Ist Ihnen nicht auch schon aufgefallen, dass sich an den verschiedensten Enden der Welt manchmal vollkommen gleiche Ereignisse abspielen? Dass wir in verschiedenen Ländern vollkommen gleiche Menschen treffen? Dass sich Liebesgeschichten von geradezu archetypischer Art im Leben mit verblüffend ähnlichen Einzelheiten wiederholen?
Ein solches Beispiel sind die beiden Geschichten, die ich heute erzählen will. Und ich werde auch sagen, worin genau die Ursache dieser Ähnlichkeit liegt. Die eine Liebesgeschichte ereignete sich Anfang der Sechzigerjahre in der Sowjetunion, in einer kleinen Eisenbahnersiedlung. Damals erschütterte sie die ganze Siedlung, heute erinnern sich nur noch die wenigen daran, die sie unmittelbar betraf. Die zweite begann in den Siebzigerjahren, sie ist der ganzen Welt bekannt und trotz ihres „Happy Ends“ tragischer. Die zweite Geschichte hat wirklich jeder analysiert und dabei mit Intrigen, Affären und allerlei Tragik angereichert; und dennoch wette ich, dass Sie sie aus einem Blickwinkel wie diesem noch nirgends gelesen haben.
Beide, Karl wie Wolodja, stammten aus guten Familien – mit der entsprechenden Korrektur für den Maßstab: Jeunesse dorée, sie hatten alles, was sie sich nur wünschen konnten. Beide hatten recht aufmerksame und fürsorgliche Eltern, beinahe ideale, leider aber auch ziemlich beschäftigte. Beide badeten in Fürsorge und wuchsen zu recht ansehnlichen jungen Männern heran. Es schien, als läge ihnen die ganze Welt zu Füßen, doch beide waren in ständiger geistiger Suche nach sich selbst, konzentrierten sich mehr auf ihre eigenen Empfindungen, probierten sich oberflächlich in allem und vertieften sich in nichts wirklich. Trotz der scheinbaren äußeren Formlosigkeit, der Nachlässigkeit, der mitunter sogar grellen Geschmacklosigkeit, der Geringschätzung alles Offiziellen, dem Drang, sich bei der kleinsten Gelegenheit in den eigenen Bau zu verkriechen, und der zeitweiligen, fast kindlichen Schwermut träumte die Mehrzahl der Mädchen ringsum von einer Ehe mit ihnen. Weder Wladimir noch Karl träumten übrigens von einer Ehe. Sie ließen sich treiben, nahmen das Leben, wie es war, hatten flüchtige Affären und machten sich wenig Gedanken darüber, wie und wohin sie ihr Leben lenken sollten. Man weiß ja: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Und Gott lenkte.

Galja kam nach dem Studium auf staatliche Zuteilung aus einem fernen Kurstädtchen in ein Konstruktionsbüro bei Leningrad. Ihr Arbeitgeber wollte keine jungen Frauen einstellen, die dann in Karenz sitzen würden, aber ihre Noten waren einfach zu gut. Und die Lehrenden versicherten einstimmig, eine so forsche, gewitzte, begabte und durchsetzungsfähige Studentin hätten sie lange nicht gesehen. Ihr lag das Studium, ihr lag der Sport, ihr lag die Arbeit im Komsomol … Wenn etwas erledigt werden musste, gab man es Galja – und sie setzte sich immer durch. Klug, geradeheraus, ehrgeizig … Die hochgewachsene, stattliche Südländerin mit dichtem schwarzem Haar, Wespentaille, Schwarzmeerbräune und großen grünen Augen stach unter den blassen Nordbewohnern hervor.
Sie und Wolodja erblickten einander auf irgendeiner Parteiversammlung, und es war Liebe auf den ersten Blick. Worum es auf der Versammlung ging, behielten sie kaum im Gedächtnis, dafür erinnerten sie sich noch jahrelang daran, wie sie fast eine Stunde lang die Augen nicht voneinander lassen konnten. Erst später erfuhr sie von ihren Freundinnen, von diesem Halbgott solle sie als Zugereiste nicht einmal träumen – von ihm träume ohnehin die ganze Siedlung, und seine Mutter wache streng darüber, dass er eine Ebenbürtige finde. Erst später erzählten ihm seine Freunde, ja, die Neue sei aus dem Süden gekommen, eine vielversprechende Fachkraft, verliebt in ihre Arbeit, und für Männer habe sie keine Zeit – so vielen habe sie schon stolz einen Korb gegeben!

