Sollte man sich mit Neurotikern einlassen?

Sollte man sich mit Neurotikern einlassen?

Leider höre ich diese Frage mit beneidenswerter Regelmäßigkeit, in allen möglichen Varianten. Mal geht es darum, dass man eine Partnervermittlung für Therapie-Erprobte gründen sollte, für „NICHT-Neurotiker“, mal darum, wie man sich vor sogenannten „Arschlöchern“ schützt, mal um die Klage, dass es so viele davon gibt … Und als mich gestern wieder eine Klientin im Gespräch fragte, woran man denn einen Neurotiker erkennt, um sich gar nicht erst mit ihm einzulassen, war mir klar: Der Artikel ist überfällig.

Wer ist das?

Tatsächlich läuft die Debatte für und gegen Neurotiker schon ziemlich lange, und das Wort selbst ist fast so sehr zum Stempel geworden wie „Narzisst“ oder „Psychopath“: Kaum jemand weiß, was genau dahintersteckt, aber alle wissen, dass es „schlecht“ ist. Oder sie wissen es und schreien aus Widerspruchsgeist, dass die Welt einzig auf Neurotikern und ihren Anwandlungen ruht.

Also, was sind das für Wesen? Nach Labkowski sind es die, die vom Leben keine Freude haben. Nach Koslow ist es der Mensch, dem selbst an allem etwas schlecht ist. Am politisch korrektesten ging Horney vor: Sie schrieb dazu ein ganzes Buch, mit lauter vorsichtigen Vorgaben und Zugängen wie diesem:

Neurotiker unterscheiden sich von normalen Individuen durch ihre Reaktionen. … Die Ursache einer Neurose kann die Rigidität des Charakters sein, also

das Fehlen jener Beweglichkeit

, die es einem Menschen erlaubt, auf unterschiedliche Situationen unterschiedlich zu reagieren

Karen Horney

Der wesentliche Faktor, den alle Neurosen gemeinsam haben, ist die Angst und sind die Abwehrmechanismen, die dagegen aufgebaut werden. Horney schreibt, dass eine Neurose von außen nicht immer zu erkennen ist. Selbst der Neurotiker muss sich nicht bewusst sein, dass er leidet. Beschreibt man einzelne Anzeichen einer Neurose, erkennt ein Mensch sie oft im anderen wieder, gesteht sie sich selbst aber nicht zu. Horney schreibt außerdem, dass sich die Probleme eines Neurotikers von den Problemen, die den normalen Menschen in unserer Kultur beschäftigen, nur im Ausmaß unterscheiden. Mein persönliches Kriterium lautet:

Ein Verwandter von mir löst zum Beispiel hochkomplexe Aufgaben, wenn es ums Programmieren geht. Kommt man aber auf seine Probleme in allem anderen zu sprechen, darf man anderthalb Stunden lang hören, warum diese Probleme unlösbar sind und wie naiv doch alle sind, denen das nicht sofort einleuchtet.

„Lustige Eigenheiten“

Alles in allem sollte man, wenn man sich auf eine Beziehung mit einem Neurotiker einlässt, auf Folgendes gefasst sein – nennen wir es noch politisch korrekter „lustige Eigenheiten“ –, vielleicht nicht auf alles auf einmal.

Erstens: Neurotiker mögen sich selbst nicht. Und das hat Folgen:

1. Die ewige und im Grunde wahllose Suche nach Zustimmung.

Zustimmen müssen Sie, die Mama, der Herr in der Straßenbahn, die Dame an der Kasse und so weiter. Sie zerreißen sich und handeln sich selbst zum Schaden, Hauptsache, man lobt sie. Und sie sind tödlich beleidigt, wenn das Lob zu klein ausfällt oder wenn Sie das, was sie gerade zusammengebastelt haben, seit hundert Jahren nicht brauchen. Sie haben sich doch für Sie angestrengt, und überhaupt, sie strengen sich nie wieder an, denn Sie sind genau dieses undankbare Miststück … Aber Sie können sie ja noch loben, also gut, Sie bekommen noch eine Chance.

2. Die scheinbare Schutzlosigkeit.

In vielem sind sie wie Kinder. Sie haben Angst, etwas auszuprobieren, Angst zu entscheiden. Manchmal scheint es, ohne Sie überleben sie nicht. Das kann sich zeigen als Wunsch, sich jemandem auf den Rücken zu setzen und die Beine baumeln zu lassen, oder als Wunsch, Ihnen die Verantwortung für ihre Entscheidungen umzuhängen, oder als ewige Unzufriedenheit mit sich selbst: mit den eigenen Fähigkeiten, Zugängen, dem Aussehen. Und früher oder später als Versuch, sich auf Ihre Kosten zu behaupten. Sie haben für sie falsch entschieden, also stehen Sie dafür gerade! Sie können ja nichts, außer sie abzuwerten! Und überhaupt sind Sie Missgeburten, Dummköpfe und Idioten, Unmenschen, und Sie unterdrücken die Ärmsten – schon dann, wenn Sie ihre Arbeit einfach nicht für sie machen wollen.

