Liebe und Hass. Sadismus und Masochismus. Voyeurismus und Exhibitionismus. Es zeigt sich: Das sind zwei Seiten derselben Medaille, Ambivalenzen, die ständig ineinander übergehen. Genau darin bestehen die Triebschicksale, die Sigmund Freud 1915 in seiner Arbeit „Triebe und Triebschicksale“ beschrieben hat.
Wichtiger ist heute zu sehen, dass Freud NICHT SEXUELLE Themen untersucht hat, wie man heute gern annimmt, sondern seelische Prozesse überhaupt. Dieser Beitrag beschreibt die Theorie, die uns zum Verständnis der Ambivalenz der Liebe führt – und die Praxis, wie Liebe in Hass umschlägt. Auf seiner Erkundung neuer Gebiete der Psyche ging der Wissenschaftler sehr behutsam mit dem Begriff „Trieb“ um. Für seine Forschung suchte er Begriffe unter den Wörtern, die für das Deutsch des frühen 20. Jahrhunderts typisch waren. Laut dem deutschen Wörterbuch Duden bedeutet „der Trieb“ vieles, insbesondere:
- einen vom Instinkt ausgelösten inneren Drang, der auf die Befriedigung starker, in der Regel lebenswichtiger Bedürfnisse gerichtet ist.
- In der Technik ein Bauteil zur Übertragung von Kraft oder Drehmoment, zum Beispiel ein Zahnrad.
Sigmund Freud über die Liebe
Warum verbindet das Publikum Freud mit sexuellen Themen? Diese Vereinfachung räumte der Wissenschaftler selbst ein und erklärte sie aus den Anfängen der Psychoanalyse: Ihr ursprünglicher Untersuchungsgegenstand waren die „Übertragungsneurosen“ auf sexueller Grundlage, allen voran die Hysterie.
Die Psychoanalyse konnte uns bis heute einigermaßen befriedigende Auskunft geben, und zwar nur über die Sexualtriebe, weil sie genau diese Triebgruppe bei den Psychoneurosen gleichsam in Isolierung beobachten konnte
Freud
Was ist ein „Trieb“?
Auf der Suche nach einem Begriff, der „noch recht dunkel, für die Psychologie aber unentbehrlich“ ist, näherte sich Freud der Definition des „Triebes“ aus verschiedenen Blickwinkeln.
Freud: „Der eigentliche Anfang wissenschaftlicher Tätigkeit besteht in der Beschreibung von Erscheinungen, die dann weiterhin gruppiert, geordnet und in Zusammenhänge eingereiht werden. Schon bei der Beschreibung lässt es sich nicht vermeiden, dass man auf das Material gewisse abstrakte Ideen anwendet, die man irgendwoher, gewiss nicht aus der neuen Erfahrung allein, geholt hat.“
Um 1915 begann der Wissenschaftler seine Ideen erst zu formen – auf der Grundlage einer (an heutigen Maßstäben gemessen) begrenzten Erfahrung. Freud erwähnt selbst, dass seine Versuche, Definitionen, Ursprünge und Gesetzmäßigkeiten der Triebe zu finden, ein erster Vorschlag sind: Ideen, die (1) nötig sind, um eine Theorie zu bilden und sie zu prüfen, und die (2) nach der Prüfung an der Erfahrung eine genauere Definition erlauben. Deshalb versucht es der Wissenschaftler zunächst mit einem biologischen Vergleich:
1. Ist der Trieb ein körperlicher Reiz?
Setzt sich mir eine Fliege auf die Hand, spüre ich das als Reiz oder als Jucken der Haut. Ich zucke mit der Hand (eine einmalige Reflexbewegung), um die Fliege als Reizquelle loszuwerden. Dieser Vergleich hat jedoch Grenzen, denn (1) bei seelischen Prozessen kommt der Reiz von innen, nicht von außen, und (2) der körperliche Reiz ist einmalig (die Fliege setzt sich auf die Hand – ich verscheuche sie), während der Trieb den Charakter einer konstanten Kraft hat. Also geht Freud zum zweiten Definitionsversuch über:
2. Der Trieb ist ein Bedürfnis, das mit gleichbleibender Kraft von innen kommt
Ein Bedürfnis lässt sich folglich befriedigen. Da es aber nicht von außen, sondern von innen entsteht, hat Freuds zweiter Schluss für mich ganz praktischen Wert:
3. Einen Trieb kann man nur befriedigen! Weglaufen ist unmöglich.
Ein Trieb lässt sich nur verändern, indem man auf ein anderes Bedürfnis umschaltet. Durch Flucht wird man ihn nicht los:
Da (der Trieb) nicht von außen, sondern von innen her auf den Organismus einwirkt, kann gegen ihn keine Flucht helfen … (Befriedigung) ist nur durch eine zweckmäßige (adäquate) Veränderung der inneren Reizquelle zu erreichen.
