In jeder größeren Firma gibt es eine eigene Dynamik, eigene Rollen der Mitarbeitenden und eigene Romanzen. Und über Firmenfeiern hat wohl nur der nicht gewitzelt, der zu faul dazu war. Doch trotz all dieser Witze, Memes und Artikel auf Seiten der Populärpsychologie lässt sich das nicht vermeiden – so ist nun einmal unsere menschliche Natur.
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen KommentarDer Star aller Firmenfeiern – und nicht nur dort – und zugleich der Liebling aller Frauen von der Buchhaltung bis zum Marketing war Timur. Und nein, ein Bösewicht war er nicht, im Gegenteil: ein ausgezeichneter Mitarbeiter, zu dem alle mit ihren Fragen liefen, den alle bewunderten und den man als Vorbild hinstellte. Natürlich gab es auch solche, die ihn nicht mochten, wie denn auch nicht, aber er verstand es ohne Zweifel, zu jeder Kundin, jedem Kunden und jedem Kollegen einen Zugang zu finden. Wie es in solchen Fällen üblich ist, schwirrte um ihn stets ein Schwärmchen besonders begeisterter Verehrerinnen, die ihn mit selbst gebackenen Piroggen fütterten, ihr Mittagessen mit ihm teilten, ihm Papierkram hinterhertrugen und ihm ungeniert am Mund hingen.

So schwebte auch Schenja den ganzen Monat vor der Silvester-Firmenfeier mit Maskenball in einer geradezu krankhaften Euphorie und beriet sich unermüdlich mit Wika: wegen der Maske, der Kleidung, des Make-ups, ob sie sich die Haare schneiden lassen solle, ob sie sich färben solle, ob das Kleid sie dicker oder schlanker mache und so weiter. Wika war völlig klar, dass ihre Ratschläge im Grunde nutzlos waren, aber um die Freundin nicht zu kränken, nickte sie jedes Mal, lobte Schenja und sagte ihr, sie mache alles richtig. Niemand bestritt ja, dass Timur wunderbar war – Wika selbst hätte nicht abgelehnt, hätte er sie mit einer so universellen Gnade wie seiner Anwesenheit in ihrem Leben beschenkt –, aber ihm so offen hinterherzulaufen …
Wika bereitete sich still und ohne jemandem etwas zu sagen einfach auf die Feier vor. Ein Kleid hatte sie sich schon gekauft, ein vollkommen zauberhaftes: indigofarben, aus einem hinreißenden Stoff, das aus ihr schlicht eine Königstochter machte. So muss sich wohl Aschenputtel in dem Kleid ihrer guten Fee gefühlt haben: als wärst du nicht du, sondern eine erstaunliche, überirdische Diva, die über dem Boden schwebt. Wika machte sich über sich selbst nie Illusionen: Für Schönheitswettbewerbe war sie nun einmal nicht geboren. Dafür beherrschte sie die Kunst der Verwandlung und konnte mit ein paar Strichen Wimperntusche und einigen Pinselstrichen ihr Aussehen fast bis zur Unkenntlichkeit verändern. Schön ist es natürlich, eine zauberhafte gute Fee zu haben, die dich mit einem Schlag ihres Zauberstabs in eine Prinzessin verwandelt. Oder eine reiche Verwandtschaft, die dasselbe mit einem Schlag der Kreditkarte und einem halben Tag im Salon erledigt. Wenn man aber weder das eine noch das andere hat, muss man selbst für sich sorgen. So legte sie auch jetzt ihr Make-up auf, drehte sich Locken und schlüpfte mit unverhohlenem Vergnügen in ihr Kleid. Dazu gehörten noch hinreißende silberne Schuhe und eine ebensolche Clutch. Und außerdem eine nicht weniger exklusive Maske, filigran, über das halbe Gesicht. Niemand, nicht einmal Schenja, wusste von der Existenz dieser Garderobe. Wie erwartet, seufzten Schenja und die anderen ganze zwei Minuten lang über Wikas Kleid – aber Timur war eben doch wichtiger.

