Die natürlichen Rechte der Persönlichkeit

Die natürlichen Rechte der Persönlichkeit

Was sind die natürlichen Rechte der Persönlichkeit? Es sind jene Rechte, die sich eigentlich von selbst verstehen sollten – einfach deshalb, weil wir geboren werden und uns entwickeln. Hergeleitet hat sie Alexander Lowen, und Sergej Schischkow hat sie mit seinem Team weiterentwickelt.

Die Rechte der Persönlichkeit sind das Recht …

  1. zu sein,
  2. auf Versorgung,
  3. auf Autonomie,
  4. auf Unabhängigkeit,
  5. das Recht zu wollen und
  6. das Recht zu erreichen.

Ein gewisser luftiger Idealmensch, bei dem kein einziges Recht verletzt ist, wüsste genau, dass ihm allein die Tatsache seiner Geburt das Recht auf Leben schenkt (1) und die Tatsache des Lebens das Recht, versorgt zu leben (2): alle nötigen Ressourcen zu haben. Er kann unabhängig von den Eltern handeln (3) und weiß, dass seine Freude allein von ihm selbst abhängt (4). Und schließlich weiß er genau, was er will (5) und dass er das Gewünschte bekommen kann (6). Leider gibt es solche Idealmenschen in Wirklichkeit nicht.

In Wirklichkeit ist bei jedem von uns eines dieser Rechte verletzt, und diese Verletzung bestimmt garantiert unsere Handlungsweise in vergleichbaren Situationen.

Wann können Rechte verletzt werden?

Sieht man genauer hin, gibt es drei grundlegende Situationen, in denen ein Recht verletzt werden kann:

  1. Fragen des Überlebens
  2. Fragen der Sozialisierung
  3. Fragen des Erreichens von Zielen.

Warum gibt es drei Situationen, aber sechs Rechte? Ganz einfach: Introvertierte und Extravertierte reagieren auf ein und dieselbe Situation unterschiedlich – der Introvertierte lädt sich mit Ideen und Empfindungen auf, der Extravertierte eher mit äußeren Erscheinungen. Es ist schwer vorherzusagen, welches Kind auf welche Situation heftiger reagiert: Das eine bleibt am Überleben hängen, das andere bemerkt das Problem nicht einmal. Sicher sagen lässt sich aber, dass genau jene konkrete Situation allen späteren Entscheidungen eine bestimmte Färbung gibt. Und selbstverständlich zeigen die Vertreterinnen und Vertreter der vier Temperamente auf jede dieser Situationen ihre je eigene Reaktion.

Und für die besonders Fortgeschrittenen eine Klarstellung: Wie weise, wie kundig in psychologischen Themen und wie erleuchtet Sie auch sein mögen – der Verletzung eines dieser Rechte lässt sich schlicht nicht entkommen. Das Kind findet in jedem Fall jemanden, der ihm dieses Recht verletzt, selbst wenn alle ringsum alles richtig machen. Also: tief einatmen, ausatmen und weiterlesen.

Überleben: sein und essen

Von der ganzen Vielfalt der Instinkte des Säuglings ist nur einer, der sexuelle, nicht unmittelbar mit dem Überleben verbunden. Doch auch er hängt vollständig von der Anwesenheit der Mutter ab oder dessen, der für den Säugling diese Rolle spielt. Deshalb fühlt sich ein Säugling, der keine Wärme und Fürsorge spürt, der unerwünscht ist, für den niemand Zeit oder Kraft hat, nicht sicher.

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Und dieses fehlende Sicherheitsgefühl führt beim Introvertierten zu dem Schluss, dass der Säugling kein Recht zu sein hat; beim Extravertierten (erinnern wir uns: Die sind von Geburt an stärker auf äußere Erscheinungen „geeicht“) dagegen dazu, dass er zwar am Leben ist, die Aufrechterhaltung dieses Daseins aber sehr fraglich bleibt.

Hier kommt ein zweiter, praktisch angeborener Faktor hinzu: die Aktivität. Eine aktive Reaktion heißt, zu viel zu tun, mitunter aggressiv, laut und ausgreifend. Im Gegensatz zur eher passiven, friedlichen und manchmal abhängigen Reaktion, bei der um ein Vielfaches weniger getan wird.

