Oleg war ein durch und durch bezaubernder Mensch. Hochaufgeschossen, energiegeladen, schillernd und mit erstaunlich lachenden Augen. Es schien, als köchelte dieses Lachen in seinem Inneren und schwappte in großzügigen Portionen heraus, sobald er den Mund öffnete und eine Bemerkung fallen ließ. Nein, es war kein geradliniges Lachen, es tarnte sich als Kritik oder als Bewunderung, es legte den Mantel des Erschreckens oder den Schleier der Begeisterung an – doch wie sehr Oleg auch mit den Armen ruderte, wie hoch er auch die Augenbrauen zog und wie sehr er auch mit den Augen rollte: Tanja bemerkte dieses Lachen immer, das tief in seinem Inneren steckte.
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen KommentarUnd nur manchmal, wenn er so tief in etwas versank, dass er die Menschen um sich herum vergaß, bemerkte sie in seinen Augen mal Verzweiflung, mal grenzenlose Liebe zum Leben, mal tiefstes Mitgefühl und Schmerz um irgendetwas. Tanja bewunderte ihn, sie träumte davon, genauso zu sein: mutig, entschlossen, im Besitz aller Antworten, schillernd und außergewöhnlich. Sie hing an seinen Monologen, sie bewunderte seine Auftritte und seine Arbeit. Natürlich war er auch ein Poseur, ein Egoist, ein abgebrühter Zyniker und ein Schwätzer, er war manchmal grausam und kompromisslos – doch sie war zu ihrer eigenen Überraschung bereit, darüber hinwegzusehen. Sie konnte gar nicht anders. Ein einziger Blick auf ihn, und sie war bereit, ihm alles zu verzeihen. Und zu träumen und zu allen Göttern zu beten, dass er sie wenigstens ein einziges Mal wahrnehmen möge
Einmal belauschte sie sein Gespräch mit Freunden in der Kantine – sie hatten sie hinter der Trennwand nicht bemerkt. Die Freunde redeten Oleg zu, es sei Zeit, sesshaft zu werden, und der wich wie immer mit Scherzen aus.
– „Freunde, in dieser Frage bin ich ganz bei Jankowski: ‚Mit einer Frau zu leben ist schon Heldentum, aber mit einem einzigen Menschen eine Familie zu gründen, und das fürs ganze Leben – das ist eine Heldentat.‘ Tja, ein Held bin ich nun einmal nicht, was soll man machen“, – bereute Oleg theatralisch.
– „Ein Held muss da die Frau sein – dich auszuhalten!“
– „Eben! Ich kann die holden Damen doch nicht einem solchen Risiko aussetzen!“
– „Manche wären sogar froh darüber. Schau, die Tanja aus Mischas Gruppe lässt dich nicht aus den Augen.“
– „Die mit dem Pferdeschwanz?“
– „Nein, die, die zu ihrem Geburtstag alle mit selbst gebackenen Piroggen bewirtet hat.“
– „Ach, die …“ – in Olegs Stimme schwang Enttäuschung mit – „ach was …“
– „Was heißt hier ‚ach was‘! Eine Frau muss häuslich sein! Und gutherzig, nebenbei bemerkt. Wer auch immer zickig wird – Tanja ganz sicher nicht.“
– „Ach was … Die ist irgendwie so verschwommen … Mal ist sie da, mal nicht, und leidet ständig …“
– „Sie leidet doch nur, weil sie dich nicht hat!“
– „Sanja, mal im Ernst, wer braucht so etwas, weder Fisch noch Fleisch … Übrigens, bist du am Wochenende dabei? …“

Tanja saß hinter der Trennwand und traute sich nicht hervor. Besser, sie erfuhren gar nicht, dass sie alles mitgehört hatte. Sie würde es überstehen, sich merken, sich ändern. Sie würde es ihnen noch zeigen, dieses „weder Fisch noch Fleisch“ und dieses „verschwommen“! Sie würde sich schminken, sich kleiden und zur Femme fatale werden wie die Heldinnen ihrer Lieblingsfilme! Sie würde es ihnen noch zeigen …
– „Tanja, wo steckst du, Mischa droht schon allen mit dem Strafgericht!“ – Lara stürmte in die Kantine und flog damit Tanjas „Deckung“ auf einen Schlag auf. Tanja sprang hastig auf und wischte sich die Tränen ab, doch die verweinten Augen ließen sich nicht so schnell verbergen.