Timur war innerlich auf die gesteigerte Aufmerksamkeit vorbereitet. So war es bei jeder Firmenfeier, jedem Teambuilding und bei allen sonstigen Gelegenheiten. Alle kannten ihn, erkannten ihn sogar trotz der schlichten Maske, kamen von selbst auf ihn zu, hielten ihn auf, sobald er ein paar Schritte weg von seinem vorigen Gesprächspartner machte … Manchmal sprachen ihn sogar Leute an, an die er sich nicht erinnerte. Zum Glück erinnerten ihn die Menschen dabei selbst daran, woher sie einander kannten, und er stellte augenblicklich die logische Verbindung her. Manchmal staunte er darüber, wie man sich auf einer Firmenfeier langweilen kann. Er hatte sich noch kein einziges Mal gelangweilt, und selbst wenn er nur einen einzigen Gesprächspartner hatte, war das garantiert ein ausgesprochen lustiger und ungewöhnlicher Mensch, den man danach nicht mehr los wurde.
Diesmal hatte er das Schwärmchen Raubkatzen schon früh erspäht. Sie weideten an der Bar und warfen hungrige Blicke in seine Richtung. Noch waren sie beisammen, aber nur so lange, bis eine von ihnen zu aktiverem Handeln überging. Danach war jede für sich – und er ebenso. Unauffällig sah er sich um, plante seine Fluchtwege und schob sich bereits seitwärts in Richtung Palpetrowitsch – des rotnasigen Hausmeisters, eines überaus klugen Menschen, in dessen Kopf schlicht enzyklopädisches Wissen steckte, das leider niemand brauchte. Mit ihm ließ sich interessant reden, und die Raubkatzen würden sich kaum an ihn heranwagen. Die Damen wurden tatsächlich munter und machten sich zur Jagd bereit. Und da fing Timur ganz zufällig jemandes Blick auf.
Es war ein ungewöhnlicher Blick. So begeistert und zugleich lockend, ein Blick, der einen packte und nicht mehr losließ. Erst nach einer Weile bemerkte Timur, dass diesen Blick eine filigrane silbrige Maske umrahmte, die dem Gesicht auf erstaunliche Weise etwas Luftiges, Zauberhaftes gab. So sahen die Elbinnen bei Tolkien wohl wirklich aus – und nicht so wie in der Massenware von Peter Jackson. Dazu die zart gelockten Haare, der wie ein Wasserfall herabfließende indigofarbene Stoff … Timur vergaß seine Fluchtpläne und den Hausmeister Palpetrowitsch schlicht und einfach.
Ohne auf den Weg zu achten, ging er auf diese Augen zu, die ihn lockten, wie die Sirenen die Mannschaft des Odysseus gelockt hatten. Er trat heran, kam ins Gespräch, und die Zeit beschleunigte sich unmerklich, nahm Fahrt auf und verflog erbarmungslos, man hätte sie festhalten mögen. Es kam ihm vor, als hätten sie gerade erst zu reden begonnen, und schon war es Zeit zu gehen. Da fuhren auch schon die ersten Taxis vor und holten die eiligsten Kolleginnen und Kollegen ab, und die schöne Unbekannte in der silbernen Maske sah Timur traurig aus ihren bezaubernden Augen an. Ihre Cousine würde sie abholen, und nein, später ginge es auf keinen Fall. Da berührten sich ihre Hände ein letztes Mal, und Timur versuchte krampfhaft, sich wenigstens ein paar Merkmale einzuprägen, um die Elbin bei der Arbeit wiederzuerkennen: ein schmaler Schlangenring am Zeigefinger, ein Muttermal am rechten Wangenknochen, eine Narbe am rechten Handrücken etwas oberhalb des Gelenks … Und dazu ihre Figur, ihre Größe, ihre Haarfarbe und dieser Blick …

Der Montag nach einer Firmenfeier ist eine Art Katertag. Den ganzen Freitag über haben alle Kolleginnen und Kollegen gefeiert, Unsinn gemacht, sich erholt und dabei umwerfend, hell und farbig ausgesehen. Sie öffneten sich, flirteten, zeigten sich in einem ganz anderen Licht. Das ganze Wochenende ruhten sie sich aus, hingen angenehmen Erinnerungen nach und träumten davon, was hätte sein können, wer wie ausgesehen, wer was gesagt hatte und wer was hätte sagen können, wer sich hervorgetan und wer sich blamiert hatte und welche Momente des Fests besonders in Erinnerung geblieben waren. Und am Montag muss man in aller Herrgottsfrühe durch Kälte und Matsch in die überheizte U-Bahn mit ihrem Gedränge hetzen, dann wieder hinaus in die Kälte und ins Büro, das nach all der Farbigkeit der Feier, nach dem festlichen Trubel der Vorbereitung besonders kalt und streng wirkt. Und still ist es irgendwie, und die Farben scheinen weniger geworden zu sein.
