschrieben. Dann hat er Wohnungen renoviert, Wände gestrichen, eifrig versucht, nach England auszuwandern, eine Ausbildung zum Qualitätsmanager gemacht und ist vor der Pandemie in letzter Minute aus der Lombardei geflüchtet, wohin er nach dem Brexit hatte auswandern wollen. In all den Jahren unserer Bekanntschaft hat er seine Berufsjahre als Psychoanalytiker nie erwähnt. Auf meinen Vorschlag, sich wenigstens in die S-Typologie hineinzudenken, weigerte er sich – ganz seinem Persönlichkeitstyp entsprechend – auch nur anzufangen, nannte mich eine Närrin, die das Gesamtbild nicht sehe, und sagte der Sache nach doch nichts.

– Und weißt du, Alissa, warum Studierende der ersten Semester McWilliams und ähnliche Autoren nicht lesen dürfen? – schnurrt ein anderer Bekannter. Er verfügt, ganz seinem eigenen Persönlichkeitstyp entsprechend, über enzyklopädisches und selbst systematisiertes Wissen in der Psychologie und nicht nur dort. – Richtig: damit die Versuchung ausbleibt, Menschen Diagnosen zu stellen. Alles logisch und ganz nach Freud.

– Onkel Tolja, hier geht es doch nicht um klinische Diagnosen … – Hast du selbst verstanden, was du da gerade herausgeplappert hast? – lacht Onkel Tolja. Und ich wurde nachdenklich.

Da haben wir die Diagnose – und können beruhigt weiterleben.

So ist es nun einmal: Menschen suchen bereitwillig nach der „Wunderpille“. Und mangels anderer Möglichkeiten ist das oft eine Diagnose. Da haben wir die Diagnose – und können beruhigt weiterleben. Der ist ein Idiot, jener ein Dummkopf, und die dort sind einfach süß. Und man muss gar nichts zu lesen verbieten: Die Diagnosen stehen längst. Außerdem liebe ich es, wenn Leute, die sich mit Pop-Psychologie vollgelesen haben, loslegen – und kaum bremst man sie, hagelt es Vorwürfe und Diagnosen, das seien alles nur meine neurotischen Projektionen auf sie. Übrigens auch ein charakteristischer Zug bestimmter Typen.

Die S-Typologie hat die Namen für die Typen tatsächlich fast aus der Psychiatrie übernommen (böse Zungen behaupten, dem Erfinder der Theorie sei es – ganz seinem Typ entsprechend – schlicht zu mühsam gewesen, neue Namen zu erfinden). Darüber hinaus aber ist das keine Typologie der „Spinnereien im Kopf“, sondern eine sehr tiefgehende Konzeption der Persönlichkeit. Sie vereint eine ganze Reihe unterschiedlicher Ansätze und fügt sie zu einem stimmigen, logischen System, das die Persönlichkeit als Zusammenspiel von angeborenem Temperament mit den Besonderheiten des Aufwachsens und der Erziehung betrachten lässt. Diese Besonderheiten hängen – ebenso wie unsere Wahrnehmung jedes beliebigen, wirklich jedes Phänomens und Vorgangs – eng mit einem ganz einfachen und genialen Algorithmus zusammen und beruhen auf ihm. Hat man ihn verstanden, wird alles Weitere folgerichtig: nicht nur die Typen, sondern auch ihr Zusammenspiel. Dabei wirkt dieser Algorithmus nicht nur auf die Entstehung des Charakters, sondern auch auf die Entwicklung jedes Menschen mit den Jahren, auf die Aufgaben, die jeder im Lauf des Erwachsenwerdens zu lösen hat, und auf vieles mehr. Doch zurück zu unserer Frage: Lässt sich behaupten, der Charakter sei eine Diagnose? Und lässt sich behaupten, irgendwelche körperlichen Besonderheiten seien eine Diagnose?

Die psychologische Diagnose ist das Endergebnis der Tätigkeit einer psychologischen Fachkraft, die darauf gerichtet ist, das Wesen der individuell-psychologischen Besonderheiten einer Persönlichkeit zu beschreiben und zu klären, um deren aktuellen Zustand einzuschätzen, die weitere Entwicklung zu prognostizieren und Empfehlungen zu erarbeiten, die sich aus der Aufgabenstellung der psychodiagnostischen Untersuchung ergeben. Gegenstand der psychologischen Diagnose ist die Feststellung individuell-psychologischer Unterschiede sowohl im Bereich der Norm als auch im Bereich der Pathologie

Wikipedia

Wikipedia zum Beispiel unterscheidet zwischen der medizinischen und der psychologischen Diagnose. Letztere ist „das Endergebnis der Tätigkeit einer psychologischen Fachkraft, die darauf gerichtet ist, das Wesen der individuell-psychologischen Besonderheiten einer Persönlichkeit zu beschreiben und zu klären, um deren aktuellen Zustand einzuschätzen, die weitere Entwicklung zu prognostizieren und Empfehlungen zu erarbeiten, die sich aus der Aufgabenstellung der psychodiagnostischen Untersuchung ergeben. Gegenstand der psychologischen Diagnose ist die Feststellung individuell-psychologischer Unterschiede sowohl im Bereich der Norm als auch im Bereich der Pathologie“.

