Kollektivschuld: das Milgram-Experiment nicht zu kennen

Kollektivschuld: das Milgram-Experiment nicht zu kennen

Kollektivschuld oder Kollektivscham ist es, wenn die Verantwortung für die Taten weniger auf alle Angehörigen dieser Gruppe, Familie oder Volksgruppe abgewälzt wird. Die einfachste Variante: „An allem schuld sind …“. Die raffiniertere: „Es ist beschämend, Deutscher zu sein, hellhäutig, Impfgegner, Russe, Ukrainer oder neutral zu sein …“. Wer sich die „Kollektivschuld“ ausgedacht hat, was die Psychologie über sie sagt und wie sich Gewalt in der Gesellschaft vermeiden lässt – diesen Fragen gehen wir im Artikel nach.

Für alle, die wenig Zeit zum Lesen haben, hier gleich die Schlussfolgerungen:

  • Hilft ein kollektives Schuldbekenntnis oder die Scham über die eigene Herkunft dabei, Völkermord, Kriege oder Gewalt zu verhindern? Die psychologische Forschung hat seit den 1960er-Jahren durch die „Milgram-Experimente“ vielfach belegt, dass die Ursache von Gewalt, Kriegen und Massenmorden nicht in der Nationalität, der Abstammung oder auch nur der Ideologie liegt, sondern in der „allgemeinen Suggestibilität“ gegenüber einer Autorität
  • Die „Kollektivschuld“ als Instrument der Einflussnahme wurde 1945 erstmals von der Abteilung für psychologische Kriegführung des Obersten Hauptquartiers der Alliierten Expeditionsstreitkräfte (Psychological Warfare Division, PWD/SHAEF) entwickelt. Sie ist eine psychologische Waffe, die sich gegen ganz unterschiedliche Ziele richten lässt.
  • Das auffälligste Beispiel für aufgezwungene „Kollektivscham“ der letzten 80 Jahre ist die Scham, Deutscher zu sein. In den letzten drei Jahren allerdings hat das Objekt der Einwirkung gleich dreimal gewechselt: das Schuldgefühl, weiß zu sein, ungeimpft zu sein, Russe zu sein.
  • Wie „suggestibel“ eine Bevölkerung für Gewalt ist, hängt ab von (1) der Haltung der Autorität – des Staatsoberhaupts, (2) ihrer Nähe zur Bevölkerung und (3) dem Vorhandensein einer Gegenmeinung.
  • Offenbar unterstützen die heutigen Autoritäten die Gewalt – sogar im demokratischen Österreich

Deshalb ist das Konzept der „Kollektivschuld“ heute unwissenschaftlich und zugleich eine angewandte, wirksame psychologische Waffe. Wenn Ihr Interesse nun geweckt ist, finden Sie die Einzelheiten weiter unten

Heutige Beispiele für „Kollektivscham“

Bislang waren die Deutschen die einzige Nation, die sich ihrer Herkunft schämt. Die gesellschaftliche Ächtung nach dem Zweiten Weltkrieg, die Verantwortung für die Konzentrationslager und für die Entfesselung des Krieges haben den Stolz auf die eigene Nation für lange Zeit aus dem Bewusstsein der Deutschen verdrängt. Wer aber glaubt, es gehe nur um die Deutschen – hier die Chronologie, wie die „Kollektivscham“ in den letzten drei Jahren mutiert ist.

2020 knieten im Zuge der Massenproteste der Bewegung Black Lives Matter („Schwarze Leben zählen“) Weiße nieder und entschuldigten sich bei Schwarzen für ihre Hautfarbe und dafür, dass sie „weiße Privilegien“ hätten. Das Beispiel unten ist ein Prank, der Autor gehörte BLM nicht an – es zeigt aber, wie hoch die Bereitschaft der Menschen war, sich für die eigene Hautfarbe zu entschuldigen.

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Und das hier ist kein Prank mehr:

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2021 versuchten die Regierungen Österreichs und Deutschlands, allen Ungeimpften eine Kollektivschuld für die Lockdowns aufzuerlegen. Das Narrativ von der „Pandemie der Ungeimpften“ wurde von der Regierung wie von der Presse beharrlich wiederholt, was zum „Lockdown nur für Ungeimpfte“ führte. Heute wissen wir, dass das nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch politischer Missbrauch war – ein schaler Nachgeschmack ist geblieben.