Wika band sich einen Zopf, legte ein minimales „Dienst“-Make-up auf, zog einen Oversize-Pullover über die enge Hose und strich bedauernd über die silberne Maske am Spiegel im Vorzimmer. In der Maske war sie eine Prinzessin gewesen. Und jetzt war sie wieder die gewöhnliche „Werktätige der Tastaturfabrik“, wie ihr Onkel, ein Kfz-Mechaniker mit langer Erfahrung, das im Scherz nannte. In der Maske hatte sie ein Märchen mit einem schönen Prinzen namens Timur erlebt. Und jetzt würde er sie wieder nicht einmal bemerken. Nun ja, so ist es offenbar bestimmt. Wika strich sich Pflegebalsam auf die Lippen, setzte bedauernd ihre teure, aber schon so überdrüssig gewordene Brille auf und lief zur Arbeit.
Timur flog zur Arbeit wie beflügelt. Er brannte darauf, die geheimnisvolle Unbekannte zu finden und herauszubekommen, wer sie war – koste es, was es wolle. In seiner Fantasie sah er schon vor sich, wie er sie gleich am ersten Tag an ihrem Blick erkennen, wie er, dem Prinzen aus Aschenputtel gleich, zu ihr treten und auf ein Knie sinken würde, wie ihre wunderbaren Augen sich zuerst vor Überraschung weiten und dann in einem warmen, glücklichen, begeisterten Lächeln aufleuchten würden. Er stellte sich vor, wie alle Kolleginnen und Kollegen staunen würden, wie das Märchen wahr würde … Ihm war klar, dass das alles nur Träume waren, aber sie waren so süß, dass er sie nicht loslassen wollte. Und dann fing er, kaum dass er seinen elektronischen Ausweis an das Drehkreuz am Eingang gehalten hatte, von Anfang an nacheinander die Blicke aller Frauen auf, die ihm begegneten – in der Hoffnung, dass gleich das Wunder geschehen würde.
Wika hatte Timur schon im U-Bahn-Wagen bemerkt. Er hob sich aus der Masse der in ihre Smartphones vertieften Zombies dadurch ab, dass er aufrecht und stolz dastand und verträumt ins Leere hinter der Tür starrte, auf der die Warnung „Nicht … anleh…“ komisch abgewetzt war. An der richtigen Station schwebte er aus dem Wagen, als gäbe es die ganze Menge um ihn herum gar nicht, und stürmte so schnell zur Arbeit, dass Wika gar nicht erst versuchte, ihn einzuholen; sie schmunzelte nur in sich hinein, dass manche für einen Montag eine ganz außergewöhnliche Arbeitsmotivation hätten. Der Tag begann fast wie immer, außer dass Schenja begeistert um sie herumflatterte und sich wunderte, wie Wika es fertiggebracht hatte, sich Timur zu angeln, und bis zuletzt nicht glauben wollte, dass es damit schon vorbei sein sollte.
– „Na, hast du ihm wenigstens deine Nummer dagelassen? Und er dir etwa auch nicht? Du spinnst wohl!!!!“
– „Es ging alles irgendwie so schnell, und dann hat Tanka mich abgeholt. Du weißt ja selbst, sie hat Kinder …“
– „Und wie soll es jetzt weitergehen?!“
– „Was heißt weitergehen?“, lächelte Wika. Träumen konnte sie auch gut, aber es auszusprechen hätte sie sich nie getraut. Erstens, um das Schicksal nicht zu verscheuchen, falls es ihr wirklich ein Geschenk machen wollte. Und zweitens, damit sie sich, falls es kein Geschenk gäbe, nicht mit falschen Hoffnungen tröstete und nicht litte, wenn diese Hoffnungen verdorben, vertrocknet und zu Staub zerfallen wären.
– „Na, es muss doch weitergehen!“, gab Schenja nicht auf.
– „Nur im Märchen“, lächelte Wika, „da gibt es Purpursegel und verlorene Schuhe …“
– „Wie?! Du bist nicht einmal auf die Idee gekommen, einen Schuh zu verlieren?!“, empörte sich Schenja aufrichtig.
– „Nicht auf die Idee gekommen …“, gestand Wika schmunzelnd.
– „Du bist ja soo blööööd!!!“, schüttelte Schenja den Kopf, und die beiden lachten los.