Freud
Da man einen Trieb mit einfachen Handlungen nicht loswird, muss sich das Nervensystem kompliziertere ausdenken. Höher entwickelte Organismen probieren verschiedene Handlungen aus, um den Reiz zu senken, und bewerten sie nach dem Lustprinzip: Angenehmes senkt den Reiz, Unangenehmes steigert ihn. Da der Reiz aber in beiden Fällen nicht ganz verschwindet, sondern nur reguliert wird, folgt daraus:
4. Mit Lust ist ein Trieb nicht aus der Welt zu schaffen.

Diese vier Schlüsse haben durchaus praktischen Nutzen. Überlegen Sie: Sind die folgenden Handlungen eines Menschen, der seine inneren Fragen lösen will, wirksam?
- Um Selbstvertrauen aufzubauen, besucht er ein zweitägiges Seminar (siehe Schluss 2).
- Um über eine Scheidung hinwegzukommen, geht er auf Reisen (siehe Schluss 3).
- Um die Vergangenheit zu vergessen, geht er auf die Jagd nach dem anderen Geschlecht (siehe Schluss 4).
Die vier Merkmale des Triebes
Der Trieb hat bei Freud vier Merkmale:
- Der Drang – das Maß der Aktivität, der motorischen Kraft, die im Trieb steckt.
- Das Ziel des Triebes ist die Befriedigung durch Aufhebung der Spannung.
- Das Objekt des Triebes ist das, woran er sein Ziel erreichen kann. Ein Gegenstand von außen, aber auch ein Teil des eigenen Körpers. Die Objekte des Triebes wechseln ständig. Kommt es dagegen zur Fixierung, entsteht eine enge Bindung an das Objekt – und damit Widerstand, sobald man versucht, Trieb und Objekt voneinander zu lösen.
- Die Quelle des Triebes ist ein somatischer Vorgang in einem Organ, dessen Reizung im Seelenleben den Trieb hervorruft. Chemie, Anatomie – das gehört schon nicht mehr zur Psychologie.

Am Beispiel von Romeo und Julia: Bei beiden beginnt es im passenden Alter irgendwo weiter unten (Quelle) zu jucken (Spannung). Das Jucken wächst, und um es zu verringern (Ziel), finden die beiden im jeweils anderen das Objekt ihrer Sehnsucht – und beginnen sogar, das Ziel zu erreichen und diese Spannung aufzuheben. Doch beide stehen in einer frühen Entwicklungsphase. Es kommt zur Fixierung; der Versuch, den Trieb von außen vom Objekt zu trennen, ruft Widerstand hervor.
Welche Triebe gibt es?
Ganz nach meinem Geschmack ist Freuds Annahme, dass alle Triebe qualitativ gleich wirken und sich höchstens durch ihre Menge unterscheiden.
Alle Triebe sind gleichartig, und ihre Wirkung hängt nur von den Erregungsgrößen ab, die sie mit sich führen
Freud
Der Schluss auf eine unendliche Zahl von Trieben hilft in der Praxis jedoch nicht weiter – dort braucht es konkrete Themen. Aus seiner Erfahrung schlägt Freud daher vor, zwei Grundtriebe zu unterscheiden: die Selbsterhaltung und den Sexualtrieb.

Freud schlägt vor, es zum Zeitpunkt der Arbeit, also 1915, bei dieser vereinfachten „Hilfskonstruktion“ zu belassen, solange:
- sie nützlich bleibt,
- ihr Ersatz durch eine andere die Ergebnisse von Beschreibung und Einteilung nicht verändert,
- keine Ergebnisse zu anderen neurotischen Erkrankungen auftauchen, etwa zur Schizophrenie.
Nicht nur die Einteilung der Triebe lässt sich beliebig verkomplizieren, sondern auch ihre Formen und Kombinationen. Zum Beispiel:
- Triebe können zielgehemmt sein. Das ist der Fall, wenn eine teilweise Befriedigung des Triebes zu einer Verzögerung und zu einer Abweichung vom Ziel führt.
- Triebe können sich außerdem verschränken (Triebverschränkung): Ein und dasselbe Objekt dient dann der Befriedigung mehrerer Triebe.
