Der Koffer. Kennenlerngeschichte Nr. 37

Der Koffer. Kennenlerngeschichte Nr. 37

Je älter wir werden, desto mehr Gepäck an Misserfolgen sammelt sich an. Man nennt es auch „Lebenserfahrung“. Genau sie hilft Idealisten, die weder von der Welt noch von sich selbst etwas verstehen, jedes Ereignis sicherer einzuordnen, Entscheidungen zu treffen und in der Ungewissheit zu handeln. Dasselbe Gepäck bremst uns allerdings mitunter ganz erheblich.

Hintergrund: Die Geschichten werden auf Grundlage der Rückmeldungen und mit Einverständnis der Klientinnen und Klienten veröffentlicht. Die Namen wurden bewusst geändert. Am Ende finden Sie den fachlichen Kommentar mit der Analyse dieser Beziehung.

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Der größte und schönste Koffer darin sind all unsere Ex-Partner – und das beinahe vom Kindergarten an. Darin liegen das Scheitern der ersten Liebe, Scheidungen, Tränen im Kopfkissen, Spott, Absagen, die Angst, jemanden anzusprechen, und überhaupt alles, was das schwierige Ritual der „Balz irdischer Bewohner“ begleitet – unabhängig von Geschlecht, Nationalität und Glaubensbekenntnis. Dieser Koffer ist teurer und wertvoller als alle anderen, und deshalb wird er, gleich der berühmten Büchse der Pandora, jedes Mal aufgeklappt, wenn wir es wagen, eine neue Beziehung einzugehen. Leider ist dieser Koffer bisweilen so überfüllt, dass beim Öffnen der gesamte Inhalt förmlich „explodiert“ und so schnell über uns hereinbricht, dass wir gar nicht mehr dazu kommen zu sortieren, was wo liegt – und vor allem, wie man was benutzt. Dabei hat der Partner in aller Regel genau denselben Koffer.

Polina erinnerte sich bestens daran, wie das beim letzten Mal gewesen war. Als sie sich nach mehreren Jahren des bewussten Verzichts auf Beziehungen überhaupt nun wieder auf einer Partnerbörse anmeldete, versuchte sie deshalb, ihren geliebten überfüllten Koffer voller negativer Erfahrungen nach Möglichkeit im Voraus und auf Vorrat durchzusortieren.

Die schizoide Frau
Die schizoide Frau

Die Sache ist die: Auch dieses Gepäck lässt sich klug nutzen. Man kann zum Beispiel Kriterien aufstellen, die Kandidaten garantiert aussortieren – und zwar so, dass man den Koffer gar nicht erst öffnen muss. Oder man kann den Inhalt systematisieren, um künftig das Verhalten von Partnern vorhersagen zu können. Die traurige Wahrheit ist aber, dass Menschen irrationale und unvorhersehbare Wesen sind. Und so viel man auch aussortiert und vorhersagt – die „Explosion“ kommt früher oder später höchstwahrscheinlich trotzdem und begräbt die Besitzerin oder den Besitzer des Koffers unter einem Haufen von Dingen und Erinnerungen, die in diesem Moment vollkommen überflüssig sind.

So auch jetzt: Polina sah Ruslan an und musste unentwegt an Stepan denken. Beide waren sehr auffällige Persönlichkeiten, Mittelpunkt jeder Runde, von Weitem zu erkennen und verteufelt charmant. Sie sahen einander sogar äußerlich ähnlich: die behäbigen Bewegungen, der scharfe, kühle, taxierende Blick, ein geradezu animalischer Magnetismus und ein erstaunliches Gespür für Stil – sie trugen scheinbar irgendeinen Unsinn, aber so, als wäre es das modischste Stück überhaupt. Beide konnten ohne gesellschaftliche Anlässe und Freundesrunden nicht leben, fesselten die Aufmerksamkeit des ganzen Tisches und erzählten vollkommen unglaubliche Geschichten. Beide waren in exotischen Ländern gewesen, von denen Polina nicht einmal geträumt hatte, und darin übertraf Stepan Ruslan sogar – er war als Couchsurfer bis nach Indien getingelt. Und beide waren solche Romantiker, dass Polina automatisch an ihre eigene naive Jugend denken musste.

