Über Drogensucht. „Sucht als Überlebensstrategie“.

Über Drogensucht. „Sucht als Überlebensstrategie“.

Jeder kennt die möglichen Folgen „addiktiven“ Verhaltens (engl. addiction – Abhängigkeit, schädliche Gewohnheit, Gewöhnung), also der Abhängigkeit vom Genuss; in gewissem Maß ist das jeder und jedem vertraut. In diesem Artikel sehen wir die Sucht aus einem anderen Blickwinkel an. Der Konsum von Drogen (Alkohol und anderem), ihr Missbrauch und schließlich die Abhängigkeit von ihnen sind nicht nur ein Problem des süchtigen Menschen, sondern auch seiner Angehörigen.

Drogensucht und andere Formen der Abhängigkeit

Die Sucht hat zwei „Gesichter“:

  1. Sie ist ein zwanghaftes Bedürfnis, das den Willen des Menschen überwältigt,
  2. sie ist eine Überlebensstrategie.

Die Neigung zu addiktivem Verhalten ist auch als Reaktion auf innere Leere, auf fehlende Stabilität, auf Hoffnungslosigkeit oder auf ein psychisches Trauma zu verstehen.

Sucht als Überlebensstrategie bedeutet, dass manche Menschen durch den Konsum legaler oder illegaler Drogen unerträgliche emotionale Zustände abwenden und Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren versuchen. Quälende biografische Erfahrungen und psychische Traumata werden gleichsam „eingefroren“, sodass der Mensch unbewusste und bewusste Affekte, Erinnerungen und unkontrollierbare, quälende Impulse aushalten kann.

So ist die Drogensucht nicht zu einer Lebensweise geworden, sondern zu einer Überlebensstrategie, zu einem Mechanismus der Leidensbewältigung, und im Sinne eines Kompromisses lässt sie sich als Symptom zur Stabilisierung betrachten.

Einleitung

Symptome im Sinne von Krankheitszeichen werden in der westlichen Medizin und Psychologie oft als „Mangelerscheinungen“ oder „Defekte“ betrachtet. Ein schmerzender Zahn etwa weist auf einen Substanzdefekt hin. Der Schmerz lässt sich als Warnsignal deuten, das zu medizinischem Handeln führt, welches den kranken Zahn vor weiterem Schaden schützen soll.

Das Symptom Schmerz weist auf eine drohende Gefahr für die körperliche und psychische Unversehrtheit des Menschen hin und schafft damit die nötige Voraussetzung für unbewusste und bewusste Handlungen, die die Anpassung ans Überleben sichern – gegenüber inneren wie äußeren Auslösern. In diesem Zusammenhang ist der Schmerz eine notwendige und bedeutsame (wenn auch unangenehme) Sinneswahrnehmung.

In der Schmerzdefinition der IASP (International Association for the Study of Pain) wird dieses Phänomen folgendermaßen beschrieben (Göbel 1988): „Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder drohender Gewebeschädigung verknüpft ist ...“

Das zeigt, dass Symptome (hier der Schmerz) als Sinnes- und Gefühlserlebnisse Erscheinungen körperlicher und psychischer Vorgänge sein können. Die sinnlich-emotionale Wahrnehmung vermittelt eine drohende Schädigung, eine Reizung oder womöglich sogar einen psychodynamischen Konflikt.

Vom Sinn der Symptome

Schon in seinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ beschreibt Sigmund Freud im Kapitel „Der Sinn der Symptome“, dass

das Symptom einen Sinn hat und mit dem Erleben des Kranken zusammenhängt.

Freud führt mehrere Beispiele an und formuliert diese Gedanken in weiteren Kapiteln im Zusammenhang mit Träumen oder Fehlleistungen (der Lehre von den Fehlleistungen), die er ebenfalls „neurotische Symptome“ nennt. Er verweist auf Pierre Janet und Josef Breuer, die schon Ende des 19. Jahrhunderts einen Sinn und einen Zusammenhang zwischen Symptomen und inneren Konflikten vermuteten (Freud 1992/1917). Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, postulierte nach seiner 1907 veröffentlichten „Studie über Minderwertigkeit von Organen“, dass

angeborene Konstitutionsanomalien nicht nur als Zeichen der Degeneration zu verstehen sind, sondern (...) zu kompensatorischer Tätigkeit und Mehrleistung führen. Diese kompensierende geistige Anstrengung geht oft andere, neue Wege, um der Anspannung des Lebens gerecht zu werden (...), und erfüllt so die Aufgabe, den empfundenen Mangel (...) auf bemerkenswerteste Weise zu decken.