Deshalb trafen Wolodja und Galja einander bald ganz zufällig beim Tanzabend und dann noch unerwarteter beim Subbotnik, dem freiwilligen Arbeitseinsatz am Samstag. Und dann nahm es seinen Lauf.
Mila wusste von Anfang an, dass sie bei Karl keine Chance hatte. Karl konnte, wegen ebenjener Korrektur für den Maßstab, nur eine Vernunftehe eingehen und hatte deshalb ohne besondere Gewissensbisse flüchtige Affären mit wem auch immer. Mehr noch: Mila hatte selbst einen Freund – ziemlich fahrig, ein Herumtreiber und launisch, nicht ideal also, aber immerhin. Mit Karl kam sie auf einer geschlossenen Party ins Gespräch, eher deshalb, weil sie es konnte. Eine spitze, heitere Bemerkung, ein Anflug von Flirt, sein helles Lächeln und sein aufrichtig interessierter Blick … Und für beide veränderte sich etwas an der Welt. Mila war immer ein recht forsches und selbstbewusstes Mädchen gewesen. Keine von diesen zerbrechlichen „echten Prinzessinnen“ in Rüschen und Volants. Sie kleidete sich schön, aber bequem, sah die Welt äußerst realistisch, wusste bei jeder Sache genau, was für sie dabei heraussprang, und verstand es, ihr Ziel zu erreichen. Von den anderen Mädchen hob sie sich ebenso durch ihre Direktheit und ihre spitze Zunge ab wie durch die Fähigkeit, Geplantes nicht auf die lange Bank zu schieben. Sie genoss das Leben und nahm sich nie zaghaft, was sie wollte; sie hatte immer alles unter Kontrolle … Bis zu diesem Augenblick.
Den Rest des Abends sahen die beiden nur einander an. Und danach fügte es sich irgendwie von selbst, dass sie einander ständig begegneten – auf der Straße, bei offiziellen Anlässen, in Klubs und auf Partys. Und jedes Mal wurde die Bindung zwischen ihnen fester. Er warf ihr eine Idee zu, und sie eilte mit ihrem ganzen durchsetzungsstarken Enthusiasmus, sie umzusetzen. Das ging so, bis seine Mutter von der Häufigkeit dieser Begegnungen erfuhr und ein kategorisches, allmächtiges „Nein“ aussprach. Mila werde unter keinen Umständen aufgenommen, daran sei nicht mehr zu denken. Und um eine Braut brauche sich Karl gar nicht zu kümmern, das sei Sache der Mutter. Er versuchte zu streiten, versuchte zu protestieren, doch mit derselben Korrektur für den Maßstab war das aussichtslos.

– Sie ist doch nicht deinesgleichen! – empörte sich auch Wolodjas Mutter auf ganz und gar unsowjetische Weise. – Da kommt ein Niemand daher, aus Gott weiß welcher Gegend! Wir finden dir schon ein Mädchen auf deinem Niveau!
– Mir gefällt Galja! – beharrte Wolodja stur; woher er die Kraft dazu nahm, blieb ein Rätsel!
Er verbrachte immer mehr Zeit mit Galja und konnte sich das Leben ohne sie schon fast nicht mehr vorstellen. Gemeinsam brachten sie Dinge zustande, die Wolodja allein niemals geschafft hätte – und plötzlich waren die Kräfte da! Sie unterstützte begeistert ihn und seine Vorhaben und führte sie zu Ende. Er bewunderte ihre Ehrlichkeit und ihren Pragmatismus, ihren nüchternen Blick auf die Dinge und ihre Fähigkeit, jedes gesetzte Ziel zu erreichen. Sie war seine Muse und sein Vorbild. Und am Ende gab die Mutter ihr Einverständnis zur Hochzeit.
