Schulliebe. Eine Kennenlerngeschichte

Schulliebe. Eine Kennenlerngeschichte

Inna war schon in der Schule für ihren Dickkopf bekannt, und das Wort „unmöglich“ gab es für sie nicht. Nein, sie legte sich nie besonders mit jemandem an, aber wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war jedes Umstimmen zwecklos. Nach eigenem Bekunden war sie sehr bescheiden, still, kurz: eines jener rätselhaften grauen Mäuschen, bei denen man nie weiß, ob sie gerade an dich denken, an die Angliederung Tibets durch die Chinesen oder an ihre Einkaufsliste – aber wenn es sein musste, konnte sie sich schweigend querstellen, und sie von ihrem Standpunkt wegzubewegen war nicht leichter als den Berg Tschomolungma. Genau mit diesem ihr eigenen Dickkopf ging sie Bauingenieurwesen für Rohrleitungen studieren, während ihr Vater auf Bankwesen bestand – und noch etwas früher, in der Schule, hatte sie beschlossen, sich in Tolja zu verlieben.

Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.

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Tolja war der Schönste in der Klasse. Seine Eltern gehörten nicht zu den Ärmsten, deshalb fiel Tolja zusätzlich durch neue, auffällige Jeans oder Turnschuhe auf, an die gewöhnliche Sterbliche nicht herankamen. Und dabei war Tolja sehr bescheiden, unschuldig, so als hätte er an alldem gar keinen Anteil: weder an seiner Kleidung noch an seiner Schönheit, nicht einmal daran, dass er an der Tafel wieder einmal eine Vier bekommen hatte. Und genau das bezauberte Inna vollkommen. Tolja nahm sie kaum wahr; er hielt sich lieber an die „Coolen“ – Dimon, Sewa, Ljalja und Kristina: auffällig, schön, laut und erfolgreich. Und Ljalja flirtete sogar ganz offen mit ihm, ließ ihr durchchemisiertes Haar dem Verbot der Lehrer zum Trotz auffliegen und klimperte mit den von zu viel Mascara schweren Wimpern. Aber Inna wusste: Früher oder später würde Tolja doch ihr gehören. Er würde sich erst an all den Ljaljas, Maschas und wie sie sonst hießen sattspielen – und dann. Sie alle liebten ihn ja nicht so wie sie. Er würde das ganz bestimmt verstehen, vielleicht später. Es heißt doch überall, Männer würden später erwachsen. Und sie ist geduldig, sie wartet … Und wird immer da sein.

Und sie war da. Auch als Tolik sich zum ersten Mal mit Ljalja zerstritt und ihr, Inna, klagte, wie ungerecht das Leben sei. Und als Tolik von zugereisten Burschen verprügelt wurde und sich Ljalja und den anderen so nicht zeigen wollte. Und als Tolik vom Vater die Hölle heiß gemacht bekam, weil er geraucht hatte. Und als sie ihn beinahe von der Uni geworfen hätten. Und sogar dann, als Tolik den Mut nicht fand, Ljalja einen Antrag zu machen. Inna war die Einzige, die den echten Tolik kannte, den aufrichtigen, der den anderen keine geschönte Fassung seiner selbst vorführte. Sie war die Einzige, die verstand, was ihn wirklich antrieb, wovor er Angst hatte, was er sich nicht einmal selbst einzugestehen wagte. Selbst nachdem er Ljalja geheiratet hatte – dieses Biest, das nicht duldete, dass irgendetwas gegen ihren Willen lief und die Tolik am Ende einfach am Kragen ins Standesamt geschleift hatte –, klagte Tolik Inna weiter über dieses und jenes. Mit Inna konnte er besprechen, was er nicht einmal mit der eigenen Frau besprechen konnte.

Die autistische Frau und der epileptoide Mann
Die autistische Frau und der epileptoide Mann

Sie war immer da und wartete ab, verlangte nichts dafür, war einverstanden, sich heimlich zu treffen, damit es niemand erfuhr. Und nahm ihn einfach so an, wie er war. Wäre sie morgen verschwunden, Tolik wäre verloren gewesen. Und das war ihm bewusst, er sagte es ihr mehr als einmal. Nur kam es aus irgendeinem Grund über Worte nie hinaus. Und Inna begann, die Geduld zu verlieren.