Es heißt, ein Zyniker sei ein enttäuschter Romantiker. Polina war eine furchtbare Zynikerin – oder eine sehr, sehr enttäuschte Romantikerin –, doch neben Ruslan vergaß sie, wie seinerzeit neben Stepan, ihre Enttäuschungen bereitwillig und sah und hörte begeistert zu. Freilich brachte sie es manchmal doch nicht fertig zu schweigen.

Genau damit, mit bissigen und treffsicheren Bemerkungen, hatte sie vor sieben Jahren Stepans Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und von einem gewissen Punkt an machte er seine Show so, dass sie sie unbedingt gutheißen würde. Sie saßen immer einander gegenüber, und ihr schien, er gebe sich nur ihretwegen solche Mühe, gehe aufs Ganze und schiele danach verstohlen auf ihre Reaktion: Ist es gelungen?

Вот это танец! Из фильма "Афера Томаса Крауна"

Und dann fuhr Stepan zu seinen Eltern und verschwand. Nach drei Monaten kam er zurück – mit Nähten am Unterarm und einer schrecklichen Geschichte darüber, wie er hingefallen und in ein Glas gestürzt war, das er getragen hatte, und wie er es geschafft hatte, sich den Arm vom Handballen bis fast zum Ellbogen aufzuschlitzen. Wie durch ein Wunder retteten sie ihn und ließen ihn dann nach Hause – mit der Auflage, Tabletten zu nehmen und täglich Spritzen zu bekommen. Aus irgendeinem seltsamen, unerklärlichen Grund entschied Stepan, dass er von allen Menschen ausgerechnet Polina, die von Spritzen nicht die geringste Ahnung hatte, seine Kehrseite anvertrauen wollte. Polina bekam es mit der Angst zu tun, beschloss aber tapfer, das Vertrauen zu rechtfertigen. So sahen sie einander jeden Tag. Nach und nach wurden gemeinsame Abendessen und Filmabende daraus, dann Übernachtungen. Stepans Kater namens Chaos entschied recht bald, dass es sich auf dem Sofa bei Polina weicher und wärmer schlief als im Bett bei Stepan. Und eine Weile später wurde alles wie von selbst ernster. Und als es das war, sorgte Stepan ohne lange zu überlegen dafür, dass Polina bei ihm angenehm wohnen konnte.

Diesmal, mit Ruslan, konnte man sich die lange Phase des Übergangs zum Ernsten und das Stadium der Fragen „Brauchen wir das überhaupt“, „Was wäre wenn“ und „Und falls doch“ guten Gewissens ersparen. Sie hatten einander auf einer Partnerbörse gefunden. Nach kurzem Schriftwechsel schlug Ruslan ein persönliches Treffen vor – denn wie sonst lernt man einen Menschen kennen, und überhaupt: Lange schreiben nur die, die selbst nicht wissen, was sie wollen.

Darin lag wohl der große Vorteil ihrer kostenpflichtigen Partnerbörse: Für so viel Geld sollten alle Teilnehmenden wissen, was sie vom Leben wollen. Später las Polina bei irgendeinem bekannten Fachmann, bei Litwak oder sonst wem, der einzige erwachsene Einstieg in eine Beziehung sei, gleich zu Beginn die Spielregeln zu besprechen. Damals aber besprachen sie einfach intuitiv und offen, was sie suchten, welche Art von Beziehung sie wollten und welche Klippen es geben könnte. Beim ersten Date verstanden sie, dass sie einander gefielen, beim zweiten einigten sie sich über die Ziele der Beziehung und die unabdingbaren Bedingungen. Beim dritten zeigte er ihr, wo sie künftig wohnen würde, und formal war damit praktisch alles entschieden. Danach kamen jene Treffen mit den Freunden, bei denen Polina die Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern nicht mehr ignorieren konnte.