In der Neurose sieht Adler eine Hilfskonstruktion, deren Endziel das Erreichen von Überlegenheit ist, um Minderwertigkeitsgefühle auszugleichen, indem kompensierend ein entsprechender Lebensplan entworfen wird (Adler 2001/1930). Dem liegt die Annahme zugrunde, dass menschliches Verhalten zielgerichtet ist. Auch Rudolf Dreikurs meint im Sinne Alfred Adlers, dass „nervöse Störungen“ dann auftreten, wenn sie darauf hinweisen, dass „man vor Aufgaben steht, die einem nicht gefallen. Die Symptome, ob gering oder heftig, stellen eine Art Sicherung dar“ (Dreikurs 2005/1933).

Symptome sind also kompensatorische Kompromissbildungen der inneren psychischen Dynamik, um die psychische Anspannung erträglich zu machen. Das Symptom ist zugleich Ausdruck eines Lösungsversuchs. Es spiegelt den Konflikt und zugleich einen möglichen Versuch seiner Lösung.

Über die Psychoanalyse hinaus findet sich der Gedanke vom Sinn der Symptome auch in anderen Quellen. So schreibt Daniel Hell in einem seiner Bücher („Welchen Sinn macht Depression?“) über die bindungsstärkende Komponente der Depression. Hell erläutert, dass die Paarbeziehung durch die negative Rückkopplung bei einer Depression eine Stabilisierung erfährt. Die depressive Art zu kommunizieren führt zu einem „Aufschaukeln der Beziehungsdynamik, das ein Lösen der wechselseitigen Bindungen erschwert“ (Hell 2002).

Freud schreibt, dass „das Symptom einen Sinn hat und mit dem Erleben des Kranken zusammenhängt“, und hebt damit die Subjektivität des Erlebens hervor. Das Symptom kann sich somit als individuelle Anpassung an die biografischen, persönlichen Erfahrungen des kranken Menschen zeigen. Oleksy konnte nachweisen, dass Patientinnen und Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung selbstverletzende Handlungen konstruktiv (oft unbewusst) nutzen, die neben destruktiven Anteilen bestehen (Oleksy 2007). Sachsse (2002) hat Interviews mit Patientinnen und Patienten untersucht und gezeigt, dass viele Borderline-Patientinnen und -Patienten ihren emotionalen Zustand durch Handlungen wie Schneiden, Kratzen oder Brennen verbessern und stabilisieren können. Manche berichteten sogar, dass diese Handlungen sie vom Suizid distanzieren.

Sucht als Symptom und Droge als Selbstheilungsversuch

Besonders frühe traumatische Erfahrungen in den ersten und damit prägenden Lebensjahren können später zu schweren psychischen Störungen führen. Sogenannte frühe interpersonelle Traumatisierungen wie körperliche Gewalt gegen Kinder oder sexualisierte Gewalt sowie unzureichende, mangelhafte Fürsorge durch die Eltern wurden in der Literatur als Risikofaktoren für Substanzmissbrauch im Jugend- und Erwachsenenalter bestimmt (Kaplan et al. 1999). Das kann zu Störungen der zwischenmenschlichen Beziehungen, zu Problemen mit dem Selbstwert und der Identität sowie zu dysfunktionalen Bewältigungsstrategien und schließlich zu Störungen der Affektregulation führen (Schäfer et al. 2006). Laut Schäfer ist die psychiatrische Komorbidität bei suchtkranken Patientinnen und Patienten in ihrem Ausmaß auffallend. Am deutlichsten zeigt sie sich bei Patientinnen und Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Angststörungen und Depression.

In seinem Beitrag „Psychoanalyse der Sucht“ beschreibt Gerhard, dass Substanzmissbrauch und Abhängigkeit Symptome eines tiefen infantilen Konflikts sein können (Gerhard 2003). Inneren Zwängen folgend müssen Substanzen aufgenommen werden. Wegen des geringen Selbstwertgefühls und der gewohnten Wirkungen verliert die betroffene Person zunehmend die Kontrolle über den Drogenkonsum.