Sie heiratete sogar. Sascha war ein sehr gutherziger und fürsorglicher Mensch, sie sind irgendwie unmerklichweigerte sich, das hinzunehmen, und begann sogar heimlich, Inna den Hof zu machen, ihr nie gekannte Aufmerksamkeiten zu erweisen, sie im Gedränge unauffällig zu berühren und so weiter.

Außerdem konnte man sie jetzt ohne Weiteres zu allen Familienfesten einladen – sie verheiratet, er verheiratet, beide mit Kindern … Niemand hätte sich etwas denken können. Ljalja lebte in der festen Überzeugung, alles auf der Welt zu kontrollieren, dass alles so kommt, wie sie es will. Sie hatte die perfekte Familie, zwei wohlgeratene Kinder und einen prächtigen Ehemann, der ihr nicht widersprach. Sascha, Innas Mann, lebte offenbar überhaupt in seiner eigenen Welt, in seinem eigenen Rhythmus, und die ganze Welt schien ihm gleichgültig zu sein. Und Tolik fasste sich endlich ein Herz, führte Inna bei einem der gemeinsamen Grillabende hinter den Schuppen – und dort geschah es zum ersten Mal. Und bei Weitem nicht zum letzten.

Wie Inna jubelte! Endlich gehörte Tolik ganz ihr! Und selbst als sie eine halbe Stunde später wieder mit ihren „besseren Hälften“ am Tisch saßen und Ljalja selbstsicher verkündete, „die Schulliebe ist die stärkste“, stimmte Inna ihr aufrichtig zu.

Anfangs waren ihre Treffen chaotisch, verstohlen, immer nur dann, wenn beide Zeit hatten. Dann geschah bei Inna etwas Unerwartetes: Sascha kam ums Leben. Das Flugzeug, mit dem er zu einem weiteren Projekt flog, hatte einen Sensorausfall und tauchte erfolgreich in den Ozean. Saschas Leiche wurde nie gefunden. Inna trauerte, spürte zugleich aber auch Erleichterung – sie musste Sascha nicht mehr belügen. Und die Treffen mit Tolik wurden nun häufiger.

Ulrich und Anna in der Serie „Dark“. Der epileptoide Mann und die autistische Frau
Ulrich und Anna in der Serie „Dark“. Der epileptoide Mann und die autistische Frau

Von nun an standen dem Glück nur noch drei Menschen im Weg: Ljalja und ihre beiden Töchter. Ljalja flog, anders als Sascha, wenn überhaupt, dann höchstens einmal im Jahr und nur mit der ganzen Familie – da war also nichts zu erwarten. Inna erschrak selbst manchmal über solche Gedanken, doch andererseits hatte sie schon so lange gewartet, und Tolik konnte sich einfach nicht entschließen, das Offensichtliche einzugestehen: dass es Zeit war, die Frau zu verlassen. Sichtlich mit Vergnügen verbrachte er immer mehr Zeit mit Inna, doch danach lief er brav nach Hause. Inna versuchte, ihn zu entschuldigen, sich einzureden, er wolle nur die Mädchen nicht verletzen, fürchte Ljaljas Zorn oder das Urteil der Freunde. Doch tief im Inneren kannte sie, wie wohl jede andere Frau auch, die Wahrheit: Tolik passte einfach alles so, wie es war.

Nun, nicht umsonst hatte sie all die Jahre gewartet, beschloss Inna für sich … Und wartete weiter. Und endlich zahlte sich das Warten aus. Ob Männer mit dem Alter sorgloser werden oder was auch immer – jedenfalls schöpfte Ljalja zuerst Verdacht und fand dann sogar ein Frauenhaar am Sakko ihres Mannes. Nun weit aufmerksamer für die „seltsamen Handlungen“ ihres Mannes, musste Ljalja bald einräumen, dass es die vielbeschworene „andere Frau“ tatsächlich gab. Herauszufinden, wer sie war, fiel schwerer, erwies sich aber ebenfalls als durchaus machbar. Und bald stand Ljalja bei Inna vor der Tür.

– „Seit wann?“, fragte sie.