– „Hast du etwa geweint?“ – fragte Lara geradeheraus und ohne Umschweife und ignorierte Oleg und seine Runde vollkommen. Tanja schüttelte hastig den Kopf und stürzte Hals über Kopf aus der Kantine.
– „Das war nicht schön …“ – murmelte Oleg verlegen. Er dachte das ganze Wochenende darüber nach und beschloss, sich am Montag unbedingt entschuldigen zu gehen.
Merkwürdigerweise war er hier fast nie gewesen, obwohl die Abteilungen nebeneinanderlagen, und fühlte sich beinahe wie in Feindesland. Das höchste Ziel war, Tanja zu finden, ohne die Aufmerksamkeit der anderen zu sehr auf sich zu ziehen – sonst würde gleich geredet … Vorsichtig spähte er hinter jede Trennwand, bis er auf einem leeren Schreibtisch ein Foto von Tanja mit irgendeiner jungen Frau entdeckte. Beide waren auf dem Bild unendlich glücklich; so lachend kannte er Tanja von der Arbeit gar nicht, doch er blieb bewundernd an dem Foto hängen.
– „Oleg, suchen Sie jemanden?“ – fragte ein schüchternes, fast erschrockenes Stimmchen hinter seinem Rücken.
– „Tanja!“ – freute sich Oleg aufrichtig – „dich!“
Er hatte sie nie besonders beachtet, und jetzt konnte er sie zum ersten Mal aus der Nähe betrachten. Ein angenehmes Gesicht, sehr weich und warm, ein wachsamer Blick mit einem leichten Anflug von Traurigkeit. Es war ein Blick, bei dem man sie sofort vor allem Unglück und aller Not beschützen wollte. Und jetzt lag darin aufrichtiges Staunen und Unglauben angesichts eines Glücks, das ihr aus dem Nichts zugefallen war.
– „Ich bin gekommen, um mich für Freitag zu entschuldigen. Ich hätte das nicht sagen dürfen. Es tut mir sehr leid.“
– „Aber ich bitte Sie … Das macht doch nichts …“ – Tanja errötete.
– „Ich hatte unrecht und würde dich gern ins ‚Korablik‘ einladen, um es wiedergutzumachen – wann immer es dir passt.“
Gott sei Dank wusste Oleg nicht, welches Chaos Tanja zu Hause anrichtete: Sie wühlte sämtliche Schränke durch, verteilte die aussortierten Sachen in der ganzen Wohnung und suchte das passende Outfit – nur um nicht „verschwommen“ zu wirken. Es ist eine Sache, sich einen Stil ausschließlich für die Arbeit zu überlegen, und eine ganz andere für ein Rendezvous mit dem Mann ihrer Träume. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sorgfältig sie den Schmuck zu Kleidung und Make-up ausgewählt hatte, wie oft sie die Lidstriche abgewischt und neu gezogen hatte. Dafür kam zu diesem Rendezvous eine schlichtweg umwerfende Frau – eine Frau, wie sie im Buche steht. Diese Frau trug sich mit Würde in die Welt hinaus und schenkte eine vollkommen klare Botschaft von Schönheit und Güte. Oleg blieb der Blick regelrecht hängen, und erst mit Verspätung fiel ihm ein, ihr einen Platz anzubieten.

Tanja bemerkte das Entzücken in seinem Blick und hätte vor Freude und Triumph beinahe einen Luftsprung gemacht. Insgeheim erkannte sie sich selbst nicht wieder: Woher kamen auf einmal dieser Mut und diese Sicherheit? Sie redete, lachte hell über seine Witze, flirtete, machte schöne Augen und fühlte sich wie eine Göttin. Der Abend verging wie im Flug und war berauschend süß. Und darauf folgten Arbeitstage, herrlich angefüllt mit Flirt und Zärtlichkeit, verstohlene Blicke in der Kantine, Scherze im Messenger, Berührungen der Hände auf den Gängen und sogar ein gemeinsamer Besuch in der Abstellkammer während der Arbeitszeit für einen nicht ganz dienstlichen Zeitvertreib. Und dazu wunderbare Abende.
Die Kolleginnen und Kollegen bemerkten die Veränderungen, verstanden aber nicht sofort, womit sie zusammenhingen. Erstaunlich war, dass Tanja regelrecht aufblühte: Sie richtete sich auf, wurde modisch, begann mit Make-up zu experimentieren und erinnerte immer weniger an ein verschüchtertes Kätzchen, das mit seinem ganzen Auftreten darum bittet, dass irgendwer es mitnimmt. Erstaunlich war auch, wie ruhig Oleg wurde: weniger zynisch, weniger rastlos, aufmerksamer gegenüber den Menschen um ihn herum – als hätte er sich gerade erst daran erinnert, dass es sie ja auch gibt. Dabei hängten beide nicht an die große Glocke, dass sie ein Paar waren.
