Krankhafte Angst

Krankhafte Angst

Angst ist eine gesunde Antwort auf eine bedrohliche Situation, ihre Wurzeln liegen in unserem natürlichen Selbsterhaltungstrieb. Grundlose Angst oder zwanghafte Ausprägungen davon können dagegen ein Symptom einer psychischen oder körperlichen Störung sein. Bei manchen Menschen ist die Angst so stark ausgeprägt, dass sie die Lebensqualität mindert. Lesen Sie weiter, was Angst auslöst und wie man ihr begegnen kann.

Kurzüberblick (krankhafte Angst)

Was ist Angst? In der Regel eine normale Reaktion auf bedrohliche Situationen. Manche Menschen empfinden sie häufiger als andere – wegen ihrer Veranlagung und ihrer Erfahrungen. Krankhaft ist die Angst dann, wenn sie ohne konkreten Anlass auftritt, zum häufigen oder ständigen Begleiter wird und die Lebensqualität beeinträchtigt.

Ursachen krankhafter Angst

Zur Entstehung krankhafter Angst beziehungsweise von Angststörungen gibt es verschiedene Theorien:

Psychoanalytische Ansätze gehen davon aus, dass Angststörungen bei Menschen entstehen, die nicht gelernt haben, mit normaler Angst umzugehen. In Konfliktsituationen sind sie überfordert, und das führt zu unkontrollierbaren kindlichen Angstgefühlen.

Dagegen betrachten verhaltenstherapeutische Ansätze Ängste als erlernt. Ein Beispiel ist die Flugangst. Sie kann entstehen, wenn die betreffende Person an Bord eine bedrohliche Situation erlebt hat, etwa starke Turbulenzen. Angst kann sich auch aus bloßem Beobachten entwickeln – etwa wenn ein Kind spürt, dass seine Mutter sich vor einer Spinne fürchtet.

Neurobiologische Ansätze gehen wiederum davon aus, dass das vegetative Nervensystem bei Menschen mit Angsterkrankungen instabiler ist als bei Gesunden und deshalb besonders schnell und heftig auf Reize reagiert.

Faktoren

Stress: starke psychische Belastung kann zu dauerhafter Unruhe oder zu Panikattacken führen.

Traumata: traumatische Erfahrungen wie Krieg, Unfälle, Misshandlung oder Naturkatastrophen können immer wiederkehrende Ängste auslösen.

Alkohol- und Drogenkonsum: Der Konsum von Substanzen wie Alkohol, LSD, Amphetaminen, Kokain oder Marihuana kann ebenfalls Angst oder Panik auslösen.

Medikamente: Manche Medikamente können als Nebenwirkung Herzrasen, Atemnot und Unruhe hervorrufen. Das gilt besonders für Substanzen, die auf Psyche, Gehirn und Nervenfunktionen wirken, Herz und Atmung beeinflussen oder den Hormonhaushalt stören.

Störungen der Schilddrüsenfunktion. Sowohl eine Über- als auch eine Unterfunktion der Schilddrüse kann Angst- und Panikattacken auslösen.

Herzerkrankungen: Organische Herzprobleme wie Herzrhythmusstörungen oder Angina pectoris können ebenfalls massive Angstgefühle auslösen.

Erkrankungen des Gehirns: In seltenen Fällen werden Angstgefühle durch eine organische Erkrankung des Gehirns ausgelöst, etwa durch eine Entzündung oder einen Hirntumor.

Symptome

Herzklopfen, beschleunigter Puls, Schwitzen, Zittern, erschwerte Atmung, Schwindel. In schweren Fällen Brustschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Beklemmungsgefühle, Bewusstlosigkeit, das Gefühl, neben sich zu stehen oder verrückt zu werden, Todesangst bei Panikattacken, körperliche Schmerzen durch den Angstzustand.

Angst: Was ist normal, was krankhaft?