Das ganze Land wird zur Geisel dieser Menschen, die sich entgegen den wissenschaftlichen Belegen durchsetzen wollen
Karl Lauterbach, Gesundheitsministerium Deutschland, 17. März 2022

Das ist ein Beispiel für aufgezwungene „Kollektivscham“ nach weltanschaulichem Merkmal

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2022 entstand in der westlichen Presse vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Ukraine das Narrativ „Es ist beschämend, Russe zu sein“. Wer Russe ist und den Präsidenten der Russischen Föderation nicht für die Kriegshandlungen in der Ukraine verurteilt hat, auf dem liegt Schande. Am treffendsten hat diesen Trend die Band Leningrad im Lied „Kein Eingang!“ ausgesprochen.

Der Russe ist für euch der neue Jud. Am liebsten würdet ihr uns alle im Ofen verbrennen
aus dem Liedtext „Kein Eingang!“ der Band Leningrad

Das ist ein Beispiel für aufgezwungene „Kollektivscham“ nach nationalem Merkmal.

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Das sind anschauliche Belege dafür, dass die „Kollektivscham“ seit 2020 zu einem wandernden Trend geworden ist. Heute ist es beschämend, weiß zu sein, morgen ungeimpft, übermorgen Russe, und in einer Woche wird es beschämend sein, für Neutralität einzutreten. Woher diese „Unbeständigkeit“? Die Antwort ist in der Geschichte leicht zu finden.

Wer hat die „Kollektivschuld“ erfunden?

Schlägt man in Wikipedia etwa das Wort „Kollektivschuld“ nach, so erfährt man: Die Idee der „Kollektivschuld“ ist nicht in der Gesellschaft entstanden, sondern in den höchsten Rängen der Macht. 1945 erarbeitete die Abteilung für psychologische Kriegführung (Propaganda) des Obersten Hauptquartiers der Alliierten Expeditionsstreitkräfte (Psychological Warfare Division, PWD/SHAEF) die Direktive JCS 1067, die die Grundsätze der US-amerikanischen Besatzungspolitik nach der Kapitulation Deutschlands enthielt.

Die ersten Schritte der Umerziehung sind darauf gerichtet, den Deutschen unbestreitbare Tatsachen vor Augen zu führen, um das Bewusstsein für Deutschlands Schuld am Krieg und für die Kollektivschuld an den in den Konzentrationslagern begangenen Verbrechen zu wecken
aus der Direktive Nr. 1 von Robert McClure, dem Leiter der Propagandaabteilung

Danach führte die Propagandaabteilung Kampagnen durch, um die Kollektivschuld einzupflanzen. Das Konzept wurde erfolgreich verankert. Noch 80 Jahre später sagte Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, zum Jahrestag des Überfalls auf die UdSSR genau das: „Für uns Deutsche ist das ein Grund zur Scham.“

Diesen Trend unterstützte auch Carl Gustav Jung, einer der Gründerväter der Psychologie als Wissenschaft. Am 11. Mai 1945 gab er der Zeitung Die Weltwoche ein Interview, in dem er sagte:

Die Frage der Kollektivschuld, die dem Politiker so viel zu schaffen macht und weiter zu schaffen machen wird, ist für den Psychologen eine Tatsache, an der kein Zweifel besteht, und eine der wichtigsten Aufgaben der Behandlung wird darin liegen, die Deutschen dazu zu bringen, ihre Schuld anzuerkennen
C. G. Jung im Artikel „Werden die Seelen Frieden finden?“

Am Beispiel seiner Patienten nahm Jung an, dass man „in aufrichtiger Reue göttliche Gnade findet“. Paradox ist allerdings, dass sich Jungs Gedanken nicht weit von denen unterscheiden, die er kritisiert. Priesen jene die Besonderheit der „arischen Rasse“, so preist Jung deren besondere Minderwertigkeit:

Die Deutschen zeigen gegenüber diesen Dämonen eine besondere Schwäche infolge ihrer außerordentlichen Suggestibilität. Sie zeigt sich in ihrer Vorliebe für den Gehorsam, in ihrer willenlosen Unterwerfung unter Befehle, die nur eine andere Form der Suggestion sind. Das entspricht der allgemeinen seelischen Minderwertigkeit der Deutschen, einer Folge ihrer unbestimmten Lage zwischen Ost und West
C. G. Jung über die Besonderheit der Deutschen