Как влюбить мужчину. /фильм Афера Томаса Крауна/

Man könnte meinen: leben und sich freuen. Endlich einmal war über die Beziehung alles bekannt – wie, wozu, was zu erwarten ist und worauf man sich einstellen muss. Jede Frage ließ sich in Ruhe besprechen, alle Probleme wurden gelöst, sobald sie auftauchten, und an Ruslans Verhalten gab es nichts auszusetzen: Er machte ihr schön den Hof, ohne falschen Flitter mit Blumen und Kerzen beim Abendessen, dafür ging er immer an ihre Anrufe, kaufte, was sie für den Haushalt für wichtig hielt, und stellte sie stolz allen Freunden, Bekannten und Kollegen vor. Das war ein so tadelloses Verhalten, dass Polina auf den ersten Blick ihren „Koffer“ gar nicht auspacken musste. Natürlich gab es in dieser Beziehung weder Leid noch Auftritte, weder Eifersuchtsszenen noch Qualen der Wahl – nichts von alledem, wovon feurige Jungspunde träumen können. Aber sie waren ja auch nicht mehr zwanzig. Nur war der Koffer eben nicht verschwunden, und ganz obenauf lagen genau jene Erinnerungen an die frühere Beziehung.

Mit Stepan hatte es diese Stabilität nicht gegeben. Sie waren irgendwie zusammen – und irgendwie auch nicht. Zu Hause waren sie natürlich zusammen. Er hatte, wie später Ruslan, einfach entschieden, dass sie von nun an zusammenleben würden, und das stand nicht mehr zur Debatte. Unter Leuten dagegen taten sie ohne jede Absprache so, als wäre zwischen ihnen nichts. Jeder verkehrte in seinem Bekanntenkreis und mit seinen Themen, denn alle spannenden Geschichten, die man erzählen konnte, hatten sie einander längst erzählt, und der Alltag hielt neue Abenteuer nicht gerade bereit. Und selbst über die Reisen, die sie gemeinsam unternahmen, erzählte man interessanter denen, die nicht dabei gewesen waren, als jemandem, der es besser erzählen konnte als man selbst. Nur aus den Augen ließen sie einander auf solchen Partys nicht – man weiß ja nie.

Die schizoide Frau und der narzisstische Mann
Die schizoide Frau und der narzisstische Mann

Leider gab es die Runden mit Freunden nicht jeden Tag. Der zähe Alltag brachte den Zauber und den Charme, die sie zusammengeführt hatten, unbarmherzig um. Der Alltag rückte auch die Unterschiede zwischen ihnen ins Licht: in der Sicht auf die Welt, im sozialen Status, in der Einstellung zur Politik und so weiter. Immer öfter ertappte Polina sich bei dem Gedanken, dass der schöne Unsinn, den Stepan verzapfte, um jemanden zu beeindrucken, aus ihrer Sicht vorhersehbar, langweilig und dumm war. Und Stepan konnte nicht übersehen, wie sehr Polinas Interesse erlosch und sich auf die Arbeit und andere Dinge verlagerte. Polina ging den Standardweg seiner Ex-Partnerinnen: aufhören zu schwärmen, anfangen zu widersprechen und zu kritisieren – und dann womöglich auch noch die Kräfte messen wollen. Deshalb packte Stepan vorbeugend seinen „Koffer“ aus. Das war ein Kniff, den er schon bei seiner Ex-Frau erfolgreich angewandt hatte, ein todsicherer Kniff. Um zu verstehen, wie sehr eine Frau einen braucht, muss man jede Initiative einstellen und schauen, wie viel Initiative von ihr kommt. Nicht zu schreiben und nicht anzurufen fällt nur die ersten paar Tage schwer.