Zum Glück hat Freud 1915 auf solche Verkomplizierungen verzichtet. Ebenso verzichtete er darauf, ausschließlich über die Psychologie einzuteilen: Er schlägt selbst vor, Annahmen aus anderen Fächern heranzuziehen, besonders aus der Biologie. Heute könnten wir uns unendlich viele Triebe ausdenken – biologische nach Essen, Schlaf und einem Zuhause; soziale nach Kontakt, Anerkennung und Austausch; kulturelle nach Wissen, Musik und Religion und so weiter.
Polaritäten und Triebschicksale
Um die Gegensätze in Liebe und Hass zu erklären, muss man die Polaritäten des Seelenlebens herausarbeiten, die uns bewegen. Das „Ich“, das Subjekt, die Innenwelt. Oder das „Nicht-Ich“, das Objekt, die Außenwelt. Den Unterschied zwischen diesen „realen“ Polaritäten erkennt jedes Lebewesen an der Beseitigung der Reize. Äußere Reize werden durch Muskelbewegung beseitigt; innere lassen sich mit Muskeln nicht loswerden. Lust – Unlust: Diese „ökonomische“ Polarität erkennt man an der Veränderung des Reizes. Der Reiz nimmt ab – Lust. Er nimmt zu – es wird unangenehm, Unlust. Den Gegensatz „aktiv“ – „passiv“ beschreibt Freud über das Handeln des „Ichs“. Das ist die „biologische“ Polarität. Passiv heißt: Das „Ich“ EMPFÄNGT Reize aus der Außenwelt. Aktiv heißt: Das „Ich“ REAGIERT auf die Reize.

Drei Polaritäten beschreiben acht Arten, wie ein Mensch handelt und reagiert. Zum Beispiel:
- Man gibt mir einen Klaps, und das ist angenehm.
- Ich schaue, und was ich sehe, ist abstoßend.
- Ich liebe und werde aktiv, und das ist angenehm.
Mehr noch: Das Schicksal der Triebe besteht bei Freud darin, dass sie sich fortwährend verändern und von einer Polarität in die andere übergehen. Das Objekt wechselt ständig („Ich“ – „Nicht-Ich“), und Aktivität verwandelt sich in Passivität. Ein Trieb kann in sein Gegenteil umschlagen. Aus dem Bedürfnis nach aktivem Handeln (quälen, betrachten) wird zum Beispiel das Bedürfnis nach passivem Empfangen (gequält und betrachtet zu werden). In diesem Fall ändern sich die Ziele des Triebes. Sadismus geht in Masochismus über, Voyeurismus in Exhibitionismus. Oder inhaltlich: Liebe schlägt in Hass um. Ein Trieb kann sich auch gegen die eigene Person wenden, dann wechselt das Objekt, ohne dass sich die Ziele ändern. Masochismus ist Sadismus gegen sich selbst. Der Exhibitionist genießt es, den eigenen Körper zu betrachten. Der Trieb ist noch weiteren Veränderungen zugänglich, etwa der Sublimierung (die Form des Triebes entfernt sich weit von den ursprünglichen Zielen), der Reaktionsbildung (gegen den Trieb) oder der Verdrängung. Diese Umwandlungen bleiben außerhalb von Freuds Arbeit „Triebe und Triebschicksale“.
Die Ambivalenzen der Liebe
Also zurück zu unserem Thema))). In einer bestimmten Entwicklungsphase des Triebes lässt sich seine (passive) Gegenströmung beobachten. Das ist die Ambivalenz, und am deutlichsten zeigt sie sich im Umschlag von Liebe in Hass! Damit wir nicht aneinander vorbeireden, gilt folgende Definition:
Liebe = das Verhältnis des „Ichs“ zu seinen Lustquellen
Freud
Also zurück zu unserem Thema))). In einer bestimmten Entwicklungsphase des Triebes lässt sich seine (passive) Gegenströmung beobachten. Das ist die Ambivalenz, und am deutlichsten zeigt sie sich im Umschlag von Liebe in Hass! Damit wir nicht aneinander vorbeireden, gilt folgende Definition nach Freud: Liebe = das Verhältnis des „Ichs“ zu seinen Lustquellen. Liebe und Hass können gleichzeitig demselben Objekt gelten. Noch komplizierter: Bei der Liebe gibt es drei Ambivalenzen:
- Lieben oder hassen – gleichgültig sein.
- Lieben – hassen.
- Lieben – geliebt werden.
Gleichgültigkeit
Wie sind so viele Gegensätze möglich? Am Anfang des Seelenlebens kann das „Ich“ seine Triebe selbst befriedigen. Das Kind genießt sich selbst. Dieser Zustand heißt Narzissmus, die Fähigkeit zur Selbstbefriedigung heißt Autoerotismus. Im Zustand des Narzissmus zeigt sich die erste Ambivalenz der Liebe: die Gleichgültigkeit. Sie bedeutet schlicht, dass der Mensch die Außenwelt nicht braucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen.