Doch Jung wäre nicht der bedeutende Psychotherapeut gewesen, der er war, hätte er nicht bemerkt, dass es nicht nur um die Deutschen geht, sondern um etwas Größeres. Er nannte es die „allgemeine Suggestibilität“

Die Erforschung der „allgemeinen Suggestibilität“

Das künstlich ersonnene Konzept der „Kollektivschuld“ beantwortete in keiner Weise die Frage, wie eine ganze Nation an der Vernichtung Unschuldiger in Konzentrationslagern mitwirken kann. Dieser Frage ging der Sozialpsychologe Stanley Milgram gründlich nach. Er ist übrigens auch als Urheber der „Theorie der sechs Handschläge“ bekannt, nach der je zwei beliebige Menschen auf der Erde über fünf gemeinsame Bekannte miteinander verbunden sind.

Die Ergebnisse seiner Untersuchungen, die als „Milgram-Experiment“ in die Geschichte eingingen, beschrieb er in der Arbeit „Verhaltensstudie über Gehorsam“ im Jahr 1963. Das Thema ist so bekannt, dass darüber ein Spielfilm gedreht wurde: „Experimenter“

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Ursprünglich wollte Milgram die Untersuchung in Deutschland durchführen, doch schon nach dem ersten Experiment in Connecticut, USA, war ihm klar, dass sich die Amerikaner in nichts von den Deutschen unterscheiden:

Ich fand so viel Gehorsam vor, dass ich keine Notwendigkeit mehr sehe, dieses Experiment in Deutschland durchzuführen
Milgram über die Ähnlichkeit von Deutschen und Amerikanern in Fragen des Gehorsams

Die Ergebnisse des Experiments waren so erschütternd, dass es in vielen Ländern wiederholt wurde. Der Aufbau war jeweils ähnlich:

  • Es gibt einen Leiter, es gibt einen Untergebenen, es gibt ein Opfer
  • Der Leiter befiehlt dem Untergebenen, dem Opfer Aufgaben zu stellen. Für jede falsche Antwort „bestraft“ der Untergebene das Opfer auf gewaltsame Weise, etwa mit Stromstößen
  • Die Stärke der Bestrafung steigt von schmerzhaft bis tödlich
  • Das Opfer ist ein Schauspieler und spielt den Schmerz nur
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Im Ergebnis waren 65 % bereit, das Opfer zu Tode zu quälen. Das Experiment wurde wiederholt in den USA, Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Spanien, Italien, Jordanien und Polen. 2002 wiederholte Thomas Blass von der University of Maryland das Milgram-Experiment mit einem Durchschnittsergebnis von 61 % (so viele Teilnehmende waren bereit, auf Befehl zu töten).

2017 versuchten polnische Sozialpsychologen der SWPS Universität für Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften, das Milgram-Experiment zu wiederholen. Den Teilnehmenden wurde gegen Entgelt angeboten, Statisten mittels Stromstößen unterschiedlicher Spannung körperlichen Schmerz zuzufügen. 90 % der Teilnehmenden waren dazu bereit.

Diese Untersuchung hat die außerordentlich stark ausgeprägte Bereitschaft normaler erwachsener Menschen gezeigt, auf Anweisung einer Autorität hin unabsehbar weit zu gehen
Milgram über die Ergebnisse des Experiments

Um zu verstehen, wie unwissenschaftlich die These der „Kollektivscham“ für die eigene Abstammung, Nationalität oder weltanschauliche Besonderheit ist, muss man wissen: Die Bereitschaft, dem Nächsten Schaden zuzufügen, ist in jeder sozialen Gruppe gleich verbreitet und in den USA, in Russland, in der Ukraine, in Deutschland, in Österreich und in anderen Ländern dieselbe.

Mehr noch: Wenn man Sie auffordert, sich entweder Ihrer Herkunft zu schämen oder andere zu beschämen, dann wissen Sie – hier wird eine psychologische Waffe gegen Sie eingesetzt, die Sie zu genau dem bringen soll: Schmerz zuzufügen und Gewalt auszuüben.

Aber was ist nun zu tun? Wenn die „Kollektivscham“ nicht hilft und die Mehrheit zu Gewalt bereit ist – wie lässt sich diese stoppen oder vermeiden? Milgram selbst hat im Verlauf der Experimente einen möglichen Ausweg gefunden

Wie lässt sich Gewalt auf der Ebene der Gesellschaft vermeiden?