Polina erinnerte sich an Stepans Erzählungen, wie er die Initiative abgebrochen hatte, um zu prüfen, ob seine – inzwischen ehemalige – Frau ihn überhaupt brauchte; ihretwegen war er in eine andere Stadt gezogen und hatte seinen angesehenen Job in der Heimat gekündigt. Ihre Enttäuschung über seine Berechenbarkeit konnte sie noch verbergen, doch das war leider nicht das einzige „Warnsignal“. Und so beschloss sie – ohne im Geringsten zu ahnen, dass in Wahrheit sie geprüft wurde –, ihn nach genau demselben Prinzip zu prüfen; nicht umsonst hatte er ja selbst erzählt, wie wirksam das sei. Diese Gleichgesinntheit wäre komisch gewesen, wäre sie nicht so traurig. Die Initiative brach auf beiden Seiten ab, der Kontakt endete. Auch das schien wie von selbst zu geschehen. Es fiel ihr schwer, doch in der Arbeit wurde gerade das Jahresbudget abgeschlossen, dort konnte man guten Gewissens „übernachten“, und außerdem waren die Eltern auf Urlaub gefahren und verlangten, dass sie alle paar Tage ihr Haus auf dem Land heizte, damit sich kein Schimmel bildete. Als sie einen Monat später die Nachricht bekam, dass, wenn sie Stepan nicht brauche, er auch ihre Sachen in seiner Wohnung nicht brauche, nahm sie das als selbstverständlich hin.

Es war leichter, als wenn es unerwartet gekommen wäre. Im Grunde hatte sie sich den ganzen Monat innerlich darauf vorbereitet, dass er sie nicht braucht. Doch irgendwo in den dunkelsten, der Logik unzugänglichen Winkeln des Bewusstseins glomm die Hoffnung, er werde sich erinnern, es bemerken, schreiben oder anrufen. Es war eine seltsame Enttäuschung, mit einem Beigeschmack von „es war nur eine Frage der Zeit“ und „ich habe es doch gewusst“. Nachts weinte sie ins Kopfkissen, manchmal beklagte sie sich bei gemeinsamen Bekannten über ihn – wohl wissend, dass Stepan erstens überzeugt war, sie sei schuld, und dass zweitens die gemeinsamen Bekannten es nicht auf einen Konflikt mit ihm ankommen lassen würden, um ihm zu vermitteln, wie sie sich fühlt. Nach und nach ging der Schmerz, verpackte sich als weiterer Satz Gegenstände in ihrem kostbaren Koffer, wurde festgestampft, an die anderen Dinge gedrückt und geriet fast in Vergessenheit – bis zum passenden Moment. Bis Ruslan auftauchte.

Polina war sich vollkommen im Klaren darüber, dass sie von Ruslan begeistert war. Ihr war klar, dass sie beide wussten, was sie von der Beziehung wollten und was sie vereinbart hatten. Ihr war aber ebenso bewusst, dass in jeder Beziehung der Alltag einkehrt. Und dieses Bewusstsein riss ihren Erfahrungskoffer auf wie ein Schlüssel. Was wird sein, wenn sie einander überdrüssig werden? Was wird sein, wenn sie seine Witze nicht mehr geistreich und seine Diplomatie nicht mehr genial findet? Was wird sein, wenn es zu viel Beziehung und zu lange Beziehung wird? Vielleicht muss man genau davor Kinder bekommen, damit man einander nicht überdrüssig wird – mit Kindern wird es ja nicht langweilig? Und die Childfree leben einfach vor sich hin: die Frau in der Küche, der Mann in der Garage, und niemand macht sich Stress.

Methodisch suchte sie nach allen möglichen Ungereimtheiten, nach allen Situationen, in denen der Alltag erneut seine „schwarze Magie“ wirken und das Bündnis zerstören könnte. Politische Ansichten, Vorlieben, Interessen … Doch auch hier gab es nichts zu beanstanden. Und am meisten verblüffte sie die Tatsache, dass sie selbst keine Bastionen und Abwehrwälle mehr errichten wollte. Alles, was auch nur im Ansatz nicht zusammenpassen konnte, besprachen sie im Voraus. Und am Ende entspannte sie sich, denn Wunder fragen nicht danach, wozu sie geschehen. Sie hörte auf, nach dem Haken zu suchen, und begann, sich aus Leibeskräften zu bemühen, einem so wunderbaren Auserwählten zu entsprechen.