– „Seit der Schule“, teilte Inna ungeniert mit, „die Schulliebe ist die stärkste.“

– „Du Biest!“

– „Du auch.“

– „Aber geheiratet hat er mich!“

– A“ und gerannt ist er zu mir, jedes Mal, wenn es ihm schwer und schlecht ging.“

– „Wie konntest du nur!!!“

– „Ich habe nie darauf bestanden, dass er dich verlässt.“

– „Ich gebe ihn dir nicht!“

– „Er war immer meiner.“

– „Wir haben Kinder … Warte, dein Sohn …“

– „Meinen Sohn habe ich von Sascha.“

– „Also hast du auch Sascha betrogen …“

– „So ist sie eben, die Schulliebe …“

Sie redeten noch eine Weile, teils über Tolik, teils über anderes. Dann tranken sie Tee, weinten, redeten wieder, weinten wieder. Und dann kam Tolik, der glaubte, seine Frau sei zu einer Freundin gefahren. Als er seine beiden Frauen verweint auf dem Sofa sitzen sah, fand er lange keine Worte. Und Inna spürte plötzlich ganz klar, dass es für sie Zeit war weiterzugehen – dass er, Tolik, das alles schlicht nicht wert war.

– „Macht euch keine Sorgen, mein Sohn und ich ziehen weg. Man hat mir eine Stelle in der Hauptstadt angeboten.“

– „W-wann?“, fragten Tolik und Ljalja fast im Chor und verblüfft.

– „In einem Monat“, log Inna.

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Und innerhalb eines Monats fand sie tatsächlich eine Stelle, und nicht irgendwo, sondern in Moskau. Der Sohn war vom Umzug begeistert, Inna dagegen spürte eine erstaunliche Befreiung, als hätte sie Fesseln abgestreift, die sie jahrelang gehalten hatten. Ein zweites Mal heiratete sie nicht mehr, aber sie fand einen Mann, mit dem es angenehm und leicht war, Zeit zu verbringen. Er war verheiratet, doch Inna hatte gar nicht vor, ihn scheiden zu lassen. Sie hatte fest beschlossen, sich keine Illusionen mehr zu machen und einfach zu ihrem eigenen Vergnügen zu leben.

Tolik traf sie etwa zehn Jahre später wieder. Er hatte sich nie scheiden lassen und gestand ehrlich, dass er die ganze Zeit weiter fremdgegangen war – aber eine wie Inna hatte er nicht mehr getroffen.

– „Du siehst großartig aus, es heißt ja nicht umsonst, ein kleiner Hund bleibt ewig ein Welpe …“

– „Und du bist alt geworden.“

– „Ich bin beruflich jetzt öfter in Moskau. Vielleicht versuchen wir es noch einmal miteinander. So gut wie mit dir war es mir mit niemandem.“

– „Tut mir leid, dafür bin ich zu beschäftigt“, antwortete Inna und begriff plötzlich, dass sie einander gar nichts mehr zu sagen hatten.

Fachlicher Kommentar

Inna ist der autistische Persönlichkeitstyp. Das sind Menschen, die auf die sinnliche Wahrnehmung der Welt um sie herum zugespitzt sind – auf der Suche nach Beweisen für ihre eigene Existenz in ihr. Wenn das Universum existiert, dann existieren auch sie. Für Inna sind Ordnung in der Welt um sie herum, Ruhe und Gleichmaß sehr wichtig, deshalb versucht sie, die Welt und die Menschen um sich herum unauffällig zu „gestalten“ – Tolik inbegriffen.

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Toliks Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie ist epileptoid. Menschen dieses Typs fürchten die unmittelbare Aufmerksamkeit für ihre Person – und wünschen sie sich zugleich unbewusst. Genau diese unaufdringliche Aufmerksamkeit schenkte Inna ihm. Es sind sehr sinnliche und geschmeidige Menschen, die die Welt oft emotional sehen, durch die rosarote Brille. Frauen dieses Typs sind die lebendige Verkörperung von Weiblichkeit, doch Männer meiden diese Weiblichkeit in sich selbst oft und geben lieber den echten Macho. Sie schätzen selbstsicherere, führende Partnerinnen, streben aber zugleich immer wieder danach, sich selbst als stark und führend zu zeigen.

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Eine solche Beziehung gilt als utopisch, denn aufgrund ihrer Persönlichkeitstypen fällt es diesen beiden unglaublich schwer, zueinanderzufinden. Das ist eher eine Beziehung in der Vorstellung als in der Wirklichkeit – und ohne Innas Hartnäckigkeit hätte es sie schlicht nicht gegeben. Häufig verleugnet der Mann in einer solchen Beziehung seine eigene Weiblichkeit und ist ein Frauenverächter, oder er behandelt die Frau rein als Ware. Ihm scheint, sie werde nicht antworten und er könne seinen Hass ungestraft zeigen – doch sie hält viel von sich und antwortet früher oder später.