Ein aktiver Introvertierter sagt: „Ach, ich darf nicht sein?! Ich bin aber! Ich lebe! Seht her, ich mache dies und das! Ich bin! Nur ich! Und euch gibt es nicht …“ Ein passiver Introvertierter sagt umgekehrt: „Wenn ich nicht sein darf, dann gibt es mich eben nicht …“ Extravertierte sind sicher, dass es sie gibt, aber um zu sein, braucht man Ressourcen. Deshalb sagt der aktive Extravertierte: „Gebt mir zwei! Drei! Alles auf einmal und für mich!“, während der passive Angst hat, dass es für ihn nicht reicht, und Intrigen zu spinnen beginnt, damit es reicht.

Also: Der aktive Introvertierte sagt: „Ach, ich darf nicht sein?! Ich bin aber! Ich lebe! Seht her, ich mache dies und das!“ Nicht als Säugling natürlich, sondern mit den Jahren. Doch genau im Säuglingsalter entsteht dieses Bestreben, allen sein Recht zu sein zu beweisen. Mit der Zeit bestätigt sich dieses Bestreben vielfach, denn gerade diese Haltung fiel in der Kindheit am leichtesten. Und der Mensch wächst sehr aktiv heran, fröhlich, interessiert, jeden Augenblick des Lebens genießend. Er fegt alle Hindernisse und Barrieren auf seinem Weg beiseite, ob Mauer, Steinlawine oder Mensch. Sind das Hindernis aber zum Beispiel Ihre persönlichen Grenzen, fegt er auch die beiseite – und zwar ohne besondere Gewissensbisse.

Der passive Introvertierte sagt umgekehrt: „Wenn ich nicht sein darf, dann gibt es mich eben nicht …“ Und er wächst still und fleißig heran, sehr logisch, unglaublich aufmerksam und fürsorglich. Er ist immer da, verlässlich und berechenbar, versucht immer wieder, sich zu zeigen und für sich einzustehen, zieht es aber doch vor zu beobachten. Und er spürt seine eigenen Grenzen überhaupt nicht – ihn gibt es ja nicht, also gibt es auch sie nicht.

Der aktive Extravertierte sagt: „Gebt mir zwei! Drei! Alles auf einmal und für mich!“ Und das Wertvollste, was Sie ihm geben können, ist Aufmerksamkeit – denn bei so vielen Zuschauern verhungert man nicht. Bei so vielen Zuschauern lässt sich eine richtige Show veranstalten und lassen sich alle nötigen Ressourcen beschaffen.

Der passive Extravertierte dagegen erschrickt vor direkter Aufmerksamkeit. Und er fürchtet, dass es für ihn nicht reicht, und beginnt Intrigen zu spinnen, damit es reicht. Darin ist er unübertroffen, denn er versorgt sich selbst, seine Familie und sogar noch die Enkel.

Die anderen: Gesellschaft und Regeln

Ist das Kind an den Fragen des Überlebens vorbeigekommen, ohne daran hängen zu bleiben, stellt sich ihm die nächste Frage in aller Schärfe: Dem, was es will, wird auf einmal entgegengehalten, was andere wollen und was die Gesellschaft von ihm will. Die Gesellschaft, das sind diese seltsamen fremden Leute, die verlangen, dass man ihre seltsamen Regeln befolgt. Es taucht ein neues Wort auf – „nein“ –, und wenn man nicht darauf hört, werden sogar die Eltern plötzlich böse. Auf einmal darf man sein Geschäft nicht mehr verrichten, wann man will, sondern muss aufs Töpfchen. Und schreien darf man auch nicht mehr so recht. Überhaupt stürzt die idyllische Welt, in der alles erlaubt war, irgendwie in sich zusammen.

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Und wieder reagiert jedes Temperament auf seine Weise. Der Introvertierte versucht, die Spielregeln zu bestimmen, innere Haltungen, denen man später folgen kann; der Extravertierte richtet sich stärker nach der Meinung und der Zustimmung der anderen.