Liebe und Hass
Die Außenwelt wird nicht gebraucht, doch der Grundtrieb der Selbsterhaltung führt zum Austausch mit ihr. Manche äußeren Objekte lösen Unlust aus, und vom „Ich“ spaltet sich ein feindlicher Teil ab, das „Nicht-Ich“, das mit der Außenwelt verbunden ist. So entsteht der Hass, das Verhältnis des „Ichs“ zu einer fremden, Reiz auslösenden Außenwelt. Löst ein äußeres Objekt dagegen Lust aus, entsteht „Anziehung“: Das Objekt rückt an das „Ich“ heran, beide verschmelzen. Aus der passiven Form, Reize zu empfangen, beginnen wir dieses Objekt aktiv zu lieben – kraft dieser Anziehung.

Der Übergang vom Narzissmus zur aktiven Fähigkeit zu lieben vollzieht sich allmählich, mit der Entwicklung des Sexualtriebes:
- Am Anfang richtet sich der Sexualtrieb des Kindes auf es selbst – das zeigt sich im autoerotischen Narzissmus.
- Auf der ersten Stufe der Sexualentwicklung tritt das Streben auf, zu fressen oder sich einzuverleiben. Hier drängen sich Vergleiche mit dem Reptiliengehirn auf. Diese Form der Liebe zerstört das Objekt.
- Auf einer höheren Stufe erscheint das Streben nach Bemächtigung. Dabei ist es gleichgültig, ob das Objekt fortbesteht oder nicht. Der Vergleich mit der Eifersucht liegt nahe, die im Extremfall das Objekt zerstört.
- Erst mit der Entwicklung des Sexualtriebes wird die Liebe zur Ambivalenz der Liebe.
Freud nannte zwei Grundtriebe: die Selbsterhaltung und den Sexualtrieb. Von den Dingen der Selbsterhaltung sagen wir nicht, dass wir sie lieben. In der Sprache steht die Liebe im Zusammenhang mit dem Sexualtrieb. Das Wort „Hass“ wird häufiger im Zusammenhang mit unangenehmen Empfindungen gebraucht und entspringt dem Kampf des „Ichs“ um die Selbsterhaltung.
Wird die Liebesbeziehung zu einem Objekt abgebrochen, tritt nicht selten Hass an ihre Stelle, sodass sich uns der Eindruck einer Verwandlung von Liebe in Hass aufdrängt. Eine über die Beschreibung hinausgehende Betrachtung zeigt jedoch, dass der real begründete Hass noch durch die Regression der Liebe auf die vorbereitende sadistische Stufe verstärkt wird, sodass der Hass erotischen Charakter erhält und damit die Unauflöslichkeit der Liebesbeziehung gewahrt bleibt.
Freud
Geliebt werden und Masochismus
Die dritte Ambivalenz – lieben und geliebt werden – erklärt sich am besten über andere Gegensätze: Sadismus/Masochismus, Exhibitionismus/Voyeurismus und den Übergang vom Aktiv über das Reflexive zum Passiv. Am Beispiel des Sadismus wirken die Wendung gegen die eigene Person und der Umschlag ins Gegenteil zusammen. Alles beginnt in einer aktiven Position: Sadismus besteht in aktiver Gewalt (Ziel Nr. 1) gegenüber einer anderen Person oder einem Partner (Objekt Nr. 1). Weiter geht es so:
- Es kommt zur Wendung gegen sich selbst: Die äußere Person wird aufgegeben. Der Sadist kehrt zur narzisstischen Bildung zurück und identifiziert den Partner mit sich. Durch die Wendung zum eigenen „Ich“ wird der Sadist selbst zum Objekt Nr. 2.
- Umschlag ins Gegenteil: Gleichzeitig wird aus dem aktiven Ziel des Triebes das passive Ziel Nr. 2. Im narzisstischen Zustand kann das „Ich“ seine Bedürfnisse autoerotisch selbst befriedigen. Eine aktive Position braucht es dafür nicht.
- Weil das Ziel nun passiv ist, wird ein neues Objekt gesucht. Es kommt erneut zum „Wachstum“: Das „Ich“ dehnt sich wieder aus, äußere Objekte werden mit dem „Ich“ verbunden. Das „Ich“ beginnt, sich motorisch auf diese Objekte zuzubewegen.
