Was meinen Sie: Wer sollte den ersten Schritt machen, damit eine Beziehung beginnt? In unserer Kultur ist es üblich, dass es der Mann ist. Zumindest denkt das die überwiegende Mehrheit der Frauen. Zugleich hätten viele Männer, wie Umfragen zeigen, gern, dass die Frau den ersten Schritt macht. Und viele sind überzeugt, dass es faktisch ohnehin die Frau ist, die den ersten Schritt macht – nur so, dass es aussieht, als täte es der Mann. „Kenner“ sagen, sie mache diesen ersten Schritt mit dem Körper, mit den Augen oder mit sonst etwas, das Ergebnis müsse aber immer dasselbe sein: Der Mann müsse auf geheimnisvolle Weise mitbekommen, dass die Frau ihn nicht abweisen wird, und dann beherzt jenen „ersten“ Schritt machen, der eigentlich gar nicht der erste ist. Kurzum: Die Wissenschaft vom ersten Schritt ist kompliziert und unberechenbar.
Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.
Direkt zum fachlichen KommentarGanz anders früher, als die Eltern für ihre Sprösslinge die Partie aussuchten, den Brautpreis aushandelten, die gemeinsame Verwaltung des vereinten Familienvermögens regelten – einer Schafherde etwa oder fruchtbarer Felder – und den jungen Leuten den Kopf zurechtrückten, wenn diese aus dem einen oder anderen Grund nicht miteinander auskamen. Von Liebe war damals allerdings keine Rede. Aber Liebe ist bekanntlich ein abstrakter und subjektiver Begriff, jeder versteht ihn auf seine Weise und drückt sie aus, wie es gerade kommt – deshalb muss man den jungen Leuten manchmal auch heute ein wenig nachhelfen. So war es zum Beispiel bei Elja und Leonid.
Elja gehörte nicht zu den Frauen, denen es immer gelingt, die wandelbare Welt nach sich zu biegen. Sie zählte sich eher zu denen, die sich biegen lassen. Solange sie denken konnte, hatte sie versucht, den Erwartungen anderer zu entsprechen, dieses richtige, brave Mädchen zu sein, das man für etwas loben kann. Sie mochte keine Konflikte, vermied Eskalationen und war immer bemüht, allen zu helfen und für jeden etwas zu tun. Das nutzten ungeniert in erster Linie ihre eigenen Verwandten aus, danach die Kolleginnen und Kollegen, die Schülerinnen und Schüler, Freundinnen, Freunde und so weiter. Elja hatte nichts dagegen. Der eine ist dazu bestimmt, unter den Göttern zu weilen, und der andere dazu, Töpfe zu brennen und hinter den Göttern aufzuräumen.
Das Einzige, was sie nicht erfüllen konnte, war die Forderung ihrer Mutter, umgehend zu heiraten und möglichst viele Enkel zur Welt zu bringen. Zum „Heiraten“ braucht es ja einen passenden Mann: gesund soll er sein, fürsorglich, gutmütig und schön. Und ein bisschen Liebe wäre auch nicht schlecht. Gutmütige gab es in ihrem Umfeld genug, Fürsorgliche ebenfalls, nur beachteten sie Elja irgendwie nicht. Elja nahm das still hin, dachte manchmal, mit ihr stimme etwas nicht, und lenkte sich dann von den traurigen Gedanken ab, indem sie noch tiefer in die Arbeit und in die Hilfe für ihre Nächsten eintauchte. Eljas Mutter, Margarita Michailowna, hatte nichts gegen Eljas Hilfsbereitschaft, wusste aber: Ließe man die Sache laufen, käme sie nie zu Enkeln. Und so entschied sie sich nach einer kurzen Musterung der möglichen Schwiegersöhne für Leonid.
Leonid arbeitete in dem Büro, in dem Margarita Michailowna die Buchhaltung führte. Er gehörte zu jenen, die mit wahrhaft christlicher Geduld alles hinnahmen, was diese grausame Welt ihnen bescherte. Ein grundgütiger, stiller Mensch, immer bereit zu helfen und als Weste zum Ausweinen zu dienen, für jede Arbeit zu haben und vollkommen harmlos. Eher versuchten alle, ihn zu kränken und auszunutzen. Ljonja war ein Helfer, der niemandem etwas abschlug – außer sich selbst. Manchmal tat Ljonja ihr leid, doch Margarita Michailowna befand weise: Wenn man zwischen seinem Wohlbefinden und dem ihrer leiblichen Tochter wählen muss, ist die Wahl mehr als eindeutig. Und so wurde Leonid schon bald zum Familienabendessen eingeladen.
