Beim depressiven Typ ist das Recht auf Unabhängigkeit verletzt. Vereinfacht heißt das: Er hat keine eigene Meinung – genauer: Er erlaubt sich nicht, eine zu haben.
Im Leben mündet diese Verletzung in die Angst vor der Einförmigkeit. Einförmigkeit heißt: für alle gleich, bei allen wie aus einem Guss. Einerseits muss man ähnlich sein, damit es ist wie bei den anderen Leuten. Andererseits muss man sich doch unterscheiden.
Beim depressiven Typ zeigt sich das als Angst vor Verurteilung und als Angst vor dem Glück. Verurteilung ist die Quelle von Scham, und Scham und Schuld als Grunderleben gibt es beim depressiven Typ reichlich:
„Was werden die Leute sagen, was werden die Leute denken? Hast du dir überlegt, wie das aussieht?“
Jedem Land lässt sich ein eigener Persönlichkeitstyp zuschreiben, der sich aus dem Typ der Bevölkerungsmehrheit dieses Landes ergibt. Auch Religionen entstehen und formen sich nach den Bedürfnissen dieser Bevölkerung. Und so sind Mütterchen Russland und die Orthodoxie ihrem Wesen nach depressiv.
Die orthodoxe Kirche kultiviert die Angst vor Verurteilung, die Angst vor der Sünde. Wie lebt der klassische orthodoxe russische Mensch?
- Zuerst sündigen wir. Wir schämen uns, wir haben ein Schuldgefühl.
- Also gehen wir in die Kirche, bitten um Vergebung und beten unsere Sünde ab. Uns ist vergeben, wir beginnen wieder zu leben.
- Dann beginnt das Leben von Neuem, und es kann nicht eintönig sein. Von früh bis spät zu schuften ist langweilig. Eine Zeit lang halten wir uns zurück. Aber in Einförmigkeit lässt sich nun einmal nicht leben.
- Alles bricht durch: Es muss ein Fest her. Wie aber feiert man, wenn die Seele rein ist? Das Fest besteht darin, sich zu betrinken und Radau zu machen: Saufgelage, Seitensprünge, Prügeleien – um danach zu bereuen und um Vergebung zu bitten.
- Und wieder schämt man sich für das, was man getan hat. Schuldgefühl – und wir gehen wieder in die Kirche. Wieder bitten wir um Vergebung, wieder beten wir es ab.
Warum kann ein depressiver Mensch nicht in Eintönigkeit leben? Das ist eine Ausprägung des verletzten Rechts auf Unabhängigkeit: Man hat ihm verboten, glücklich zu sein. Glück ist für ihn gleichbedeutend mit einem ruhigen Leben, in dem man nichts abbüßen und nichts verdienen muss. Und das bedeutet automatisch das Ende des Weges: Wenn es nichts zu verdienen gibt, bekomme ich auch keine Anerkennung.
Glück zu erreichen ist praktisch ein Begriff für den Tod. Deshalb werden die zentralen Vorstellungen vom Glück in der orthodoxen Kirche auf das Jenseits bezogen: „Nach dem Tod, im Jenseits, schlafen wir uns aus“, sagten unsere Großmütter. „Dort werden wir glücklich sein, hier aber muss man arbeiten, leiden, büßen.“ Daraus erwächst das ewige Suchen, Streben, Sich-Bewegen zum Glück – und das Verdienen des Glücks.
Doch kaum ist das Glück da, kaum ist die Seele rein, fängt der depressive Typ an, sich selbst das Leben zu vermiesen. Glücklich zu leben ist langweilig:
„Er aber, der Rebell, begehrt den Sturm, als wäre im Sturm die Ruhe.“
Im Moment ist alles gut, doch wir wissen: Etwas wird kommen. Auf die Stille folgt unweigerlich der Sturm. Und es geht dabei nicht darum, dass die Abrechnung ohnehin immer kommt. Es geht eher darum, dass der depressive Mensch sich diese Abrechnung aus dem Nichts selbst bereitet – und deshalb im Gefühl einer ständig herannahenden Bedrohung lebt:
„In jedes Fass Honig gehört ein Löffel Teer.“
Was macht einen depressiven Menschen gefährlich? Der unvorhersehbare Ausbruch, ausgelöst durch Maschengefühle (Ersatzgefühle). Daher stammen übrigens die Sprüche in den sozialen Netzwerken, dass
„eine Frau unberechenbar sein muss, dafür ist es mit ihr interessant und nie langweilig“.
So eintönig und einförmig lässt sich nicht leben: Es ist doch langweilig! Das Fehlen von Problemen, Leid und Überwindung erzeugt in der Seele noch größeres Leid. Feiern wir ein Fest, zerlegen wir alles um uns herum! Und danach in die Kirche, füreinander beten, um Vergebung bitten.
Und noch ein paar Ängste des depressiven Persönlichkeitstyps zur Sammlung:
- Vor unverdienten, nicht erlittenen Errungenschaften und Erfolgen
- Vor „schlechten Noten“ (vor Kritik, vor dem „Nicht-gut-Sein“)
- Vor Schroffheit und Unwidersprechlichkeit ihnen gegenüber
- Davor, etwas für sich zu wollen und sich die Liebe zu sich selbst einzugestehen