Der aktive Introvertierte versucht, eigene Regeln aufzustellen, der passive, die vorhandenen Regeln zu erkennen und sich ihnen anzupassen. Der passive Extravertierte versucht, sich Zustimmung und Zuneigung der anderen zu verdienen, indem er sich völlig verausgabt; der aktive Extravertierte zieht es vor, seine Ziele über den Charme im Gespräch und eine zur Schau gestellte Unabhängigkeit von der Meinung anderer zu erreichen.

Der passive Introvertierte also versucht, die vorhandenen Regeln zu erkennen, um sich ihnen anzupassen – und darin ist er unübertroffen. Wenn jemand es schafft, sich mit allen zu einigen, für alles zu sorgen und alles richtig zu machen, dann er. Freilich verlangt diese Handlungsweise unglaublich viel Kraft, doch es fällt ihm so leichter, als gegen den Strom zu schwimmen und die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Deshalb fällt die Wahl in allen späteren Situationen des Umgangs mit Menschen zugunsten der Traditionen, der Moral, der Regeln und dessen aus, was andere von ihm wollen könnten.

Der aktive Introvertierte versucht, seine eigenen Spielregeln aufzustellen, und verlangt von allen, dass sie eingehalten werden. Fairerweise übernimmt er auch die Verantwortung für diese Regeln und für jene, die sie befolgen. Denn diese Regeln sind ja gerade für sie da, für die anderen. Deshalb hat ein solcher aktiver Introvertierter immer recht und ist immer bereit, seinen Standpunkt kämpferisch zu verteidigen. Es geht ja nicht um ihn selbst.

Der passive Extravertierte versucht, sich Zustimmung und Zuneigung der anderen zu verdienen, indem er sich völlig verausgabt. Er tut für alle das, was er sich selbst wünschte – sich selbst aber ist es nicht erlaubt, das wäre egoistisch, und Zustimmung bekäme man so nicht. Er glaubt aufrichtig, dass man sich das Glück durch schwere Arbeit und Entbehrungen verdienen muss, und er bemüht sich so sehr, besser zu scheinen, als er ist, dass er in der selbst geschaffenen Illusion gefangen bleiben kann, die er dann aufrechterhalten muss.

Der aktive Extravertierte dagegen buckelt nicht. Er zieht es vor, seine Ziele über den Charme im Gespräch und eine zur Schau gestellte Unabhängigkeit von der Meinung anderer zu erreichen. Er macht alles anders, quer dazu, aber so schön und wirkungsvoll, dass alle staunen – und dieses Staunen ist ihm sehr viel wert. Er erschafft sich selbst aus dem Nichts, erschafft sich als Ideal, als Kunstwerk, das man nur bewundern kann, und seufzt danach heimlich, dass er anders ist als alle, mitten in der Menge und doch allein.

Ziele setzen und Ziele erreichen: Ich will und ich kann

Mit etwa drei Jahren begreifen Kinder bereits, dass die Eltern für sie sorgen und sie nicht zugrunde gehen lassen – das Überleben ist also keine Frage, an der man hängen bleiben müsste. Kinder lernen außerdem, sich abzustimmen, Varianten zu erfinden und Kompromisse zu schließen, und aufs Töpfchen gehen sie im Regelfall auch schon: Die anale Phase ist ebenfalls vorbei. Und es beginnen die Fragen „höherer Ordnung“: Was will ich eigentlich noch, und wie erreiche ich es? Dazu lässt sich ein sehr einfaches Alltagsbeispiel anführen.

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Auf dem Tisch liegt ein Schokoladentörtchen, das das Kind unbedingt haben will. Die Mutter sagt aber, essen dürfe man es nicht, es sei für jemand anderen. Das ist eine Abfuhr, die sich weder durch Absprachen noch sonst irgendwie regeln lässt. Welche Reaktionen sind möglich?

Wieder lädt sich der Introvertierte mit seinen Empfindungen auf – nämlich damit, ob er dieses Törtchen überhaupt wollte –, der Extravertierte dagegen mit den äußeren Erscheinungen, also damit, ob er das Törtchen hätte bekommen, hätte erreichen können.

Der aktive Introvertierte entscheidet, das Törtchen sei ihm einerlei, er habe es ohnehin nicht besonders gewollt. Der passive erklärt, nicht er habe das Törtchen gewollt. Der aktive Extravertierte gleicht den Gedanken an die Abfuhr durch den Gedanken aus, dass der Versuch immerhin lustig war; und der passive Extravertierte entscheidet: Wenn man ohnehin eine Abfuhr bekommt, wozu sich dann überhaupt anstrengen?