Dieser Kreislauf der Verwandlungen kann endlos weitergehen – ebenso wie das Bedürfnis, nicht nur zu lieben, sondern auch Liebe anzunehmen.

Warum eigentlich?
Warum haben die Triebe ein solches Schicksal? Was steckt hinter dem Karussell der Ambivalenz? Ich zum Beispiel würde den Hass in der Liebe gern vermeiden. Geht das? Hier lohnt es sich zu erinnern: Sich selbst passiv als Objekt der eigenen Bedürfnisbefriedigung zu benutzen, ist ein Zeichen von Narzissmus – der ersten Stufe seelischer Entwicklung, wie sie für das Kind typisch ist. Es ist eine frühere Stufe, die ein Leben lang erhalten bleibt. Die aktive, spätere Entwicklungsstufe hängt dagegen mit der Entwicklung des Sexualtriebes zusammen.
… die Triebschicksale – die Wendung gegen das eigene Ich und die Verwandlung von Aktivität in Passivität – hängen von der narzisstischen Organisation des Ichs ab und tragen den Stempel dieser Phase
Freud
Die Transaktionsanalyse von Eric Berne geht davon aus, dass im Menschen gleichzeitig drei Persönlichkeiten leben (das Kind-Ich, das Eltern-Ich, das Erwachsenen-Ich). Das ist ein Nachhall von Freuds Entdeckungen: Er hielt fest, dass sich der Trieb nur teilweise verwandelt und dabei sowohl Elemente der späteren aktiven als auch der früheren passiven narzisstischen Richtung behält. Beide Entwicklungsstufen des Triebes bestehen gleichzeitig – in einer dauerhaften Zwischenstufe, der Ambivalenz.
Alle Triebäußerungen lassen sich in einzelne Schübe zerlegen, die zeitlich voneinander getrennt und innerhalb des jeweiligen Zeitraums gleichartig sind und sich zueinander verhalten wie etwa aufeinanderfolgende Lavaausbrüche.
Freud

Die Wendung des Triebes vom Aktiven ins Passive (von der Liebe zum Bedürfnis, geliebt zu werden; vom Sadismus zum Masochismus; vom Exhibitionismus zum Voyeurismus) geschieht also durch die Rückkehr des Triebes – oder des Menschen? – auf eine frühere Entwicklungsstufe. Durch die Rückkehr in die Kindheit. Die Erfahrung des Erwachsenen bleibt dabei erhalten: Nach diesen heftigen, aber kurzen Sprüngen „in die Kindheit“ kehrt die Psyche zurück, behält jedoch passive Elemente der früheren Entwicklung. Wir alle wollen doch zurück in die Kindheit, oder? Wobei Menschen, die eine gewisse Reife erreicht haben, die Vorzüge ihres Alters zu erkennen beginnen. Ich habe einmal den Satz gehört: „Ob ich wieder jung sein möchte? Um nichts in der Welt! Kein Geld, ständig muss man irgendwohin hetzen, und wegfahren kann man nirgends!“ Ich glaube, genau in diesem Moment – wenn man nicht mehr in Kindheit und Jugend zurückwill – kommt die Ambivalenz zum Stillstand, und das narzisstische Bedürfnis wird auf anderen Wegen befriedigt.
Dieses Schicksal entspricht vielleicht den Abwehrversuchen, die auf höheren Entwicklungsstufen des „Ichs“ mit anderen Mitteln erreicht werden
Freud
Wodurch kommt es zum umgekehrten „Wachstum“, von der passiven Phase zurück in die aktive (vom Masochismus zurück zum Sadismus, vom Bedürfnis nach Liebe zu ihrem Ausdruck, vom Voyeurismus zum Exhibitionismus)? Ich sehe zwei mögliche Gründe:
- Der Austausch mit der Außenwelt geht weiter, äußere Reize führen erneut zu unangenehmen Empfindungen. Man muss in die aktive Position wechseln und mit den äußeren Objekten umgehen. Dieser Mechanismus ähnelt dem Auftreten von Hass.
- Möglicherweise führt die gelungene autoerotische Befriedigung der Bedürfnisse zur Ausdehnung des „Ichs“ und zur Suche nach neuen Lustquellen.
Wie lässt sich das „Ich“ ausdehnen? Darf man daraus schließen, dass der Kreislauf der Triebe durch ihre Gegensätze vom Entwicklungsstand des Menschen abhängt? Und dass wir auf höheren Stufen andere Mittel finden können, um beständig zu lieben, ohne in den Hass zu kippen? Das ist das Thema einer anderen Arbeit – sowohl von Freud als auch von mir.







