Ich glaube, ich habe den Unterschied zwischen Herumgraben in sich selbst und Selbsterkenntnis verstanden. Stellen Sie sich vor: Forscher entdecken unter der Erde einen alten Palast, ein Labyrinth. Und nun kommt der Forscher, der in sich herumgräbt, mit dem Bulldozer angefahren, pflügt den Hügel um, und was übrig bleibt, erklärt er zum alten Palast. Der Forscher der Selbsterkenntnis dagegen verbraucht mehr Pinsel, mehr Schäufelchen und vor allem mehr Zeit, fügt dem Palast aber möglichst wenig Schaden zu, um ihn der Welt in voller Schönheit zu zeigen. Ein besonders fortschrittlicher Forscher, der dritte, stellt sogar wieder her, was Zeit und Katastrophen zerstört haben – so nah am Original wie möglich.
So ist es auch mit unserer Psyche. Neulich klagte eine Frau, sie grabe zu viel in sich herum und hänge dabei auch noch von der Meinung der anderen ab. In meiner Metapher heißt das: Man stellt um den Forscher auf dem Bulldozer eine Traube Schaulustiger, die von weitem gar nichts erkennen, dafür aber begeistert von der Tribüne brüllen, wo er beim nächsten Mal unbedingt mit der Schaufel hinlangen soll. Auf ihre Klage folgten dann Kommentare, viele davon aus der Reihe „damit wird man geboren“. Also: Wir werden im Bulldozer geboren, und wir sind nicht wir, wenn wir nicht alles Vergrabene in Grund und Boden fahren? Ein barbarischer Zugang, aber was soll man machen? Keinem von uns hat man bei der Geburt eine Gebrauchsanweisung für sich selbst mitgegeben. Mehr noch: Gerade weil es diese Anweisung nicht gibt, ist es zum nächsten Extrem gekommen – viele haben beschlossen, wozu bitte so eine Anweisung, ich bin ja ohnehin … ups, und ab da gehen die Antworten auseinander, von den selbstverliebtesten bis zu den selbstkritischsten, und fließen auf den unlogischsten Wegen ineinander über. Das gleicht der grundsätzlichen Weigerung, den Palast auszugraben – mit der Behauptung, er sei sowieso großartig oder sowieso grauenhaft, je nachdem, was man sich zusammengereimt hat. Dieser Zugang schien mir immer der unlogischste, deshalb war ich stets für die Ausgrabung – oder wenigstens für die Suche nach Belegen und Informationen in verlässlichen Dokumenten darüber, wie dieser vergrabene Palast in Wahrheit aussieht und warum man auf diesem Teil des Hügels springen und Trommeln schlagen kann, während man auf dem anderen bei jeder falschen Bewegung riskiert, in ein dunkles Loch zu stürzen, dessen Dach von Zeit und Witterung morsch geworden ist.
Und so werden die Ausgrabungen des Palastes nach und nach zu einem überaus spannenden Spiel, das immer neue Schichten, Ebenen und Stockwerke dieses wundersamen Werks unbekannter Baumeister freilegt. Und das Interessanteste daran: Diese Ausgrabungen enden nie.
Übrigens bin ich damit nicht allein. Menschen haben seit jeher nach so einer Anweisung gesucht: daher die Sternzeichen, die chinesischen und die zoroastrischen Horoskope, das Human Design, die Veden und die gesamte moderne Psychologie. Nur ein Haken: Diese ganze Fülle muss man studieren, und dafür fehlt die Zeit, die Lust und die Kultur solchen Studierens. Ganz ehrlich: Wie viele von uns lesen die Bedienungsanleitung, bevor sich das Gerät seltsam zu benehmen beginnt? Ich vermute, eine Minderheit – und ich gehöre sicher nicht dazu.
Man hätte uns bei der Geburt doch eine Gebrauchsanweisung mitgeben können. Das wäre um vieles bequemer. Ich stelle es mir so vor: Man bringt mich im Spital zu meiner Mama, und an der Windel steckt mit einer Klammer ein Kuvert: „Alissa. Weiblich, heterosexuell. Mit eisenhaltigen Lebensmitteln füttern, ab 12 Jahren Laktose meiden.
Zum Yoga schicken, um die Kraftallüren auszugleichen.
Manifestierender Generator 1/3 nach Human Design.
Introvertiert, Choleriker, schizoider Typ nach der S-Theorie.“
Und sie hätte das gelesen und sofort verstanden, dass sie mich so großziehen muss und nicht anders; dass es sinnlos ist, dies von mir zu verlangen – da fängst du dir was ein –, und dass jenes im Gegenteil zu fördern ist, solange ich es nicht selbst in mir abgewürgt habe.
Zugegeben: Eine so knappe Anweisung hätte es noch vor einem Jahr gar nicht geben können. Und vor zehn Jahren lautete meine erste selbstgebastelte Gebrauchsanweisung stolz: „Ich bin Skorpion, deshalb steche ich mich selbst!“ Seither ist viel Wasser geflossen, es wurden einige Länder, Bekanntschaften und Arbeitsplätze gewechselt. Und irgendwann reichte „ich steche mich selbst“ nicht mehr als Rechtfertigung für den ganzen Unfug meiner wilden Jugend. Ich gehe jetzt nicht auf alle Einzelheiten ein, wie ich dahin gekommen bin; ich sage nur: Mit fachlicher Begleitung wäre es schneller und schmerzloser gegangen. Am Ende habe ich jedenfalls jene Gebrauchsanweisungen für mich gefunden, die zu mir passen. Woran ich gemerkt habe, dass sie passen? Ganz einfach: Sie haben mir erklärt, wie genau all die Kakerlaken in meinem Kopf funktionieren, die ich bis dahin weder mit Chemie zu vergiften noch mit dem Patschen zu erschlagen wusste. Und wenn man weiß, wie genau etwas funktioniert, kann man es auch nutzen. Und so werden die Ausgrabungen des Palastes nach und nach zu einem überaus spannenden Spiel, das immer neue Schichten, Ebenen und Stockwerke dieses wundersamen Werks unbekannter Baumeister freilegt. Und das Interessanteste daran: Diese Ausgrabungen enden nie. Knossos, jenes Labyrinth mit dem Minotaurus, ist nichts im Vergleich zum Wunder unseres Körpers und unserer Psyche. Und die größte Sünde ist es, all das unter der Erde vergraben zu lassen und auf dem Hügel herumzuhüpfen mit dem Ruf, Herumhüpfen auf dem Hügel sei das Größte. AP 02/2020