Für diesen Anlass ließ Margarita Michailowna ihre Tochter zusätzlich zum Hauptprogramm noch eine Torte mit Vanillecreme backen, kritisierte ihr Kleid als zu bieder und rückte ihr am Ende eines von ihren eigenen heraus. Genau jenes „kleine Schwarze“, das sie gern „Cocktailkleid“ nannte, auch wenn sie es zu keinem einzigen Cocktail getragen hatte. Leonid erschien, wie Margarita Michailowna es angeordnet hatte, im dunklen Anzug und brachte als Bonus selbst gebackene Piroggen mit.
– Ich war so aufgeregt, Margarita Michailowna, dass ich unbedingt Piroggen essen wollte, und dann dachte ich, vielleicht mögen ja auch Sie Piroggen, und da habe ich eben gebacken … Entschuldigen Sie bitte, falls etwas nicht passt, ich wollte Sie nicht kränken …
Das Abendessen verlief ziemlich angespannt. Die beiden jungen Leute sahen einander praktisch nicht an und schielten immer wieder fast ängstlich zu Margarita Michailowna hinüber. Margarita gab sich tapfer, führte bei Tisch das große Wort, brachte Trinksprüche aus und weigerte sich bis zuletzt einzugestehen, dass ihre Idee scheitern könnte. Zu schüchtern war ihr das „junge Paar“ geraten … Sie zum Beispiel hätte sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen! Aber diese beiden … Zum Fürchten! Betonte Höflichkeit, nur ja nichts Falsches sagen, als würde das Abendessen von einem Dutzend Aktivisten für Sexismus- und Belästigungsfragen überwacht! Elja, die sonst schon farblos genug war, wirkte jetzt völlig versteinert – eine ganze Stunde lang hatte sie nicht einmal die Haltung gewechselt, als hätte man sie in ein Korsett geschnürt! Margarita Michailowna atmete tief durch und versuchte, die aufkommende Panik aus ihrem Kopf zu vertreiben.
– Arkascha, hol den Cranberry-Schnaps aus der Vitrine, und die Stamperln, genau die aus Abchasien! – sagte sie düster zu ihrem Mann. Die Flasche hatte sie für Silvester aufgehoben, aber jetzt waren äußerste Maßnahmen nötig. Entweder macht sie die jungen Leute betrunken, damit sie sich endlich zu einer Handlung durchringen, oder sie betrinkt sich selbst, um nicht über die beiden trauern zu müssen.
– Ljonja, ich will dich schon lange fragen: Hast du nie über deine Zukunft nachgedacht?
– Margarita Michailowna, wovon sprechen Sie?
– Na, du bist doch ein Goldstück, so häuslich, so geschickt! Wir im Büro beten dich alle an! Gibt es wirklich keine Frau, die sich auch einmal um dich kümmern möchte?
– Ja, irgendwie … nein … Wahrscheinlich bin ich nicht gut genug …
– Du bist wunderbar, Ljonja, schreib dir das hinter die Ohren! – empörte sich Margarita Michailowna, kippte für den Mut das nächste Stamperl Cranberry und ging zum Frontalangriff über. – Ich weiß nicht, was wir im Büro ohne dich täten! Eljetschka, Ljonja ist so eine gute Partie, so eine gute! Und unsere Elja ist so eine Hausfrau! Sie hat übrigens das Abendessen gekocht, und die Torte auch! Ljonja, schmeckt es dir?
– Sehr, Margarita Michailowna!
– Dann heirate sie, verdammt noch mal! – rief Margarita verzweifelt, erschrak selbst darüber, dass sie zu weit gegangen war, und fügte schon leiser hinzu: – Schluss mit dem Zaudern!
Das „junge Paar“ starrte Margarita Michailowna verblüfft an, und ihr wurde klar, dass sie sich selbst den Rückzug abgeschnitten hatte. Im Kopf klang plötzlich deutlich das berühmte Wort des Politoffiziers Klotschkow: „… zurückweichen können wir nicht – hinter uns liegt Moskau!“ Margarita leerte das nächste, von Arkascha fürsorglich gefüllte Stamperl, räusperte sich und legte alle Karten auf den Tisch.
