Der Korrekte

Der kompulsive Persönlichkeitstyp


Passiver Introvertierter im Kontakt mit der Erkenntnis

Der kompulsive Persönlichkeitstyp hat zwei Grundängste: die Angst vor Gefühlen und die Angst, einen Fehler zu machen. Die eigentliche, primäre Angst ist dabei die vor den Gefühlen – genauer: davor, die Kontrolle über die eigenen Gefühle und Emotionen zu verlieren. Alle Schemata, Rituale und Regeln brauchen kompulsive Menschen dazu, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, denn Gefühle bringen einen dazu, Fehler zu machen.

Genau deshalb sind sie solche Traditionalisten. Wie soll man seine Liebe gestehen, wenn einem die Zunge am Gaumen klebt? Man wird selbst wie aus Holz, gibt unmenschliche Laute von sich und schaut aus wie der letzte Idiot. Also muss man die ganze Situation vorher durchplanen und sie am besten proben. Und gut wäre es auch, die ganze Rede aufzuschreiben oder auswendig zu lernen oder vom Blatt abzulesen – sonst überrollen mich diese Gefühle, und ich bringe gar nichts mehr zustande.

Übrigens lässt sich diese „Einstudiertheit“ oder die Neigung, vom Blatt abzulesen, gut an Vortragenden beobachten. Wenn jemand vom Blatt abliest, darf man ihm schon das Etikett einer kompulsiven Dynamik anheften. Anders als die übrigen Typen greift der Kompulsive aus Angst vor dem Fehler zum Blatt. Die Angst vor dem Fehler, denn die Gefühle könnten überschwappen: „Ich weiß nicht, was ich als Nächstes sagen soll. Dann schaue ich lieber so aus, mache dafür aber keinen Fehler.“ Das Ablesen vom Blatt gibt ihm die Möglichkeit zu kontrollieren, es nimmt die Unbestimmtheit – es gibt ihm also etwas, worauf er sich stützen kann.

Und so kommt es, dass ein kompulsiver Mensch seine Liebe sehr klar gesteht, wie es sich gehört, nach den Regeln: Entweder wiederholt er die Geschichte seiner Eltern (so, wie der Papa der Mama den Antrag gemacht hat), oder es geschieht in genauer Übereinstimmung mit den gängigen Standards (Lokal, Blümchen, Ringerl, auf ein Knie, und daneben ein Trottel mit der Geige).

Fassen wir also zusammen, wovor sich der kompulsive Persönlichkeitstyp fürchtet.

  1. Vor dem Fehlen eines verlässlichen, stabilen moralisch-sittlichen Halts, vor dem Fehlen seiner Klarheit, Folgerichtigkeit, Konsequenz und Verständlichkeit. Vor sozialem Chaos, vor Anarchie.
  2. Vor der Unmöglichkeit, die richtige Wahl zu treffen.
  3. Davor, den bestehenden Regeln und Traditionen nicht zu genügen und sie nicht erfüllen zu können.
  4. Vor Dummheit, Unlogik, Unangemessenheit
  5. Vor Veränderungen bestehender Ordnungen und Regeln, davor, dass diese in Frage gestellt oder korrigiert werden.

Bedürfnisse des kompulsiven Persönlichkeitstyps

Um auf den kompulsiven Persönlichkeitstyp einzuwirken, muss man mit ihm in der Sprache seiner Bedürfnisse reden. „Die Korrekten“ brauchen klare, konkrete, verständliche und logische strukturelle Grenzen und Regeln „bis zum Anschlag“. Gibt es keine Grenzen, geht es ihnen sehr schlecht. Im äußersten Fall denken sie sich selbst welche aus und finden ein System, an das sie glauben können. Die Entscheidung treffen kompulsive Menschen dabei trotzdem selbst, das letzte Wort liegt bei ihnen. Deshalb spüren sie, dass all das sie stark einschränkt.

Und daraus zieht dieser Persönlichkeitstyp seine Freude (machen Sie es so, und bei Ihnen wird „alles richtig“ sein):

  1. Aus dem eifrigen Einhalten der Regeln und Traditionen der eigenen Familie, der Gesellschaft, der Religion.
  2. Aus Lob und Auszeichnung für die richtige, rechtschaffene, genaue Erfüllung von Regeln und Traditionen, aus der Bestätigung, dass Verhalten und Denken angemessen sind.
  3. Aus dem Bewusstsein, Teil einer Gesellschaft, einer Firma, eines Clans, eines sozialen Mechanismus zu sein, der zuverlässig für die große Idee des Volksführers, des Vorgesetzten, des Familienoberhaupts arbeitet.
  4. Aus klaren Traditionen, Anweisungen und Regeln im Leben, in der Arbeit und in Beziehungen, aus dem Wissen, wie es richtig ist.