Wie stark ein Mensch zur Angst neigt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Veranlagung spielt eine wichtige Rolle. Auch Lebenserfahrungen, besonders in der frühen Kindheit, prägen die „Bereitschaft“, Angst zu empfinden. Für manche Menschen ist es völlig normal, schüchtern zu sein, sich häufiger zu sorgen und vorsichtiger zu sein als andere.

Von einer Krankheit spricht man, wenn die Angst ohne konkreten Anlass auftritt oder sogar zum ständigen Begleiter wird. Dann kann sie die Lebensqualität der betroffenen Person erheblich mindern. Solche Ängste sind keine normale Reaktion auf eine konkrete Bedrohung, sondern ein eigenständiges Krankheitsbild, das psychotherapeutisch behandelt werden sollte.

Formen krankhafter Angst: generalisierte Angststörung, Panikstörung, Zwangsstörung, Phobien, posttraumatische Belastungsstörung, Hypochondrie, Schizophrenie, Depression.

Der Begriff Angststörung bezeichnet eine Gruppe psychischer Störungen, bei denen Angstsymptome ohne äußere Bedrohung auftreten. Diese Angstsymptome können körperlich sein (Herzrasen, Schwitzen usw.) und psychisch (aufdringliche Gedanken an eine drohende Katastrophe, Vermeiden von Kontakten oder des Weges nach draußen usw.).

Eine Angststörung kann verschiedene Formen annehmen:

Generalisierte Angststörung

Für Menschen mit einer generalisierten Angststörung sind Sorge und Angst ständige Begleiter. Oft haben diese Ängste keinen konkreten Anlass (diffuse Unruhe, Ängste und allgemeine Nervosität). Sie können sich auch auf reale Gefahren beziehen (die Möglichkeit eines Autounfalls, eine Erkrankung naher Angehöriger usw.), wobei die Angstsymptome übertrieben ausfallen. Das Angstgefühl ist häufig so stark, dass der Alltag in vielen Bereichen stark eingeschränkt ist.

Zwangsstörung

Diese Angststörung ist durch Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen gekennzeichnet. Betroffene reagieren zum Beispiel angespannt und ängstlich, wenn man sie daran hindert, bestimmte Rituale auszuführen. Dazu gehört etwa der Zwang, sich die Hände zu waschen, Gegenstände zu zählen oder mehrfach zu kontrollieren, ob die Fenster geschlossen sind. Zwangsgedanken können zum Beispiel aggressive, anstößige oder beängstigende Inhalte haben.

Phobien

Menschen mit einer Phobie fürchten sich übermäßig vor bestimmten Situationen oder Objekten. Die meisten Betroffenen wissen, dass ihre Ängste eigentlich unbegründet sind. Dennoch lösen die entsprechenden Schlüsselreize mitunter heftige Angstreaktionen aus. Solche Schlüsselreize können bestimmte Situationen sein (Flugreisen, große Höhen, Liftfahrten usw.), Naturphänomene (Gewitter, offenes Wasser usw.) oder bestimmte Tiere (etwa Spinnen, Mäuse, Katzen). Manchmal auch Dinge, die mit Krankheit und Verletzung zu tun haben (Blut, Spritzen usw.).

Fachleute unterscheiden drei Hauptformen der Phobie:

  1. Agoraphobie (Angst vor offenen Räumen): Menschen mit einer Agoraphobie fürchten sich vor der Außenwelt, besonders vor unbekannten Orten oder vor Menschenmengen. Sie fürchten Situationen, aus denen sie nicht fliehen können oder die sie nicht kontrollieren können. Die Angst kann sich bis zur Panikattacke steigern (Panikstörung mit Agoraphobie). Mittelfristig leiden die Betroffenen unter der Angst vor der Angst, die draußen auftritt, und verlassen das Haus nicht mehr.
  2. Soziale Phobie: Hier empfindet ein Mensch Angst, wenn er sich unter Leuten befindet. Er hat das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen, und daraus entsteht die Angst, sich zu blamieren oder zu versagen, die Angst vor Kritik oder Ablehnung. Deshalb ziehen sich Betroffene immer stärker aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.
  3. Spezifische Phobie: Hier hat die Phobie einen eng umgrenzten Auslöser. Dazu gehören die Spinnenphobie, die Angst vor Spritzen, die Flugangst, die Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen) und die Höhenangst.