– „Tanja, woher kommen diese Veränderungen?“ – fragten die Kolleginnen anfangs.
– „Wer sich nicht selbst liebt, den liebt auch sonst niemand“, – antwortete Tanja kokett.
– „Oleg, du bist wie ausgewechselt … Du siehst jetzt aus wie ein satter Kater.“
– „Erinnert ihr euch, ich habe gesagt, ein Zyniker sei ein enttäuschter Romantiker? Nun, von Zeit zu Zeit und unabhängig von der Lage wacht dieser Romantiker eben doch auf und übernimmt das Steuer. Aber: omnia transibunt, et id transibit quoque – auch das wird vergehen“, – scherzte sich Oleg heraus.
Dass die beiden zusammen waren, wollten beide Abteilungen nicht glauben. Es schien etwas Unmögliches, Unwirkliches: ein mageres, gerupftes, kläglich dreinblickendes Kätzchen und ein streitlustiger Straßenköter. Noch unwirklicher schien, wie genau sie sich verändert hatten. Aus dem Kätzchen wurde eine anmutige Katze, die sich selbstzufrieden in der Sonne das Fell putzte, und aus dem Straßenköter beinahe ein gutmütiger, flauschiger Trampel, der nur noch nach Fremden und Dreisten schnappt.
Und plötzlich lief bei ihnen alles „wie bei anständigen Leuten“. Eine Musterfamilie, ein Vorzeigepaar. Im Haus fehlte es an nichts, der Mann war herausgeputzt, satt und umsorgt, und Tanja strahlte wie ein frisch polierter Groschen, weil sie sich endlich selbst annahm und nicht mehr danach strebte, sich vor allen zu verdienen und allen nützlich zu sein.
Das wirkte so idyllisch, dass wiederum niemand glauben mochte, eine solche Fortsetzung sei möglich. Und bald bekamen die Bemerkungen der Kollegen einen anderen Beiklang.
– „Tanjuscha, gut gemacht! Du hast das große Los gezogen!“
– „Aber Mädels, ich bin einfach nur sehr glücklich …“
– „Erzähl, erzähl! Und womit hast du ihn geködert, hm? Verhext hast du ihn bestimmt!“
Oder …
– „Na, Oleg, dich hat man ja ordentlich an die Kandare genommen. Sie schaut dich nur an, und du läufst schon!“
– „Für manche darf man auch mal laufen!“
– „Das sagen alle, und dann – zack – sind sie an Händen und Füßen gebunden und ziehen stumm wie die Wolgatreidler die unerträgliche Last aus Familie, Kindern, Hypothek und Hund.“
Menschen sind in ihren Urteilen in der Regel gnadenlos. Und sie treffen genau die verwundbarste Stelle. Tanja litt aufrichtig darunter, dass man sie für eine solche „Zicke“ hielt, die Oleg an die Kandare genommen hatte. Und wenn er das nun hörte? Und wenn er es, Gott bewahre, glaubte??? Also bemühte sich Tanja mit aller Kraft, sich noch mehr um ihn zu kümmern, ihm noch mehr zu helfen, noch mehr zu tun – nur damit er, Gott bewahre, nicht glaubte, sie habe ihn „verhext“ und „an die Kandare genommen“. Doch er blieb trotz all ihrer Ängste ebenso wunderbar und großartig, aufmerksam und liebevoll.
Nur hatte sie, je mehr sie sich kümmerte, umso stärker den Eindruck, dass ihm das zur Last fiel. Sie verlangte doch nichts dafür, und trotzdem verblasste Oleg irgendwie unmerklich. Sogar für ihn selbst unmerklich. Und sie wusste überhaupt nicht, wie sie ihm helfen sollte. Immer öfter vergrub er sich in Smartphone oder Laptop, blieb länger im Büro und schien bei der ersten Gelegenheit aus dem Haus zu flüchten. Sie fragte sich sogar, ob er sich vielleicht eine Geliebte zugelegt hatte – so seltsam sah das alles aus. Zu glauben war das kaum: Er ging so aufmerksam mit ihr um, wenn er zu Hause war, und wenn er weg war, nahm er jederzeit sofort ihre Anrufe an. Aber so ist es ja immer. Von außen würde man nicht darauf kommen: ein aufmerksamer, fürsorglicher Ehemann – und dann, peng, ein Scheidungsverfahren, weil es nebenbei ein Kind gibt.