Objektpsychologischen Modellen zufolge entwickelt sich bei Alkoholkranken und bei vielen Drogenabhängigen ein (auto)destruktiver Prozess, in dem das „bösartige introjizierte frühe Objekt“ vergiftet und vernichtet werden soll. Menschen mit psychischen Störungen versuchen, mit ihrem seelischen Schmerz zurechtzukommen.

Dieser „selbstheilende Charakter“ des addiktiven Verhaltens findet sich auch in ich-psychologischen Modellen, denen zufolge strukturell geschwächte Ich-Anteile durch die Wirkung der Drogen kompensiert werden sollen (Rost 1987). Viele Drogenabhängige sind ihren Emotionen so ausgeliefert, dass verhältnismäßig undifferenzierte Affekte und Wahrnehmungen betäubt (ausgelöscht) werden müssen. Die Verringerung der Impuls- und Spannungsintensität stabilisiert in Krisensituationen und schützt vor emotionaler Überforderung. In diesem Zusammenhang spricht Gerhard von der Entwicklung einer „Scheinidentität“ und vom Verlust des Realitätsbezugs. Auch die anfangs sinnvolle Kompensation und der Schutz vor unbeherrschbaren emotionalen Erlebnissen und Erinnerungen stoßen an ihre Grenze. Das Aufsteigen aus traumatisierender und bedrückender Demütigung, das vorübergehende Lebensgefühl und die grandiosen Fantasien (Kohut 1976), die durch die Drogenwirkung entstehen, brechen früher oder später zusammen.

Die Abwendung von traumatisierenden Erlebnissen erzeugt oft eine innere Leere, ein Gefühl der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz und Perspektivlosigkeit. Der Mensch spürt, dass er ist, dass er lebt, nur über den „Bezug, den Konsum und die Wirkung“ der Drogen.

Scheidt (1976) sagt: „Drogenkonsumenten streben danach, das falsche Selbst im Rausch aufzulösen (...), um endlich (...) zum wahren Selbst zu gelangen.“

Bei traumatischen Erfahrungen kann addiktives Verhalten eine rettende Lebensweise, ein Überlebensmechanismus oder eine Bewältigungsstrategie sein und als Symptombildung zur Stabilisierung betrachtet werden. Dennoch ist die Suche nach dem wahren Selbst sowohl für die Klientinnen und Klienten als auch für die behandelnden Therapeutinnen und Therapeuten dadurch möglich, dass die Sucht nicht mehr als Störung gesehen wird, sondern einfach als vorübergehende Form der Bewältigung. Neue, gesündere Alternativen lassen sich finden, wenn die Sucht als „sinnvolle“ Reaktion auf eine seelische Schädigung verstanden wird und deshalb nicht mehr im Mittelpunkt des therapeutischen Interesses steht.

Literatur

Adler, A. (2001/1930): Praxis und Theorie der Individualpsychologie

Dreikurs, R. (2005/1933): Grundbegriffe der Individualpsychologie.

Freud, S. (1992/1917): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse.

Gerhard, H. (2003): Zwischen Lebensstil und Sucht. Drogengebrauch und Persönlichkeitsentwicklung in der Spätmoderne.

Göbel, H. (1988): Zur Komplexität einer umfassenden Definition des Phänomens Schmerz. Der Schmerz: Band 2: 89-93.

Kaplan (1999): Untersuchungen zum Problem der Kindes- und Jugendmisshandlung: ein Überblick über die letzten 10 Jahre. Teil I: Körperliche und emotionale Misshandlung und Vernachlässigung. Psychiatry 38, 1214-1122

Kohut, H. (1976): Vorwort zu J. v. Scheidt: Der falsche Weg zum Selbst. Drogenkarriere als gescheiterter Selbstheilungsversuch.

Gerhard, H. (2003): Zwischen Lebensstil und Sucht. Drogengebrauch und Persönlichkeitsentwicklung in der Spätmoderne.

Oleksy, P. (2007): „Sinn im Unsinn. Konstruktive Aspekte selbstschädigenden Verhaltens bei Borderline-Patienten“. Diplomarbeit an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Sachsse, U. (2002): Selbstverletzendes Verhalten. Psychodynamische Psychotherapie. Trauma, Dissoziation und ihre Behandlung.

Schäfer, I.; Krausz, M. (2006): Trauma und Sucht. Konzepte - Diagnostik - Behandlung.

Scheidt, J. v. (1976): Der falsche Weg zum Selbst. Drogenkarriere als gescheiterter Selbstheilungsversuch.

© Natalja Netschaj