Der Charakter ist zweifellos eine unserer individuellen Besonderheiten, er zeigt den aktuellen Zustand, hilft Verhalten vorherzusagen und stellt eben jene individuell-psychologischen Unterschiede fest. Zugleich lässt sich der Charakter ausbalancieren, aber keineswegs verändern. Das heißt: eine Diagnose fürs ganze Leben. Tröstlich ist nur eines: Diese Diagnose ist längst nicht immer eine klinische. Mehr noch: Sie beschreibt uns unsere Funktionsweise und unsere Möglichkeiten. Und das Wissen um diese Möglichkeiten würde uns im Leben eine Menge Missverständnisse ersparen. Beispiele muss man dafür nicht lange suchen. Einem Vater, der Unternehmer ist, wird eine Tochter geboren, die sich aus irgendeinem Grund weigert, in seine Fußstapfen zu treten. Er stellt ihr alles bereit: Ausbildung, Karrierestart, Kontakte und Möglichkeiten – und sie will das alles nicht. Sie sitzt in ihrer Abteilung für Finanzkontrolle und findet virtuos auf den ersten Blick jeden Fehler. Karriere zu machen drängt es sie nicht, und auf die Frage, ob ihr etwas gefällt, zählt sie unweigerlich ohnehin allseits bekannte Fakten darüber auf. Die einzigen Male, in denen sie eine gehörige Härte zeigt, sind die, in denen der Vater ihr irgendwelche Veränderungen im Leben aufzwingen will. Der Vater tobt, die Tochter bleibt stur. Nein, aufgehört miteinander zu reden haben sie nicht, aber einander verstanden haben sie nie. Wüsste der Vater um die S-Typologie, würde er von der Tochter wohl nicht verlangen, was für sie per definitionem unmöglich ist.

Die S-Theorie liefert aus meiner Sicht eine der einfachsten Erklärungen: Sie beschreibt nicht nur die Besonderheiten jedes Charakters, sondern auch, wie genau sich dessen Ängste, Neurosen und Abwehrmechanismen zeigen.

Ein anderes Beispiel: Mutter und Tochter. Die Tochter verlangt von der Mutter, dass diese alle Zeit mit ihr verbringt, mit ihr einkaufen geht, ihr teure Klamotten kauft, die das Mädchen danach nie trägt, und sie stundenlang für jede Hausarbeit oder jedes gekochte Abendessen lobt. Auf jeden Versuch abzulehnen – zu sagen, für Klamotten sei kein Geld da oder die Mama fühle sich nicht gut – reagiert die Tochter mit Geschrei, alle und die Mutter ganz besonders würden sie hassen und wünschten sie vom Erdboden weg. Die Mutter leidet furchtbar, klagt allen ringsum, dass sie zu Hause kein Leben habe, und versucht, sich der Tochter überall zu beugen, wo es nur geht – Hauptsache, die Tochter tadelt und beschimpft sie nicht. Szenen gibt es fast täglich, das gegenseitige Klagen bei anderen noch häufiger. Wieder ein Generationenkonflikt? Oder einfach eine „ideale“ Kombination von Persönlichkeitstypen und verletzten natürlichen Rechten. Man könnte eine Menge Theorien darüber aufstellen, warum das so ist und wer schuld ist. Die S-Theorie liefert aus meiner Sicht eine der einfachsten Erklärungen: Sie beschreibt nicht nur die Besonderheiten jedes Charakters, sondern auch, wie genau sich dessen Ängste, Neurosen und Abwehrmechanismen zeigen. Weiß man, wie sich das ausbalancieren lässt, kann man die Wogen erheblich glätten. Durch eine seltsame Fügung ist dasselbe Mädchen mir gegenüber die Ruhe und der Respekt in Person. Aber ich habe eben auch einen ganz anderen Persönlichkeitstyp.

Und schließlich jener Bekannte, der „Psychologie gründlich studiert“ hat. Vor langer Zeit, vier Freundinnen vor der jetzigen, war ich seine Freundin. Was passte nicht zusammen? Unsere Vorstellungen von Beziehungen – die häufigste Ursache familiärer Zwistigkeiten –, unsere wunden Punkte, denn wir hatten einander nichts zu geben, und … meine persönlichen Vorlieben, was Persönlichkeitstypen betrifft. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, wäre uns ein Haufen verlorener Zeit erspart geblieben.

Es zeigt sich: Eine Diagnose kann man nicht nur einem Menschen stellen, sondern auch einer Beziehung.

Es zeigt sich: Eine Diagnose kann man nicht nur einem Menschen stellen, sondern auch einer Beziehung. Natürlich wird die Landkarte nie das Gelände sein, aber an dieser Diagnose-Landkarte kann man sich durchaus orientieren, um zu verstehen, wie sich eine Beziehung halten und verbessern lässt und … ob man sie überhaupt braucht. Womöglich sollten Psychologiestudierende tatsächlich nicht zu früh über verschiedene Typologien lesen. Zum Glück bin ich keine Studentin. Mir gefällt einfach sehr, dass sich das, was früher als Chaos im Stil „der Kopf ist eine dunkle Sache und einer Untersuchung nicht zugänglich“ galt, dank jahrelanger Forschung ordnen und erklären lässt. Aber das wiederum ist charakteristisch für meinen Persönlichkeitstyp.