Gegen Ende des Tages dachte Timur zum ersten Mal, dass es gar nicht so einfach sein würde, die silberne Maske zu finden. Nach zwei Tagen wurde er unruhig, und gegen Ende der Woche begann er die Hoffnung zu verlieren. Die Unbekannte mit dem verblüffenden Blick war nirgends. Er verlor die Hoffnung, hatte aber ernstlich Angst, irgendjemandem zu gestehen, dass er sie suchte – man würde ihn ja auslachen. Er suchte sie in den Verkehrsmitteln, in der Kantine, auf den Gängen, er stellte ihr Bild jeden Abend vor dem Einschlafen wieder her, versuchte mit ihr zu sprechen, bat sie, zu ihm zurückzukommen.
Unterdessen bekam seine Abteilung ein gemeinsames Projekt mit den Leuten von der Due Diligence. Beruflich hatte er wenig mit ihnen zu tun und wusste nur, dass sie irgendwelche völlig unglaublichen Untersuchungen an der Schnittstelle mehrerer Fachgebiete anstellten – Genaueres wusste er nicht; genau dafür gab es ja die gemeinsamen Projekte. Die Projektleiterin auf ihrer Seite war eine sehr angenehme und ruhige junge Frau namens Wika. Schon in der ersten Besprechung legte sie klar dar, nach welchem System und nach welchen Grundsätzen gearbeitet wird, wer was zu tun hat und welche Fristen gelten. Der Plan war übrigens weit durchdachter als der mancher anderen Abteilungsleitung. Alle Fragen beantwortete sie ruhig, sachlich und schön. Ein echter Profi, an dem Timur sich regelrecht sattsehen musste. Wika wirkte ruhig, aber erstaunlich zerbrechlich. Sehr stilvoll, aber nicht protzig. Und unglaublich kompetent. Mit ihr zu arbeiten war ein reines Vergnügen. Sie gehörte zu den seltenen Frauen, die sich nicht auf Kosten anderer behaupten wollen. Sie hörte ihm aufmerksam zu, bewunderte seine Überlegungen und unterstützte seine Vorhaben. Er wusste, dass man sich auf sie verlassen konnte, und ertappte sich allmählich bei dem Gedanken, dass er sich nicht des Projekts wegen anstrengte, sondern um ihrer stillen Bewunderung willen. Das Bild der silbernen Maske von der Firmenfeier wurde allmählich vom Bild der Wika aus der Due Diligence abgelöst.
Wika hatte von Anfang an beschlossen, nicht die Initiative zu ergreifen. Nach einigen Tagen gemeinsamer Arbeit war ihr klar, dass Timur sie entweder konkret nicht wiedererkannte und sich nicht erinnerte oder dass ihm alles, was auf der Feier geschehen war, grundsätzlich gleichgültig war. So oder so hatte es wenig Sinn, die Sache von der beruflichen auf die persönliche Ebene zu heben, und so konzentrierte sie sich auf das Projekt und gab sich Mühe, dass alles auf höchstem Niveau lief. Nicht bestimmt ist eben nicht bestimmt. Umso erstaunlicher war es, dass Timur plötzlich anfing, ganz offen mit ihr zu flirten, ihr den Hof zu machen und ihr Aufmerksamkeiten zu erweisen. Immer öfter bat er sie, Arbeitsfragen durchzusprechen, die Zusammenarbeit zu besprechen, sich zum Mittagessen zu treffen und so weiter. In der Firma gingen Gerüchte um, aber Wika blieb unerschütterlich geheimnisvoll.
Das Projekt näherte sich seinem Abschluss, und wie üblich waren die Deadlines früher gesetzt, als die Kolleginnen und Kollegen sich überhaupt abstimmen konnten. Timur ärgerte sich, dass nicht alle ihren Teil rechtzeitig schafften, trieb alle an, entfaltete hektische Betriebsamkeit und überschüttete alle mit E-Mails, in denen er schimpfte, warum denn nun plötzlich niemand die einfachsten Dinge fertigbringe. Wika saß bis spät in die Nacht, schleppte den Laptop übers Wochenende nach Hause; der Nachtdienst kannte sie schon vom Sehen und bot ihr fast schon an, in seiner Kammer zu übernachten – sie käme ja ohnehin in aller Frühe zurück. Timur aber schwor, sobald sie das Projekt abgegeben hätten, lade er Wika ins Restaurant ein, denn ohne ihre Unterstützung wäre das Projekt längst auseinandergefallen.