– Also gut! Glaubt meiner Lebenserfahrung! Früher oder später merkt ihr plötzlich, dass ihr euer Leben mit vollkommenem Unsinn verbracht habt! Und während ihr herumgerannt seid, euch um fremde Probleme und fremde Angelegenheiten gekümmert, für fremde Leute gearbeitet und vollkommen überflüssige Nachrichten geschaut habt, ist das Leben irgendwie unbemerkt an euch vorbeigeflogen. Ihr werdet begreifen, dass ihr jeden Abend widerwillig in leere, kalte und dunkle Wohnungen zurückkehrt und dass es niemanden mehr gibt, der diese Leere füllen könnte – denn auch ihr seid dann Ladenhüter. Und am Ende habt ihr allen geholfen, denen ihr helfen konntet, nur euch selbst nicht. Wozu? Ich mit meiner Lebenserfahrung schaue euch an und sehe: Das alles lässt sich vermeiden. Ihr zwei seid ein wunderbares Paar. Aber, verflixt noch mal, schüchtern und unentschlossen. Also mache ich den ersten Schritt für euch. Elja! Ich habe dich gefüttert und gewickelt, ich habe dich großgezogen und erzogen. Im Namen all dessen, was ich für dich getan habe: Antworte, gefällt dir Leonid Igorewitsch?
Elja riss erschrocken die Augen auf und zog den Kopf zwischen die Schultern, wagte aber nicht, ihrer Mutter zu widersprechen, schon gar nicht in diesem Zustand, und nickte deshalb kaum merklich. Margarita Michailowna genügte das.
– Ljonja! Im Namen dieser Sympathie und im Namen des Mutes, den meine einzige Tochter bewiesen hat: Antworte, gefällt dir Elja?
– Margarita Michailowna! Sie haben eine wunderbare Tochter …
– Gefällt sie dir oder nicht?! – Margarita Michailowna runzelte die Stirn und beugte sich drohend über Ljonja.
– J-ja … – presste Leonid Igorewitsch erschrocken hervor und schielte zu Elja hinüber: ob sie ihm das wohl übel nahm.
– Dann heiratet endlich, zum Kuckuck noch einmal! – bellte Margarita Michailowna so laut, dass das „junge Paar“ zusammenzuckte. Mit ihm zuckten Arkascha, die Stamperln aus Abchasien und das Kristall in der Vitrine. – Ich habe getan, was in meiner Macht stand! Habt ihr gegessen? Dann geht … spazieren! Und kommt mir vor zehn nicht nach Hause! Oder überhaupt erst in der Früh … Ich will Enkel! Ist das denn so schwer zu begreifen? Verlange ich zu viel? Was für eine Jugend das heute ist …
Leider vergessen die Theoretiker des ersten Schritts bei ihrem Streit darüber, wer wem was zuerst schuldet, oft eine einfache Wahrheit: Natürlich nicht immer, aber oft geht es nicht um den ersten Schritt, sondern um jeden einzelnen – und Menschen, die sich nicht trauen, die Verantwortung für den ersten Schritt zu übernehmen, übernehmen sie auch für den zweiten und den dritten nicht. Nach dem Frontalangriff von Margarita Michailowna konnten weder Elja noch Ljonja so tun, als wäre nichts gewesen; trotzdem warteten sie brav darauf, dass jemand anderer ihnen vorschlug, sich zu treffen und ins Theater oder ins Kino zu gehen. Als die gemeinsamen Spaziergänge dann doch zur Gewohnheit geworden waren, trauten sie sich noch lange nicht einmal, einander an der Hand zu nehmen – obwohl beide im Innersten jubelten, dass sie jetzt nicht mehr allein waren.
Margarita Michailowna gab sich alle Mühe, Wunder an Geduld zu vollbringen und die beiden nicht zu stören; mehr noch, sie übernahm im Büro eine Art Patenschaft für ihren künftigen Schwiegersohn und ließ nicht zu, dass die Kollegen ihn mit Arbeit überhäuften. Zu Hause aber verlor sie immer wieder die Beherrschung und unterzog Elja regelrechten Verhören. Elja, die den gutmütigen, harmlosen Ljonja inzwischen aufrichtig zu schätzen begonnen hatte, klagte ihm beinahe unter Tränen ihr Leid über die Mutter. Und schließlich hielt Leonid ihr Leiden nicht mehr aus.
– Weißt du, es gibt wohl nur einen Weg, dem ein Ende zu machen: Zieh zu mir.