Der aktive Introvertierte entscheidet, das Törtchen sei ihm einerlei, er habe es ohnehin nicht besonders gewollt. Und wahrscheinlich hält er sich später für zu großartig für solche alltäglichen Wünsche und meidet es in den meisten Fällen, mit jemandem in Konkurrenz zu treten. Statt auf eine Abfuhr zu warten, tritt er lieber gleich zur Seite – er wollte ja gar nicht erst anfangen. Mit den Jahren führt das auch dazu, dass es ihm bisweilen schwerfällt zu erkennen, was er eigentlich will, sofern das Ziel nicht ganz groß und würdig ist. Und um diese Gefühle auszugleichen, setzt er auf Verstand, Logik und Rationalisierung.

Bei passiven Introvertierten sieht das „Elend“ ähnlich aus. Zuerst erklärt der Passive, nicht er habe das Törtchen gewollt. Ihr wolltet es, also nehmt es auch. Warum? Weil es gefährlich ist, selbst etwas zu wollen – man bekommt eine Abfuhr, und dann ist man gekränkt, es tut weh und schmeckt bitter. Überhaupt ist die Welt ein gefährlicher Ort, an dem eine Abfuhr manchmal nicht nur Nerven kostet, sondern auch Teureres. Das Erkennen von Gefahren und die Versuche, sich zu schützen, führen zu einer besonders ängstlichen Wahrnehmung des Lebens, zu dem Bestreben, sich nicht hervorzuwagen und lieber aus dem Hintergrund zu lenken. Selbst ein direktes „Nein“ zu sagen fällt schwer, denn auch das kann gefährlich sein. Sicher ist es nur „im Häuschen“ – und selbst das ist nicht garantiert.

Der aktive Extravertierte gleicht den Gedanken an die Abfuhr durch den Gedanken aus, dass der Versuch immerhin lustig war. Und nach und nach wird der Weg selbst zum Ziel des Lebens, während das Ziel selbst unbewusst Angst macht: Es zu erreichen ist beinahe dasselbe wie eine Abfuhr. Wie vermeidet man es, etwas zu erreichen? Ganz leicht: Man fängt so viele neue Dinge an, dass für die alten keine Zeit bleibt. Solche Extravertierten haben zu Hause einen Stapel ungelesener Bücher und auf YouTube eine Reihe halb angesehener Videos. Ich persönlich vermute, dass gerade ihretwegen am Ende von Filmen kein „Happy End“ mehr steht – denn wenn Ende, dann ist alles aus, alles steht still, und wie geht es weiter? Brrr, daran denkt man lieber gar nicht erst.

Der passive Extravertierte wiederum entscheidet: Wenn man ohnehin eine Abfuhr bekommt, wozu sich dann überhaupt anstrengen? Und die Suche nach dem Sinn als geistige Übung entwickelt sein strategisches Denken ungemein. Diese Menschen delegieren großartig – sollen doch die anderen laufen und sich Abfuhren holen. Sie vertiefen sich mit Haut und Haaren in unwichtige Recherchen, denn was unwichtig ist, kränkt auch nicht, wenn es eine Abfuhr gibt. Spontan neue und wichtige Dinge anfangen werden sie dagegen nicht – erst muss man doch verstehen, ob es überhaupt Sinn hat, damit anzufangen, damit man keine Abfuhr bekommt.

Epilog
Natürlich drängt sich hier die Frage auf: Was, wenn ein Kind an allen drei Phasen vorbeikommt? Solche Menschen kenne ich nicht. Es kommt vor, dass sich ein verletztes Recht weniger deutlich zeigt, doch zeigen wird es sich in jedem Fall. Bis etwa 16 bis 18 versucht ein Mensch vielleicht noch, dagegen zu handeln, und probiert auch andere Wege aus; hat er sich aber einmal auf eine der drei Fragen fixiert – Überleben, Sozialisierung oder Zielerreichung –, bleibt er genau daran hängen und verbeißt sich immer stärker darin.

Und in welcher der Fragen und in welcher der Reaktionen haben Sie sich wiedererkannt?