– „Oleschka, ist alles in Ordnung? Ist etwas passiert?“
– „Alles bestens“, – lächelte Oleg müde.
– „Du bist in letzter Zeit irgendwie traurig …“
– „Ja … Ich weiß es selbst nicht. So eine Stimmung. Erinnerst du dich an den Witz: Ein Mann bringt den Christbaumschmuck ins Geschäft zurück, die Verkäuferin fragt: ‚Was ist, glitzert er nicht?‘ – ‚Er glitzert, aber er freut nicht …‘“ – antwortete er nachdenklich und bemerkte sofort, wie erschrocken sie in sich zusammensank – „Aber du freust mich immer. Es ist einfach so eine Stimmung. Doch omnia transibunt, et id transibit quoque – alles wird vergehen, auch das.“
Tanja hatte ohnehin unglaubliche Mühe und Mut gebraucht, um ihn darauf anzusprechen, und obwohl er ihr versichert hatte, alles sei gut, nagte der Zweifel weiter in ihr. Die Freundinnen beruhigten sie um die Wette und sagten, es werde sich alles einrenken – aber dafür sind Freundinnen ja da. Freundinnen sollen uns beruhigende Dinge sagen, und wir sollen ihnen glauben – schließlich haben wir es nicht selbst gedacht, sondern kluge, unabhängige Außenstehende haben es gesagt. Nach und nach kam sie an den Punkt, an dem sie sich einredete, er betrüge sie, weil sie eben so „verschwommen“ sei. Fast jedem, der ihr über den Weg lief, klagte Tanja, ihr Mann treibe sich sicher herum, es gebe sicher eine Geliebte, und sie selbst sei schlecht, hässlich, dumm, und alle ihre Männer putzten sich an ihr die Füße ab. Oleg gegenüber erwähnte sie ihre Ängste und Verdächtigungen mit keiner Silbe, war lieb und liebevoll zu ihm und suchte zugleich fieberhaft nach jeder Bestätigung ihrer Vermutung. Bis sie eine alte Freundin ihrer Mutter traf, Wera Leonidowna.
– „Ich kann unmöglich wissen, ob er eine Geliebte hat oder nicht“, – sagte Wera gleich zu Beginn, – „deshalb kann ich dich darin weder bestärken noch es dir ausreden. Aber nehmen wir das Beste an: dass es sie nicht gibt.“
– „Aber wie denn? …“
– „Du hast doch selbst gesagt, dass du keine Beweise hast. Ich habe erst recht keine. Also lass uns ihn achten und einen Menschen nicht mit haltlosen Verdächtigungen kränken“, – Wera Leonidowna sah mit nachsichtigem Lächeln zu, wie Tanja nach Luft schnappte, nach einem Einwand suchte und keinen fand, und fuhr dann fort: – „und wenn er bei dir einfach zu lange im Stall gestanden ist?“
– „Wie bitte?!“
– „Na, du weißt doch, wie Pferde im Stall traurig werden, wenn man sie zu wenig hinausführt?“
– „Also geht er tatsächlich fremd?!“
– „Du Dummerchen“, – kicherte Wera, – „ihm ist langweilig vor lauter Eintönigkeit, das ist alles. Du tust alles für ihn, es gibt nichts auszusetzen, du selbst bist lieb und wunderbar – aber er will fliegen.“
– „Und was … Und ich … Ich komme doch an seine Höhen nicht heran … So ein Huhn bin ich …“ – Tanja stiegen die Tränen in die Augen.
– „Manche Vögel sind für den Alleinflug geschaffen“, – fuhr Wera Leonidowna gelassen fort, – „aber sie fliegen fort, um wiederzukommen. Und umso süßer ist die Rückkehr.“
– „Und was soll ich tun?“
– „Dasselbe, was du getan hast, damit er sich auf dich einlässt. Sei ‚deutlich‘ in genau dem Sinn, in dem du es auch früher warst. Aber lass deinen Falken fliegen und vertrau ihm.“
Tanja sprach noch lange mit Wera Leonidowna, rief sie später an und holte sich immer wieder Rat. Entscheidungen wie zu vertrauen oder loszulassen trifft man nicht an einem Tag, und Ängste verschwinden nach solchen einmaligen Gesprächen nicht. Sie legen sich auf die Lauer und warten ab, bis die Menschen sich entspannen, sich etwas mehr Gefühle erlauben und die Kontrolle lockern. Und bei der ersten Gelegenheit entfalten sich die Ängste, nehmen den ganzen Raum ein und drängen lautstark alle halbwegs vernünftigen Gedanken aus dem Kopf. Doch Tanja liebte Oleg zu sehr und warf deshalb alle Leidenschaft und Energie darauf, für ihn unwiderstehlich zu sein.