Auch Ruslan verglich die Informationen recht schnell und entschied, dass er für Nerven und Zweifel bereits „zu alt“ sei. Er hatte seine eigene Vorstellung davon, wie eine „schöne Familie“ auszusehen hat und was jeder der Partner dabei tun sollte. Von seiner Seite tat er alles, was in seiner Macht stand, und wunderte sich nur, mit welchem sechsten Sinn Polina das begriffen hatte und in dieselbe Richtung handelte. Selbst Bekannte, die sie seit Jahrzehnten kannten, staunten über diese Einmütigkeit. Man sagte ihnen Streit um Streit voraus, Unzufriedenheit um Unzufriedenheit, Diskussionen über das Hinaustragen des Mülleimers und dergleichen – doch sie einigten sich jedes Mal, und oft musste man sich nicht einmal einigen.

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„Streitet ihr euch denn wirklich nie?“, fragten die Freunde.

„Wieso denn – ich ärgere mich, wenn er den Müll schneller hinausträgt als ich, und er, wenn ich zu schnell war und ihn nicht für mich sorgen und mich umhegen ließ“, lachte Polina, und Ruslan genoss die Reaktion der Freunde.

„Ihr seid einfach noch in den Flitterwochen!“, brummten die Freunde und sagten voraus, das gehe vorbei. Es ging aber nicht vorbei.

Mit Stolz sortierte Polina die Reste ihres Koffers voller Erinnerungen und Erfahrungen in die Fächer, verstaute den Koffer selbst auf einem gedanklichen Dachboden und versprach sich, das Leben einfach zu genießen. Und obwohl sie nach dem Sortieren des eigenen „Koffers“ jedes Mal die entsprechenden Koffer bei Freunden und Bekannten bemerkte, entdeckte sie einen solchen „Koffer“ bei Ruslan nie. Am Ende beschloss sie, dass wohl auch er seinen Koffer seinerzeit hervorgeholt und sortiert hatte. Wahrscheinlich bemerkte auch er deshalb jedes Mal solche „Kofferexplosionen“ bei ihren Freunden und dankte Polina jedes Mal dafür, dass sie nicht so nervös und fahrig war wie alle anderen. Ein Koffer ist wohl doch nützlich. Man muss ihn nur sauber und in Ordnung halten. Und dafür ist jeder selbst verantwortlich.

Fachlicher Kommentar

Polina ist eine Vertreterin des schizoiden Persönlichkeitstyps. Die Grundlage ihres Persönlichkeitstyps ist der ideelle, symbolische Gehalt der Innenwelt – wie etwa die oben genannte Metapher vom Koffer. Des Erlebens und der Gefühle ist zu viel, doch das meiste davon kommt nicht heraus, wird nicht als Emotion nach außen gelassen. Es verwandelt sich in kunstvolle ideell-symbolische Gebilde und wird erst dann gezeigt. Darüber hinaus ist für Polina ein alles umfassender Wunsch typisch, ihre überwertigen Ideen zu verwirklichen, die oft mit den realen Bedürfnissen des Organismus, des Körpers auseinandergehen; dazu die Härte der territorialen und persönlichen Grenzen, deren Verteidigung sowie ein Rückzug aus der Gesellschaft, der an Ablehnung und Hochmut grenzt. Sie betont stets ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit und die Kontrolle über das eigene Leben. Schizoide Frauen werden selten unerwartet verlassen – eher verlassen diese Frauen rechtzeitig selbst einen Mann, der sich unverständlich verhält, wie man an der Geschichte mit Stepan sieht.