Endlich war der Bericht geschrieben, die Präsentation gehalten und das Projekt offiziell abgeschlossen. Mit einer müden Abgeklärtheit sortierte Wika die Dateien, löschte alle Zwischenstände der Modelle und Berichte, legte Archive an und räumte alles Überflüssige von ihrem Laptop. Als sie fertig war, war es sieben Uhr abends – bei einem Arbeitstag, der bis sechs ging. Sie unterdrückte den brennenden Wunsch, darüber zu weinen, dass die Arbeit einen so großen Teil der Zeit einnimmt und weder für einen selbst noch für das eigene Leben Zeit bleibt, und begann sich anzuziehen. In diesem Moment kam Timur in ihr Zimmer.

– „Ziehst du dich schon an? Ausgezeichnet. Wie wäre es mit dem koreanischen Restaurant beim Sawjolowski-Bahnhof?“
– „Heute?“, staunte Wika. An seine Drohungen erinnerte sie sich, aber dass er sie wahr machen würde, hätte sie sich nicht vorstellen können.
– „Morgen ist ein neuer Tag mit neuen Projekten, und diesmal nicht mit gemeinsamen. Also: wann, wenn nicht heute?“
– „Aber ich bin doch gar nicht angezogen …“
– „Genau deshalb beim Sawjolowski und nicht am Kutusowski. Komm schon, gehen wir! Es wird lustig, das verspreche ich.“
So etwas zeigt man sonst in Filmen. Aus dem Nichts taucht ein Märchenprinz auf, reicht dir die Hand und führt dich ins Märchen. Von der Frau wird nur verlangt, ihm zu vertrauen und zuzustimmen. So sah auch Wika Timur plötzlich vertrauensvoll an, warf alle Zweifel und Sorgen über Bord und nahm seine Hand. Es war ein Traumabend. Nach dem Essen in einer völlig unglaublichen koreanischen Spelunke, die man von der Straße aus gar nicht findet, fuhren sie durch die nächtliche Stadt, spazierten über die Brücken und nahmen schließlich, endgültig durchgefroren, ein Taxi nach Hause. Wika lud ihn ein, noch auf einen heißen Tee mit Nelken und Honig hereinzukommen. Man musste ihn nicht zweimal bitten, Timur sagte gern zu. Und kaum hatte er ihre Wohnung betreten, blieb er stehen wie vom Donner gerührt.
– „Tim, alles in Ordnung?“, fragte Wika und folgte der Richtung seines Blicks.
Am Spiegel im Vorzimmer verstaubte noch immer jene Maske vom Maskenball der Firmenfeier – das Sinnbild ihrer Zauberhaftigkeit und Vornehmheit, des Märchenhaften und Unwirklichen jenes Abends. Über dem Projekt hatte Wika sie völlig vergessen und nahm sie nur noch als Einrichtungsgegenstand wahr. Jetzt aber konnte Timur die Augen nicht von der silbernen Maske losreißen und versuchte sichtlich, ein Wort herauszubringen – und konnte es nicht. Endlich richtete er verblüfft den Blick auf Wika. Ja, es passte. Und der Blick war wohl auch derselbe. Und da war auch der Schlangenring … Wie hatte er ihn nur übersehen können?
– „Weißt du, ich bin so ein Idiot …“, gestand er ehrlich, „und du warst die ganze Zeit neben mir …“
Ja, genau dieser Blick, auch wenn die Brille ihn kunstvoll verbarg. Und, verdammt noch mal, dasselbe Lächeln. Die Wika aus der Due Diligence hatte die Elbin in der silbrigen Maske nicht einfach verdrängt. Sie war es. Timur schämte sich unerträglich, aber in ihrem Blick lag nicht die geringste Verurteilung. In ihrem Blick konnte man einfach versinken. Und er wollte jeden gottgegebenen Tag in diesem Blick versinken.