Wer nun meint, das sei schon das Happy End, irrt gewaltig. Die Charaktere von Elja und Ljonja sind zwar durchaus kompatibel, aber nicht umsonst kommt eine solche Kombination so selten vor. Obwohl Elja zu Leonid gezogen war, verging noch viel Zeit, bis ihre Beziehung aufhörte, platonisch zu sein. Sie waren voneinander begeistert, und je mehr sie miteinander redeten, desto mehr begannen sie einander zu schätzen; doch Leonid war sich mit der ihm eigenen Opferbereitschaft sicher, dass er für Elja nicht gut genug sei, und Elja … Mit der ihr eigenen konservativen Art und ihrer Unentschlossenheit fürchtete sie aufrichtig, das Gute, das sie schon hatten, zu zerstören, und redete sich ein, sie könnte Ljonja womöglich doch nicht gefallen und er würde sie zurück zur Mutter schicken.
Margarita Michailowna kreiste tatsächlich wie ein Habicht um die beiden und versuchte herauszubekommen, was Sache war. Doch Elja und Leonid hielten stand und schützten ihr Privatleben, indem sie ihr nichts erzählten. Mehr noch: Ein so bedrohlicher „gemeinsamer Feind“ schweißte sie noch stärker zusammen. Genau nach einer der Szenen, die Margarita Michailowna ihrer Tochter machte, kam Elja in Tränen aufgelöst nach Hause. Leonid beruhigte sie länger als sonst, sagte irgendetwas aufmunternd Belangloses, streichelte ihre Schulter … Und dann geschah alles wie von selbst, und nun konnte man schon die Hochzeit planen. Eine stille, bescheidene, nur für die nächsten Verwandten. Und danach weiterleben, einander stützend und beschützend, ohne aufflammende Leidenschaften und ohne besondere Abenteuer, dafür still, behaglich und ruhig. Denn auch so kann Liebe sein: still, unauffällig, verlässlich und friedlich.
Fachlicher Kommentar
Trotz der formalen Kompatibilität der Charaktere von Elja und Leonid kommt eine solche Kombination in der Praxis ohne Hilfe von außen nur sehr selten über die Freundschaft hinaus.
Elja ist der kompulsive Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie. Für sie ist es überaus wichtig, dazuzugehören, gut und korrekt zu sein. Sie braucht Grenzen und Regeln, Traditionen und Vorgaben, sonst verliert sie den inneren Halt. Solche Menschen sind meist Perfektionisten – für die eigene Arbeit muss man ja geradestehen, und kompulsive Menschen ziehen es vor, sich auf äußere Regeln und Umstände zu berufen und die Verantwortung dorthin zu verlagern: So ist es üblich, so steht es in der Vorschrift. Sie planen alles sorgfältig, haben immer einen Plan B und sind fast immer bemüht, alles zu tun, um Anerkennung zu bekommen und ihre Korrektheit zu bestätigen. Die S-Theorie beschreibt gesunde Charaktere, und hier lässt sich sagen: Die Gesundheit hängt davon ab, wie stark die beschriebenen Eigenschaften ausgeprägt sind.
Leonid ist der depressive Persönlichkeitstyp nach der S-Theorie. Die Grundlage seiner Persönlichkeit ist das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und der ständige Beweis der eigenen Güte, die Suche nach Anerkennung und das ewige Überwinden von Schwierigkeiten – denn nichts im Leben darf leichtfallen. Güte ist ihm wichtig, und er ist ihre Verkörperung. Es fällt ihm innerlich schwer, etwas nur für sich selbst zu tun, für andere aber tut er alles, was möglich ist.
Elja und Leonid sind ein gutes, stabiles Paar. Er ist gutmütig, sie führt den Haushalt, und bei ihnen ist alles in Ordnung. Sie sind eine stille, stabile Zelle der Gesellschaft: Jeder tut das Seine, sie sorgen füreinander, für die Kinder, für die Eltern, für ihr Umfeld … Aber sich kennenzulernen fällt ihnen sehr schwer. Beide sind passive Persönlichkeitstypen, ruhig und wenig initiativ – genau deshalb wartet jeder darauf, dass der andere den ersten Schritt macht, dass er überhaupt irgendetwas tut.
In der Regel werden sie einander vorgestellt: Verwandte haben sie zusammengebracht, die Mutter hat nachgeholfen. Bei dieser Charakterkombination sind langgezogene Romanzen zu erwarten, die nur langsam zum Zusammenziehen führen. Bis zum ersten Sex kann es sehr lange dauern: Spaziergänge, Treffen. Sie können die Beziehung nicht als solche begreifen. Lange sehen sie einander als gute Menschen, trauen sich aber nicht, die Beziehung auf eine neue Ebene zu heben. Früher oder später hält es einer nicht mehr aus – entweder gehen sie auseinander oder sie machen einen Schritt aufeinander zu.