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Sowohl Stepan als auch Ruslan sind Vertreter des narzisstischen Persönlichkeitstyps nach der S-Theorie. Beide sind aktive Extravertierte. Die Grundlage ihrer Persönlichkeit ist das Streben, die Besten zu sein und Bewunderung hervorzurufen. Sie werden immer danach streben, anders zu sein als alle, aufzufallen, sich mitunter sogar provokant und für das Publikum zu verhalten. Menschen dieses Typs brauchen „Verehrer“, fühlen sich aber selbst dann, wenn sich eine Menge um sie geschart hat, einsam, von ihr abgesondert, besser als sie. Menschen des narzisstischen Persönlichkeitstyps ist es wichtig, dass alles schön ist – und diese Schönheit zeigt sich darin, dass alles schön zusammenpasst: ihr Bild und ihre Rolle, ihr Ruf, ihre Taten, ihre Abenteuer und Hobbys. Man kann sagen, dass Stepan und Ruslan die Fähigkeit, zu gefallen und einen Zugang zu Menschen zu finden, von Kindheit an entwickelt haben und es schafften, in fast jeder Runde deren Mittelpunkt zu sein. Was vielen schwerfällt, ist für sie ein natürlicher Zustand: Menschen einzuschätzen, einen Zugang zu ihnen zu finden und sowohl sich selbst als auch die eigenen Fähigkeiten zu verkaufen.

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Polina ist als schizoide Frau sehr sarkastisch und übersieht nicht selten die Tiefe eines anderen Menschen, lässt sie unbeachtet. Ein Kommentar kommt aber immer, und sei er noch so knapp. Er reagiert auf ihren Sarkasmus, ist gekränkt, doch die Kränkung zu zeigen wäre unter seiner Würde. Also tut er so, als hätte ihn das nicht besonders getroffen – und liefert damit erst recht Stoff für die nächsten Späße.

Narzisstische Typen lieben veränderte Bewusstseinszustände sehr, sie können das Gefühl von Unwirklichkeit, von Märchen und Fest schenken, und das zieht schizoide Frauen in den Bann. Es macht sie freier – zumal er ihre Freiheit gar nicht einschränken will, gut Distanz hält, schön ist und sozial angepasst. Sie lebt ein wenig in ihrer eigenen Welt, er dagegen in der Gesellschaft; dort ist er besser eingerichtet, und genau das nimmt sie für ihn ein. Seine Antworten sind meist stimmiger.

Er versteht es, schön den Hof zu machen. Sie zweifelt stark an der eigenen Weiblichkeit. Er ist ein sozial anerkannter Mann, der in ihr die Frau sieht, sie als Frau behandelt und ihr das alles auch zeigt – und ihr tut das gut.

Das Lieblingsspiel: „Wir sind nicht zusammen“. Wenn sie gemeinsam zu einer gesellschaftlichen Veranstaltung kommen, ahnen die meisten Gäste gar nicht, dass sie ein Paar sind. Sobald aber die Zweisamkeit real bedroht ist, steht der andere sofort daneben, und die bissigen Bemerkungen der schizoiden Frau oder der kühle, ernüchternde Blick des narzisstischen Mannes rücken alles augenblicklich zurecht.

Worin besteht dann der Unterschied? Warum hat die Beziehung im einen Fall nicht funktioniert und lief im anderen wie geschmiert? Nach der S-Theorie lassen sich Beziehungen danach „einstufen“, wie leicht die beiden eine gemeinsame Sprache finden. Jene, in denen sich beide – unabhängig von ihren Eigenheiten – sofort ergänzen und verstehen, nennen wir „ideal“. Die Beziehung des schizoiden und des narzisstischen Typs gehört nicht dazu. Für ein gelingendes Zusammenleben brauchen die beiden eine gewisse Ordnung – oder die Fähigkeit, sich zu einigen und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche ehrlich auszusprechen. Das ist eine Kunst für sich: Der eine braucht länger, um sie zu lernen, der andere kürzer, und mancher ein ganzes Leben.