Fachlicher Kommentar
Wika ist der paranoide Persönlichkeitstyp. Für sie sind ängstliche, misstrauische, beunruhigende Anteile im Weltbild und in überwertigen Ideen und Wünschen kennzeichnend, dazu eine feindselige, misstrauische Einstellung gegenüber der Gesellschaft insgesamt und den Behörden im Besonderen – deshalb ist es für sie bequemer zu beobachten und dabei im Schatten zu bleiben. Das sind jene geheimnisvollen Frauen, die „ihre eigenen Gedanken haben“: klug, gebildet und oft sehr wählerisch. Häufig kann niemand bis zuletzt verstehen, warum sie etwas tun oder nicht tun. Sie wird danach streben, der Wahrheit auf den Grund zu gehen und alle zu durchschauen, bevor man sie durchschaut. Sie ist eine hervorragende Analytikerin, die zum Kern einer Sache vordringt und sich in jedem Geflecht zurechtfindet. Kennzeichnend ist für sie auch das Vorhandensein überwertiger, sehr wichtiger und weitreichender Ideen – und zugleich ein inneres Verbot, sie direkt und offensichtlich umzusetzen. Kleinere Wünsche kann sie dabei ignorieren. Wika ist verträumt, wird aber alles tun, damit die Welt und das Umfeld sich so wenig wie möglich verändern, denn Veränderungen sind gefährlich, und man weiß nicht, was sie bringen.
Timur ist der narzisstische Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie, ein aktiver Extravertierter. Die Grundlage seiner Persönlichkeit ist das Streben, der Beste zu sein und Bewunderung hervorzurufen. Er wird immer danach streben, nicht wie alle zu sein, aufzufallen, sich bisweilen sogar provokant und fürs Publikum zu verhalten. Menschen dieses Typs brauchen „Verehrer“, werden sich aber, selbst wenn sie eine Menge um sich versammelt haben, einsam fühlen – getrennt von ihnen, besser als sie. Menschen des narzisstischen Persönlichkeitstyps ist wichtig, dass alles schön ist, und diese Schönheit zeigt sich darin, dass sich alles schön fügt: ihr Bild und ihre Rolle, ihr Ruf, ihre Angelegenheiten, ihre Abenteuer und Hobbys. Man kann sagen, dass Timur die Gabe, zu gefallen und einen Zugang zu Menschen zu finden, von Kindheit an entwickelt hat und es fertigbrachte, in fast jeder Runde die Seele der Gesellschaft zu sein. Was vielen schwierig erscheint, ist für ihn ein natürlicher Zustand: Menschen einzuschätzen, einen Zugang zu ihnen zu finden und sowohl sich selbst als auch die eigenen Fähigkeiten zu verkaufen.
Timur zieht Wika durch seine Schönheit an. Die Facette der Kühle in ihm erzeugt den Eindruck von Rätselhaftigkeit, und genau das zieht sie an.
Die meisten paranoiden Frauen mögen und akzeptieren gegen Ende der Jugendzeit ihren Körper nicht und halten sich für nicht schön. Deshalb lernen sie, sich zu pflegen, kümmern sich um den eigenen Körper und eignen sich die Fähigkeit an, sich in weiblicher Form zu halten und sich schön zu machen.
Schönheit ist eine künstliche Sache, und der narzisstische Mann schätzt Schönheit und die Fähigkeit, sie herzustellen. Dazu kommt: Sie ist klug – und zwar so klug, dass sie ihre Überlegenheit über ihn nicht zeigt.
Den Start der Beziehung macht er. Irgendwann kommt er, nimmt sie in Beschlag, und die Sicherheit, die er ausstrahlt, senkt ihre Ängstlichkeit ein wenig. Und sie lässt sich auf diesen Vorgang ein. Oft rechnet er nicht damit, dass die Beziehung von Dauer sein wird, und weiß zugleich genau, dass sie niemandem etwas erzählen, ihm das Image nicht verderben und sich nicht rächen wird. Häufig entsteht eine Art Vertragsromanze: Beide leben für sich, sagen aber, sie seien in einer Beziehung, und schirmen sich so gegen alle anderen ab. Eine solche Romanze kann mehrere Jahre dauern. Die beiden können in verschiedenen Städten und sogar Ländern leben.
Narzisstische Männer sind, besonders in jungen Jahren, nicht immer treu. Die paranoide Frau handelt ein wenig vorausschauend, lässt ihn in einer potenziell gefährlichen Situation nicht allein und versteht es, im richtigen Moment die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er zeigt sein Interesse und macht sein Angebot direkt – und bekommt eine Absage. Er verfolgt sie, sie geht auf Distanz. Dann wendet er sich ab, und da setzt sie sich in die Gegenrichtung in Bewegung.
Verlängert wird die Beziehung von ihr: Sie braucht Nähe, er flieht vor der Nähe. Von außen sieht die Trennung so aus, als würde er sie verlassen. Aber das geschieht erst dann, wenn sie die Entscheidung trifft, dass die Beziehung sich überlebt hat. Sie sorgt dafür, dass er sie verlässt.