Posttraumatisches Syndrom oder posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Eine PTBS entsteht als Folge eines extrem belastenden oder bedrohlichen Erlebnisses (eines Traumas). Das kann zum Beispiel Krieg sein, eine Naturkatastrophe, ein schwerer Unfall, der Tod eines nahen Angehörigen, sexuelle Gewalt oder eine andere Gewalttat. Eine posttraumatische Belastungsstörung kann sich später nicht nur bei unmittelbar Betroffenen entwickeln, sondern auch bei Menschen, die solche traumatisierenden Ereignisse miterlebt haben.

Typisch für eine PTBS sind die sogenannten traumatischen Erinnerungen. Das sind plötzlich auftretende, extrem belastende Erinnerungsfragmente, in denen Betroffene das traumatische Erlebnis immer wieder durchleben. Ausgelöst werden sie etwa durch Geräusche, Gerüche oder bestimmte Wörter, die eng mit dem traumatischen Erlebnis verknüpft sind. Um diesen Reizen auszuweichen, ziehen sich viele traumatisierte Menschen zurück. Sie sind äußerst nervös und reizbar, leiden unter Schlaf- und Konzentrationsstörungen, wirken zugleich aber immer emotionsloser.

Panikstörung

Patientinnen und Patienten mit einer Panikstörung erleben häufig massive Angstanfälle mit schweren körperlichen und psychischen Symptomen. Dazu gehören Atemnot, Herzrasen, Enge im Hals oder Erstickungsgefühle, Schwitzen, Übelkeit, Todesangst oder die Angst vor Kontrollverlust und ein Gefühl der Unwirklichkeit.

Eine Panikattacke dauert meist weniger als eine halbe Stunde. Sie kann völlig unerwartet auftreten oder durch bestimmte Situationen ausgelöst werden. Sehr häufig ist die Panikstörung mit einer Agoraphobie („Platzangst“) verbunden: In bestimmten Situationen (etwa in einer Menschenmenge) oder an bestimmten Orten (etwa an öffentlichen Plätzen, in öffentlichen Verkehrsmitteln) können Menschen mit Panikangst nicht von sich aus weggehen oder den „Auslöser“ loswerden – und schämen sich zusätzlich dafür, dass ihre Paniksymptome sichtbar werden.

Weitere Formen krankhafter Angst

Menschen mit einer Hypochondrie (neue Bezeichnung: hypochondrische Störung) leben in ständiger Angst, an einer schweren oder gar tödlichen Krankheit zu leiden. Dabei deuten sie harmlose körperliche Symptome falsch. Selbst ärztliche Auskünfte über ihre Gesundheit können sie nicht überzeugen.

Die Hypochondrie zählt zu den sogenannten somatoformen Störungen – ebenso wie die Herzneurose: Hier leidet man unter starkem Herzklopfen und Atemnot und fürchtet einen Infarkt, ohne dass die Beschwerden eine organische Ursache hätten.

Manchmal tritt Angst als Symptom anderer Erkrankungen auf. So leiden Menschen mit einer Schizophrenie häufig unter massiven Ängsten. Sie nehmen ihre Außenwelt als Bedrohung wahr, erleben Halluzinationen oder Verfolgungswahn. Auch eine Depression geht oft mit objektiv unbegründeten Ängsten einher.

Wann sollten Sie fachliche Hilfe suchen?

Bei übermäßiger Angst, bei einem zunehmenden Angstzustand, der sich nicht allein bewältigen lässt, bei Angst ohne objektiven Anlass und/oder bei stark verminderter Lebensqualität durch die Angst.

Diagnostik: ausführliches Gespräch über den Zustand der Klientin oder des Klienten, Testverfahren.

Therapie: kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Verfahren (Psychoanalyse, Transaktionsanalyse), Erlernen von Techniken zur Selbstentspannung und Beruhigung, medikamentöse Behandlung.