3. Ergänzen Sie nach eigenem Geschmack beliebige weitere Varianten.

Zweitens: Neurotiker stehen sich selbst im Weg und hindern sich am Leben. Und jetzt kommt das Schönste. Achten Sie genau auf die Hände: Zugeben darf man sich das auf keinen Fall. Also – ich stehe mir selbst im Weg, aber ich muss mich davon überzeugen, dass nicht ich es bin, die mir im Weg steht! Kennen Sie den Witz?

„Schatz, fahr in der und der Straße bitte vorsichtiger, im Radio sagen sie, irgendein Idiot fährt als Geisterfahrer!“

„Einer? Hier sind es an die hundert!!!!“

ein Witz)))

Das Einzige, was mir an all dem persönlich Bewunderung abnötigt, ist die Wendigkeit ihres Gehirns. Was für einen Verstand muss man haben, um offensichtlich Widersprüchliches zu tun und sich selbst und den anderen dabei ununterbrochen logisch zu begründen, dass es keinen Widerspruch gibt und nie gegeben hat! Wäre dieser Verstand doch im Dienst des Menschen! Aber nein, hier reitet der Esel auf dem Fuhrmann und nicht umgekehrt. Also:

Was bedeutet das für eine Beziehung?

1. Eine riiiesige Menge an Ausflüchten und Ausreden zu jedem Thema. Auf den ersten Blick sind sie logisch. Die Ketzer, die es wagen, einen zweiten, kritischeren Blick darauf zu werfen, müssen einen Sturm von Emotionen und ein Napalm aus allerlei Abwehrmechanismen überstehen. Wer auch das aushält, riskiert mitunter ganz banal die Bratpfanne über den Kopf – sicherheitshalber.

2. Eine nicht kleinere Menge an Vorwürfen, und Sie haben Glück, wenn nicht Sie beschuldigt werden, sondern der ganze Rest der Welt. Ich würde mich allerdings nicht in Sicherheit wiegen. Eine ungesunde Abwehr, in der für zwei genug Platz ist, ist selten. Früher oder später stehen auch Sie auf der anderen Seite der Barrikade, und früher oder später: Hallo, Bratpfanne!

Die äußeren Erscheinungsformen des Neurotizismus lasse ich hier bewusst weg. Es gibt sie, und es sind nicht wenige. Meistens ist es dann von etwas zu viel oder zu wenig da. Und das kann alles Mögliche sein. Absolute Maßstäbe leite ich aber nicht ab. Nehmen Sie an, ich habe Angst vor der Bratpfanne, und ich geniere mich nicht, das zuzugeben. Darum geht es in diesem Artikel ohnehin nicht.

Es geht darum, wie lange Sie bereit sind, die oben aufgezählten „lustigen Eigenheiten“ auszuhalten.

Und wie soll man leben?

Von Zeit zu Zeit sind wir alle Neurotiker. Brechen kann man absolut jeden. Wie erleuchtet ein Mensch auch sein mag, für jeden gibt es den passenden Dietrich und die passende Brechstange. Auch für Buddha, auch für den Dalai Lama in der vierzehnten Wiedergeburt, auch für die allgegenwärtigen Propheten Jeff Foster und Osho. Die Beweglichkeit besteht darin, immer wieder „zur Basis“ zurückzukehren, in die eigene gesunde Dynamik, und den angerichteten Scherbenhaufen nach und nach wegzuräumen. Diese Kunst gelingt aber nicht jedem im Sturm, vor allem dann nicht, wenn das Gehirn uns benutzt und nicht wir es. Deshalb sitzen manche jahrelang in der neurotischen Dynamik fest.

Eine weitere wunderbare Besonderheit der Neurotiker ist, dass sie es schaffen, sich „über ihre Neurosen aneinanderzukoppeln“. Eine junge Frau, die sich selbst nicht wertschätzt, trifft ständig auf Männer, die sie abwerten. Eine Mutter, die es für ihre Pflicht hält, sich für die Kinder zu zerreißen, bekommt genau solche Kinder, die sie tatsächlich dazu bringen, sich zu zerreißen. Und so weiter.

Wenn man beginnt, an sich zu arbeiten, verändert sich die Welt plötzlich. Erstens gelingt es zu bemerken, wann ich mir selbst im Weg stehe und mich selbst behindere. Zweitens sticht einem das dann auch bei anderen ins Auge. Und genau dann wird es besonders schwer, sich mit einem Neurotiker einzulassen – denn wozu, bitte schön, sollte man sich selbst Probleme schaffen?

Was hilft bei der Arbeit an sich selbst? In erster Linie: sich selbst kennen. Ich mag die Zugänge der S-Theorie sehr. Sie beschreiben nicht nur uns im gesunden Zustand, sondern auch, wie genau wir dazu neigen, in Neurosen abzurutschen, welche Abwehrmechanismen wir einsetzen und was uns aus der Bahn werfen kann. Dafür genügt es, den eigenen Persönlichkeitstyp zu bestimmen.

Und wenn man seine Haken entweder in einer richtigen Therapie oder in der leichteren Variante bei Online-Trainings und Treffen mit unseren Fachleuten bearbeitet hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, sich mit einem Partner nicht über Neurosen zu verbinden, sondern über gemeinsame Ziele und über das Bauen von etwas Größerem als bloß gemeinsam verbrachter Zeit.

All das gehört zu dem, was unser Klub anbietet. Kommen Sie dazu!