Und es funktionierte. Er flog fort und kam zurück, mit neuen Kräften und neuer Begeisterung. Sie unterstützte ihn in allem: in Krankheit und Gesundheit, in allen Marotten und Verrücktheiten, in allen Konflikten und allen Triumphen. Sie erlaubte ihm zu fliegen und eine Art Star zu sein, alles anzustellen, wonach ihm der Sinn stand – und ihr Lohn war eine Verehrung, von der sie nur hatte träumen können. Er flog, und er trug sie auf seinen Flügeln.
Fachlicher Kommentar
Tanja ist eine Frau des depressiven Typs nach der S-Theorie. Sie verkörpert Güte und Geduld, ihre Entscheidungen und Handlungen sind darauf ausgerichtet, die eigene „Gutheit“ zu beweisen, und richten sich nach der Beurteilung von außen. Solche Menschen hängen von fremder Meinung ab und glauben zu wenig an sich, deshalb ertragen sie alle Widrigkeiten oft stumm und leben für andere. Ihnen ist wichtig, für die Menschen um sie herum nützlich zu sein, denn sonst könnten diese sich von ihnen abwenden. Manchmal wirkt es so, als würde Tanja mit ihrer Fürsorge ersticken: Es gibt keinen Anlass, diese Fürsorge abzulehnen, und entkommen kann man ihr auch nicht – genau das gab Oleg das Gefühl, an der Leine zu sitzen. Menschen des depressiven Typs sind außerdem überzeugt, dass man Glück verdienen und erleiden muss und dass es nicht lange dauern kann. Tanja gibt in erster Linie sich selbst die Schuld, wenn man sie nicht schön behandelt, und sucht das Problem zuerst bei sich, weil sie unterbewusst meint, sie sei nicht gut genug. Zugleich sind bei ihr Mitgefühl und die Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen, hervorragend entwickelt.
Oleg ist ein Mann des schizoiden Typs nach der S-Theorie. Das Besondere an Menschen seines Persönlichkeitstyps ist, dass sie ihr überbordendes Erleben in Form ideell-symbolischer Strukturen nach außen ablassen: als Ideen, Kreationen, Metaphern, Zeichnungen und Ähnliches. Für Menschen dieses Typs ist es charakteristisch, allerlei überwertige Ideen zu entwickeln, sich demonstrativ von den Emotionen abzugrenzen, impulsive Entscheidungen zu treffen und anschließend alles logisch begründen zu wollen. Zugleich sind Menschen dieses Persönlichkeitstyps Freiheit und das Fehlen von Beschränkungen sehr wichtig, weshalb sie ihre Grenzen mitunter zu aggressiv verteidigen oder sich von der Gesellschaft distanzieren. Oleg ist es wichtig, herauszustechen, der Klügste und der Geistreichste zu sein; er stellt sich leicht und mit Vergnügen gegen die öffentliche Meinung.
In solchen Beziehungen kocht und brodelt die Leidenschaft. Sie verliebt sich heftig, bis zum Wahnsinn, und ergreift die Initiative. Für ihn ist sie unauffällig, zu still und ruhig-sanft. Ein Mann des schizoiden Typs sagt über eine Frau des depressiven Typs oft: „verschwommen“. Sie beginnt schlagartig, auf sich zu achten, in die Aktivität zu gehen und zu verführen. Das ist eine Beziehung nach dem Motto „Er ist weggeflogen, aber er hat versprochen wiederzukommen“. Ihm fehlt in der Beziehung regelmäßig die intellektuelle Herausforderung, deshalb kommen Kontakte, Freunde und Arbeit hinzu. Sie holt ihn von dort immer wieder heraus, indem sie ihn ständig verführt und umwirbt. Nach und nach bekommt sie ihn unter Kontrolle. Das Sprichwort „Der Mann ist der Kopf, die Frau der Hals, der ihn dreht“ trifft auch auf diese Verbindung zu. Die Beziehung muss ständig gepflegt werden, und sie ist es, die sie pflegt. Sie entfaltet sich stark und blüht in solchen Beziehungen auf. Sie ist zu jedem Zugeständnis bereit.