Karl fühlte sich neben Mila genauso: allmächtig, selbstsicher, als Anführer. Sein Wort hatte endlich Gewicht.
Und man versuchte mit aller Kraft, sie zu zerstören.
Wolodjas Mutter hatte am Ende zwar ihren Segen zur Ehe gegeben, das hieß aber nicht, dass sie die junge Schwiegertochter angenommen hätte. Die erste Zeit mussten die beiden im Elternhaus zusammengedrängt leben und sich an einem Herd einrichten. Was Galja auch tat, es war falsch, dumm oder unverantwortlich. Allerdings blieb auch Galja nichts schuldig: Mal bedachte sie die Schwiegermutter mit stolzer Verachtung und überging ihre Bemerkungen, mal griff sie vorbeugend an, um zu bekommen, was sie brauchte. Der brüchige Frieden im Haus war wohl in weiten Teilen Wolodjas Verdienst – er verstand es, seine Frau zu beruhigen und es irgendwie so einzurichten, dass sie und die Schwiegermutter einander möglichst selten begegneten. Zum Glück bekam das junge Paar bald ein Kind und eine eigene Wohnung. Bei aller Achtung, die Wolodja seiner Mutter entgegenbrachte, wurde seine Nähe zu seiner Frau dadurch nur fester.
Karls Mutter erwies sich als stärker – wieder wirkte ebenjene Korrektur für den Maßstab. Er wurde zum Militärdienst geschickt, und mit Mila wurde ein ernstes Gespräch geführt, in dessen Folge sie wieder mit ihrem früheren Freund zusammenkam, ihn später sogar heiratete und ihm zwei Kinder gebar. Doch nicht einmal das konnte jene Nähe zerreißen, die zwischen ihr und Karl entstanden war. Zumal Milas Mann selbst nach Kräften fremdging und es seiner Frau keineswegs verbot. Karl und Mila trafen einander weiterhin als Liebende, und als seine allmächtige Mutter ihren Segen zur Ehe mit einem eigenhändig ausgesuchten, stillen, bescheidenen und folgsamen Mädchen gab, hieß Mila diese Wahl persönlich gut und sprach Kirill Mut zu: Das sollte seiner Entwicklung helfen, und sie sei ein starkes Mädchen, sie habe schon ganz anderes bewältigt. Zumal gerade sie Karls engste Freundin, Ratgeberin und Geliebte blieb – und jene offizielle … Die konnte man getrost ignorieren.
Die ganze Siedlung staunte darüber, was Wolodja an Galja gefunden hatte, warum die beiden so unzertrennlich waren und wie es kam, dass sie einander bei allem, was geschah, immer nur näher rückten. Gegen Mila war die ganze Welt: Man hielt sie für eine grausame Ehebrecherin, für eine zynische „Zicke“ und für das personifizierte Böse und dachte kaum darüber nach, wie sie allem gesellschaftlichen Urteil zum Trotz und über die eigene Ehe hinweg an Karls Seite blieb, all seine Entscheidungen mittrug und ihm half. Und ja, am Ende, fünfunddreißig Jahre später, konnten der Prinz von Wales – Sie haben sicher längst erraten, wer mit Karl und Mila gemeint ist – und die Liebe seines Lebens offiziell heiraten. Ihrer Nähe konnten weder die öffentliche Meinung noch die vorhandenen Ehemänner und Ehefrauen noch der Maßstab, in dem sie auf die Welt wirkten, etwas anhaben. Und Wolodja und Galja verbrachten ihr ganzes Leben miteinander, ergänzten und stützten einander. Ja, auch sie hatten Streit, und oft war Galja zu laut und zu drängend, aber im Ernstfall hätte sie für Wolodja niemanden geschont. Ich weiß das genau – es sind meine Großeltern.

Möchten auch Sie Ihren Persönlichkeitstyp herausfinden? Oder einen Partner für Ihr eigenes Muster einer einfachen, leichten und erfüllten Beziehung treffen? Das ist möglich im Dating-Club mit fachlicher Begleitung.
Möchten Sie mehr erfahren? Füllen Sie das Formular aus – wir rufen Sie mit allen Details zurück!