So aussichtslos ist es nicht. Milgram selbst hat den Versuchsaufbau verändert und dabei Bedingungen gefunden, unter denen die Untergebenen es in 100 % der Fälle ablehnten, Schmerz zuzufügen.

  1. Gab der Leiter die Anweisung, die Gewalt zu beenden, oder verlangte nur das Opfer selbst, „bestraft zu werden“, so weigerte sich der Untergebene stets, Schmerz zuzufügen. Kommen die „Befehle“ also von einem Menschen gleichen Ranges, funktioniert die „Bereitschaft zu töten“ nicht
  2. Bei einem Konflikt mehrerer Leiter, die einander widersprechen, handelt der Untergebene nach seinen eigenen Überzeugungen und fügt dem Opfer keinen Schmerz zu

In der Theorie sind solche Bedingungen in einer politischen Ordnung ideal verwirklicht, in der es mehrere unabhängige Parteien mit gegensätzlichen Meinungen gibt, in der ein System der gegenseitigen Kontrolle besteht oder in der Führungspositionen befristet sind. Also in einer Mehrparteiendemokratie. So weit die Theorie – und in der Praxis?

Treten die Autoritäten für den Frieden ein?

Ob Gewalt in einer Gesellschaft unzulässig bleibt, hängt also ab von (1) der Haltung der Autorität – des Staatsoberhaupts, (2) ihrem hohen Rang und (3) dem Vorhandensein einer konkurrierenden Partei mit gegenteiliger Meinung. Wie steht es damit in Österreich, wo der Autor dieses Artikels lebt? Denken wir das an zwei Beispielen durch.

Im November 2021 berieten die Regierungsparteien einen Gesetzesentwurf über die Beugehaft für Ungeimpfte in gesonderten Gefängnissen, wobei die Haft von den Ungeimpften selbst zu bezahlen gewesen wäre. Am 2. Dezember 2021 erklärte der Verfassungsausschuss den Entwurf für rechtswidrig und menschenrechtswidrig. Und dennoch beharrten am 16. Dezember im Parlament alle Parteien (außer der oppositionellen FPÖ) weiter auf der Einführung der Beugehaft.

Mich erschüttert (1) die Zulässigkeit, im 21. Jahrhundert überhaupt darüber zu diskutieren, einen Menschen für seine Überzeugungen in ein gesondertes Lager zu sperren und ihm einen Teil seines Vermögens zu nehmen, und (2) die Einmütigkeit der Abgeordneten in dieser Frage. Woran erinnert das?

Als Autorität kann aber nicht nur eine Regierung auftreten, sondern auch die Verwaltung eines sozialen Netzwerks. So erlaubte Facebook im März 2022 über seinen Vizepräsidenten Nick Clegg vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Ukraine aggressive Äußerungen und Aufrufe zur Tötung des russischen Staatsoberhaupts und von Soldaten der russischen Armee.

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Ich wiederhole das Ergebnis der Milgram-Experimente: Erlaubt der Leiter die Gewalt um eines guten Zwecks willen, so wenden bis zu 90 % der ihm Unterstellten sie an. Ohne Kommentar!

Woher kommt der Hang zu Autoritäten?

Milgram ist überzeugt: Das Bewusstsein, Autoritäten gehorchen zu müssen, ist tief in uns verwurzelt. Die Frage ist, warum – und wie sich das ändern lässt. Die Antwort darauf haben die Jungianer gegeben, Vertreter der humanistischen Psychologie. Ein Hinweis: Es hängt mit dem heutigen Kult der „Vaterlosigkeit“ zusammen, was in einem anderen Artikel zum Teil aufgeschlüsselt ist

Wie „Vaterlosigkeit“ und das Nichtwissen um die eigene Ahnenreihe in einen Hang zu autoritären Herrschern mündet, wird in diesem Artikel gezeigt:

? Die Kraft der Ahnen, oder wie das „Unsterbliche Regiment“ der Psyche hilft

Ich meinerseits hoffe, dass Sie nach der Lektüre dieses Artikels weiterhin stolz auf Ihre Herkunft bleiben und, wenn Sie von Autoritäten einen Aufruf zur Gewalt hören, Ihre eigene Wahl treffen. Fachleute scherzen übrigens: „Eine Wahl gibt es immer, Wahlfreiheit nie.“